Johann Gottfried von Herder (1744 - 1803)

  Deutscher Schriftsteller, Theologe, Philosoph, von dem auch der junge Goethe intensiv beeinflusst wurde. Herder ist der bedeutendste Theoretiker des »Sturm und Drang«. Seine Geschichtsphilosophie ist im Wesentlichen vom Gedanken der sich ausbreitenden Humanität bestimmt. In seiner »Abhandlung über den Ursprung der Sprache« gab er wesentliche Anregungen für die Entwicklung der Sprachphilosophie.

Siehe auch Wikipedia und Kirchenlexikon

 

Inhaltsverzeichnis

Philosophische / theologische Abhandlungen
Humanität ist der Zweck der Menschennatur

Es waltet eine weise Güte im Schicksal der Menschen
Über den Ursprung der Sprache
Einige Gespräche über Spinoza's System nebst Shaftesbury's Naturhymnus
Vollständiger (ungekürzter) Text!
Drei Gespräche über die Seelenwanderung

Christus
Die Gestalt Jesu
Die Religion Jesu
Der Ursprung des Christentums

  Aus der philosophischen Lyrik
St. Johanns Nachtstraum
Die Schöpfung
Die Harmonie der Welt
Das Gesetz der Welten im Menschen
Das Ich
Das Selbst
Inmitten der Ewigkeit
Die Raupe und der Schmetterling
Eine Theodizee
Die Stimme zur Mitternacht
Magnalia Dei


Humanität ist der Zweck der Menschennatur, und Gott hat unserm Geschlecht mit diesem Zweck sein eigenes Schicksal in die Hände gegeben
Der Zweck einer Sache, die nicht bloß ein totes Mittel ist, muß in ihr selbst liegen. Wären wir dazu geschaffen, um, wie der Magnet sich nach Norden kehrt, einen Punkt der Vollkommenheit, der außer uns ist und den wir nie erreichen könnten, mit ewig vergeblicher Mühe nachzustreben: so würden wir als blinde Maschinen nicht nur uns, sondern selbst das Wesen bedauern dürfen, das uns zu einem tantalischen Schicksal verdammte, indem es unser Geschlecht bloß zu seiner, einer schadenfrohen, ungöttlichen Augenweide schuf. Wollten wir auch zu seiner Entschuldigung sagen, daß durch diese leeren Bemühungen, die nie zum Ziele reichen, doch etwas Gutes befördert und unsere Natur in einer ewigen Regsamkeit erhalten würde: so bliebe es immer doch ein unvollkommenes, grausames Wesen, das diese Entschuldigung verdiente; denn in der Regsamkeit, die keinen Zweck erreicht, liegt kein Gutes, und es hätte uns, ohnmächtig oder bothaft, durch Vorhaltung eines solchen Traums von Absicht seiner selbst unwürdig getäuschet. Glücklicherweise aber wird dieser Wahn von der Natur der Dinge uns nicht gelehret; betrachten wir die Menschheit, wie wir sie kennen, nach den Gesetzen, die in ihr liegen: so kennen wir nichts Höheres als Humanität im Menschen; denn selbst wenn wir uns Engel oder Götter denken, denken wir sie uns nur als idealische, höhere Menschen.

Zu diesem offenbaren Zweck, sahen wir, ist unsre Natur organisieret; zu ihm sind unsre feineren Sinne und Triebe, unsre Vernunft und Freiheit, unsre zarte und daurende Gesundheit, unsre Sprache, Kunst und Religion uns gegeben. In allen Zuständen und Gesellschaften hat der Mensch durchaus nichts anders im Sinn haben, nichts anders anbauen können als Humanität, wie er sich dieselbe auch dachte. Ihr zugut sind die Anordnungen unsrer Geschlechter und Lebensalter von der Natur gemacht, daß unsre Kindheit länger daure und nur mit Hilfe der Erziehung eine Art Humanität lerne. Ihr zugut sind auf der weiten Erde alle Lebensarten der Menschen eingerichtet, alle Gattungen der Gesellschaft eingeführt worden. Jäger oder Fischer, Hirt oder Ackermann und Bürger, in jedem Zustande lernte der Mensch Nahrungsmittel unterscheiden, Wohnungen für sich und die Seinigen errichten; er lernte für seine beiden Geschlechter Kleidungen zum Schmuck erhöhen und sein Hauswesen ordnen. Er erfand mancherlei Gesetze und Regierungsformen, die alle zum Zweck haben wollten, daß jeder, unbefehdet vom andern, seine Kräfte üben und einen schönern, freieren Genuß des Lebens sich erwerben könnte. Hinzu ward das Eigentum gesichert, und Arbeit, Kunst, Handel, Umgang zwischen mehreren Menschen erleichtert; es wurden Strafen für die Verbrecher, Belohnungen für die Vortrefflichen erfunden, auch tausend sittliche Gebräuche der verschiedenen Stände im öffentlichen und häuslichen Leben, selbst in der Religion angeordnet. Hiezu endlich wurden Kriege geführt, Verträge geschlossen, allmählich eine Art Kriegs- und Völkerrecht nebst mancherlei Bündnissen der Gastfreundschaft und des Handels errichtet, damit auch außer den Grenzen seines Vaterlandes der Mensch geschont und geehrt würde. Was also in der Geschichte je Gutes getan ward, ist für die Humanität getan worden; was in ihr Törichtes, Lasterhaftes und Abscheuliches in Schwang kam, ward gegen die Humanität verübet, so daß der Mensch sich durchaus keinen andern Zweck aller seiner Erdanstalten denken kann, als der in ihm selbst, d. i. in der schwachen und starken, niedrigen und edlen Natur liegt, die ihm sein Gott anschuf. Wenn wir nun in der ganzen Schöpfung jede Sache nur durch das, was sie ist und wie sie wirkt, kennen: so ist uns der Zweck des Menschengeschlechts auf der Erde durch seine Natur und Geschichte wie durch die helleste Demonstration gegeben.

Lasset uns auf den Erdstrich zurückblicken, den wir bisher durchwandert haben. In allen Einrichtungen der Völker von Sina bis Rom, in allen Mannigfaltigkeiten ihrer Verfassung sowie in jeder ihrer Erfindungen des Krieges und Friedens, selbst bei allen Greueln und Fehlern der Nationen blieb das Hauptgesetz der Natur kenntlich: »Der Mensch sei Mensch! Er bilde sich seinen Zustand nach dem, was er für das Beste erkennet.« Hiezu bemächtigten sich die Völker ihres Landes und richteten sich ein, wie sie konnten. Aus dem Weibe und dem Staat, aus Sklaven, Kleidern und Häusern, aus Ergötzungen und Speisen, aus Wissenschaft und Kunst ist hie und da auf der Erde alles gemacht worden, was man zu seinem oder des Ganzen Besten daraus machen zu können glaubte. Überall also finden wir die Menschheit im Besitz und Gebrauch des Rechtes, sich zu einer Art von Humanität zu bilden, nachdem es solche erkannte. Irrten sie oder blieben auf dem halben Wege einer ererbten Tradition stehen, so litten sie die Folgen ihres Irrtums und büßten ihre eigne Schuld. Die Gottheit hatte ihnen in nichts die Hände gebunden als durch das, was sie waren, durch Zeit, Ort und die ihnen einwohnenden Kräfte. Sie kam ihnen bei ihren Fehlern auch nirgend durch Wunder zu Hülfe, sondern ließ diese Fehler wirken, damit Menschen solche selbst bessern lernten.

So einfach dieses Naturgesetz ist, so würdig ist es Gottes, so zusammenstimmend und fruchtbar an Folgen für das Geschlecht der Menschen. Sollte dies sein, was es ist, und werden, was es werden könnte, so mußte es eine selbstwirksame Natur und einen Kreis freier Tätigkeit um sich her erhalten, in welchem es kein ihm unnatürliches Wunder störte. Alle tote Materie, alle Geschlechter der Lebendigen, die der Instinkt führet, sind seit der Schöpfung geblieben, was sie waren: den Menschen machte Gott zu einem Gott auf Erden; er legte das Principium eigner Wirksamkeit in ihn und setzte solches durch innere und äußere Bedürfnisse seiner Natur von Anfange an in Bewegung. Der Mensch konnte nicht leben und sich erhalten, wenn er nicht Vernunft brauchen lernte; sobald er diese brauchte, war ihm freilich die Pforte zu tausend Irrtümern und Fehlversuchen, eben aber auch, und selbst durch diese Irrtümer und Fehlversuche, der Weg zum bessern Gebrauch der Vernunft eröffnet. Je schneller er seine Fehler erkennen lernt, mit je rüstigerer Kraft er darauf geht, sie zu bessern, desto weiter kommt er, desto mehr bildet sich seine Humanität, und er muß sie ausbilden oder Jahrhunderte durch unter der Last eigner Schulden ächzen.

Wir sehen also auch, daß sich die Natur zur Errichtung dieses Gesetzes einen so weiten Raum erkor, als ihr der Wohnplatz unsres Geschlechts vergönnte; sie organisierte den Menschen so vielfach, als auf unserer Erde ein Menschengeschlecht sich organisieren konnte. Nahe an den Affen stellete sie den Neger hin, und von der Negervernunft an bis zum Gehirn der feinsten Menschenbildung ließ sie ihr großes Problem der Humanität von allen Völkern aller Zeiten auflösen. Das Notwendige, zu welchem der Trieb und das Bedürfnis führet, konnte beinah keine Nation der Erde verfehlen; zur feinern Ausbildung des Zustandes der Menschheit gab es auch feinere Völker sanfterer Klimate. Wie nun alles Wohlgeordnete und Schöne in der Mitte zweier Extreme liegt, so mußte auch die schönere Form der Vernunft und Humanität in diesem gemäl3igtern Mittelstrich ihren Platz finden, lind sie hat ihn nach dem Naturgesetz dieser allgemeinen Konvenienz reichlich gefunden. Denn ob man gleich fast alle asiatischen Nationen von jener Trägheit nicht freisprechen kann, die bei guten Anordnungen zu frühe stehenblieb und eine ererbte Form für unableglich und heilig schätzte, so muß man sie doch entschuldigen, wenn man den ungeheuren Strich ihres festen Landes und die Zufälle bedenkt, denen sie insonderheit von dem Gebirg her ausgesetzt waren. Im Ganzen bleiben ihre ersten frühen Anstalten zur Bildung der Humanität, eine jede nach Zeit und Ort betrachtet, lobenswert, und noch weniger sind die Fortschritte zu verkennen, die die Völker an den Küsten des Mittelländischen Meeres in ihrer größern Regsamkeit gemacht haben. Sie schüttelten das Joch des Despotismus alter Regierungsformen und Traditionen ab und bewiesen damit das große, gütige Gesetz des Menschenschicksals: »daß, was ein Volk oder ein gesamtes Menschengeschlecht zu seinem eignen Besten mit Überlegung wolle und mit Kraft ausführe, das sei ihm auch von der Natur vergönnet, die weder Despoten noch Traditionen, sondern die beste Form der Humanität ihnen rum Ziel setzte.«

Wunderbar schön versöhnt uns der Grundsatz dieses göttlichen Naturgesetzes nicht nur mit der Gestalt unsres Geschlechts auf der weiten Erde, sondern auch mit den Veränderungen desselben durch alle Zeiten hinunter. Allenthalben ist die Menschheit das, was sie aus sich machen konnte, was sie zu werden Lust und Kraft hatte. War sie mit ihrem Zustande zufrieden oder waren in der großen Saat der Zeiten die Mittel zu ihrer Verbesserung noch nicht gereift, so blieb sie Jahrhunderte hin, was sie war, und ward nichts anders. Gebrauchte sie sich aber der Waffen, die ihr Gott zum Gebrauch gegeben hatte, ihres Verstandes, ihrer Macht und aller der Gelegenheiten, die ihr ein günstiger Wind zuführte, so stieg sie künstlich höher, so bildete sie sich tapfer aus. Tat sie es nicht, so zeigt schon diese Trägheit, daß sie ihr Unglück minder fühlte; denn jedes lebhafte Gefühl des Unrechts, mit Verstande und Macht begleitet, muß eine rettende Macht werden. Mitnichten gründete sich z. B. der lange Gehorsam unter dem Despotismus auf die Übermacht des Despoten; die gutwillige, zutrauende Schwachheit der Unterjochten, späterhin ihre duldende Trägheit war seine einzige und größeste Stütze. Denn Dulden ist freilich leichter, als mit Nachdruck bessern; daher brauchten so viele Völker des Rechts nicht, das ihnen Gott durch die Göttergabe ihrer Vernunft gegeben.

Kein Zweifel aber, daß überhaupt, was auf der Erde noch nicht geschehen ist, künftig geschehen werde; denn unverjährbar sind die Rechte der Menschheit, und die Kräfte, die Gott in sie legte, unaustilgbar. Wir erstaunen darüber, wie weit Griechen und Römer es in ihrem Kreise von Gegenständen in wenigen Jahrhunderten brachten; denn wenn auch der Zweck ihrer Wirkung nicht immer der reinste war, so beweisen sie doch, daß sie ihn zu erreichen vermochten. Ihr Vorbild glänzt in der Geschichte und muntert jeden ihresgleichen, unter gleichem und größerm Schutz des Schicksals, zu ähnlichen und bessern Bestrebungen auf. Die ganze Geschichte der Völker wird uns in diesem Betracht eine Schule des Wettlaufs zur Erreichung des schönsten Kranzes der Humanität und Menschenwürde. So viele glorreiche alte Nationen erreichten ein schlechteres Ziel; warum sollten wir nicht ein reineres, edleres erreichen? Sie waren Menschen, wie wir sind; ihr Beruf zur besten Gestalt der Humanität ist der unsrige, nach unsern Zeitumständen, nach unserm Gewissen, nach unsern Pflichten. Was jene ohne Wunder tun konnten, können und dürfen auch wir tun: die Gottheit hilft uns nur durch unsern Fleiß, durch unsern Verstand, durch unsre Kräfte. Als sie die Erde und alle vernunftlosen Geschöpfe derselben geschaffen hatte, formte sie den Menschen und sprach zu ihm: »Sei mein Bild, ein Gott auf Erden! Herrsche und walte! Was du aus deiner Natur Edles und Vortreffliches zu schaffen vermagst, bringe hervor; ich darf dir nicht durch Wunder beistehn, da ich dein menschliches Schicksal in deine menschliche Hand legte; aber alle meine heiligen, ewigen Gesetze der Natur werden dir helfen.«

Lasset uns einige dieser Naturgesetze erwägen, die auch nach den Zeugnissen der Geschichte dem Gange der Humanität in unserm Geschlecht aufgeholfen haben, und, so wahr sie Naturgesetze Gottes sind, ihm aufhelfen werden
. S.397-400
Aus: Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, R.Löwit, Wiesbaden

Es waltet eine weise Güte im Schicksal der Menschen; daher es keine schönere Würde, kein dauerhafteres und reineres Glück gibt, als im Rat derselben zu wirken.
Dem sinnlichen Betrachter der Geschichte, der in ihr Gott verlor und an der Vorsehung zu zweifeln anfing, geschah dies Unglück nur daher, weil er die Geschichte zu flach ansah, oder von der Vorsehung keinen rechten Begriff hatte. Denn wenn er diese für ein Gespenst hält, das ihm auf allen Straßen begegnen und den Lauf menschlicher Handlungen unaufhörlich unterbrechen soll, um nur diesen oder jenen partikularen Endzweck seiner Phantasie und Willkür zu erreichen, so gestehe ich, daß die Geschichte das Grab einer solchen Vorsehung sei; gewiß aber ein Grab zum Besten der Wahrheit. Denn was wäre es für eine Vorsehung, die jeder zum Poltergeist in der Ordnung der Dinge, zum Bundsgenossen seiner eingeschränkten Absicht zum Schutzverwandten seiner kleinfügigen Torheit gebrauchen könnte; so daß das Ganze zuletzt ohne einen Herren bliebe? Der Gott, den ich in der Geschichte suche, muß derselbe sein, der er in der Natur ist: denn der Mensch ist nur ein kleiner Teil des Ganzen, und seine Geschichte ist wie die Geschichte des Wurms mit dem Gewebe, das er bewohnt, innig verwebet. Auch in ihr müssen also Naturgesetze gelten, die im Wesen der Sache liegen und deren sich die Gottheit so wenig überheben mag, daß sie ja eben in ihnen, die sie selbst gegründet, sich in ihrer hohen Macht mit einer unwandelbaren, weisen und gütigen Schönheit offenbaret. Alles, was auf der Erde geschehen kann, muß auf ihr geschehen, sobald es nach Regeln geschieht, die ihre Vollkommenheit in ihnen selbst tragen. Lasset uns diese Regeln, die wir bisher entwickelt haben, sofern sie die Menschengeschichte betreffen, wiederholen; sie führen alle das Gepräge einer weisen Güte, einer hohen Schönheit, ja der innern Notwendigkeit selbst mit sich.

1. Auf unsrer Erde belebte sich alles, was sich auf ihr beleben konnte: denn jede Organisation trägt in ihrem Wesen eine Verbindung mannigfaltiger Kräfte, die sich einander beschränken und in dieser Beschränkung ein Maximum zur Dauer gewinnen konnten, in sich. Gewannen sie dies nicht, so trennten sich die Kräfte und verbanden sich anders.

2. Unter diesen Organisationen stieg auch der Mensch hervor, die Krone der Erdenschöpfung. Zahllose Kräfte verbanden sich in ihm und gewannen ein Maximum, den Verstand, so wie ihre Materie, der menschliche Körper, nach Gesetzen der schönsten Symmetrie und Ordnung, den Schwerpunkt. Im Charakter des Menschen war also zugleich der Grund seiner Dauer und Glückseligkeit, das Gepräge seiner Bestimmung und der ganze Lauf seines Erdenschicksals gegeben.

3. Vernunft heißt dieser Charakter der Menschheit: denn er vernimmt die Sprache Gottes in der Schöpfung, d. i. er sucht die Regel der Ordnung, nach welcher die Dinge zusammenhangend auf ihr Wesen gegründet sind. Sein innerstes Gesetz ist also Erkenntnis der Existenz und Wahrheit, Zusammenhang der Geschöpfe nach ihren Beziehungen und Eigenschaften. Er ist ein Bild der Gottheit, denn er erforschet die Gesetze der Natur, die Gedanken, nach denen der Schöpfer sie verband, und die er ihnen wesentlich machte. Die Vernunft kann also ebensowenig willkürlich handeln, als die Gottheit selbst willkürlich dachte.

4. Vom nächsten Bedürfnis fing der Mensch an, die Kräfte der Natur zu erkennen und zu prüfen. Sein Zweck dabei ging nicht weiter als auf sein Wolilsein, d.i. auf einen gleichmäßigen Gebrauch seiner eignen Kräfte in Ruhe und Übung. Er kam mit andern Wesen in ein Verhältnis, und auch jetzt ward sein eignes Dasein das Maß dieser Verhältnisse. Die Regel der Billigkeit drang sich ihm auf; denn sie ist nichts als die praktische Vernunft, das Maß der Wirkung und Gegenwirkung zum gemeinschaftlichen Bestande gleichartiger Wesen.

5. Auf dies Principium ist die menschliche Natur gebauet, so daß kein Individuum eines andern oder der Nachkommenschaft wegen da zu sein glauben darf. Befolget der Niedrigste in der Reihe der Menschen das Gesetz der Vernunft und Billigkeit, das in ihm liegt, so hat er Konsistenz, d. i. er genießet Wohlsein und Dauer, er ist vernünftig, billig, glücklich. Dies ist er nicht vermöge der Willkür andrer Geschöpfe oder des Schöpfers, sondern nach den Gesetzen einer allgemeinen, in sich selbst gegründeten Naturordnung. Weichet er von der Regel des Rechts, so muß sein strafender Fehler selbst ihm Unordnung zeigen und ihn veranlassen, zur Vernunft und zur Billigkeit als den Gesetzen seines Daseins und Glücks zurückzukehren.

6. Da seine Natur aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt ist, so tut er dieses selten auf dem kürzesten Wege er schwankt zwischen zwei Extremen, bis er sich selbst gleichsam mit seinem Dasein abfindet und einen Punkt der leidlichen Mitte erreicht, in welchem er sein Wohlsein glaubet. Irrt er hiebei, so geschiehet es nicht ohne sein geheimes Bewußtsein, und er muß die Folgen seiner Schuld tragen. Er trägt sie aber nur bis zu einem gewissen Grad, da sich entweder das Schicksal durch seine eigenen Bemühungen zum Bessern wendet, oder sein Dasein weiterhin keinen innern Bestand findet. Einen wohltätigern Nutzen konnte die höchste Weisheit dem physischen Schmerz und dem moralischen Übel nicht geben; denn kein höherer ist denkbar.

7. Hätte auch nur ein einziger Mensch die Erde betreten, so wäre an ihm der Zweck des menschlichen Daseins erfüllt gewesen, wie man ihn bei so manchen einzelnen Menschen und Nationen für erfüllt achten muß, die durch Ort- und Zeitbestimmungen von der Kette des ganzen Geschlechts getrennet wurden. Da aber alles, was auf der Erde leben kann, solange sie selbst in ihrem Beharrungsstande bleibt, fortdauret: so hatte auch das Menschengeschlecht, wie alle Geschlechte der Lebenden, Kräfte der Fortpflanzung in sich, die dem Ganzen gemäß ihre Proportion und Ordnung finden konnten und gefunden haben. Mithin vererbte sich das Wesen der Menschheit, die Vernunft und ihr Organ, die Tradition, auf eine Reihe von Geschlechtern hinunter. Allmählich ward die Erde erfüllt, und der Mensch ward alles, was er in solchem und keinem andern Zeitraum auf der Erde werden konnte.

8. Die Fortpflanzung der Geschlechter und Traditionen knüpfte also auch die menschliche Vernunft aneinander: nicht, als ob sie in jedem Einzelnen nur ein Bruch des Ganzen wäre, eines Ganzen, das in einem Subjekt nirgend existieret, folglich auch nicht der Zweck des Schöpfers sein konnte, sondern weil es die Anlage und Kette des ganzen Geschlechts so mit sich führte. Wie sich die Menschen fortpflanzen, pflanzen die Tiere sich auch fort, ohne daß eine allgemeine Tiervernunft aus ihren Geschlechtern werde; aber weil Vernunft allein den Beharrungsstand der Menschheit bildet, mußte sie sich als Charakter des Geschlechts fortpflanzen; denn ohne sie war das Geschlecht nicht mehr.

9. Im Ganzen des Geschlechts hatte sie kein andres Schicksal. als was sie bei den einzelnen Gliedern desselben hatte; denn das Ganze bestehet nur in einzelnen Gliedern. Sie ward von wilden Leidenschaften der Menschen, die in Verbindung mit andern noch stürmischer wurden, oft gestört, jahrhundertelang von ihrem Wege abgelenkt und blieb wie unter der Asche schlummernd. Gegen alle diese Unordnungen wandte die Vorsehung kein andres Mittel an, als welches sie jedem einzelnen gewähret, nämlich daß auf den Fehler das Übel folge, und jede Trägheit, Torheit, Bosheit, Unvernunft und Unbilligkeit sich selbst strafe. Nur weil in diesen Zuständen das Geschlecht haufenweise erscheint: so müssen auch Kinder die Schuld der Eltern, Völker die Unvernunft ihrer Führer, Nachkommen die Trägheit ihrer Vorfahren büßen, und wenn sie das Übel nicht verbessern wollen oder können, können sie Zeitalter hin darunter leiden.

10. Jedem einzelnen Gliede wird also die Wohlfahrt des Ganzen sein eigenes Beste: denn wer unter den Übeln desselben leidet, hat
auch das Recht und die Pflicht auf sich, diese Übel von sich abzuhalten und sie für seine Brüder zu mindern. Auf Regenten und Staaten hat die Natur nicht gerechnet; sondern auf das Wohlsein der Menschen in ihren Reichen. Jene büßen ihre Frevel und Unvernunft langsamer, als sie der einzelne büßet, weil sie sich immer nur mit dem Ganzen berechnen, in welchem das Elend jedes Armen lange unterdrückt wird; zuletzt aber büßet es der Staat und sie mit desto gefährlicherem Sturze. In alle diesem zeigen sich die Gesetze der Wiedervergeltung nicht anders als die Gesetze der Bewegung bei dem Stoß des kleinsten physischen Körpers, und der höchste Regent Europas bleibt den Naturgesetzen des Menschengeschlechts sowohl unterworfen als der Geringste seines Volkes. Sein Stand verband ihn bloß, ein Haushalter dieser Naturgesetze zu sein und bei seiner Macht, die er nur durch andre Menschen hat, auch für andre Menschen ein weiser und gütiger Menschengott zu werden.

11. In der allgemeinen Geschichte also wie im Leben verwahrloseter einzelner Menschen erschöpfen sich alle Torheiten und Laster unsres Geschlechts, bis sie endlich durch Not gezwungen werden, Vernunft und Billigkeit zu lernen. Was irgend geschehen kann, geschieht, und bringt hervor, was es seiner Natur nach hervorbringen konnte. Dies Naturgesetz hindert keine, auch nicht die ausschweifendste Macht an ihrer Wirkung; es hat aber alle Dinge in die Regel beschränkt, daß eine gegenseitige Wirkung die andre aufhebe, und zuletzt nur das Ersprießliche daurend bleibe. Das Böse, das andre verderbt, muß sich entweder unter die Ordnung schmiegen, oder selbst verderben. Der Vernünftige und Tugendhafte also ist im Reich Gottes allenthalben glücklich; denn sowenig die Vernunft äußern Lohn begehret, sowenig verlangt ihn auch die innere Tugend. Mißlingt ihr Werk von außen, so hat nicht sie sondern ihr Zeitalter davon den Schaden: und doch kann es die Unvernunft und Zwietracht der Menschen nicht immer verhindern: es wird gelingen, wenn seine Zeit kommt.

12. Indessen gehet die menschliche Vernunft im Ganzen des Geschlechts ihren Gang fort; sie sinnet aus, wenn sie auch noch nicht anwenden kann; sie erfindet, wenn böse Hände auch lange Zeit ihre Erfindung mißbrauchen. Der Mißbrauch wird sich selbst strafen und die Unordnung eben durch den unermüdeten Eifer einer immer wachsenden Vernunft mit der Zeit Ordnung werden. Indem sie Leidenschaften bekämpfet, stärkt und läutert sie sich selbst; indem sie hier gedruckt wird, fliehet sie dorthin und erweitert den Kreis ihrer Herrschaft über die Erde. Es ist keine Schwärmerei, zu hoffen, daß, wo irgend Menschen wohnen, einst auch vernünftige, billige und glückliche Menschen wohnen werden; glücklich, nicht nur durch ihre eigene, sondern durch die gemeinschaftliche Vernunft ihres ganzen Brudergeschlechtes.

Ich beuge mich vor diesem hohen Entwurf der allgemeinen Naturweisheit über das Ganze meines Geschlechts, um so williger, da ich sehe, daß er der Plan der gesamten Natur ist. Die Regel, die Weltsysteme erhält und jeden Kristall, jedes Würmchen, jede Schneeflocke bildet, bildete und erhält auch mein Geschlecht; sie machte seine eigne Natur zum Grunde der Dauer und Fortwirkung desselben, solange Menschen sein werden. Alle Werke Gottes haben ihren Bestand in sich und ihren schönen Zusammenhang mit sich; denn sie beruhen alle in ihren gewissen Schranken auf dem Gleichgewicht widerstrebender Kräfte durch eine innere Macht, die diese zur Ordnung lenkte. Mit diesem Leitfaden durchwandre ich das Labyrinth der Ge¬schichte und sehe allenthalben harmonische göttliche Ordnung; denn was irgend geschehen kann, geschieht; was wirken kann, wirket. Vernunft aber und Billigkeit allein dauren, da Unsinn und Torheit sich und die Erde verwüsten.

Wenn ich also, nach jener Fabel, einen Brutus, den Dolch in der Hand, unter dem Sternenhimmel bei Philippi sagen höre: »O Tugend, ich glaubte, daß du etwas seist; jetzt sehe ich, daß du ein Traum bist«, so verkenne ich den ruhigen Weisen in dieser letzten Klage. Besaß er wahre Tugend, so hatte sich diese wie seine Vernunft immer bei ihm belohnet, und mußte ihn auch diesen Augenblick lohnen. War seine Tu¬gend aber bloß Römer-Patriotismus, was Wunder, daß der Schwächere dem Starken, der Träge dem Rüstigem weichen mußte? Auch der Sieg des Antonius samt allen seinen Folgen gehörte zur Ordnung der Welt und zu Roms Naturschicksal.

Gleichergestalt, wenn unter uns der Tugendhafte so oft klagt, daß sein Werk mißlinge, daß rohe Gewalt und Unterdrückung auf Erden herrsche, und das Menschengeschlecht nur der Unvernunft und den Leidenschaften zur Beute gegeben zu sein scheine: so trete der Genius seiner Vernunft zu ihm, und frage ihn freundlich, ob seine Tugend auch rechter Art und mit dem Verstande, mit der Tätigkeit verbunden sei, die allein den Namen der Tugend verdienet? Freilich gelingt nicht jedes Werk allenthalben; darum aber mache, daß es gelinge, und befördre seine Zeit, seinen Ort und jene innre Dauer desselben, in welcher das wahrhaft Gute allein dauret. Rohe Kräfte können nur durch die Vernunft geregelt werden; es gehört aber eine wirkliche Gegenmacht, d. i. Klugheit, Ernst und die ganze Kraft der Güte dazu, sie in Ordnung zu setzen uiid mit heilsamer Gewalt darin zu erhalten.

Ein schöner Traum ists vom zukünftigen Leben, da man sich im freundschaftlichen Genuß aller der Weisen und Guten denkt, die je für die Menschheit wirkten und mit dem süßen Lohn vollendeter Mühe das höhere Land betraten; gewissermaßen aber eröffnet uns schon die Geschichte diese ergötzende Lauben des Gesprächs und Umgang mit den Verständigen und Rechtschaffenen so vieler Zeiten. Hier stehet Plato vor mir; dort höre ich Sokrates freundliche Fragen und teile sein letztes Schicksal. Wenn Mark Antonin im Verborgenen mit seinem Herzen spricht, redet er auch mit dem meinigen, und der arme Epiktet gibt Befehle, mächtiger als ein König. Der gequälte Tullius, der unglückliche Boethius sprechen zu mir, mir vertrauend die Umstände ihres Lebens, den Gram und den Trost ihrer Seele. Wie weit und wie enge ist das menschliche Herz! Wie einerlei und wiederkommend sind alle seine Leiden und Wünsche, seine Schwachheiten und Fehler, sein Genuß und seine Hoffnung! Tausendfach ist das Problem der Humanität rings um mich aufgelöset, und allenthalben ist das Resultat der Menschenbemühungen dasselbe: »Auf Verstand und Rechtschaffenheit ruhe das Wesen unsres Geschlechts, sein Zweck und sein Schicksal«. Keinen edlem Gebrauch der Menschengeschichte gibts als diesen: er führt uns gleichsam in den Rat des Schicksals und lehrt uns in unsrer nichtigen Gestalt nach ewigen Naturgesetzen Gottes handeln. Indem er uns die Fehler und Fol¬gen jeder Unvernunft zeigt, so weiset er uns in jenem großen Zusammenhange, in welchem Vernunft und Güte zwar lange mit wilden Kräften kämpfen, immer aber doch ihrer Natur nach Ordnung schaffen und auf der Bahn des Sieges bleiben, endlich auch unsern kleinen und ruhigen Kreis an. S.416ff..
Aus: Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, R.Löwit, Wiesbaden

Über den Ursprung der Sprache
Nehmt die sogenannte göttliche erste Sprache, die hebräische, von der der größte Teil der Welt die Buchstaben geerbet: daß sie in ihrem Anfange so lebendigtönend, so unschreibbar gewesen, daß sie nur sehr unvollkommen geschrieben werden konnte, dies zeigt offenbar hier ganze Bau ihrer Grammatik, ihre so vielfachen Verwechselungen ähnlicher Buchstaben, ja am allermeisten der völlige Mangel ihrer Vokale. Woher kommt die Sonderbarkeit, daß ihre Buchstaben nur Mitlaute sind und daß eben die Elemente der Worte, auf die alles ankommt, die Selbstlauter, ursprünglich gar nicht geschrieben wurden? Diese Schreibart ist dem Lauf der gesunden Vernunft so entgegen, das Unwesentliche zu schreiben und das Wesentliche auszulassen, daß sie den Grammatikern unbegreiflich sein müßte, wenn Grammatiker zu begreifen gewohnt waren. Bei uns sind die Vokale das Erste und Lebendigste und die Türangeln der Sprache; bei jenen werden sie nicht geschrieben.

— Warum?— Weil sie nicht geschrieben werden konnten. Ihre Aussprache war so lebendig und feinorganisiert, ihr Hauch war so geistig und ätherisch, daß er verduftete und sich nicht in Buchstaben fassen ließ. Nur erst bei den Griechen wurden diese lebendige Aspirationen in förmliche Vokale aufgefädelt, denen doch noch Spiritus usw. zu Hilfe kommen mußten; da bei den Morgenländern die Rede gleichsam ganz Spiritus, fortgehender Hauch und Geist des Mundes war, wie sie sie auch so oft in ihren malenden Gedichten benennen. Es war Othem Gottes, wehende Luft, die das Ohr aufhaschete, und die toten Buchstaben, die sie hinmaleten, waren nur der Leichnam, der lesend mit Lebensgeist beseelt werden mußte! Was das für einen gewaltigen Einfluß auf das Verständnis ihrer Sprache hat, ist hier nicht der Ort zu sagen; daß dies Wehende aber den Ursprung ihrer Sprache verrate, ist offenbar. Was ist unschreibbarer als die unartikulierten Töne der Natur? Und wenn die Sprache, je näher ihrem Ursprunge, desto unartikulierter ist — was folgt, als daß sie wohl nicht von einem höhern Wesen für die vierundzwanzig Buchstaben und diese Buchstaben gleich mit der Sprache erfunden, daß diese ein weit späterer, nur unvollkommener Versuch gewesen, sich einige Merkstäbe der Erinnerung zu setzen, und daß jene nicht aus Buchstaben der Grammatik Gottes, sondern aus wilden Tönen freier Organe entstanden sei. Es wäre doch sonst artig, daß eben die Buchstaben, aus denen und für die Gott die Sprache erfunden, mit Hilfe derer er den ersten Menschen die Sprache beigebracht, eben die allerunvollkommensten in der Welt wären, die gar nichts vom Geist der Sprache sagten und in ihrer ganzen Bauart offenbar bekennen, daß sie nichts davon sagen wollen.

Es verdiente diese Buchstabenhypothese freilich ihrer Würde nach nur einen Wink: aber ihrer Allgemeinheit und mannigfaltigen Beschönigung wegen mußte ich ihren Ungrund entblößen und in ihm sie zugleich erklären, wie mir wenigstens keine Erklärung bekannt ist. Zurück auf unsre Bahn:

Da unsre Töne der Natur zum Ausdrucke der Leidenschaft bestimmt sind, so ists natürlich, daß sie auch die Elemente aller Rührung werden! Wer ists, dem bei einem zuckenden, wimmernden Gequälten, bei einem ächzenden Sterbenden, auch selbst bei einem stöhnenden Vieh, wenn seine ganze Maschine leidet, dies Ach nicht zu Herzen dringe? Wer ist der fühllose Barbar? Je harmonischer das empfindsame Saitenspiel selbst bei Tieren mit anderen Tieren gewebt ist, desto mehr fühlen selbst diese miteinander: ihre Nerven kommen in eine gleichmäßige Spannung, ihre Seele in einen gleichmäßigen Ton, sie leiden wirklich mechanisch mit. Und welche Stählung seiner Fibern! Welche Macht, alle Öffnungen seiner Empfindsamkeit zu verstopfen, gehört dazu, daß ein Mensch hiegegen taub und hart werde! — Diderot meint, daß ein Blindgeborner gegen die Klagen eines leidenden Tiers unempfindlicher sein müßte als ein Sehender; allein ich glaube unter gewissen Fällen das Gegenteil. Freilich ist ihm das ganze rührende Schauspiel dieses elenden, zuckenden Geschöpfs verhüllet, allein alle Beispiele sagen, daß eben durch diese Verhüllung das Gehör weniger zerstreut, horchender und mächtig eindringender werde. Da lauschet er also im Finstern, in der Stille seiner ewigen Nacht, und jeder Klageton geht ihm um so inniger und schärfer, wie ein Pfeil, zum Herzen! Nun nehme er noch das tastende, langsam umspannende Gefühl zu Hilfe, taste die Zuckungen, erfühle den Bruch der leidenden Maschine sich ganz — Grausen und Schmerz fährt durch seine Glieder: sein innrer Nervenbau fühlt Bruch und Zerstörung mit: der Todeston tönet. Das ist das Band dieser Natursprache!

Überall sind die Europäer, trotz ihrer Bildung und Mißbildung, von den rohen Klagetönen der Wilden heftig gerührt worden. Lery erzählt aus Brasilien, wie sehr seine Leute von dem herzlichen, unförmlichen Geschrei der Liebe und Leutseligkeit dieser Amerikaner bis zu Tränen seien erweicht worden. Charlevoix und andre wissen nicht genug den grausenden Eindruck auszudrücken, den die Krieges- und Zauberlieder der Nordamerikaner machen. Wenn wir später Gelegenheit haben werden zu bemerken, wie sehr die alte Poesie und Musik von diesen Naturtönen sei belebet worden, so werden wir auch die Wirkung philosophischer erklären können, die z. E. der älteste griechische Gesang und Tanz, die alte griechische Bühne, und überhaupt Musik, Tanz und Poesie noch auf alle Wilde machen. Und auch selbst bei uns, wo freilich die Vernunft oft die Empfindung und die künstliche Sprache der Gesellschaft die Töne der Natur aus ihrem Amt setzet, kommen nicht noch oft die höchsten Donner der Beredsamkeit, die mächtigsten Schläge der Dichtkunst und die Zaubermomente der Aktion dieser Sprache der Natur durch Nachahmung nahe? Was ists, was dort im versammleten Volke Wunder tut, Herzen durchbohrt und Seelen umwälzet? —

Geistige Rede und Metaphysik? Gleichnisse und Figuren? Kunst und kalte Überzeugung? Sofern der Taumel nicht blind sein soll, muß vieles durch sie geschehen, aber alles? Und eben dies höchste Moment des blinden Taumels, wodurch wurde das? — Durch ganz eine andre Kraft! Diese Töne, diese Gebärden, jene einfachen Gänge der Melodie, diese plötzliche Wendung, diese dämmernde Stimme — was weiß ich mehr? Bei Kindern und dem Volk der Sinne, bei Weibern, bei Leuten von zartem Gefühl, bei Kranken, Einsamen, Betrübten wirken sie tausendmal mehr, als die Wahrheit selbst wirken würde, wenn ihre leise, feine Stimme vom Himmel tönte. Diese Worte, dieser Ton, die Wendung dieser grausenden Romanze usw. drangen in unsrer Kindheit, da wir sie das erstemal hörten, ich weiß nicht, mit welchem Heere von Nebenbegriffen des Schauders, der Feier, des Schreckens, der Furcht, der Freude in unsre Seele. Das Wort tönet, und wie eine Schar von Geistern stehen sie alle mit einmal in ihrer dunkeln Majestät aus dem Grabe der Seele auf: sie verdunkeln den reinen, hellen Begriff des Worts, der nur ohne sie gefaßt werden konnte. Das Wort ist weg, und der Ton der Empfindung tönet. Dunkles Gefühl übermannet uns: der Leichtsinnige grauset und zittert — nicht über Gedanken, sondern über Silben, über Töne der Kindheit. und es war Zauberkraft des Redners, des Dichters, uns wieder zum Kinde zu machen. Kein Bedacht, keine Überlegung, das bloße Naturgesetz lag zum Grunde: Ton der Empfindung soll das sympathetische Geschöpf in denselben Ton versetzen!

Wollen wir also diese unmittelbaren Laute der Empfindung Sprache nennen, so finde ich ihren Ursprung allerdings sehr natürlich. Er ist nicht bloß nicht übermenschlich, sondern offenbar tierisch: das Naturgesetz einer empfindsamen Maschine. S.12-16 [...]

Daß der Mensch den Tieren an Stärke und Sicherheit des Instinkts weit nachstehe, ja daß er das, was wir bei so vielen Tiergattungen angeborne Kunstfähigkeiten und Kunsttriebe nennen, gar nicht habe, ist gesichert; nur so wie die Erklärung dieser Kunsttriebe bisher den meisten und noch zuletzt einem gründlichen Philosophen Deutschlands mißglücket ist, so hat auch die wahre Ursach von der Entbehrung dieser Kunsttriebe in der menschlichen Natur noch nicht Licht gesetzt werden können. Mich dünkt, man hat einen Hauptgesichtspunkt verfehlt, aus dem man, wo nicht vollständige Erklärungen, so wenigstens Bemerkungen in der Natur der Tiere machen kann, die, wie ich für einen andern Ort hoffe, die menschliche Seelenlehre sehr aufklären können. Dieser Gesichtspunkt ist die Sphäre der Tiere.

Jedes Tier hat seinen Kreis, in den es von der Geburt an gehört, gleich eintritt, in dem es lebenslang bleibet und stirbt. Nun ist es aber sonderbar, daß je schärfer die Sinne der Tiere, je stärker und sichrer ihre Triebe und je wunderbarer ihre Kunstwerke sind, desto kleiner ist ihr Kreis, desto einartiger ist ihr Kunstwerk. Ich habe diesem Verhältnisse nachgespüret, und ich finde überall eine wunderbar beobachtete umgekehrte Proportion zwischen der mindern Extension ihrer Bewegungen, Elemente, Nahrung, Erhaltung, Paarung, Erziehung, Gesellschaft und ihren Trieben und Künsten. Die Biene in ihrem Korbe bauet mit der Weisheit, die Egeria ihrem Numa nicht lehren konnte; aber außer diesen Zellen und außer ihrem Bestimmungsgeschäft in diesen Zellen ist sie auch nichts. Die Spinne webet mit der Kunst der Minerva; aber alle ihre Kunst ist auch in diesen engen Spinnraum verwebet; das ist ihre Welt! Wie wundersam ist das Insekt und wie enge der Kreis seiner Wirkung!

Gegenteils. Je vielfacher die Verrichtungen und Bestimmung der Tiere, je zerstreuter ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Gegenstände, je unsteter ihre Lebensart, kurz, je größer und vielfältiger ihre Sphäre ist, desto mehr sehen wir ihre Sinnlichkeit sich verteilen und schwächen. Ich kann es mir hier nicht in Sinn nehmen, dies große Verhältnis, was die Kette der lebendigen Wesen durchläuft, mit Beispielen zu sichern; ich überlasse jedem die Probe oder verweise auf eine andre Gelegenheit und schließe fort:

Nach aller Wahrscheinlichkeit und Analogie lassen sich also alle Kunsttriebe und Kunstfähigkeiten aus den Vorstellungskräften der Tiere erklären, ohne daß man blinde Determinationen annehmen darf (wie auch noch selbst Reimarus angenommen und die alle Philosophie verwüsten). Wenn unendlich feine Sinne in einen kleinen Kreis, auf ein Einerlei eingeschlossen werden und die ganze andre Welt für sie nichts ist: wie müssen sie durchdringen! Wenn Vorstellungskräfte in einen kleinen Kreis eingeschlossen und mit einer analogen Sinnlichkeit begabt sind, was müssen sie wirken! Und wenn endlich Sinne und Vorstellungen auf einen Punkt gerichtet sind, was kann anders als Instinkt daraus werden? Aus ihnen also erkläret sich die Empfindsamkeit, die Fähigkeiten und Triebe der Tiere nach ihren Arten und Stufen.

Und ich darf also den Satz annehmen: Die Empfindsamkeiten, Fähigkeiten und Kunsttriebe der Tiere nehmen an Stärke und Intensität zu im umgekehrten Verhältnisse der Größe und Mannigfaltigkeit ihres Wirkungskreises. Nun aber —

Der Mensch hat keine so einförmige und enge Sphäre, wo nur eine Arbeit auf ihn warte: eine Welt von Geschäften und Bestimmungen liegt um ihn.

Seine Sinne und Organisation sind nicht auf eins geschärft: er hat Sinne für alles und natürlich also für jedes einzelne schwächere und stumpfere Sinne.

Seine Seelenkräfte sind über die Welt verbreitet; keine Richtung seiner Vorstellungen auf ein Eins: mithin kein Kunsttrieb, keine Kunstfertigkeit — und, das eine gehört hier näher her, keine Tiersprache.

Was ist doch das, was wir, außer der vorher angeführten Lautbarkeit der empfindenden Maschine, bei einigen Gattungen Tiersprache nennen, anders als ein Resultat der Anmerkungen, die ich zusammengereihet? Ein dunkles sinnliches Einverständnis einer Tiergattung untereinander über ihre Bestimmung im Kreise ihrer Wirkung.

Je kleiner also die Sphäre der Tiere ist, desto weniger haben sie Sprache nötig. Je schärfer ihre Sinne, je mehr ihre Vorstellungen auf eins gerichtet, je ziehender ihre Triebe sind, desto zusammengezogner ist das Einverständnis ihrer etwannigen Schälle, Zeichen, Äußerungen. Es ist lebendiger Mechanismus, herrschender Instinkt, der da spricht und vernimmt. Wie wenig darf er sprechen, daß er vernommen werde!

Tiere von dem engsten Bezirke sind also sogar gehörlos; sie sind für ihre Welt ganz Gefühl oder Geruch und Gesicht: ganz einförmiges Bild, einförmiger Zug, einförmiges Geschäfte; sie haben also wenig oder keine Sprache.

Je größer aber der Kreis der Tiere: je unterschiedner ihre Sinne — doch was soll ich wiederholen? Mit dem Menschen ändert sich die Szene ganz. Was soll für seinen Wirkungskreis, auch selbst im dürftigsten Zustande, die Sprache des redendsten, am vielfachsten tönenden Tiers? Was soll für seine zerstreuten Begierden, für seine geteilte Aufmerksamkeit, für seine stumpfer witternden Sinne auch selbst die dunkle Sprache aller Tiere? Sie ist für ihn weder reich noch deutlich, weder hinreichend an Gegenständen noch für seine Organe — also durchaus nicht seine Sprache; denn was heißt, wenn wir nicht mit Worten spielen wollen, die eigentümliche Sprache eines Geschöpfs, als die seiner Sphäre von Bedürfnissen und Arbeiten, der Organisation seiner Sinne, der Richtung seiner Vorstellungen und der Stärke seiner Begierden angemessen ist? Und welche Tiersprache ist so für den Menschen?

Je doch es bedarf auch die Frage nicht. Welche Sprache (außer der vorigen mechanischen) hat der Mensch so instinktmäßig als jede Tiergattung die ihrige in und nach ihrer Sphäre? — Die Antwort ist kurz: keine! Und eben diese kurze Antwort entscheidet.

Bei jedem Tier ist, wie wir gesehen, seine Sprache eine Äußerung so starker sinnlicher Vorstellungen, daß diese zu Trieben werden; mithin ist Sprache, so wie Sinne und Vorstellungen und Triebe, angeboren und dem Tier unmittelbar natürlich. Die Biene sumset wie sie sauget; der Vogel singt wie er nistet — aber wie spricht der Mensch von Natur? Gar nicht, so wie er wenig oder nichts durch völligen Instinkt, als Tier, tut. Ich nehme bei einem neugebornen Kinde das Geschrei seiner empfindsamen Maschine aus; sonst ists stumm; es äußert weder Vorstellungen noch Triebe durch Töne, wie doch jedes Tier in seiner Art; bloß unter Tiere gestellet, ists also das verwaisetste Kind der Natur. Nackt und bloß, schwach und dürftig, schüchtern und unbewaffnet; und, was die Summe seines Elendes ausmacht, aller Leiterinnen des Lebens beraubt. Mit einer so zerstreueten, geschwächten Sinnlichkeit, mit so unbestimmten, schlafenden Fähigkeiten, mit so geteilten und ermatteten Trieben geboren, offenbar auf tausend Bedürfnisse verwiesen, zu einem großen Kreise be­stimmt — und doch so verwaiset und verlassen, daß es selbst nicht mit einer Sprache begabt ist, seine Mängel zu äußern — Nein! ein solcher Widerspruch ist nicht die Haushaltung der Natur. Es müssen statt der Instinkte andre verborgne Kräfte in ihm schlafen! Stummgeboren; aber—

Doch ich tue keinen Sprung. Ich gebe dem Menschen nicht gleich plötzlich neue Kräfte, keine sprachschaffende Fähigkeit wie eine willkürliche qualitas occulta. Ich suche nur in den vorher bemerkten Lücken und Mängeln weiter.

Lücken und Mängel können doch nicht der Charakter seiner Gattung sein: oder die Natur war gegen ihr die härteste Stiefmutter, da sie gegen jedes Insekt die liebreichste Mutter war, jedem Insekt gab sie, was und wieviel es brauchte: Sinne zu Vorstellungen und Vorstellungen in Triebe gediegen, Organe zur Sprache, soviel es bedurfte, und Organe, diese Sprache zu verstehen. Bei dem Menschen ist alles in dem größten Mißverhältnis — Sinne und Bedürfnisse, Kräfte und Kreis der Wirksamkeit, der auf ihn wartet, seine Organe und seine Sprache. — Es muß uns also ein gewisses Mittelglied fehlen, die so abstehende Glieder der Verhältnis zu berechnen.

Fänden wirs, so wäre nach aller Analogie der Natur diese Schadloshaltung seine Eigenheit, der Charakter seines Geschlechts, und alle Vernunft und Billigkeit forderte, diesen Fund für das gelten zu lassen, was er ist, für Naturgabe, ihm so wesentlich als den Tieren der Instinkt.

Ja fänden wir eben in diesem Charakter die Ursache jener Mängel und eben in der Mitte dieser Mängel, in der Höhle jener großen Entbehrung von Kunsttrieben, den Keim zum Ersatze, so wäre diese Einstimmung ein genetischer Beweis, daß hier die wahre Richtung der Menschheit liege und daß die Menschengattung über den Tieren nicht an Stufen des Mehr oder Weniger stehe, sondern an Art.


Und fänden wir in diesem neugefundnen Charakter der Menschheit sogar den notwendigen genetischen Grund zu Entstehung einer Sprache für diese neue Art Geschöpfe, wie wir in den Instinkten der Tiere den unmittelbaren Grund zur Sprache für jede Gattung fanden, so sind wir ganz am Ziele. In dem Falle würde die Sprache dem Menschen so wesentlich, als — er ein Mensch ist. Man siehet, ich entwickle aus keinen willkürlichen oder gesellschaftlichen Kräften, sondern aus der allgemeinen tierischen Ökonomie. S.20-25 [...]

Der Mensch, in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei wirkend, hat Sprache erfunden. Denn was ist Reflexion? Was ist Sprache?

Diese Besonnenheit ist ihm charakteristisch eigen und seiner Gattung wesentlich: so auch Sprache und eigne Erfindung der Sprache.

Erfindung der Sprache ist ihm also so natürlich, als er ein Mensch ist!
Lasset uns nur beide Begriffe entwickeln: Reflexion und Sprache.

Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei wirket, daß sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke. Er beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammlen, auf einem Bilde freiwillig verweilen, es in helle ruhigere Obacht nehmen und sich Merkmale absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein andrer sei. Er beweiset also Reflexion, wenn er nicht bloß alle Eigenschaften lebhaft oder klar erkennen, sondern eine oder mehrere als unterscheidende Eigenschaften bei sich anerkennen kann:
der erste Aktus dieser Anerkenntnis gibt deutlichen Begriff; es ist das erste Urteil der Seele — und —

Wodurch geschahe die Anerkennung? Durch ein Merkmal, was er absondern mußte und was, als Merkmal der Besinnung, deutlich in ihn fiel. ... Dies erste Merkmal der Besinnung war Wort der Seele! Mit ihm ist die menschliche Sprache erfunden!

Lasset jenes Lamm, als Bild, sein Auge vorbeigehn: ihm wie keinem andern Tiere. Nicht wie dem hungrigen, witternden Wolfe! nicht wie dem blutleckenden Löwen — die wittern und schmecken schon im Geiste! die Sinnlichkeit hat sie überwältigt! der Instinkt wirft sie darüber her! — Nicht wie dem brünstigen Schafmanne, der es nur als den Gegenstand seines Genusses fühlt, den also wieder die Sinnlichkeit überwältigt und der Instinkt darüber herwirft. Nicht wie jedem andern Tier, dem das Schaf gleichgültig ist, das es also klar-dunkel vorbeistreichen läßt, weil ihn sein Instinkt auf etwas anders wendet. —

Nicht so dem Menschen! Sobald er in die Bedürfnis kommt, das Schaf kennenzulernen, so störet ihn kein Instinkt, so reißt ihn kein Sinn auf dasselbe zu nahe hin oder davon ab: es steht da, ganz wie es sich seinen Sinnen äußert. Weiß, sanft, wollicht — seine besonnen sich übende Seele sucht ein Merkmal —das Schaf blöket! sie hat Merkmal gefunden. Der innere Sinn wirket. Dies Blöken, das ihr am stärksten Eindruck macht, das sich von allen andern Eigenschaften des Beschauens und Betastens losriß, hervorsprang, am tiefsten eindrang, bleibt ihr. Das Schaf kommt wieder. Weiß, sanft, wollicht — sie sieht, tastet, besinnet sich, sucht Merkmal — es blökt, und nun erkennet sies wieder!

»Ha! du bist das Blökende!« fühlt sie innerlich, sie hat es menschlich erkannt, da sies deutlich, das ist mit einem Merkmal, erkennet und nennet. Dunkler? So wäre es ihr gar nicht wahrgenommen, weil keine Sinnlichkeit, kein Instinkt zum Schafe ihr den Mangel des Deutlichen durch ein lebhafteres Klare ersetzte. Deutlich unmittelbar, ohne Merkmal? So kann kein sinnliches Geschöpf außer sich empfinden, da es immer andre Gefühle unterdrücken, gleichsam vernichten und immer den Unterschied von zween durch ein drittes erkennen muß. Mit einem Merkmal also? Und was war das anders als ein innerliches Merkwort? Der Schall des Blökens, von einer menschlichen Seele als Kennzeichen des Schafs wahrgenommen, ward, kraft dieser Besinnung, Name des Schafs, und wenn ihn nie seine Zunge zu stammeln versucht hätte. Er erkannte das Schaf am Blöken: es war gefaßtes Zeichen, bei welchem sich die Seele an eine Idee deutlich besann — was ist das anders als Wort? Und was ist die ganze menschliche Sprache als eine Sammlung solcher Worte? Käme er also auch nie in den Fall, einem andern Geschöpf diese Idee zu geben, und also dies Merkmal der Besinnung ihm mit den Lippen vorblöken zu wollen oder zu können, seine Seele hat gleichsam in ihrem Inwendigen geblökt, da sie diesen Schall zum Erinnerungszeichen wählte, und wiedergeblökt, da sie ihn daran erkannte - die Sprache ist erfunden! ebenso natürlich und dem Mensch notwendig erfunden, als der Mensch ein Mensch war. S.31-34 [...]

Ohne Sprache hat der Mensch keine Vernunft und ohne Vernunft keine Sprache. Ohne Sprache und Vernunft ist er keines göttlichen Unterrichts fähig, und ohne göttlichen Unterricht hat er doch keine Vernunft und Sprache — wo kommen wir da je hin? Wie kann der Mensch durch göttlichen Unterricht Sprache lernen, wenn er keine Vernunft hat? Und er hat ja nicht den mindsten Gebrauch der Vernunft ohne Sprache. Er soll also Sprache haben, ehe er sie hat und haben kann? Oder vernünftig werden können ohne den mindesten eignen Gebrauch der Vernunft? Um der ersten Silbe im göttlichen Unterricht fähig zu sein, mußte er ja ein Mensch sein, das ist deutlich denken können, und bei dem ersten deutlichen Gedanken war schon Sprache in seiner Seele da; sie war also aus eignen Mitteln und nicht durch göttlichen Unterricht erfunden. — Ich weiß wohl, was man bei diesem göttlichen Unterricht meistens im Sinne hat, nämlich den Sprachunterricht der Eltern an die Kinder; allein man besinne sich, daß das hier gar nicht der Fall ist. Eltern lehren die Kinder nie Sprache, ohne daß diese nicht immer selbst mit erfänden. Jene machen diese nur auf Unterschiede der Sachen, mittelst gewisser Wortzeichen, aufmerksam, und so ersetzen sie ihnen nicht etwa, sondern erleichtern und befördern ihnen nur den Gebrauch der Vernunft durch die Sprache. Will man solche übernatürliche Erleichterung aus andern Gründen annehmen, so geht das meinen Zweck nichts an; nur alsdenn hat Gott durchaus für die Menschen keine Sprache erfunden, sondern diese haben immer noch mit Wirkung eigner Kräfte, nur unter höherer Veranstaltung, sich ihre Sprache finden müssen. Um das erste Wort, als Wort, d. i. als Merkzeichen der Vernunft, auch aus dem Munde Gottes empfangen zu können, war Vernunft nötig, und der Mensch mußte dieselbe Besinnung anwenden, dies Wort, als Wort, zu verstehen, als hätte ers ursprünglich ersonnen. Alsdenn fechten alle Waffen meines Gegners gegen ihn selbst: er mußte wirklichen Gebrauch der Vernunft haben, um göttliche Sprache zu lernen; den hat immer ein lernendes Kind auch, wenn es nicht wie ein Papagei bloß Worte ohne Gedanken sagen soll. Was wären aber das für würdige Schüler Gottes, die so lernten? Und wenn die ewig so gelernt hätten, wo hätten wir denn unsre Vernunftsprache her?
S.37f. [...]

Was heißt ein göttlicher Ursprung der Sprache als:

Entweder: »Ich kann die Sprache aus der menschlichen Natur nicht erklären, folglich ist sie göttlich.«

Ist Sinn in dem Schlusse? Der Gegner sagt: »Ich kann sie aus der menschlichen Natur und aus ihr vollständig erklären.«

Wer hat mehr gesagt? Jener versteckt sich hinter eine Decke und ruft hervor: »Hier ist Gott!«; dieser stellt sich sichtbar auf den Schauplatz, handelt —»Sehet! ich bin ein Mensch!«

Oder ein höherer Ursprung sagt: »Weil ich die menschliche Sprache nicht aus der menschlichen Natur erklären kann, so kann durchaus keiner sie erklären — sie ist durchaus unerklärbar.« Ist in dem Schlusse Folge? Der Gegner sagt: »Mir ist kein Element der Sprache in ihrem Beginn und in jeder ihrer Progression aus der menschlichen Seele unbegreiflich, ja die ganze menschliche Seele wird mir unerklärbar, wenn ich in ihr nicht Sprache setze; das ganze menschliche Geschlecht bleibt nicht das Naturgeschlecht mehr, wenns nicht die Sprache fortbildet.« — Wer hat mehr gesagt? — Wer sagt Sinn?

Oder endlich die höhere Hypothese sagt gar: »Nicht bloß keiner kann die Sprache aus der menschlichen Seele begreifen, sondern ich sehe auch deutlich die Ursache, warum sie ihrer Natur und der Analogie ihres Geschlechts nach durchaus für Menschen unerfindbar war. Ja ich sehe in der Sprache und im Wesen der Gottheit die Ursache deutlich, warum keiner als Gott sie erfinden konnte.« Nun bekäme zwar der Schluß Folge; aber nun wird er auch der gräßlichste Unsinn. Er wird so beweisbar als jener Beweis der Türken von der Göttlichkeit des Korans: »Wer anders als der Prophet Gottes konnte so schreiben?« Und wer anders als ein Prophet Gottes kann auch wissen, daß nur der Prophet Gottes so schreiben konnte? Niemand als Gott konnte die Sprache erfinden! Niemand als Gott kann aber auch einsehen, daß niemand als Gott sie erfinden konnte! Und welche Hand kann es wagen, nicht bloß etwa Sprache und die menschliche Seele, sondern Sprache und Gottheit auszumessen?

Ein höherer Ursprung hat nichts für sich, selbst nicht das Zeugnis der morgenländischen Schrift, auf die er sich beruft, denn diese gibt offenbar der Sprache einen menschlichen Anfang durch Namennennung der Tiere. Die menschliche Erfindung hat alles für und durchaus nichts gegen sich: Wesen der menschlichen Seele und Element der Sprache; Analogie des menschlichen Geschlechts und Analogie der Fortgänge der Sprache — das große Beispiel aller Völker, Zeiten und Teile der Welt!

Der höhere Ursprung ist, so fromm er scheine, durchaus ungöttlich. Bei jedem Schritte verkleinert er Gott durch die niedrigsten, unvollkommensten Anthropomorphien. Der menschliche zeigt Gott im größesten Lichte: sein Werk, eine menschliche Seele, durch sich selbst eine Sprache schaffend und fortschaffend, weil sie sein Werk, eine menschliche Seele ist. Sie bauet sich diesen Sinn der Vernunft als eine Schöpferin, als ein Bild seines Wesens. Der Ursprung der Sprache wird also nur auf eine würdige Art göttlich, sofern er menschlich ist.

Der höhere Ursprung ist zu nichts nütze und äußerst schädlich. Er zerstört alle Wirksamkeit der menschlichen Seele, erklärt nichts und macht alles, alle Psychologie und alle Wissenschaften unerklärlich — denn mit der Sprache haben ja die Menschen alle Samen von Kenntnissen von Gott empfangen? Nichts ist also aus der menschlichen Seele? Der Anfang jeder Kunst, Wissenschaft und Kenntnis also ist immer unbegreiflich? — Der menschliche läßt keinen Schritt tun ohne Aussichten und die fruchtbarsten Erklärungen in allen Teilen der Philosophie und in allen Gattungen und Vorträgen der Sprache
. S.122-124
Aus: Johann Gottfried Herder, Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Herausgegeben von Hans Dietrich Irmscher
Reclams Universalbibliothek Nr. 8729. © 1966 Philipp Reclam jun., Stuttgart


Einige Gespräche über Spinoza's System nebst Shaftesbury's Naturhymnus

An gnôs, ti esti Theos, hêdiôn esê.
(Vollständiger, ungekürzter, aktualisierter Text!)

Inhaltsverzeichnis
Vorrede zur zweiten Ausgabe
Vorrede zur ersten Ausgabe
Erstes Gespräch
Biographisches zu Spinoza
Spinoza: Von der Besserung des Verstandes und von dem Wege, auf welchem man am Besten zur wahren Kenntnis der Dinge gelangt
Zweites Gespräch
Drittes Gespräch
Viertes Gespräch
Fünftes Gespräch

Nachschrift
Lessing: Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott

Naturhymnus von Shaftesbury

Vorrede zur zweiten Ausgabe
Schon vor mehreren Jahren hätte diese Ausgabe erscheinen können, mit der ich aber aus verschiednen Ursachen säumte. Seit 1787 nämlich (in welchem Jahr diese Gespräche gedruckt waren) hatte sich im philosophischen Horizont Deutschlands Manches geändert. Der Name Spinoza, den man vorher gewöhnlich mit Schauder und Abscheu nannte, war seitdem bei Einigen so hoch gestiegen, dass sie ihn nicht anders als zur Verunglimpfung Leibnizes und anderer trefflicher Geister zu nennen wussten. Ja, man hatte sein System so missbraucht, dass, vergessend alle Schranken menschlicher Erkenntnis, die er so richtig anerkannte, man den Kegel auf den Kopf stellte und aus einem eingebildeten engen Ich das gesamte Weltall seinem ganzen Inhalt nach auszuspinnen sich erkühnte. Diesen objektlosen Traum nannte man den transzendentalen Spinozismus und höhnte den alten Spinoza, dass er so weit nicht gelangt war.
Andererseits fuhr man fort, zu behaupten: »Spinoza habe Gott zerteilt, ihm das Denken geraubt; sein Gott sei nur ein Kollektivname«.

Und fuhr dennoch fort, auch zu behaupten:
»unter diesem Kollektivnamen liege bei Spinoza Alles in Ketten blinder Notwendigkeit gefangen. Spinoza's Gott sei ein despotischer, wilder Polyphem, dem er das Auge geraubt«. In so anmaßend absprechenden Zeiten durften anspruchlose Gespräche über Spinoza's System keinen erfreulichen Anblick des offnen Sonnenlichts erwarten.

Da indessen ihr Zweck nicht gewesen war, Spinoza's System in jedem gebrauchten Ausdruck zu retten oder es gar zu apotheosieren [verherrlichen], wohl aber, es verständlich zu machen und durch Weghebung einiger Wortwände zu zeigen, wohin Spinoza wollte, so durfte und darf ich dieser, einem achtungswürdigen Denker erwiesenen Pflicht der Menschheit mich nicht schämen. Archytas' Schatten bei Horaz schien mir zuzurufen:

» - - Schiffer, versäume Du nicht, dem unbegrabnen
Haupt und meinen Gebeinen ein Wenig
Fliegenden Staubes zu schenken. -
Eilest Du gleich, Du darfst nicht lange verweilen; ein' Handvoll
Erde dreimal auf mich! dann segle weiter!«

Warum sollte ich ihm diese Liebe nicht erzeigen? Jahrhunderte hindurch ist das Reich der Wahrheit ein zusammenhängendes, ungeteiltes Reich; wer Missverständnisse voriger Zeiten hebt oder mindert, läutert damit den Verstand zukünftiger Zeiten. In einer andern Sprache und Denkart, war Spinoza gewissermaßen ein Fremdling des Idioms, in welchem er schrieb; fordern es also nicht Vernunft und Billigkeit, dass man seinem Ausdrucks zurechthelfe, nicht aber zuerst an den Steinen kaue, d.i. sich ausschließend an die härtesten Worte halte? Einen
Schriftsteller aus sich selbst zu erklären, ist die honestas jedem honesto schuldig.

Überhaupt gehört zu Beurteilung und Erfassung eines Systems, in welchem auf Freiheit und Freude des Gemüts, auf wahrhafte Erkenntnis und tätige Seligkeit Alles ankommt, ein vorurteilsfreier, liberaler Sinn; denn wie erzwänge sich wahres Erkenntnis, froher Sinn, tätige Liebe? »Seligkeit«, sagt Spinoza, »ist nicht Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst. Nicht weil wir die Leidenschaften bezwingen, sind wir selig; sondern weil wir es sind, bezwingen wir jene.« Ein Gleiches ist's auch mit dem Erkennen der Wahrheit. Weil wir sie erkennen, bezwingen wir Vorurteile; dagegen in ihr dem Übelwissenden ein ehern Joch dünkt, wird dem wahrhaften Erkennenden das tätige, das königliche, Gesetz der Freiheit. »In ihm leben, weben und sind wir,« sagt der Apostel; »wir sind seines Geschlechts,« hatte ein Dichter vor ihm gesagt, den der Apostel mit Beifall anführt. Mit derselben Freiheit, mit der Paulus Worte eines Dichters, die der Inbegriff dieses Systems sind, anführt, durfte ich dies System erläutern.

Den Platz der versprochenen Adrastea möge vor der Hand Shaftesbury's Naturhymnus ersetzen. Eine weitere Ausbildung durfte ich ihm nicht geben, als die ihm in den beliebten Gesprächen der Moralists der Zusammenhang erlaubte. Was der lyrischen Vollkommenheit abgeht, erstatte der Inhalt.

Nicht Vollkommenes nur, nicht Wahres, Schönes und Gutes:
Wahrheit und Güt' ist er und die Vollkommenheit selbst.
Feinde schafft sie zu Freunden, zum Lichte schafft sie das Dunkel,
Wen Gott liebet, der liebt, selig von Allem geliebt.

Vorrede zur ersten Ausgabe
Zehn oder zwölf Jahre sind's, seit ich eine kleine Schrift mit mir umhertrug, die den Namen: Spinoza, Shaftesbury, Leibniz führen sollte. Sie war fertig in meinen Gedanken, und ich ging mehrmals an die Ausführung derselben; allemal aber ward ich unterbrochen und musste ihr eine andre Stunde wünschen. Neue Zeitumstände führten mich unvermerkt zu folgenden Gesprächen. Man würde ihren Zweck sehr verkennen, wenn man sie bloß für eine Ehrenrettung des Spinoza hielte; bei Verständigen hat Spinoza diese Ehrenrettung nicht nötig, und er sollte, meinem Zweck gemäß, jetzt bloß die Handhabe eines Opfergefäßes werden, aus welchem ich einige Tropfen dem Altar meiner Jugend darbringen wollte. Warum ich von Spinoza ausging, lag teils in der Reihe meiner Gedanken, teils in Veranlassungen, die meine Zeit mir darbot.

Niemand indes nehme meine Schrift so auf, als ob ich irgend einer gangbaren Philosophie vor- oder zwischentreten, sie verdrängen, Parteien herausfordern oder zwischen Parteien ein unberufener Schiedsrichter werden wollte. Es sind Gespräche einiger Personen, die ihre Meinungen mit eben dem Recht äußern, mit welchem jeder Andre seine Lehrsätze darstellt. Gespräche sind keine Entscheidungen, noch minder wollen sie Zank erregen; denn über Gott werde ich nie streiten.

Sehnlicher wünschte ich, dass, was hier im Gespräch bloß angedeutet werden konnte, eine unserer Philosophie angemessenere Form erlebte. Nur einen ruhigen, heitern Sommer wünschte ich mir für meine Adrastea oder von den Gesetzen der Natur, sofern sie auf Weisheit, Macht und Güte als auf einer innern Notwendigkeit ruhen. Da ich aber bestimmt bin, in meinem Leben selbst der Notwendigkeit, nicht der Willkür zu folgen, so wird die ewige Wahrheit, wenn ihr mein Werk angenehm ist, mir auch Muße dazu verleihen. Zufrieden wäre ich, wenn diese kleine Vorarbeit einige unbefangene Liebhaber der Philosophie erfreute, Kennern gefiele und hie und da einem Irrenden den Weg zeigte.
Weimar, den 23. April 1787.
Herder.

Erstes Gespräch
PHILOLAUS. Sehen Sie, Theophron, die erquickende Stunde, die nach dem schrecklichen Gewitter folgt. Schwefelwolken türmten sich auf, die uns den Anblick der Sonne nahmen und alles Irdische in schwerer Odem setzten; sie sind zertrümmert, und Alles haucht wieder leicht und fröhlich. So stelle ich mir den Zustand der Wissenschaft vor, da Spinoza und Seinesgleichen der Welt den Anblick Gottes mit ihren schweren Dünsten rauben wollten; diese türmten sich auch zum Himmel empor und umzogen das Firmament; aber eine gesundere Philosophie hat sie wie die Riesen hinuntergestürzt, und der nachdenkende Geist erblickt die strahlende Sonne wieder.

THEOPHRON. Haben sie den Spinoza gelesen, lieber Freund?

PHILOLAUS.
Gelesen habe ich ihn nicht; wer wollte auch jedes dunkle Buch eines Unsinnigen lesen? Aber das habe ich aus dem Munde Vieler, die ihn gelesen haben, dass er ein Atheist und Pantheist, ein Lehrer der blinden Notwendigkeit, ein Feind der Offenbarung, ein Spötter der Religion, mithin ein Verwüster der Staaten und aller bürgerlichen Gesellschaft, kurz, ein Feind des menschlichen Geschlechts gewesen und als ein solcher gestorben sei. Er verdient also den Hass und Abscheu aller Menschenfreunde und wahren Philosophen.

THEOPHRON. Die Gewitterwolke indessen verdiente ihn nicht, mit der Sie ihn eben verglichen haben; denn auch sie gehört zur Naturordnung und ist heilbringend und nützlich. Aber, ohne Gleichnis zu reden, haben Sie, mein Freund, auch nichts Näheres Bestimmtes über Spinoza gelesen, woran wir uns im Gespräch halten könnten?

PHILOLAUS. Vieles, z.B. den Artikel über ihn in Bayle.

THEOPHRON. An Bayle haben Sie diesmal nicht eben den besten Gewährsmann. Er, dem sonst alle Systeme gleichgültig waren, weil er selbst kein System hatte, blieb in Absicht des Spinoza nicht gleichgültig. Er nahm eifrig Partei gegen denselben, wozu ihn ohne Zweifel Umstände der Zeit und des Orts veranlassten. Vielleicht lebte er dem Verstorbnen zu nahe; die Lehre, ja selbst der Name des Spinoza war damals ein Schimpfwort, wie beide es großenteils noch jetzt sind; alles Ungereimte und Gottlose nannte und nennt man zum Teil noch
Spinozistisch. Nun war es des feinen Dialektikers Bayle wohl nicht, ein System als System zu ergründen und mit dem tiefsten Gefühl der Wahrheit ganz zu beherzigen. Er durchflog alle Lehrgebäude,
nahm scharfsinnig ihre Verschiedenheiten auf, sofern sie ihm zu seinen Zweifeln dienten; jetzt war ihm diese Meinung wichtig, jetzt eine andre; von dem aber, was innere philosophische Überzeugung heißt, hatte er bei seiner leichten Denkart schwerlich einen Begriff, wie solches sein Wörterbuch beinahe unwidersprechlich zeigt.

PHILOLAUS.
Sein Wörterbuch und seine übrigen Schriften. Auch ich habe mich oft gewundert, wie ein so scharfsinniger Mann in seinen Meinungen so unstet, so unzusammenhängend sein konnte. Jetzt ist ihm dieser wichtige Gedanke, jetzt jene Ungereimtheit gleich wichtig; eine falsch zitierte Jahrzahl des Moreri und die Frage, ob ein Gott sei, wieviel derselben seien, woher das Böse in der Welt entspringe u. dergl. beschäftigen ihn mit gleichem Interesse. Ich glaube aber, das gehöre zum Wörterbuchschreiber.

THEOPHRON. Dahin wollen wir Bayle nicht setzen, ob er gleich ein Wörterbuch schrieb, auch in diesem zeigt sich allenthalben der Selbstdenker mit einer leichten Gewandtheit des scharfsinnigsten Gedankenspieles. Nennen Sie mir einen andern Schriftsteller, der so viel und vielerlei mit gleicher Anmut, mit gleicher Aufmerksamkeit umfasst oder berührt hätte. Er war philosophisch-historische Voltaire seiner Zeit, dessen Liebhaberei sich vom erhabensten Gegenstande bis zur kleinsten Kleinigkeit eines historischen Umstandes, einer Anekdote, eines Büchertitels oder gar einer Zote erstreckte. Für einen Geist solcher Art war nun Spinoza's System eben nicht. Dieser eingeschlossene, schwere Denker hatte von allem, was Meinung war, einen vielleicht zu wegwerfenden Begriff und ging mit mathematischer Genauigkeit der reinen Wahrheit nach, wo er solche zu finden glaubte. Für sie vergaß er alles Andre, und von Bayle's Gelehrsamkeit, von seinem Witz und Scharfsinn hatte er vielleicht nicht Eins gegen Tausend. Zwei Köpfe solcher Art werden einander schwerlich Gerechtigkeit widerfahren lassen, und doch bin ich überzeugt, hätte es Spinoza gegen den Verfasser des Wörterbuchs eher getan, als der muntre, vielgeschäftige Bayle es
gegen Spinoza tun mochte. Diesem warf man schon in seinem Leben vor, dass er Spinoza's System nicht recht gefasst habe, und er hat sich gegen diesen Vorwurf in einem Briefe verteidigt.1

PHILOLAUS. Übel also für Spinoza; denn für den größten Haufen hat eben doch Bayle festgesetzt, den man von ihm hegt. Wie Wenige lesen Spinoza's dunkle Schriften, und alle Welt liest den tausendfach abwechselnden, angenehmen Bayle.

THEOPHRON. So ist's, mein Freund, und doch auch nicht ganz also. Für das leichte Heer von Lesern hat Bayle den Begriff von Spinoza fixiert; leider aber für den schweren Phalanx haben es meistens streitende Philosophen und Theologen getan, und da ist ihm noch übler begegnet. Es ging ihm nach dem Evangelio: seine nächsten Hausgenossen wurden seine ärgsten Feinde, die Cartesianer. Sie wollten und mussten ihre Philosophie, von der er ausgegangen war, und mit deren Worten er sprach, von der seinigen absondern, damit nicht auch sie den Verdacht des Spinozismus kämen; natürlich hat sich diese philosophische Behutsamkeit von des Cartesius Schule auf jede nachfolgende verbreitet. Noch bitterer gingen die Theologen fast aller Konfessionen gegen ihn los; denn er hatte nicht nur über das Judentum und die Bücher des Alten Testaments seine Meinung sehr frei, ihnen sehr anstößig geäußert, sondern, welches ihnen viel ärger dünken musste, er hatte zuerst vorzüglich gegen sie die Feder ergriffen. Ihrer Streitsucht, ihren Zänkereien schrieb er einen großen Teil vom Verfall des Christentums, vor der Unwirksamkeit der schönsten Lehrsätze desselben zu, und ob er dies gleich ohne Bitterkeit tat, so können Sie sich doch leicht die Aufnahme seines Buchs vorstellen.

PHILOLAUS. Die ist mir vor Augen. Hitzigen Parteien darf nur ein Friedensstifter ohne Vollmacht zwischentreten, und er hat beide gegen sich. Welche Vollmacht aber hatte der Jude Spinoza?

THEOPHRON. Keine andre Vollmacht, als die er glaubte aus der Hand der Billigkeit empfangen zu haben; nur freilich bediente er sich derselben nicht eben auf weltkluge Weise. Er machte seine religiöse Politik in einem Werk bekannt, dessen Theologie Juden und Christen aufbringen musste;2 seine politischen Grundsätze waren so strack, so schnurgerade, dass sie der damaligen Zeit gewiss nicht eingehen konnten. Dem Staat räumte er das völlige Recht ein, den äußern Gottesdienst anzuordnen; der Vernunft behielt er die uneingeschränkte Freiheit des Gebrauchs ihrer Kräfte vor: Beides dünkte den Meisten so übertrieben, als ob er Feuer und Wasser mischen wollte. Seine Theorie also musste notwendig scheitern, wie sie dann in manchem auch uns noch jetzt zu hart, zu Hobbesisch dünkt, ob mir gleich in Grundsätzen der Duldung weit vorgerückt sind. - Locke, Bayle, Shaftesbury u. A. gingen leiser.

PHILOLAUS. Und doch mussten auch sie dulden, eh ihre billigsten Sätze allgemein anerkannt wurden. In Materien solcher Art hat freilich ein disputierender Dialektiker wie Bayle oder ein einkleidender Dichter wie Voltaire viel Vorteil vor dem ernsten Philosophen, der seine Sätze strack hinstellt. Jene dürfen und können immer sagen: »Ich habe nur disputiert, Wahres und Falsches einander entgegengestellt und Beides eingekleidet; man wähle!« In diesem angenommenen, immer veränderten Gewande gehen sie nicht nur sicherer, sondern wirken auch allgemeiner. Bayle machte gewiss auf sein Zeitalter mehr Wirkung als Spinoza und Leibniz, Voltaire mehr als Rousseau oder als andere noch strengere Philosophen.

THEOPHRON. Wie man's nimmt, Philolaus; es gibt eine zwiefache Wirkung. Eine breitet sich weit umher; eine andre wurzelt um so fester. Ich wollte, dass ein philosophisch-kritischer Mann, kein Jüngling, zu unsrer Zeit den theologisch-politischen Versuch des Spinoza mit Anmerkungen herausgäbe.3 Es wäre ein nützlicher Versuch, zu sehen, was die Zeit in ihm bekräftigt oder widerlegt habe. In der Kritik über die Schriften des Alten Testaments haben seitdem Manche Manches als eine neue Entdeckung, dazu unvollkommener gesagt, das in Spinoza bereits gründlicher stand. Im Punkt der Toleranz hat die Natur unsrer Staaten beinah keinen andern Weg nehmen mögen, als den ihr Spinoza damals zu allgemeinen Haß vorzeichnete. Freilich ist in diesem Werk wie in allen seinen andern Schriften Alles hart gesagt; für Werke der Einbildungskraft, Poesie z.B., hatte Spinoza nur einen metaphysischen Sinn; in der ganzen Komposition seines Werks ist er ein einsamer Denker, dem die Grazie des Weltumganges, des einschmeichelnden Vortrages unbekannt war und, wie mich dünkt, wohl auch unbekannt sein durfte.

PHILOLAUS. Nur darauf setzen Sie es, Theophron? Ein Mensch ohne gesunde Grundsätze, ein Atheist, ein Pantheist u.s.w., über welche Materie könnte der schreiben, dass er bei Vernünftigen Eingang fände? Er soll sogar den Pantheismus und Atheismus haben demonstrieren wollen; was geht über den Unsinn?

THEOPHRON.
Den Atheismus und Pantheismus demonstrieren? und beide zugleich? Wie sind beide in einem und demselben System möglich? Der Pantheist hat doch immer einen Gott, ob er sich gleich in der Natur Gottes irrt; der Atheist hingegen, der Gott schlechterdings leugnet, kann weder Pantheist noch Polytheist sein, wenn man nicht mit den Namen spielt. Überdem, mein Freund, wie kann man den Atheismus, d.i. eine Negation erweisen?

PHILOLAUS. Warum nicht, wenn man einen innern Widerspruch im Begriff von Gott entdeckte oder zu entdecken glaubte?

THEOPHRON. Einen innern Widerspruch im einfachsten, im höchsten Begriff, dessen die Menschheit fähig ist? Ich bekenne, dass ich davon nichts begreife.

PHILOLAUS. Deshalb war er auch ein Unsinniger, der demonstrieren wollte, was nicht zu demonstrieren war; denn unsre neue Philosophie sagt laut: »Weder dass ein Gott sei, noch dass er nicht sei, ist zu demonstrieren. Das Erste muss man als Postulat annehmen und - glauben

THEOPHRON.
»So«
, würde ein Andrer sagen, »müsste es wenigstens freistehn, 'Eins von Beiden zu glauben und als Postulat anzunehmen, d.i. Atheist, Deist oder Theist zu sein, nachdem wir Glauben haben'.« - Doch lassen Sie diesen Punkt unberührt: Spinoza sei Atheist, Phantheist oder eine Zwittergestalt von beiden gewesen, so schmerzen mich die Beinamen, die Sie einem Unbekannten geben. In der Philosophie sind wir aus den Zeiten der Ehrentitel hinaus, mit denen Spinoza noch von Kortholt, Brucker und Andern genannt ward. Der Erste glaubte witzig zu sein, wenn er den Benedictus in einen Maledictus und den Namen Spinoza in einen stachlichten Dornbusch verkehrte. Bei Andern sind die Beiworte »frech, gottlos, unsinnig, unverschämt, gotteslästerlich, pestilenzialisch, abscheulich« gewöhnliche Formeln, mit denen sie ihn aus dem Reich der Geister zitieren. Ein Erwählter hat sogar das Zeichen der ewigen Verwerfung auf seinem Gesicht gefunden, Andre haben ihn auf seinem Todesbette um Erbarmung winseln hören. Ich bin kein Spinozist und werde nie einer werden; die Art aber, mit der man über diesen verlebten stillen Weisen die Urteile des vorigen Jahrhunderts, des jämmerlichsten Streitjahrhunderts, noch zu unsrer Zeit wiederholen will, ich gestehe es, mein Freund Philolaus, ist mir unerträglich. Hier haben Sie ein Büchelchen von acht Bogen,4 in denen noch dazu das Meiste ein Gemisch von Anmerkungen ist, die Sie ganz überschlagen dürfen; es ist nichts als das Leben Spinoza's, sehr trocken, aber mit historischer Genauigkeit erzählt; denn man sieht, dass der Verfasser um jeden Umstand besorgt gewesen. Ein unparteiischer Mann hat es geschrieben, kein Spinozist, sondern ein evangelischer Pastor, der »vor Gott bezeugt, dass er in Spinoza's 'Theologisch-politischem Traktat' nichts Gründliches gefunden, noch etwas, das in dem Glaubensbekenntnis, womit er den evangelischen Wahrheiten zugetan ist, ihn im Geringsten auf der Welt zu beunruhigen fähig gewesen, weil anstatt der gründlichen Beweise man nichts als vorausbegebungene Sätze, und was man in den Schulen petitiones principii nennt, darinnen finde«. Einem so vorsichtigen Führer können Sie Sich sicher anvertrauen, wenn sie den Mann näher kennen wollen.5 - Meine Geschäfte rufen mich weg; bald sehen wir uns wieder. Wenn Sie hineinblicken wollen, so lege ich Ihnen
auch des Atheisten Werke selbst hin; leider sind es nur zwei kleine Bände.

PHILOLAUS. Ich begreife den Theophron nicht. Für einen Demonstrator solcher Art sich zu verwenden! und was soll mir hierüber sein Leben einem evangelischen Pastor, also geschrieben und also gedruckt, sagen?

* * *

Biographisches zu Spinoza
Ein sonderbarer Mann, dieser Spinoza. Wie auch sein System sein möge; es ist etwas Wahrheitsuchendes, Standhaftes und Selbstbeständiges in seinem Charakter und Leben. Er legt sich auf die jüdische Theologie und verlässt sie, um die Naturlehre gründlich zu erlernen; die Werke des Descartes kommen ihm in die Hände, und da er sie mit sonderbarer Begierde gelesen hat und nachher bekennt, dass, was er an philosophischer Erkenntnis besitze, er aus ihnen geschöpft habe, so wendet er sich still vom Judentum weg, weil er sich überzeugt glaubt, dass er den Lehrsätzen desselben nicht weiter folgen könne. Man bietet ihm ein Jahrgeld von tausend Gulden an, damit er nur fernerhin die Synagoge besuchen möge; er schlägt es aus und zieht sich ohne Geräusch in die Stille. Man tut ihn in dem Bann; er antwortet und lernt in der stille eine Hantierung, sich selbst zu nähren. Welch ein andres Betragen als in ähnlichen Umständen des unglücklichen, brausenden Acosta,6 der nicht zur Ruhe kommen konnte, bis ihm der Tod Ruhe schaffte! Ich wollte, dass man Spinoza's Antwort auf den Bann der portugiesischen Synagoge in Amsterdam (wenn sie nicht sogleich zerrissen und abgetan ist) erhalten könnte; sie würde uns die Ursache seines Entschlusses, wie mich dünkt, ebenso stark und bündig als sanft und stille sagen; denn es herrscht ein sanftmütiger, stiller Geist in dieses Mannes Leben. Jetzt verfertigt er optische Gläser und lernt von ihm selbst zeichnen. Der Lebensbeschreiber hat eine Sammlung seiner Zeichnungen in Händen gehabt, darunter auch Personen gewesen, die bei ihm nur einen Besuch abstatteten, die er also wahrscheinlich aus dem Gedächtnis gezeichnet. Unter diesen Übungen war auch Masaniello in seiner bekannten Fischerkleidung, von dem der Wirt des Spinoza versicherte, dass dies Bild ihm selbst ähnlich gesehen habe. Ein sonderbarer Einfall, sich als Masaniello zu zeichnen; oder vielleicht ein Wirtseinfall. - Nun schleift Spinoza Gläser, seine Freunde verkaufen sie, und der lebt sparsam; in zwei bis drei Tagen sieht er oft Niemand. Viele bieten ihm ihren Beutel und ihre Hilfe an; alles aber schlägt er bescheiden aus, lebt von geringen Speisen und schließt seine Rechnungen alle Vierteljahre, nur damit er nicht mehr aufwende, als er aufzuwenden habe. Er ist, wie er seinen Hausleuten sagt, eine Schlange, die mit dem Schwanz im Munde einen Zirkel macht, anzuzeigen, dass ihm von seinen Jahrseinkünften nichts übrig bleibe. Ich habe das Symbol unter seinem Bilde gesehen und es töricht auf sein System gedeutet. Welch ein wahrerer Philosoph in diesem Allen als manche dieses Namens! Er will nicht mehr sammeln, als was nötig sei, um mit Wohlstand begraben zu werden; er will aber auch Niemanden zur Last fallen und nur durch sich selbst leben. Sein Betragen ist still und friedlich: Herr über seine Leidenschaften, zeigt er sich nie weder sehrtraurig noch sehr fröhlich. Gesprächig tröstet er die Leidenden seines Hauses und ermahnt sie, ihre Unglücksfälle als ein »von Gott ihnen zugeschicktes Los« geduldig zu ertragen; er redet den Kindern zu, dass sie den Gottesdienst fleißig besuchen möchten, und unterrichtet sie, wie sie ihren Eltern gehorsam sein sollten, fragt seine Hausgenossen, welchen Nutzen sie aus der angehörten Predigt geschöpft, und hält hoch von dem erbaulichen, guten Geistlichen, der hier genannt wird.7 »Eure Religion ist gut,« spricht der stille Weise, »Ihr habt nicht nötig, eine andere zu suchen, noch daran zu zweifeln, dass Ihr dabei die Seligkeit erlangen werdet, sofern Ihr nur der Gottseligkeit Euch ergebt und zugleich ein friedliches und ruhiges Leben führt.« Sein aufrichtigster Freund bietet ihm ein Geschenk von zweitausend Gulden an, um mit einiger mehreren Bequemlichkeit zu leben; er verbittet es freundlich. Jener will ihn zu seinem Erben einsetzen; er nimmt die Wohltat nicht an und setzt das Jahrgeld, das dieser ihm in seinen letzten Lebensjahren aufdringt, fast noch um die Hälfte herunter. So lebt er und stirbt in seinem fünfundvierzigsten Jahr ebenso ruhig, als er gelebt hatte. Wenige Stunden vorher hatte er mit seinen Hausleuten noch ein langes Gespräch über die gehörte Predigt, und ehe sie nachmittags die Kirche verlassen, erblasst er in Gegenwart seines Arztes. Sein ganzer Nachlass beträgt nach dem Verkauf 390 Gulden und 14 Stüber, um welche Summe sich noch seine Anverwandten zankten. Ein sanfter Schimmer strahlt durch sein Leben; denn man sieht, wie seine Freunde ihn lieben, wie alle, die ihn kennen, ihn schätzen, und wie er sich dessen nie überhebt, keinen störrisch abweist. Als ihm der Kurfürst von der Pfalz eine Lehrstelle auf seiner Universität antragen ließ, mit der Freiheit, nach seinen Grundsätzen fortzuschließen, wie er es seinem Vorhaben am Dienlichsten finden würde, antwortete er vorsichtig: »er wisse nicht, in welche Schranken die Freiheit, seine Meinungen zu erklären, eingeschlossen sein solle, damit es nicht schiene, dass er die Landesreligion stören wolle«, und nahm den Ruf nicht an.
Von seinen Meinungen weiß ich freilich noch nicht, was ich zu halten habe; selbst aber die hier als irrig angeführten, wahrscheinlich seine ärgsten Stellen
tragen bei aller Paradoxie das Siegel der Überzeugung dessen an sich, der diese Meinungen hegte. Er will sie keinem aufdringen, er will keine Sekte stiften, und zwar nicht aus Menschenfurcht, sondern aus Scheu, die Meinungen andrer Menschen auch nach seinem Tode zu stören. Während seines Lebens hat er nichts herausgegeben als einen kleinen Traktat, mit welchem er Ruhe zu stiften gedachte; als diese Bemühung fehlschlug, wohnte er mit seiner Philosophie allein und verbrennt wenige Tage vor seinem Tode noch eine angefangene Übersetzung des Alten Testaments, damit sie auch nach seinem Tode keinen Unfrieden verursachen möchte. Ich wollte, dass er sie nicht verbrannt hätte; denn hatte sie keinen Wert in sich, so hätte sie die Zeit doch vertilgt.

* * *


Wohlan also zu seinen Schriften! Sie sind nach seinem Tode erscheinen; er hatte sie, wie der Augenschein zeigt, für sich selbst geschrieben. Und es sind meistens Fragmente.8

»Von der Besserung des Verstandes und von dem Wege, auf welchem man am Besten zur wahren Kenntnis der Dinge gelangt«9
»Belehrt von der Erfahrung, dass alles, was uns im gemeinen Leben häufig begegnet, ein leerer Tand sei, weil ich sah, dass alles, was ich fürchtete, in sich selbst weder Böses noch Gutes habe, als sofern das Gemüt dadurch bewegt wird, entschloss ich mich endlich, zu forschen, ob es etwas gebe, das wahrhaft gut sei und sich mitteile, so dass mit Verwerfung alles Andern die Seele von ihm allein affiziert würde; ja, ob es etwas gäbe, das, wenn ich's fände und hätte, mir einen unverrückten, höchsten und ewigen Freudegenuss gewähren könne. Ich sage, dass ich mich endlich entschlossen; denn dem ersten Anblick nach schien es unratsam zu sein, um eine mir damals ungewisse Sache eine gewisse verlieren zu wollen; ich sah nämlich die Vorteile, die aus Ehre und Reicht um entspringen, und die ich nicht weiter suchen müsste, sobald ich mich ernstlich nach meinem neuen Zweck wenden wollte. Läge also das höchste Stück in ihnen, so sahe ich wohl, dass ich desselben entbehren müsste; fände es sich aber in ihnen nicht, und ich jagte ihnen doch nach, so müsste ich seiner auch entbehren. Ich überlegte also bei mir selbst, ob es nicht möglich sei, zu meinem neuen Zweck oder wenigstens zur Gewissheit zu kommen, dass es einen solchen gebe, wenn ich auch meine gewöhnliche Lebensweise nicht veränderte; dies versuchte ich oft, aber vergebens. Denn was uns gemeiniglich im Leben vorkommt und von den Menschen (nach ihren Handlungen zu urteilen) für das höchste Gut angesehen wird, lässt sich auf
drei Stücke bringen: auf Reichtümer, Ehre und Lust. Durch alle drei aber wird das Gemüt so zerstreut, dass es an kein anderes Gut irgend gedenken kann. Denn was die Wollust betrifft, so täuscht sie das Gemüt eine Zeit lang, als ob es in einem Gut ruhe, und hindert es damit, an irgend ein anderes Gut zu denken; bald aber folgt auf ihren Genuss die tiefste Traurigkeit, die den Geist, wenn nicht fesselt, so doch stört und stumpf macht. Auch wenn wir Ehre und Reichtum verfolgen, zerstreut sich die Seele, insonderheit wenn wir jene um ihr selbst willen begehren, weil sie uns alsdann ein höchstes Gut dünken. Und zwar zerstreut die Ehre das Gemüt noch mehr als der Reichtum, weil sie fortwährend als ein wahres Gut und als der letzte Zweck geschätzt wird, nach welchem man alles einrichten müsse. Ferner findet bei Ehre und Reichtümern zwar nicht, wie bei der Wohllust, die Reue statt, sondern je mehr man von beiden besitzt; desto mehr freut man sich und wird mehr und mehr angeregt, sie zu vermehren. Schlägt aber bei irgend einem Zufalle die Hoffnung fehl, so bringen beide die größte Traurigkeit. Endlich ist auch die Ehre deswegen ein großes Hindernis, weil, um sie zu erlangen, man sein Leben notwendig nach der Denkart andrer Menschen einrichten muss, dass man nämlich fliehe, was sie fliehen, und suche, was sie suchen.

Da ich also sahe, dass dies alles mir Hindernis sei, mich auf mein neues Werk zu legen, ja mit demselben in solchem Widerspruch stehe, dass ich von Einem oder dem Andern notwendig ablassen müsse, so ward ich gezwungen zu forschen, welches von beiden mir nützlicher wäre. Denn ich kam, wie gesagt, in den Fall, ein gewisses Gut für ein ungewisses aufgeben zu wollen. Als ich aber diese Überlegung etwas fortgesetzt hatte, so fand ich zuerst, dass, wenn ich meine alte Lebensweise gegen die neue vertauschte, ich immer doch nur ein seiner Natur nach ungewisses Gut gegen ein andres ungewisses aufgebe, das seiner Natur nach nicht ungewiss sein könne, weil ich eben ein festes Gut suchte, sondern das nur sofern zweifelhaft bliebe, ob ich's erreiche. Durch fortgesetztes Nachdenken kam ich gar so weit, einzusehen, dass, wenn ich alles recht und ganz überlegte, ich gewisse Übel gegen ein gewisses Gut vertauschte. Ich sah nämlich, dass ich in der größten Gefahr schwebte und in der Not wäre, ein auch ungewisses Rettungsmittel mit allen Kräften zu suchen; wie der Kranke, der, wenn er kein Mittel braucht, den gewissen Tod vor sich sieht, auch ein ungewisses Mittel mit allen Kräften suchen muss, da seine ganze Hoffnung darauf
beruht. Alle die Dinge aber, denen der große Haufe nachstrebt, gewähren nicht nur kein Mittel zur Erhaltung unsers Seins, sondern sie verhindert dasselbe auch und sind oft die Ursache des Untergangs derer, die sie besitzen, immer aber die Ursache des Untergangs derer, die von ihnen besessen werden.

Es gibt viele Beispiele von Menschen, die ihres Reichtums wegen sich bis auf den Tod verfolgen ließen, auch Beispiele von Menschen, die, um Güter zu
erlangen, sich so vielen Gefahren aussetzen, da sie endlich ihre Torheit mit dem Leben büßten. Nicht wenigere gibt es, die, um Ehre zu erlangen oder zu
erhalten, aufs Elendeste litten. Unzählige Beispiele endlich sind von solchen vorhanden, die durch übermäßige Wohllust ihren Tod beschleunigt haben. Alle diese Übel scheinen mir daher zu kommen, dass das ganze Glück oder Unglück in der Beschaffenheit des Gegenstandes liegt, dem wir mit Liebe zugetan sind. Denn um etwas, was man nicht liebt, entsteht kein Streit; man grämt sich nicht darüber, wenn es verschwindet; man fühlt keinen Neid, wenn es ein Anderer besitzt, keine Furcht, keinen Hass, kurz keine Gemütsbewegung; welches alles zutrifft, wenn man so vergängliche Dinge liebt, wie alle die sind, von denen wir bisher geredet haben. Liebe aber zu einem ewigen und unendlichen Gegenstande kann nur Freude der Seele gewähren, eine Freude, die von keiner Traurigkeit weiß; wahrlich, ein sehr wünschenswürdiger Zweck, nach welchem man mit allen Kräften streben müsste! Ohn' Ursach aber bediene ich mich nicht des Ausdrucks: wenn ich mich nur ernstlich entschließen könnte; denn ob ich gleich dies alles in meiner Seele so klar einsah, so konnte ich deswegen doch allen Geiz, alle Lust- und Ehrsucht nicht ablegen.

Das Eine sah ich, dass, so lange mein Gemüt mit diesen Gedanken beschäftigt war, so lange verabscheute es jene Neigungen und dachte ernstlich an
eine andre Lebensweise; welches mir denn zum großen Trost gereichte. Denn ich sah, mein Übel sei wenigstens doch noch nicht so groß, dass kein Mittel dagegen wäre. Und obgleich anfangs diese hellen Zwischenräume selten waren und nur kurze Zeit dauerten, so kamen sie doch, nachdem ich das wahre Gute mehr und mehr erkennen lernte, nicht nur öfter, sondern dauerten auch länger; zumal da ich einsah, dass der Erwerb des Geldes oder die Lust- und Ehrbegierde nur so lang Hindernisse blieben, so lange man sie nicht als Mittel, sondern als Zwecke suchte. Sucht man sie als Mittel, so haben sie Maß und hindern nicht, sondern fördern vielmehr, zu dem Zweck zu gelangen, deshalb man sie sucht.

Hier will ich nur kurz sagen, was ich durchs wahre Gute verstehe, und zugleich was das höchste Gut sei. Dies recht zu fassen, merke man, dass gut und böse nur beziehungsweise gesagt werden, so dass eine und dieselbe Sache gut und übel heißen kann in verschiedener Rücksicht; so auch vollkommen und unvollkommen. Denn seiner Natur nach kann nichts vollkommen oder unvollkommen genannt werden, vornehmlich weil wir wissen, dass alles, was geschieht, nach einer ewigen Ordnung und nach gewissen Naturgesetzen geschehe. Da aber der schwache Mensch diese Ordnung mit seinen Gedanken nicht erreicht und sich dabei doch eine menschliche Natur denkt, die viel fester als die seinige sei, ja kein Hindernis sieht, warum er eine solche Natur nicht erlangen könnte: so wird er angereizt, Mittel zu suchen, die ihn zu dieser Vollkommenheit führen. Alles, was ein Mittel sein kann, dahin zu gelangen, heißt ihm ein wahres Gut; das höchste Gut aber ist, dahin zu gelangen, dass er mit andern Individuen wo möglich einer solchen Natur genieße. Was dies für eine Natur sei, werden wir an seinem Ort sehen: sie sei nämlich Erkenntnis der Vereinigung, die mein Innerstes (mens) mit der ganzen Natur hat. Dies ist also der Zweck, nach welchem ich strebe, eine solche Natur zu erlangen, und dass Viele sie mit mir erlangen mögen; d.i. zu meiner Glückseligkeit gehört es auch, Fleiß anzuwenden, dass viele Andere das einsehen, was ich einsehe, dass ihr Verstand und ihre Begierde völlig mit der meinigen übereinstimme. Und damit dies werde, so ist nötig, dass sie von der Natur so viel verstehen, als nötig ist, eine solche Natur zu erlangen; ferner, eine Gesellschaft zu stiften, in welcher eine große Anzahl auf die leichteste Art mit Sicherheit dahin gelangen möge. Weiter muss man auf die Moralphilosophie und auf die Lehre von der Erziehung der Kinder Fleiß anwenden, und weil die Gesundheit kein kleines Mittel ist, diesen Zweck zu erreichen, muss die ganze Medizin in Ordnung gebracht werden. Weil auch durch die Kunst viel Schweres leicht gemacht, viele Zeit erspart und viele Bequemlichkeit fürs Leben erworben wird, so ist auch die Mechanik auf keine Weise zu verachten. Vor allen Dingen aber ist eine Art auszusinnen, wie der Verstand geheilt und (wiefern es anfangsweise geschehen kann) gereinigt werde, damit er die Sache ohne Irrtum und aufs Beste einsehen lerne. Jedermann sieht hieraus, dass ich alle Dinge auf einen Zweck, auf ein Ziel richten wolle, nämlich dass man zur ebengenannten höchsten Vollkommenheit des Menschen gelange. Was also in den Wissenschaften nichts zu unserm Zweck beiträgt, muss als unnütz verworfen, kurz, alle unsre Gedanken und Handlungen zu diesem Zweck gerichtet werden. Weil aber, wenn wir den Verstand auf den rechten Weg zu lenken suchen, wir auch leben müssen, so müssen wir auch einige Lebensregeln als gut annehmen. Diese nämlich:

1. Nach der Denkart des gemeinen Mannes zu reden und alles zu bewirken, was uns kein Hindernis in Weg legt, unser Ziel zu erreichen. Denn von ihm können wir großen Vorteil erwarten, wenn wir, so weit es sein kann, uns seiner Denkart bequemen. Er wird auch auf diese Weise der Wahrheit selbst ein geneigtes Ohr schenken.

2. Des Vergnügens nur sofern zu genießen, als es zur Gesundheit gehört.

3. Geld und jedes Andre nur soweit zu suchen, als es zum Leben, zur Gesundheit und zur Sitte der Landes gehört, inwiefern diese unserm Zweck nicht widerstrebt.«

* * *


Träume ich oder habe ich gelesen? Ich glaubte einen frechen Atheisten zu finden, und finde beinah einen metaphysisch-moralischen Schwärmer. Welch ein Ideal des menschlichen Bestrebens, der Wissenschaft, der Naturkenntnis ist in seiner Seele! und er geht zu ihm mit so überdachtem, mühsam-schwerem Schritt und Stil, als Manche zur Umänderung ihres Lebens nicht ins Kloster wandern. Offenbar ist der
Aufsatz aus den Jahren des Mannes, da er vom Judentum Abschied nahm und seine philosophische Lebensart wählte.10 Er hat diese fortgesetzt bis ans Ende seines Lebens; was mag er in ihr erreicht haben? - Aber siehe, da kommt Theophron.

THEOPHRON.
So fleißig? Philolaus, Sie haben die Witterung nicht ganz wahr gelobt; die abgeregneten Gewitterwolken haben uns ein Kälte verursacht, die man nach Ihrem Gleichnis nicht vermuten sollte.

PHILOLAUS. Lassen Sie mein Gleichnis und geben mir diesen Band mit! ich sehe, ich habe mich an Spinoza geirrt. Was, meinen Sie, soll ich zuerst lesen?

THEOPHRON. Seine »Ethik«. Das Übrige ist Fragment, und der »Theologisch-politische Traktat« war ein frühere Probe-Zeitschrift. Gefällt's Ihnen, so nehmen Sie einige Regeln mit auf die Reise.

1. Ehe Sie den Spinoza lesen, muss Ihnen Descartes, wenn auch nur als Wörterbuch, bekannt sein. In ihm sehen Sie den Ursprung der Worte und Formeln, also auch manch sonderbaren harten Formeln des Spinoza. Nehmen Sie hiezu Descartes' Hauptschriften oder einen seiner Schüler,11 unter welchen insonderheit Clauberg die Sätze des Cartesianismus klar und ordentlich vorträgt; Sie werden solche hier in einem Bande beisammen finden. Sodann gehen Sie an des Descartes Principia philosophiae von Spinoza selbst, die er für einen seiner Lehrlinge aufgesetzt hat;12 Sie treffen in ihnen den Übergang zu seinem eignen System an. Einen Baum muss man nicht etwa nur in seinem Gipfel und Zweigen, sondern in Stamm und Ästen, ja wo möglich den Veranlassungen seines Entstehens und Wachstums nach, in Wurzel, Boden und Klima kennen lernen, gesetzt, dass es auch ein Giftbaum wäre. Denn läsen Sie diesen Philosophen des vorigen Jahrhunderts nach der Sprache unsrer Philosophie, so müsste er Ihnen freilich, wie er Vielen noch jetzt erscheint, ein Ungeheuer dünken.

2. Geben sie sorgfältig auf seine geometrische Methode Acht und lassen Sich von ihr nicht nur nicht berücken, sondern bemerken auch, wo diese ihn berückte. Descartes verleitete ihn zu ihr; und er wagte den kühnen Versuch, sie auch der Form nach auf alle, selbst die verflochtensten moralischen Materien anzuwenden. Eben dieser Versuch hätte seine geometrischen Nachfolger in der Metaphysik warnen mögen.

3. Bleiben Sie nie bei Spinoza stehen, sondern rufen bei jedem seiner paradoxen Sätze die ältere und neuere Philosophie zu Hilfe, wie diese etwa solche oder eine ähnliche Behauptung weggeräumt oder leichter, besser, unanstößiger, glücklicher ausgedrückt habe. Sogleich wird Ihnen dann ins Auge fallen, warum dieser Autor sie nicht also, vielleicht nicht so glücklich habe ausdrücken können; mithin werden Sie den Ursprung seines Wortirrtums und den Fort- oder Rückgang der Wahrheit selbst gewahr werden. Nehmen Sie in dieser Absicht seine
wenigen Briefe als Erläuterungen zu Hilfe;13 sie klären in manchem viel auf, und an dem Rande meines Exemplars werden Sie von einer alten Hand geschriebene Nachweisungen auf die »Ethik« und in der »Ethik« auf sie finden. Dienten diese Briefe zu keinem andern Zweck, so zeigten sie, wie ganz es dem Spinoza mit seiner Philosophie ein Ernst gewesen, wie sehr er sich von ihr überzeugt hatte, und wie glücklich er sich in derselben fühlte. Wenn Sie dies Geschäft geendet haben und Ihnen daran etwas liegt, wollen wir über Ihre Zweifel oder über
seine Irrtümer ein Weiteres reden.

PHILOLAUS. Ich will Ihrem Rat folgen, ob er gleich viel fordert.

THEOPHRON.
Eben fällt mir eine Ode in die Hand: An Gott, von einem Atheisten.

PHILOLAUS.
Von Spinoza?

THEOPHRON. Der war kein Dichter; von einem Atheisten, der des Atheismus wegen verbrannt ward.

PHILOLAUS. Und eine Ode auf Gott machte? ich will sie lesen.14

Gott

Durchwebt von Dessen Odem, der ewig lebt,
Von Dessen Glut gezündet, der nie erlischt,
Entbrennt die Seele, schwingt den Fittich,
Steiget in nimmer erflogne Höhen,

Und strebet mühsam aufwärts zum Throne Des,
Den keine Zunge nannte, kein Hymnus sang,
Den keine Schranke grenzt noch enget,
Nicht des Beginns, noch des Endens Schranke.

Er ist der Wesen Urgrund und ist ihr Ziel,
Sein eigner ew'ger Urgrund, sein eignes Ziel,
Beginnt, begrenzt, beschränkt sich selber,
Grenzenlos zwar und beginn- und endlos.


Ganz, ungeteilt, unteilbar und unverrückt,
Erfüllt sein Wesen jeglichen Atomus
Des ungemessnen Raums und jeden
Stiebenden Tropfen des Zeitenstromes.

Ihn decken hohe Tempelgewölbe nicht,
Ihn fassen nicht die Himmel, die Erden nicht;
Frei, unumhüllet, ungefesselt
Waltet und herrscht er im großen Alle.

Sein Will' ist Tat. Wer steuert dem Mächtigen?
Wer hemmt den Unrückrufbaren? Groß ist er
Und gut, nicht mit der Messkunst Größen,
Nicht mit der Güte der Sittenlehren.

Stracks, flugs, im Hui geschiehet, was er gebeut.
Das Weltall schlief des eisernen Nichtseins Schlaf;
Er rief: Erwache? Schnell erwachend
Rafft' es sich auf und erstaunt' und kniete.

Sein alldurchdringend Auge durchschaut das All
Und hegt und trägt, bewahret und wärmet es.
Allmächtig herrscht sein Wink, allmächtig
Waltet des Schrecklichen hohe Brane.

Dich fleh' ich, Guter! lächel' auf mich herab!
Mit Demantketten binde mich fest an Dich!
Bei Dir, bei Dir ist volle Gnüge,
Einzig bei Dir, und bei keinem Andern!

Wohl Dem, der Dich ergreifet, an Dich sich hängt.
An Dich sich innig schmieget, Dich fest umflicht!
Dich habend, Vater, hat er Alles,
Alles, was sättigt, und was beseligt.

Du, Du entzeuchst Dich Keinem, der Dein bedarf,
Freiwillig schenkst Du Jeglichem Jegliches;
Dich selbst, der war und ist und sein wird,
Ewiger, schenkst Du dem frommen Fleher!

Du bist dem Müherliegenden Nerv und Mark,
Und bist dem Klippenscheiternden Bucht und Port,
Und bist der durstgeborstnen Lippe
Lechzender Wanderer Quellenkühle.

Du bist der Arbeitseligen süße Ruh',
Bist unsern Busen Frieden und Freudigkeit
Bist jeder Schönheit Urgebilde,
Jeglicher Trefflichkeit ew'ge Urform.

 

 

Bist Zahl und Maß und Zirkel und Harmonie
Und Pracht und Ordnung, Hoheit und Majestät,
Bist unsre Wonne, unsre Wohllust,
Unsre Ambrosia, unser Nektar.

O Du, der Wahrheit Richtscheit, des Rechtes Norm,
Des Guten Bleischnur, heiliges Urgesetz,
Du, unsre Hoffnung, unsre Weisheit,
Leuchtende Fackel des irren Geistes!

Glanz, Lichtstrahl, Würde, Hoheit, wie sing' ich Dich!
Licht, Liebe, Leben, Labsal, wie feir' ich Dich!
Der Summen Summe! All das Allen!
Einziger, Ewiger, Größter, Bester!

  Deo

Dei supremo percita flamine
Mentem voluntas exstimulat meam;
Hinc per negatum tentat alta
Daedaliis iter ire ceris;

Audetque coeli non memorabile
Metari Numen principio carens
Et fine, definire Musae
Exiguo breviore gyro.

Origo rerum et terminus omnium,
Origo, fons et principium sui
Suique finis terminusque
Principio sine terminoque.

Ubique totus, tempore in omnibus
Omni quiescens ipse Deus locis,
Partes in omnes distributus
Integer usque , manens ubique.

Nec comprehensum ullis regionibus
Ullisve clausum limitibus loca
Tenent, sed omnis liber omne
Diditus15 in spatium vagatur.

Illius alta est velle potentia,
Opus voluntas invariabilis;
Et magnus absque quantitate
Atque bonus sine qualitate.

Quod dicit, uno tempore perficit;
Mirere, fiat vox vel opus prius?
Cum dixit, en cum voce cuncta
Sunt universa simul creata.

Cuncta intuetur, perspicit omnia,
Atque in una solus (solus est omnia),
Quae sunt, fuerunt et futura
Praevidet ipse perennitate.

Atque ipse plenus cuncta replet Sui
Et semper idem sustinet omnia
Et fert movetque amplectiturque
Atque supercilio gubernat.

Te, Te oro, tandem respice me bonus,
Tibique nodo junge adamantino:
Id namque solum unumque et omne
Reddere quod potis est beatos.

Quicunque junxit Te sibi et altius
Uni adhaerescit, continet omnia
Teque omnibus circumfluentem
Divitiis nihilique egentem.

Tu, cum necesse est, nullibi deficis
Ultroque praebes omnibus omnia
Ipsumque Te, qui sis futurus;
Omnibus omnia subministras.

Laboriosis Tu vigor inclitus,
Tu portus alto navifragantibus,
Tu fons perennis perstrepentes
Qui latices salientis ardent

Tu summa nostris pectoribus quies,
Tranquillitasque et pax placidissima,
Tu mensus16 es rerum modusque,
Tu species et amata forma.

Tu meta, pondus, Tu numerus, decor
Tuque ordo, Tu pax atque honor atque amor
Cunctis, salusque et vita et aucta
Nectare et ambrosia voluptas.

Tu verus altae fons sapientiae,
Tu vera lux, Tu lex venerabilis,
Tu certa spes, Tuque aeviterne
Et ratio et via veritasque;

Decus jubarque et lumen amabile
Et lumen almum atque inviolabile;
Tu summa summarum, quid ultra?
Maximus, optimus, unus, idem.
 


Zweites Gespräch
PHILOLAUS. Ich komme mit meinem Spinoza; aber beinah ungewisser, als ich vorher war. Dass er kein Atheist sei, erscheint auf allen Blättern; die Idee von Gott ist ihm die erste und letzte, ja die einzige aller Ideen, an die er Welt- und Naturkenntnis, das Bewusstsein sein selbst und aller Dinge um ihn her, seine Ethik und Politik knüpft. Ohne den Begriff Gottes ist seine Seele nichts, vermag nichts, auch nicht sich selbst zu denken; es ist ihm fremd und beinah unbegreiflich, wie Menschen Gott gleichsam nur zu einer Folge andrer Wahrheiten, sogar sinnlicher Bemerkungen haben machen können, da alle Wahrheit wie alles Dasein nur aus einer in sich bestehenden ewigen Wahrheit, aus dem unendlichen, ewigen Dasein Gottes folgt.17 Dieser Begriff ist Spinoza so gegenwärtig, so unmittelbar und innig geworden, dass ich ihn eher für einen Begeisterten fürs Dasein Gottes als für einen Zweifler oder Leugner desselben hielte. In Erkenntnis und Liebe Gottes setzt er alle Vollkommenheiten, Tugend und Glückseligkeit der Menschen; und dass dies keine Maske, sondern des Philosophen Überzeugung sei, zeigen seine Briefe, ja, ich möchte sagen, jeder kleinste Teil seines philosophischen Gebäudes, jede Zeile seiner Schriften. Möge er sich in der Idee von Gott geirrt haben; wie aber Leser seiner Werke je sagen konnten, dass er die Idee von Gott verleugnet und den Atheismus demonstriert habe, ist unbegreiflich.

THEOPHRON.
Auch ich traute mir beinah selbst nicht, da ich diesen Autor las und mit dem zusammenhielt, was Andere über ihn sagten. Und doch las ich ihn nicht als ein Neuling der Philosophie oder in einiger Nebenansicht, sondern unbefangen, eher mit Vorurteil wider als für ihn, nachdem ich außer den alten Weltweisen die Schriften Baumgarten's, Leibniz', Shaftesbury's und Berkeley's nicht nur gelesen, sondern studiert hatte. Lassen Sie uns indeßsbei dieser Befremdung nicht stehen bleiben, die sich von selbst aufklären wird, wenn wir sein System durchgehen: was haben Sie für Zweifel dagegen?

PHILOLAUS. Wo soll ich anfangen? wo endigen? Das ganze System ist mir ein Paradoxon. »Es ist nur eine Substanz; diese ist Gott; alle Dinge sind in ihm nur Modifikationen.«

THEOPHRON. Am Wort Substanz stoßen Sie Sich nicht; Spinoza nahm's nach seiner reinsten, strengsten, höchsten Bedeutung und musste es so nehmen, wenn er, seiner gewählten Methode nach, d.i. syn thetisch, einen ersten Begriff zum Grunde legen wollte. Was heißt Substanz, als ein Ding, das für sich besteht, also das die Ursache seines Daseins in sich selbst hat? Ich wollte, dass dem Wort diese reine Bedeutung in der Philosophie hätte bleiben können. Im schärfsten Verstande ist kein subsistierendes Ding der Welt eine Substanz, weil alles von einander und zuletzt alles von Einem abhängt, das die Selbstständigkeit selbst, d.i. die höchste, einzige Substanz ist. Da aber die menschliche Philosophie immer gern dem Gefühl der Menschen treu bleibt und ihm in einem gewissen Sinn treu bleiben muss, da wir uns aber bei aller unsrer Abhängigkeit doch auch für selbstständig halten, auf gewisse Weise dafür auch halten können, ob wir gleich nur bestehend sind -

PHILOLAUS. Ei dann! Nun und nimmer sind wir doch bloße Modifikationen?

THEOPHRON. Das Wort ist anstößig und wird nie in der Philosophie Raum gewinnen. Wagte es indes die Leibnizische Schule, die Materie eine Erscheinung von Substanzen zu nennen, warum sollte dem Spinoza nicht sein Ausdruck erlaubt sein? Werden die sogenannten Substanzen der Welt allesamt von göttlicher Kraft erhalten, ja, bekamen sie, wie jedes hergebrachte System annimmt, nur durch göttliche Kraft ihr Dasein, was sind sie, wenn man will, anders als modifizierte Erscheinungen göttlicher Kräfte (phaenomena substantiata), jede nach der Stelle, nach der Zeit, nach den Organen, in und mit welchen sie erscheinen, bestehend und energisch? Spinoza nahm also mit seiner einzigen Substanz eine kurze Formel, die seinem System allerdings viel Zusammenhang gibt, ob sie gleich unserm Ohr fremd klingt. Immer war sie doch besser als jene Gelegenheitsursachen der Cartesianer, nach denen Gott gleichfalls Alles selbst, nur aber gelegentlich wirken sollte.

PHILOLAUS.
Allerdings ein weit unbequemerer Ausdruck -

THEOPHRON. Und doch, wie lange hat er gegolten! Selbst die Leibnizische Philosophie hat ihn nur durch eine andere artigere Formel höflich hinweggescheucht.

PHILOLAUS. Sie meinen die prästabilierte Harmonie aller Dinge.

THEOPHRON. Eben sie. In keinem dieser Ausdrücke liegt Ketzerei; nur einer ist unbequemer als der andere, und im Grunde verstehen wir bei allen gleich wenig. Wir wissen nicht, was Substanz, d.i. ein bestehendes Prinzipium der Kraft, sei, oder wie Kraft wirke; viel weniger wissen wir, was die Allkraft sei, oder wie sie alles hervorgebracht habe, jetzt noch alles hervorbringe und jedem Dinge seine Weise mitteile. Dass indessen alles in einem Selbstbestande ruhen, von einem Selbstständigen, sowohl seinem Dasein nach als in seiner Verbindung
mit andern, mithin im Grunde sowohl als in jeder Äußerung seiner Kräfte abhangen müsse, daran kann kein konsequenter Geist zweifeln. - Woran denken Sie, Philolaus?

PHILOLAUS. Ich sehe so manche pathetische Deklamation gegen Spinoza auf einmal in ihr Nichts zurückgehn, die mit nichts als dem Namen seiner »einzigen Substanz und seiner Modifikationen« kämpfte; sie fochten alle bloß mit einem Nebel unbequemer Worte. Ihnen ist bekannt, Theophron, welch ein Heer lächerlicher Widersprüche und Gotteslästerungen man ihm andichtete, z.B. dass, seinem System zufolge, Gott bei allem Guten alles Böse in der Welt tue, dass sonach Gott es sei, der alle Torheiten verübe, alle Irrtümer denke, gegen sich selbst streite, sich in Spinoza selbst lästere und leugne u.s.w. Was von Spinoza's Modifikationen gilt, gilt es von Descartes' gelegentlichen Ursachen, von Leibnizens prästabilierter Harmonie, ja selbst vom physischen Einfluss minder? Geschehen diese Dinge in Gottes Welt, so geschehen sie durch den Gebrauch und Missbrauch seiner Kräfte, d.i. der Kräfte, die er abhängigen Wesen anschuf und in ihnen erhält; man möge sich seine Vorhersehung oder Mitwirkung auf solche oder eine andre Weise denken. Überhaupt habe ich's gefunden, dass, wenn man die Meinung eines vernünftigen Menschen gar zu unvernünftig und ungereimt vorstellt, man selbst entweder eine Ungerechtigkeit begehe oder eine Ungereimtheit sage. Man macht sich mit solchen Formeln den Sieg zwar leicht, es ist aber auch nur das Blendwerk eines Sieges.

THEOPHRON.
Also werden Sie jetzt auch darin keine Gotteslästerung finden, wenn Spinoza das selbstständige Wesen eine nicht vorübergehende, sondern die bleibende immanente Ursache aller Dinge nennt?18

PHILOLAUS. Wie könnte ich sie finden, da sich gegenteils, auch nach den angenommenen Formeln, bei Gott als einer vorübergehenden Ursache der Dinge nichts denken lässt? Wie und wann und wem geht er vorüber? Ein Geschöpf ohne des Schaffenden Beistand ist nichts; und wie kann Der vorübergehen, der keinen abgeschlossenen Ort hat, keinen Ort räumt, in dem keine Abwechselung und Veränderung sein kann?

THEOPHRON. Aber wie? wenn Gott »außer der Welt« wohnte?

PHILOLAUS. Was ist ein Ort außer der Welt? Sie selbst und Raum und Zeit in ihr, durch welche wir die Dinge messen und zählen, sind ja allein durch ihn, den Unendlichen, denkbar, der mit den Dingen selbst ihr Wo und Wann, d.i. das Maß und den Zusammenhang ihrer Kräfte setzt, begrenzt, ordnet.

THEOPHRON.
Sie geraten also auch nicht in das Labyrinth von Fragen:

»Wie Gott die Ewigkeit erst einsam durchgedacht?
Warum einst, und nicht eh er eine Welt gemacht?«

Oder:

- »Wie sich die weiten Kreise
Der anfangslosen Dau'r gehemmt in ihrer Reise?
Und ewig ward zur Zeit, und wie ihr seichter Fluss
Ins Meer der Ewigkeit sich einst verlieren muss?«
u.s.w.

PHILOLAUS. Ich setze nicht hinzu:

»Das soll ich nicht verstehn und kein Geschöpfe fragen;
Es möge sich mein Feind mit solchem Vorwitz plagen.«

Denn auch meinem Feinde wünschte ich dergleichen Phantome der Einbildungskraft als einen unergründlichen Gegenstand des Wissens nicht. Gott durchdachte keine Ewigkeit einsam: es war kein Jetzt und kein Ehe, eh eine Welt war; eine anfangslose Dauer ist keine Ewigkeit Gottes, und in dieser gibt's keine Reise. Das »ewig« kann so wenig zur Zeit als die Zeit zur Ewigkeit oder das Endliche zum Unendlichen werden.

THEOPHRON.
Das haben Sie doch nicht erst aus Spinoza gelernt?

PHILOLAUS.
Vielmehr freute es mich, dass er die gewöhnlichen, ganz unphilosophischen Verwirrungen hierüber strenge vorübergegangen war und Zeit und Ewigkeit, d.i. das Endlos-Unbestimmte und das durch sich unendliche Höchstbestimmte genau unterschied.19 Ewigkeit im reinen Sinne des Wortes kann durch keine Zeitdauer erklärt werden, gesetzt, dass man diese auch endlos (indefinite) annähme. Dauer ist eine unbestimmte Fortsetzung des Daseins, die schon in jedem Moment ein Maß der Vergänglichkeit, des Zukünftigen wie der Vergangenen, mit sich führt. Dem Unvergänglichen, durch sich Unveränderlichen kann sie so wenig zugeschrieben werden, dass vielmehr sein reiner Begriff mit dieser zugemischten Phantasie verschwindet.

THEOPHRON.
Die Welt ist also auch mit Gott nicht gleich ewig?

PHILOLAUS. Wie kann sie dies sein, da sie Welt, d.i. ein System der Dauer zu- und nach einander
geordneter Dinge ist, deren keinem das absolute Dasein oder die unwandelbare Ewigkeit ohne Maß und Zeitendauer zukommt?

THEOPHRON. Also macht's Ihnen auch keine Verwirrung der Begriffe, dass die ewige Macht Gottes (in unsrer gewohnten Sprache zu reden) schafft, schuf und schaffen werde, und doch keinem der Geschöpfe, auch in ihrem ganzen System nicht, seine Ewigkeit zukommt?

PHILOLAUS. Die ewige Macht Gottes schafft, schuf und wird schaffen, weil sie, die ewig wirkende Macht, nie müßig ist und nie müßig sein konnte; des Geschaffenen Dasein beruht nur, wie sein Name selbst sagt, auf einer Folge und hat mit allen seinesgleichen das Zeitenmaß der Veränderung in sich. Also auch eine immerhin fortgesetzte Weltschöpfung wird durch diese Fortsetzung nie ewig. Ihr Maß ist endlos; aber nur in Gedanken des Messenden ist und wird dieses Endlosen Maß. Dies alles begreife ich leicht; ich habe aber einen andern Zweifel, den ich gelöst wünschte. Er betrifft die Eigenschaften dieses unendlichen, ewigen Gottes bei Spinoza. Wie konnte er, der Zeit und Ewigkeit so richtig unterscheidet, auf der andern Seite so unzusammenhängend sein, dass er »die Ausdehnung zur Eigenschaft Gottes macht«? Verhält sich der Raum nicht wie die Zeit? Ist nun jene mit dem Begriff des Ewigen ganz unvergleichbar, so ist auch Ausdehnung (Extension) mit dem Begriff einer unteilbaren Substanz, die Spinoza mit felsenfester Stärke annimmt,20 gleichfalls unvereinbar.

THEOPHRON. Ihre Bemerkung ist wahr; sehen Sie aber auch, wo Spinoza diesen Ausdruck wählt. Bedient er sich seiner in seiner reinen Theorie von Gott?

PHILOLAUS. Sonderbar! Er braucht ihn nur, wenn er die Seele von der Materie, d.i. das Denkende vom Ausgedehnten unterscheidet.21

THEOPHRON.
Ist nun Ausdehnung und Materie einerlei? Sehen Sie da den Cartesischen Fehlausdruck, den unser Autor in der Sprache seiner Zeit nicht wohl umgehen konnte, und der für viele die Hälfte seines Systems verdunkelt. Descartes hatte die Materie durch Ausdehnung erklärt, und man könnte sie ebensowohl durch Zeit erklären; denn jene wie diese sind Maße ihres Daseins mit andern und nach einander. Nun mögen beide Maße unumgänglich notwendig für jeden denkenden Geist sein, der selbst durch Ort und Zeit beschränkt ist; das Wesen der Materie aber werden sie durch diese unsre Denkart nie. Spinoza sah das Unhinreichende dieser Cartesischen Erklärung so gut als wir; lesen Sie seine Briefe.22 Wenn er also in seiner Ethik die Materie, d.i. Körper mit Ausdehnung, d.i. mit Raum gleichgeltend annahm und sie einem ganz ungleichartigen Dinge, dem Gedanken, gegenüberstellte, so wusste er selbst, dass zu Erklärung des Wesens der Körper dies kein ausdrückender Begriff sei. Ebenso wusste er und wiederholt's, dass Gedanke und Ausdehnung nichts mit einander zu schaffen haben; er tadelt Descartes, dass er von der Zirbeldrüse hinaus den Körper bewegen, die Affekte bändigen wolle u.s.w. Ihm war Ausdehnung ein reiner Verstandesbegriff, unteilbar in sich, nur durch Hilfsmittel der Imagination teilbar. Den Punkt also, warum gerade nur diese beiden Begriffe, Ausdehnung und Gedanke, die zwei Eigenschaften seien, dadurch sich unter unendlichen andern Eigenschaften, die allesamt eine höchste Realität ausdrücken, der Unendliche uns offenbart habe, ließ Spinoza unerörtert, so oft er deshalb befragt wurde. Was ist in der Ausdehnung für Realität, wenn wir solche auch endlos, d.i. so unbestimmt fortgesetzt wie eine immerhin fortwährende Dauer annehmen? Ohne Wesen, ohne wirkende Kräfte ist nichts in ihr; nur für sinnliche Geschöpfe ist sie das Maß einer Welt, eines Nebeneinanderseins mehrerer Geschöpfe. Zum Absolut-Unendlichen gehört sie nicht, so wie sie auch keine innere wesentliche Vollkommenheit seines Daseins ausdrückt, das keinen, also auch nicht einen endlosen Raum erfüllt, das keine, also auch nicht eine endlose Zeit ausmisst.

PHILOLAUS. Da, lieber Theophron, verjagen Sie mir einen widrigen Nebel; denn dieser unendlich-ausgedehnte Gott, wie man den Gott des Spinoza zu nennen pflegte, war mir ganz undenkbar.

THEOPHRON. Dem hellen Weltweisen Spinoza war er es ebenso sehr. Nicht Gott nennt er ein Extensum (dessen Unteilbarkeit er vielmehr strenge behauptet), sondern die Körperwelt (res extensas) nannte er »ein Attribut, das ein Unendliches seines Selbstbestehenden, wie die Gedankenwelt von ihm ein andres Unendliches ausdrückt«. Gröbere Formeln, phantastische Bilder vernichten seinen Begriff ganz.

PHILOLAUS.
Mich wundert, dass ich dies unbemerkt ließ, da so klare Stellen seiner Briefe darauf weisen. Das sahe ich wohl, dass Spinoza der Teilung eines unendlich-ausgedehnten und doch einfachen Wesens durch die Vorstellung des mathematischen Raums entweichen wollte, in welchem aus mathematischen Linien und Flächen keine physischen Körper werden. Da nun der mathematische Raum auch nur ein Abstraktum der Einbildungskraft, eine Bedingung der Wahrheiten ist, die nicht anders als im Raum gedacht werden können, so kann er auch, wenn Spinoza ihn der Materie gleich zu achten scheint und ihn ein Attribut Gottes nennt, nur eine Auskunft sein, durch welche physische, d.i. wirkliche Körper in ihrer Varietät erklärt werden sollen; und da ist er, nach Spinoza selbst, keine Auskunft. Ich wollte, der Weltweise hätten einen Ausdruck vermieden, der von den Meisten grob missbraucht worden ist, Andern aber, wie Sie mit Recht sagen, die Hälfte seines so durchdachten Systems verdunkelt.

THEOPHRON. Wörter mein Freund, gelten wie Münzen. Spinoza's oder vielmehr Descartes' Zeit war die Zeit der Messkunst, aber die Kindheit der Naturkunde, ohne welche die Metaphysik Luftschlösser baut. Descartes selbst baute dergleichen, denen Spinoza, wie mehrere Stellen zeigen, genau ihren Wert zu geben wusste. Je mehr man seitdem die Materie der Körper physisch untersucht hat, desto mehr entdeckte man in ihr wirkende, einander gegenwirkende Kräfte und verließ die leere Definition der Ausdehnung. Schon Leibniz, in dessen Geist sich aus allen Naturreichen und Wissenschaften fruchtbare Begriffe gesellten, drang darauf, dass man auch im Begriff der Körper notwendig zuletzt auf einfache Substanzen kommen müsse, von denen er unter dem Namen wesentlicher Einheiten, d.i. der Monaden, manches erzählte. Leider aber, da der lebhafte Verstand dieses Mannes alles so gern als Dichtung vortrug, wurden diese seine Monaden, deren Sinn Wolff selbst nur teilweise aufnahm, bald nur als ein witziges Märchen betrachtet. Der Mathematiker Boskowich ist, obwohl von einer ganz andern Seite, auf eben dergleichen unteilbare wirkende Elemente gekommen, ohne welche sich, wie er glaubte, die Natur der Körper nicht erklären lasse;23 die Chemiker wählen wiederum eine andre Sprache. Fällt Ihnen ein Ausdruck bei, der dem schroffen Unterschiede zwischen Geist und Materie, dem Cartesischen Dualismus entweicht und prägnanter als das leere Wort Ausdehnung oder als das grobe Wort Materie die Natur der Körper bezeichnet?

PHILOLAUS. Ich wüsste keins als organische Kräfte. Dadurch, dünkt mich, bekäme Spinoza's System selbst eine schönere Einheit. Wenn seine Gottheit unendliche Eigenschaften in sich fasst, deren jede ein ewiges und unendliches Wesen auf unendlich verschiedene Weise ausdrückt, so haben wir nicht mehr zwei Eigenschaften des Denkens und der Ausdehnung zu setzen, die nichts mit einander gemein hätten; wir lassen das unpassende Wort Eigenschaft (Attribut) weg und setzen dafür, dass sich die Gottheit in unendlichen Kräften auf unendliche Weisen, d.i. organisch offenbare. Sofort bleibt uns auch nicht mehr der hinderliche Riegel vorgeschoben: »in welchen Eigenschaften außer dem Gedanken und der Ausdehnung sich die Gottheit andern Weltsystemen offenbare,« da sie doch, unserm Weltweisen zufolge, unendliche dergleichen ihr Wesen ausdrückende Eigenschaften besitzen soll, von welchen er uns keine als diese zwei zu nennen wusste. In allen Welten offenbart sich die Gottheit organisch, d.i. durch wirkende Kräfte. Diese Wesen ausdrückende Unendlichkeit der Kräfte Gottes hat durchaus keine Grenzen, obwohl sie allenthalben denselben Gott offenbart. Kein Weltsystem darf das andre neidend befragen: »wie sich denn in ihm die Gottheit dargestellt habe«. Überall ist's wie hier; überall können nur organische Kräfte wirken, und jede derselben macht uns Eigenschaften einer unendlichen Macht kenntlich.

THEOPHRON.
Wohl, Philolaus. Dies trifft in den Mittelpunkt des Spinozischen Lehrgebäudes. Macht ist ihm Wesenheit; alle Attribute und Modifikationen derselben sind ihm ausgedrückt dargestellte, wirkliche und wirksame Tätigkeiten. In der Geisterwelt ist's der Gedanke, in der Körperwelt die Bewegung; ich wüsste nicht, unter welches Hauptwort beide sich so ungezwungen fassen ließen als unter den Begriff Kraft, Macht, Organ, von denen jede Tätigkeit in der Körper- und Geisterwelt ausgeht. Mit dem Wort organische Kräfte bezeichnet man das Innen und Außen, das Geistige und Körperhafte zugleich; denn wie keine Kraft ohne Organ ist, so ist und wirkt kein Geist ohne Körper. Es ist indessen auch nur Ausdruck; denn wir verstehen nicht, was Kraft ist, wollen auch das Wort Körper damit nicht erklärt haben.

PHILOLAUS. In Ansehung des innern Zusammenhanges der Welt gibt uns, dünkt mich, der Ausdruck schöne Folgen. Nicht durch Raum und Zeit allein, als durch bloß äußere Maße der Dinge, ist sie verbunden; sie ist's durch ihr eigentliches Wesen, durch das Prinzipium ihrer Existenz selbst, da allenthalben in ihr, und zwar im innigsten Zusammenhange, nur organische Kräfte wirken. In der Welt, die wir kennen, steht die Denkkraft obenan; ihr folgen Millionen andre Empfindungs- und Wirkungskräfte, und er, der Selbstständige, er ist im höchsten, einzigen Verstande des Worts Kraft, d.i. die Urkraft aller Kräfte, Organ aller Organe. Ohn' ihn ist keines derselben denkbar, ohn' ihn wirkt keine der Kräfte, und alle im innigsten Zusammenhange drücken in jeder Beschränkung, Form und Erscheinung ihn aus, den Selbstständigen, die Ur- und Allkraft, durch welche auch sie bestehen und wirken.

THEOPHRON. Mich freut's, Philolaus, dass Sie diese Idee so rein aufnehmen und so reich anwenden. Auch dem Ausdruck nach tritt das System unsers Philosophen beinahe schon damit in das Licht einer tadellosen Einheit, die ihm das anstößige Wort Ausdehnung raubte; bemerken Sie aus dem von Ihnen gegebnen Gesichtspunkt nicht noch andre Aussichten?

PHILOLAUS. Eine Reihe andrer. Alle anstößigen Ausdrücke z.B. fallen weg, wie Gott nach diesem oder nach einem andern System auf und durch die tote Materie wirke. Sie ist nicht tot, sondern sie lebt; denn in ihr wirken ihren innern und äußern Organen gemäß lebendige mannigfaltige Kräfte. Je mehr wir die Materie kennen lernen, desto mehrere derselben entdecken wir in ihr, so dass der leere Begriff einer toten Ausdehnung bei ihr völlig verschwindet. In unsern Zeiten, wie zahlreiche, verschiedene Kräfte hat man in der Luft entdeckt! was hat die neue Chemie in den Körpern für mancherlei Energien der Anziehung, Bindung, Auflösung, Zurückstoßung gefunden! Ehe die magnetische, ehe die elektrische Kraft entdeckt war, wer hätte sie in den Körpern vermutet? wie zahllose andre mögen in ihnen noch unentdeckt schlafen! Es ist schade, dass ein denkender Geist, wie Spinoza war, so frühe von unserm Schauplatz hinweg musste.

THEOPHRON.
Auch wir müssen hinweg, mein Freund, und erleben nicht, was der forschenden Nachwelt aufbehalten bleibt; genug, wenn wir, so lange wir da sind, die Gegenwart und Wirkung der Gottheit erkennen, wo und wie sich uns dieselbe offenbart. Spinoza sagt, dass jede Eigenschaft, oder wie wir's nannten, jede in der Schöpfung offenbarte Kraft Gottes ein Unendliches ausdrückt; wie verstehen Sie das, da jeder Teil der Welt seine Schranken hat, nicht bloß nach Ort und Zeit, sondern auch selbst zufolge der ihm einwohnenden Energien?

PHILOLAUS. Sind nicht Raum und Zeit, diese großen Gedankenbilder, endlos? welche unzählbare Menge göttlicher Kräfte und Formen kann sich in ihnen offenbaren! Und da nach Ort und Zeit, geschweige den wirkenden Kräften selbst nach keine zwei Erscheinungen dieselben sein können: welche Unendlichkeit entspringt aus diesem immer neu sich verjüngenden Quell göttlicher Schönheit! Sehen Sie hinaus gen Himmel, nach jenen Milchstraßen von Sonnen und Welten! Mit seinem Spiegelglase entdeckt der Kolumbus unsrer Nation vielleicht eben jetzt neue Heere derselben in einem kleinen, unsern Augen unsichtbaren Nebelwölkchen. In wie merkwürdigen Zeiten leben wir, da unerhörte, kaum geahnte Offenbarungen Gottes vom Himmel niedersteigen, jede derselben aufs Neue ausdrückend die Herrlichkeit des Wesens, das alle diese Welten schuf und schafft und hält und trägt!

»Im Unendlichen ist der Unendliche: Einer und ewig,
Im Darstellen, im Sein, im Erhalten und Schaffen nur Einer,
Immer sich gleich und unendlich. Wie ewige Säulen, so stehen
Fest die Gesetze, die er sich dachte; so wie er sie dachte,
Fließt aus ihnen Verändrung und bleibt in ihnen die Allmacht«.24

THEOPHRON. Vortrefflich, mein werter Philolaus! Mit dem letzten Zuge haben Sie zugleich das Unendliche angedeutet, das in jeder Naturkraft selbst, auch ohne Rücksicht ihrer Verbindung in einem endlosen Raum, in einer endlosen Zeit bleibend wohnt. Erwägen Sie die innere Fülle der Kraft, die in jedem lebendigen Wesen wirkt, wie es durch eine ihm eingepflanzte stille Energie entstehen und sich nicht anders als durch solche erhalten und fortpflanzen konnte! Betrachten Sie die Kräfte, die im Bau eines Tiers so verschwiegen wirken! Mit welcher Macht hängen seine Teile zusammen! welch ein Räder- und Triebwerk gehört dazu, dass es sich bewege, sich seinen Lebenssaft bereite, alle die Handlungen ausübe, dazu es bestimmt ist, endlich, dass es aus seiner Natur gleichartige Wesen, Bilder seiner selbst, lebend und wirkend, mit gleicher Kraft begabt, nach gleicher Anlage gebildet, hervorbringe, erzeuge! In der Generation allein liegt ein Wunder der Schöpfung, d.i. einer eingepflanzten, einwohnenden Macht der Gottheit, die sich, wenn ich so kühn reden darf, in das Wesen jeder Organisation gleichsam selbst beschränkt hat und in diesem Wesen nach ewigen Gesetzen, unverrückt und unwandelbar, wie allenthalben die Gottheit allein wirken kann, wirkt. In der Materie, die wir tot nennen, streben auf jedem Punkt nicht minder und nicht kleinere göttliche Kräfte: wir sind mit Allmacht umgeben, wir schwimmen in einem Ozean der Macht, so dass jenes alte Gleichnis immer und überall wahr bleibt: »die Gottheit sei ein Kreis, dessen Mittelpunkt allenthalben, dessen Umkreis nirgends ist«, weil weder im Raum noch in der Zeit, als in bloßen Bildern unserer Einbildungskraft, die Einbildungskraft irgend ein Ende findet. Mich dünkt, der Ausdruck des Spinoza sei glücklich, dass die Zeit nur ein symbolisches Bild der Ewigkeit sei; ich wollte mit Ihnen, dass er den Raum auch als ein solches, als das symbolische Bild der absoluten Unendlichkeit des Unteilbaren dargestellt hätte, wie er sich ihn dachte. Nicht etwa nur für uns ist das Wesen des Ewigen unausmessbar; es ist an sich keines Maßes fähig; in jedem Punkt seiner Wirkung, der nur für uns ein Punkt ist, trägt es seine Unendlichkeit in sich.

PHILOLAUS.
Ich befürchte, mein Freund, dass wenige diesen Unterschied des durch sich selbst Unendlichen und des durch Raum und Zeit in der Einbildungskraft gedachten Endlosen fassen werden, auf welchem doch Spinoza's ganzes System ruht.25 Als eingeschränkte Wesen schwimmen wir im Raum und in der Zeit; wir zählen und messen alles mit ihrem Maß und steigen mit Mühe von Bildern der Einbildungskraft zu dem Begriff, der alles Raum- und Zeitenmaß ausschließt. Hätte man diesen Unterschied gefasst, gewiss, man hätte nicht so viel von dem weltlichen und außerweltlichen Gott geredet, noch weniger würde man den Spinoza je beschuldigt haben, dass er seinen Gott in die Welt einschließe und mit derselben identifiziere. Sein unendliches, höchst-wirkliches Wesen ist so wenig die Welt selbst, als das Absolute der Vernunft und das Endlose der Einbildungskraft eins sind; kein Teil der Welt kann also auch ein Teil Gottes sein; denn das höchste Wesen ist seinem ersten Begriff nach unteilbar. Deutlich sehe ich jetzt, dass man unserm Philosophen den Pantheismus ebenso unrecht Schuld gegeben habe als den Atheismus. »Alle Dinge«, sagt er, »sind Modifikationen« oder, wie er es sonst unanstößiger nennt, »tätige Ausdrücke der göttlichen Kraft, Darstellungen einer der Welt einwohnenden ewigen Wirkung Gottes«; nicht aber sind sie zertrennliche Teile eines völlig unteilbaren einzigen Daseins.

THEOPHRON. Leugnen wollen wir's indessen nicht, Philolaus, dass manche Ausdrücke Spinoza's seinen Gegnern, die nur bei Ausdrücken stehen bleiben und solche durch andre seiner deutlichsten Grundsätze zu erklären nicht Lust hatten, zu Missverständnissen Anlass geben konnten. Auf eine ihm eigentümliche Bedeutung des Worts Substanz hatte er sein System angelegt, und da er dieser ebenso ungewöhnliche Bedeutungen der Worte Attribut, Modifikation u.s.w. beifügte, auch die Cartesische Erklärung der Materie als Ausdehnung beibehielt, so musste er dem größten Teil seines Systems nach harte Ausdrücke wählen. Den Irrtum aber, dass er das Wesen Gottes und der Welt verwirrt habe, hätte man ihm am wenigsten aufbürden sollen; viele seiner Theoreme werden eben deswegen unbequem, weil er das Wesen Gottes und der Welt ja immer unterscheiden will und nicht genug wiederholen kann: »Gott unter solcher Modifikation, unter solchem Attribut betrachtet«. Wer ist, der den Begriff der naturierenden und naturierten Natur mehr als er unterscheidet? Den leichteren Zusammenhang philosophischer Wahrheiten fördern glückliche Wortkombinationen, und Leibniz, dieser Proteus der Wissenschaft, ein vor Millionen andern leichtverbindender Kopf, er behält das Verdienst, eben nach so manchen unbequemen Darstellungsarten der Scholastiker, des Descartes, Spinoza, Hobbes u. A., viel zu diesem leichtern Zusammenhange beigetragen zu haben. Eine glückliche Leichtigkeit mannigfaltiger Verbindungen war, wie mich dünkt, Leibnizens glänzendstes Talent; in seinen unbedeutendsten Aufsätzen hat er oft Samenkörner hingeworfen, die lange noch nicht alle aufgenommen, geschweige denn zur Ernte gediehen sind. Ihm selbst fehlte die Zeit, seinen Reichtum ganz zu nutzen, weil er mit zu vielem zerstreut war und ihn zuletzt der Tod übereilte.

PHILOLAUS.
Sie schrieben unserm deutschen Philosophen unter andern das Verdienst zu, dass er es zuerst gewesen, der beim Begriff von der Materie den Grund ihrer Erscheinung, immaterielle Substanzen, in die Metaphysik eingeführt habe; sollte nach Einführung derselben seine zwar sinnreiche, aber, wie mich dünkt, zu weit getriebene Hypothese der prästabilierten Harmonie zwischen Seelen und Körpern, als ob beide wie zwei Uhren zwar übereinstimmend, aber völlig unabhängig von einander spielen, nötig gewesen sein? Ward seine Materie von immateriellen Kräften dargestellt, in welche jede höhere Art immaterieller Kräfte wirken mag und kann, so bestätigte sich ja hiermit der sogenannte physische Einfluss (den uns allenthalben die Natur zeigt, und gegen welchen keine willkürliche Hypothese etwas vermag) eben aus seinem System in einer standhaften Vorstellungsweise. Die ganze Welt Gottes wird ein Reich immaterieller Kräfte, deren keine ohne Verbindung mit andern ist, weil eben nur aus dieser Verbindung und gegenseitigen Wirkung ihrer aller alle Erscheinungen und Veränderungen der Welt werden. Und mit wie weniger Aufopferung hätte Leibniz diesen Schritt tun mögen, da seine prästabilierte Harmonie eigentlich doch schon im Cartesianismus lag, der jene Abschichtung der Geister und Körper, von der wir bei Spinoza sprachen, auf sie gründet.

THEOPHRON.
Und wie, wenn eben diese Nähe des Cartesianismus unsern Leibniz wie den Spinoza am vollen Gebrauch seiner bessern Erklärung gehindert hätte? denn das ist das Schicksal auch des furchtbarsten menschlichen Geistes, dass er, mit Ort und Zeit umfangen, in gewissen Ideen gleichsam aufwächst und sich nachher nicht ohne Mühe von ihnen zu trennen vermag. Leibniz lebte die blühendste Zeit seines philosophischen Lebens den Gedanken nach mehr in Frankreich als in Deutschland. Dort stand er in so vielen Verbindungen; von dort aus glänzte sein scharfsinniger Verstand zuerst über Europa auf. Da nun in Frankreich Descartes und Malebranche, sie mochten angenommen oder bestritten werden, im meisten Ruf standen: wie anders, als dass seine Bemühung vorzüglich auf dieses Feld der Ehre gezogen werden musste? Er bildete also seine Hypothese der prästabilierten Harmonie mit einer Geschicklichkeit aus, dass sie die Gelegenheitsursachen des Cartesius sowie den unmittelbaren göttlichen Einfluss des Malebranche allerdings entbehrlich machen konnte, ob sie gleich auf die mangelhaften Grundsätze des ersten Philosophen selbst gebaut war. Leibniz sprach so gern nach der Fassungskraft andrer; für sie erfand er seine sinnreichen Hypothesen.26 Als er späterhin durch die Lehre der Monadologie der Metaphysik über Körper einen andern Weg anwies, ließ er jene Hypothese, die einmal in Ruf gekommen war und zum Ruhm seines Namens viel beigetragen hatte, an ihrem Ort stehen, oder vielmehr er bog sie dieser neuen Hypothese sehr geschickt an, indem er jede Seele mit einem organischen Körper vereinigte. Blieb es gleich keine prästabilierte Harmonie mehr zwischen Geist und Materie, sondern eine Harmonie zwischen höheren und niederen Kräften: Harmonie blieb es doch immer; denn wer konnte, wer kann es erklären, wie Kraft auf Kraft wirkt?

PHILOLAUS. Sie retten Ihren Verehrten fein; erlauben Sie mir aber zu sagen, dass ich im ganzen Spinoza, in dessen Ausdrücken doch Hartes genug ist, nichts so Gezwungenes gefunden habe als eben diese prästabilierte Harmonie, die auch er zum Grunde legt.

THEOPHRON. Er? Wo?

PHILOLAUS. Mich dünkt, allenthalben. »Seine zwei Attribute Denken und Ausdehnung oder Bewegung stehen neben einander; jedes muss für sich gedacht, keins kann aus dem andern erklärt werden; jedes durch sich aber drückt die Realität des Ewigen aus«: ist dies nicht Harmonie? Harmonie zweier einander unmitteilbarer Ausdrücke der höchsten Realität? Da sie in dieser ihren ewigen Grund haben, warum sollte man sie nicht Harmonie nennen dürfen?

THEOPHRON. Prästabilierte Harmonie gewiss nicht, am wenigsten in Leibniz' Sinne; von ihr weiß Spinoza's System nicht. Es kennt keine endlose Zahl einzelner Substanzen, deren Harmonie prästabiliert wäre; nur eine Selbstständigkeit kennt es, die sich auf unendliche Weise für uns in zwei großen Attributen ausdrückt. Nach Spinoza drücken beide eine Wesenheit aus, aber, wie er meint, ist eine aus der andern nicht erklärlich. Jene Regel: »Wenn Zwei in einem Dritten eins sind, sind sie unter einander selbst eins«, soll hier also nicht stattfinden; oder beide Attribute fielen in einander und würden, da sie ein Wesen auf verschiedne Art ausdrücken, eins. Die Materie würde Geist, der Geist Materie, nur in unsrer Vorstellungsart unterschieden; ein Einerlei, dem Spinoza stark entgegen redet. Sie sehen, hier will sein System nicht erklären; es setzt voraus und nimmt an, was wir eben erklärt wissen wollten, »wie nämlich die ewige Monas [Einheit] sich in Attributen als eine Dyas [Zweiheit], als eine innere Denk- und äußere Bewegkraft offenbare«. Die Harmonie zwischen diesem Äußern und Innern entwickelt Spinoza nicht, da er sie als dasselbe, als Eins in einem verschiednen Zwei, voraussetzt und auch im Menschen bei der Verbindung zwischen Seele und Körper unerklärt annimmt. Man könnte sie nicht anders als eine symbolische Harmonie nennen, wenn man ihr den Namen Harmonie geben wollte. Das Expansum mit allen in ihm wirkenden Kräften, der Bewegung u.s.w. wäre eine äußere Darstellung der innern ewigen Denkkraft, wie unser Körper der Ausdruck oder, wie er's nennt, das Objekt der Seele ist; sind wir mit dieser mystischen Harmonie weiter, als wir waren?27

PHILOLAUS. Ich hoffe nicht, dass wir je weiter gelangen werden, ja, ich sehe nicht, warum wir weiter gelangen müssten. Metaphysik heißt Nachphysik; nie sollte jene die Physik verlassen, sie aber immer begleiten. Allenthalben sodann bemerkt sie, wie Kraft ohne Organ nicht wirken oder von uns wenigstens nicht wahrgenommen werden könne, wie allenthalben sich also das Äußere zum Innern fügen, jenes in diesem erscheinen, dies das Innere ausdrücken müsse, mit einem Wort, wie allenthalben sich die Natur organisiere. Dies ist Philosophie, die mit Weglassung mystischer Wortformen ihren Weg rüstig fortgehen und jene Spekulation ergänzen darf, die seit Descartes, zum Teil im Gewande der Mathematik selbst, der wahren Philosophie, d.i. der Kenntnis der Natur, voreilte.

THEOPHRON. Übereilen auch Sie Sich nicht! Dies Gewand, mein Freund, war ihr nützlich, es bereitete die Sprache der Philosophie zu einem Kalkül der Beobachtungen und Gedanken. Denn forderte es nicht Bestimmtheit in den Begriffen, Genauigkeit in den Beweisen und Ordnung? Freilich konnte das Kleid nicht die Sache selbst ändern oder vertreten. Sind die Begriffe einmal willkürlich erfasst oder unvollständig abstrahiert, so hilft alle mathematisch reine Darstellung derselben in der besten methodischen Ordnung nicht. Hat man angenommen, was man nicht annehmen sollte, so werden die Beweise Scheinbeweise und die strenge Form selbst ein Hindernis der Wahrheit. Wir sahen dies an Spinoza. Mit einem willkürlich angenommenen Begriff, z.B. Substanz, Attribut, Modifikation [Veränderung, Abwandlung], war eine Menge andrer willkürlichen Erklärungen eines Einen, das sich in zwei Attributen darstellt, u.s.w. veranlasst, welche seine vortreffliche synthetische Methode nicht gut machen, wohl aber täuschend verbergen konnte. In der Kritik macht man die Probe, Verse in Prosa aufzulösen, und nimmt den Grundsatz an, dass, was in Prosa Unsinn ist, es auch in Versen sein müsse; mit dem mathematischen Vortrage metaphysischer Sätze sollte man es ebenso machen. Voraussetzungen, behauptend harte Ausdrücke, die in ungebundner Rede den Verstand beleidigen, können durch die geometrische Form so wenig gut gemacht werden, dass man sich eher aufgebracht fühlt, wenn man Sätze der Art dem Scheine nach demonstriert sieht und sich zuletzt orientieren muss, wie man mit der gefunden Vernunft daran sei.

PHILOLAUS. Sonderbare Philosophie, die sich zuletzt orientiert, da eben sie dem Inhalt wie der Methode nach vom Anfange bis zum Ende uns orientieren sollte. Genug indessen, dass Spinoza weder ein Atheist noch Pantheist ist; ein dritter harter Knoten in ihm bleibt mir noch übrig.

THEOPHRON. Ich merke leicht, wer er sei; und wie, wenn wir eben in dem harten Knoten ein Goldstück fänden?

PHILOLAUS.
Es soll mich freuen, und jede Mühe der Auflösung des Knotens wird mir willkommen sein; aber wer, mein Freund, ist der Verfasser der scholastischen Ode, die Sie mir neulich mitteilten?

THEOPHRON. Ein Atheist, der verbrannt wurde, Vanini. Noch auf dem Richtplatz hob er einen Strohhalm auf und sagte: »dass, wenn er so unglücklich wäre, keine andern Beweise vom Dasein Gottes zu haben als diesen Strohhalm, so würde dieser ihm genug sein«.

PHILOLAUS. Und ward verbrannt? Vielleicht sonst als Ketzer?

THEOPHRON. Ein eitler junger Mann war er, von vielen Fähigkeiten und vieler Ruhmsucht; er wollte ein Julius Cäsar in der Philosophie sein und ward ihr trauriges Opfer. Wie gefällt Ihnen seine Ode?

PHILOLAUS. Für die Zeiten Vanini's gefällt sie mir sehr wohl. Der Ausdruck ist im Latein der damaligen Zeit und die Theorie über das höchste Wesen scholastisch; der zweite Teil des Gedichts aber ist innig und herzlich. Der Dichter, durchdrungen von seinem Gegenstande, bietet allen Reichtum seiner Sprache auf, um uns den Einzigen darzustellen, ohne den wir nichts, durch den wir alles sind, was wir sind, was wir können und wirken.

THEOPHRON.
So wird Ihnen vielleicht auch dies Blatt morgenländischer Sentenzen über das höchste Wesen nicht missfallen. Sie sind im Geist der Sprachen des Orients gedacht und können nichts anders als in solchen gelesen werden. Zu Spinoza passen sie wohl; morgen sprechen wir über ihn weiter.


Gott
Einige Aussprüche der Morgenländer

In ihm leben, weben und sind wir. Wir sind seines Geschlechts.
Paulus.
*

Von ihm, in ihm und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Paulus.
*

Wenn wir gleich viel sagen, so werden wir's doch nicht erschöpfen; der Inbegriff aller Gedanken, das All ist er.
Sirach.
*

Ihm allein kommt es zu, zu sagen: Ich! Er, dessen
Reich ewig und dessen Wesen sich selbst genug ist.
Wer außer ihm sagt: Ich! ist ein Teufel.

*

Der Geschöpfe Eigenschaften sind alle zwiefach; denn wie sie auf der einen Seite Macht haben, so haben sie auf der andern Schwachheit. Wenn sich in einer Sache Überfluss befindet, so findet sich auch Mangel bei ihr. Kenntnis und Unwissenheit sind mit einander vereinigt, Kraft und Schwachheit, Leben und Tod. Nur des Schöpfers Macht ist ohne Grenzen, sein Reichtum ohne Mangel, seine Wissenschaft ohne Dunkelheit, sein Leben ohne Tod. Alle Dinge sind zwiefach geschaffen, Gott allein ist einzig und ewig.
*


Die Menschen, o Gott, messen Dich nicht mit dem Maß, mit welchem Du gemessen werden musst; nur von Deinem Wesen allein kann Dein Wesen begriffen werden. Denn was für ein Verhältnis kann sein zwischen Dem, der ewig ist, und zwischen dem, der in
der Zeit geschaffen worden? zwischen ein wenig Wasser und Erde und zwischen dem Herrn aller Dinge?
*

Die droben im Tempel seiner Herrlichkeit anbeten, gestehen es und sagen: »Wir verehren Dich nicht, o Gott, mit würdiger Verehrung.« Wenn sie den Glanz seiner Schönheit preisen, stehn sie erstaunt und klagen: »Wir erkennen Dich nicht, o Gott, mit wahrer
Erkenntnis.«
Und wenn nun jemand mich um sein Lob fragte, was sollte der Sinnlose vom Bildlosen sagen? Der Liebende wird ein Opfer des Geliebten, und das Opferverstummt.

Saadi.
*

Ein Betrachter Gottes, ein redlicher Mann, senkte das Haupt zum Busen und schien wie untergegangen im Meer der Beschauung. Als er emporkam, redete ihn einer seiner Vertrauten an und sprach: »Was hast du uns Schönes mitgebracht aus dem Garten, in dem Du warest?«

»Ich wollte Rosen brechen,« antwortete er; »mein Kleid, meinen Busen wollte ich anfüllen mit ihnen, ein Geschenk für meine Freunde; schon nahte ich mich dem Busch voll schöner erquickender Rosen; allein der starke Duft derselben berauschte, überwältigte mich; meiner Hand entsank das Kleid und alle gesammelte Rosen.«

Lautsingende Nachtigall, von der Mücke lerne, was Liebe sei! sie fliegt hinein in die geliebte Flamme, ihr Flügel versengt; tot und stumm sinkt sie danieder.

Jene Prahler, jene Schwätzer von Gott wissen nichts von ihm; wer ihn kennt, schweigt.

O Du, höher als alle Gedanken, als alles Urteil, als jede Meinung, als jede Einbildung! Alles, was die Väter sagten, las und hörte ich; Gespräch und Leben ist zu Ende, und ich bin eben am Anfange Deiner Beschreibung.

Saadi.

Drittes Gespräch
PHILOLAUS. Was haben Sie da für eine schöne Göttin vor Sich? Schön wie die Liebe und ernst wie die Weisheit; sie blickt zum verschleierten Busen hinab und hält die Linke, als ob sie etwas an ihr messe; die gemessene Hand hält einen Zweig. Ihr stiller Tritt, die sanfte Erhabenheit in ihrer ganzen Haltung bezeichnen gewiss eine glückbringende, gute Göttin.

THEOPHRON. Es ist die Nemesis der Griechen; ein personifizierter Begriff, den ich liebe. Ernst ist sie, die Tochter der Gerechtigkeit; sie misst mit der Rechten das Betragen und Glück der Sterblichen ab und blickt unparteiisch zum Busen hinunter. Für den, der das Maß trifft, hält sie den Zweig der Belohnung.

PHILOLAUS. Hat sie nicht sonst ein Rad unter ihren Füßen?

THEOPHRON. Sie hat's, zur Anzeige, dass sie das Glück des Übermütigen im schnellen Nu durch die leichteste Berührung stürze und ihn verderbe. Bei der Bildsäule ließ der Künstler dies Symbol weg und gab ihr dafür den stillen Tritt, die sanfte Haltung, die Sie bemerkten; unsre Nemesis, mein Freund, soll des schreckenden stürzenden Rades auch nicht bedürfen. Das ernst-gütige Angesicht der Göttin, ihr weises Maß und der Zweig des Glückes in ihrer Hand sind der Symbole genug, uns an die feste Naturwahrheit zu erinnern: »dass aller Bestand, alles Wohlsein, ja das Dasein der Dinge selbst nur auf Maß, Proportion und Ordnung gebaut seien und sich durch diese allein erhalten«.

PHILOLAUS. Da treffen Sie, Theophron, auf den Satz eines meiner geachtetsten Philosophen, den ich den Leibniz unsrer Zeit nennen möchte, Lambert's. Sowohl in seinem Organon als in seiner Architektonik kann er nicht oft genug auf die Wahrheit zurückkommen, »dass der Beharrungszustand, mithin das Wesen jedes eingeschränkten Dinges allenthalben auf einem Maximum beruhe, bei welchem gegenseitige Regeln einander einschränken, mithin die Bestandheit der Dinge und ihre innere Wahrheit nebst dem Ebenmaß, der Ordnung, Schönheit, Güte, die sie begleiten, auf eine Art innerer Notwendigkeit gegründet sei«. Er gibt Ihnen also Ihre Nemesis, mit dem messenden Arm und dem Zweige in der Hand, als eine mathematisch-physisch-metaphysische Formel.

THEOPHRON. Auch in dieser Gestalt habe ich sie lieb, und wenn sich ungleichartige Dinge vergleichen ließen, fast noch lieber, als in welcher sie der Künstler bildete. Dieser musste sich begnügen, mancherlei Symbole zusammenzufügen; die abstrakte Wahrheit gibt mir solche als notwendige Bestimmungen des Begriffes selbst, mithin nehmen das Maß und der Zweig der Belohnung in ihr eine wesentlichere Gestalt an. Aber wo ist das Rad der Veränderung, das der Nemesis gehört, in Ihrer mathematischen Formel?

PHILOLAUS. Der Weltweise vergaß es nicht; er bemerkte, »dass, wenn Dinge oder Systeme von Dingen in ihrem Beharrungszustande gestört werden, sie sich demselben auf eine oder die andere Weise wieder zu nähern trachten«, und bestimmte diese Weisen.

THEOPHRON. Vortrefflich! Sie sehen, Philolaus, den Vorzug solcher wissenschaftlichen Formeln. Was der gemeine Verstand in täglichen Erfahrungen dunkel bemerkt, bringen sie ins Licht, führen es auf allgemeine Gesetze, ja wo möglich auf Zahl und Größe zurück; dadurch bekommt ihre Behauptung einen Wert der bestimmten Gewissheit, ja einer allgemeinen Anwendung, die man nachher bei jedem einzelnen Gegenstande gern verfolgt. Wahrscheinlich wird es Ihr Lambert auch so gemacht haben.

PHILOLAUS. In reichem Maße. Er wendet das Maximum seines Beharrungszustandes in mancherlei Beispielen auf die verschiedensten Gegenstände an und findet es bei allen beschränkten und zusammengesetzten Systemen der Kräfte. So hat er in einer eignen Abhandlung die Bewegung des menschlichen Körpers berechnet und eine Reihe von ihren Maximis gefunden; gleichergestalt hat er eine Theorie der Ordnung versucht und seinen Beharrungszustand auch auf Gegenstände der Schönheit, der Güte, des Nutzens anzuwenden angefangen. Er hat mehrmals den Wunsch geäußert, dass bei allen Systemen zusammengesetzter, beschränkter Kräfte diese Regel bewiesen und angewandt werden möchte. Gewiss hätte er auch selbst diesen seinen Lieblingssatz noch weiter verfolgt, wenn ihn nicht ein frühzeitiger Tod zum Nachteil mehrerer Wissenschaften, die er anbaute, dahingerissen hätte.

THEOPHRON. Sein Tod ist zu bedauern; aber andre Geister werden anbauen, was er angebaut zu werden wünschte. In der mathematischen Physik hat man mehrere dergleichen Gesetze und Kompensationen bereits gefunden, die alle Willkür ausschließen und dem denkenden Geist den hohen Begriff »innerer Vollkommenheit, Güte und Schönheit in der Existenz und Fortdauer eines Dinges« zu seiner unbeschreiblichen Freude geben. Aus manchen dieser Bemerkungen hat man freilich anfangs zu viel schließen wollen; das schadet aber der Schönheit ihrer Erfindung nicht. Der Irrtum schleift sich ab, die Wahrheit bleibt. Je mehr die Physik zunimmt, desto weiter kommen wir aus dem Reich blinder Macht und Willkür hinaus, ins Reich der weitesten Notwendigkeit, einer in sich selbst festen Güte und Schönheit. Jede sinnlose Furcht verschwindet, wenn der freudig - klare Sinn allenthalben eine Schöpfung gewahr wird, in deren kleinstem Punkt der ganze Gott in Gesetzen seiner Weisheit und Güte gegenwärtig ist und, dem Wesen jedes Geschöpfs nach, mit seiner ungeteilten und unteilbaren Kraft wirkt. Wo bleibt z.B. das leere Schrecken, dass ein Komet unsre Erde überflügeln möge, seitdem man den Gang dieser Weltkörper genauer kennt und nach den bisher gemachten Wahrnehmungen selbst die Fälle berechnet hat, in welchen eine solche Überstürzung zu befürchten wäre? Die Möglichkeit dieses Unfalls wird durch die Berechnung so ungeheuer klein, dass sie, dem großen Verhältnis der Kräfte nach, durch welche sich das Weltall erhält, beinahe zum Nichts verschwindet. Was hat man nicht von den Unregelmäßigkeiten und ihren bösen Folgen gewähnt, in welche sich die Himmelskörper durch ihre gegenseitigen Anziehungen mit der Zeit stürzen müssten! Das leere Schrecken ist durch die klarere Ansicht der Sache selbst verschwunden, da man gefunden hat, dass nach unwandelbaren Gesetzen alle Störungen der Planeten periodisch in bestimmten Grenzen enthalten sind und diese Unregelmäßigkeiten einander selbst kompensieren; das Planetensystem ist also bestehend, bleibend. Wohltätige, schöne Notwendigkeit, unter deren überall ausgebreitetem Zepter wir leben! Sie ist ein Kind der höchsten Weisheit, die Zwillingsschwester der ewigen Macht, die Mutter aller Güte, Glückseligkeit, Sicherheit und Ordnung.28 Wüsste ich ein schöneres Bild derselben aus dem Altertum, die Nemesis sollte dieser höheren Adrastea sogleich ihren Platz einräumen.

PHILOLAUS. Das also war das Goldstück, das Sie mir in dem Knoten versprachen, den uns Spinoza mit seiner innern Notwendigkeit der Natur Gottes, die uns offenbart, ja in und um uns wesentlich ausgedrückt sei in allem höchsten Naturgesetzen, geknüpft hat? Aber, Theophron, der Knoten ist noch nicht gelöst. Wie hart redet er gegen alle Absichten Gottes in der Schöpfung! Wie bestimmt spricht er Gott den Verstand und Willen ab und leitet alles, was da ist, bloß und allein aus seiner unendlichen Macht ab, die er nicht nur über Verstand und Absichten setzt, sondern auch von denselben trennt und unterscheidet.29 Sie wissen, mein Freund, dass diese Sätze unserm Philosophen die eifrigsten Gegner zugezogen haben;30 selbst Leibniz, der den Spinoza ehren musste, hat sich in seiner »Theodicee« und sonst aufs Bestimmteste gegen sie erklärt.31 Wenn Sie diese so beleidigenden Sätze mit dem in manchem Andern so vortrefflichen System des Spinoza vereinigen können, so wünsche ich mir selbst die Nemesis zu sein, die Ihnen den Zweig reiche.

THEOPHRON. Ich wünsche ihn nur aus der Hand der Wahrheit; denn ich kann beweisen, teils dass Spinoza auch in diesen Sätzen nur deshalb anstößig ist, weil er in der Cartesischen Sprache sprach und auf das Bestimmteste in ihr sprechen wollte; teils dass man ihn noch viel härter verstanden hat, als er sich hart ausdrückte. Setzen wir jene Ausdrücke des Cartesianismus in andre uns geläufigere um und erklären des Spinoza Sätze der reinen Grundidee zufolge, auf welche er sein ganzes System baute, so hellen sie sich auf; die Nebel ziehen hinweg, und Spinoza gewinnt, wie mich dünkt, selbst einen Schritt vor Leibniz voraus, der vorsichtig, aber in diesem Stück vielleicht zu vorsichtig, also auch nicht genugtuend auf ihn folgte.

PHILOLAUS. Ich bin sehr neugierig.

THEOPHRON. Zuerst leugne ich's völlig, dass Spinoza Gott zu einem gedankenlosen Wesen dichte; schwerlich kann es einen Irrtum geben, der seinem System mehr zuwider liefe als dieser. Das Wesen Gottes ist bei ihm durchaus Wirklichkeit, und Spinoza war selbst zu sehr ein Denker, um nicht die Realität auch dieser Vollkommenheit, der höchsten, die wir kennen, innig zu schätzen und zu fühlen. Sein höchstes Wesen also, das alle Vollkommenheit auf die vollkommenste Weise besitzt, kann der vorzüglichsten derselben, des Denkens, nicht ermangeln, denn wie wären sonst, da alles nur durch ihn und in ihm ist, Gedanken und Vorstellungsarten in eingeschränkten, denkenden Geschöpfen, die, nach Spinoza's System, allesamt ja nur Darstellungen und reale Folgen jenes höchstrealen Daseins sind, das nach seiner Erklärung allein den Namen eines Selbstbestehenden verdient? In Gott ist also, wie er oft und deutlich sagt,32 unter unendlichen Eigenschaften auch die Vollkommenheit eines unendlichen Denkens, die Spinoza eben nur deswegen vom Verstande und den Vorstellungsweisen eingeschränkter Wesen streng unterscheidet, um jene als ursprünglich, absolut und einzig in ihrer Art, ganz unvergleichbar mit diesen, zu bezeichnen. Sie werden sein Gleichnis bemerkt haben, dass sich die Gedanken Gottes zu menschlichen Vorstellungsarten wohl kaum anders verhalten könnten als das Gestirn am Himmel, das man den Hund nennt, zu einem irdischen Hunde.

PHILOLAUS. Das Gleichnis hat mich mehr betroffen als belehrt.

THEOPHRON. Belehren sollte es auch nicht, aber scharf unterscheiden. Es zeigt, dass Spinoza auch hier lieber zu scharf griff und sich zu hart ausdrückte, als dass er, ein Eiferer für den würdigsten höchsten Begriff von Gott, diesen zu irgend einer schwachen Vergleichung mit Verstandesbegriffen oder Kräften, denen die verständlichen Dinge vorliegen müssen, erniedrigen wollte. Dass alle reine, wahre, vollständige Erkenntnis auch in unsrer Seele gleichsam nur eine Formel des göttlichen Erkennens sei, das, getraue ich mir zu sagen, hat niemand stärker behauptet als Spinoza, er, der die Natur des Göttlichen im Menschen einzig nur in diese, Gott gleichsam ähnliche, reine, lebendige Erkenntnis Gottes, seiner Eigenschaften und Wirkungen setzte.

PHILOLAUS. Wie aber? sollte Spinoza's unendlich - denkendes Wesen nicht bloß ein gesammelter Name aller der Verstandes- und Denkkräften sein, die in einzelnen Geschöpfen allein wirklich sind und denken?

THEOPHRON. Gott ein gesammelter Name? das wirkliche Wesen ein Unding, der Schatte in der Vorstellungsart einzelner Menschen? oder vielmehr ein bloßes Wort, der Schall eines Namens? Der Höchstlebendige also ein Toter, der Allwirksame ein Nichts, die letzte stumpfste Wirkung menschlicher Kräfte? Philolaus, wenn Sie das aus eigner Meinung dem Spinoza zuschreiben und das völligste Gegenteil seines Systems zu seinem System machen können - doch das können Sie nicht. Unmöglich, dass Sie den auch in seinen Behauptungen wenigstens zusammenhangenden Weltweisen von Blatt zu Blatt, von Anfang zu Ende so missverstehen konnten. Wahrscheinlich sprachen Sie aus dem Munde seiner Gegner im vorigen Jahrhundert. -

PHILOLAUS. Eifern Sie nicht; im Gespräch führt man bisweilen auch einen fremden Gast ein, wenn er der Materie forthilft und sie durch Gegensätze erläutert. Für mich bin ich über Spinoza's Meinung hierüber durchaus nicht zweifelhaft gewesen, seitdem ich seine »Ethik« gelesen. Wie eifert er gegen die, die Gott zu einem abstrakten, toten Konsektarium der Welt machen wollen, da dieses einzige Wesen bei ihm die Ursache alles Seins und Denkens, mithin auch unsrer Vernunft, jeder Wahrheit und jeder Verbindung von Wahrheiten ist! Wie hoch hält er eine vollständige und vollkommene Idee!33 Sie ist ihm die Erkenntnis der Gesetze der Natur, in ihnen des ewigen, göttlichen Wesens; göttlich auch darin, dass sie die Dinge nicht zufällig, sondern als notwendig unter einem Bilde der Ewigkeit denkt und eben dieser innern Notwendigkeit wegen ihrer so gewiss ist, wie Gott derselben gewiss sein kann. Höher lässt sich das Wesen des menschlichen Gemüts, das kraft seiner Natur Wahrheit erkennt und solche als Wahrheit liebt, schwerlich heben; und er, der das Denken so hoch erhob, sollte seinen Gott den Ursprung, Gegenstand und Inbegriff aller Erkenntnis, gedankenlos, blind wie einen Polyphemus gedichtet haben? Beinah schäme ich mich selbst vor dem Geist des Mannes, dass ich diesen Antipodenvorwurf gegen ihn auch nur beiläufig anführe.

THEOPHRON.
Wohlan also, eine unendliche, ursprüngliche Denkkraft ist nach Spinoza Gott wesentlich; über die unendliche Wirkungskraft in ihm haben wir diesem System nach nicht zu zweifeln.

PHILOLAUS.
Nein; denn auch in der entsprungenen Natur ist nach Spinoza Verstand und Wille sogar eins; d.i. in unsrer lindern Sprache: ein Verstand, der das Beste einsieht, muss auch das Beste wollen, und wenn er die Kraft dazu hat, es wirken. An der unendlichen Macht seines Gottes aber ist nicht zu zweifeln, da eben diese Macht d.i. Wirklichkeit und Wirksamkeit, ihm das ist, woher er alles leitet.

THEOPHRON.
Was, meinen Sie, hinderte ihn also, dass er die unendliche Denk- und Wirkungskraft nicht verband und in dieser Verbindung das nicht deutlicher ausdrückte, was er ihn ihr notwendig finden musste, nämlich (nach unserer Weise zu reden): »dass die höchste Macht notwendig auch die weiseste Macht, mithin eine nach innern ewigen Gesetzen geordnete, unendliche Güte sei«? Denn eine ungeordnete, regellose, blinde Macht ist ja nie die höchste; nie kann sie das Vorbild und der Inbegriff aller der innern Wahrheit und Regelmäßigkeit sein, die wir, obgleich so eingeschränkte Wesen, nach ewigen Gesetzen in der Schöpfung bemerken, wenn sie selbst diese Gesetze nicht kennt und solche nicht als ihre ewige, innere Natur ausübt. Von einer geordneten müsste die blinde Macht notwendig übertroffen werden und könnte also nicht Gott sein.

PHILOLAUS. Ich danke Ihnen, da Sie mir auf einmal den Schleier zerreißen, der mir, nicht Spinoza, das Licht nahm. In der Cartesischen Terminologie standen Gedanken und Ausdehnung ihm als zwei aus einander unerklärliche Attribute entgegen; der Gedanke kann nicht durch die Ausdehnung, die Ausdehnung nicht durch den Gedanken begrenzt werden. Da er nun beide als Eigenschaften Gottes, eines unteilbaren Wesens, annahm und keine durch die andre zu erklären wagte, so musste er ein Drittes annehmen, unter welches sich beide fügten, und das war - was konnte es anders sein als Macht, d.i. wirkliche Wirksamkeit, wirksames Dasein? Der Begriff von Macht, wie der Begriff der Materie und des Denkens - entwickelt, fallen alle drei, diesem System selbst zufolge, in einander, d.i. in den Begriff einer Urkraft, die ebensowhol in der Materie, als dem Organ der Begriffe, als im Denken selbst unendlich wirkt. Auch Macht und Gedanke werden hiemit eins; denn der Gedanke ist Macht, und zwar die vollkommenste, schlechterdings unendliche Macht, eben dadurch, dass er alles in sich ist und hat, was zur unendlichen, in sich selbst gegründeten, sich selbst ausdrückenden Macht gehört. Der Knoten ist also gelöst, und das Gold in demselben liegt vor mir. Die »ewige Urkraft«, die Kraft aller Kräfte ist nur eine; und in jeder Eigenschaft derselben, wie solche unser Verstand auch teilen möge, ist sie gleich unendlich. Nach ewigen Gesetzen seines Wesens denkt, wirkt und ist Gott das Vollkommenste auf jede von ihm allein denkbare, d.i. die vollkommenste Weise. Nicht weise sind seine Gedanken, sondern die Weisheit; nicht gut allein sind seine Wirkungen, sondern die Güte; und das alles nicht aus Zwang, nicht aus Willkür, als ob auch das Gegenteil statthaben könnte, sondern aus seiner innern, ewigen, ihm wesentlichen Natur; aus ursprünglicher, vollkommenster Güte, d.i. Tätigkeit und Wahrheit. Jetzt sehe ich auch, mein Freund, warum Spinoza so sehr gegen die »Endabsichten« ist und dem Anschein nach hart gegen sie redet. Sie sind ihm schwache Überlegungen und Vorstellungsarten, Willkürlichkeiten und Velleitäten [kraftloses Wollen, Wunsch, der nicht zur Tat wird], die z.B. der Künstler gewollt, aber auch nicht gewollt haben könnte. Was Gott wirkte, darüber durfte er nicht erst ratschlagen und wählen; die Wirkung floss aus der Natur des vollkommensten Wesens, sie war einzig und außer ihr nichts Anderes möglich. Jetzt weiß ich, warum die vielen Anthropopathien, selbst in Leibniz' vortrefflicher »Theodicee«, mir nie recht zum Herzen wollten, ob ich damals gleich an ihre Stelle nichts Besseres zu setzen wusste, weil ich vor der blinden Notwendigkeit zurückbebte. Ich bemerke jetzt, dass meine Furcht vergebens war, und dass man keine blinde Notwendigkeit nötig habe, um jene lichtvolle, wirkende Notwendigkeit zu verehren, die durch die Natur ihres Wesens ist und denkt und will und wirkt. Haben Sie die »Theodicee« zur Hand, Theophron?

THEOPHRON. In mehr als einer Sprache; hier aber eine kürzere »Theodicee« von einem unsrer beliebtesten Dichter.34

PHILOLAUS.

»Die Risse liegen aufgeschlagen,
Die, als die Gottheit schuf, vor ihrem Auge lagen:
Das Reich des Möglichen steigt aus gewohnter Nacht;
Die Welt verändert sich mit immer neuer Pracht,
Nach tausend lockenden Entwürfen,
Die eines Winks zu schnellem Sein bedürfen.

Doch Dämmerung und kalte Schatten
Sehn über Welten auf, die mich entzücket hatten:
Der Schöpfer wählt sie nicht; er wählet unsre Welt,
Der Ungeheuer Sitz.«

Es ist die treue »Theodicee« des Leibniz, schön versifiziert, doch aber, wie mich dünkt, vom Philosophen gedacht auf Kosten rein philosophischer gotteswürdiger Wahrheit. Vor Gott lagen keine Risse aufgeschlagen; er saß nicht wie ein grübelnder Künstler, der sich den Kopf zerbrach, entwarf, verglich, verwarf, wählte. Kein Reich des Möglichen ist außer der Macht und dem Willen des Unendlichen da: denn wenn er's nicht schaffen wollte, nicht schaffen konnte, so war es nicht möglich. Keine Welt, geschweige tausend Welten nach lockenden Entwürfen, die nur eines Winks zu ihrem Dasein bedurft hätten, und die Gott doch nicht wählte, konnten je ein Gedanke Gottes werden. Er spielte nicht mit Welten, wie Kinder mit Seifenblasen spielen, bis ihm eine gefiel und er sie vorzog. Waren tausend andre außer dieser möglich, so konnte ein größerer Gott sie erschaffen; der schwächere, mühsam-überlegende ward von ihm überwunden und war nicht Gott.

THEOPHRON. Bemerken Sie es? Eben dies sagt Spinoza.35

PHILOLAUS.
Ich bemerke es wohl und lese weiter:

»Eh ihn die Morgensterne lobten
Und auf sein schaffend Wort des Chaos Tiefen tobten,
Erkor der Weiseste den ausgeführten Plan.«

Die schönen Verse sagen dasselbe. Der Weiseste erkor nicht, wo es keiner vorgängigen, zweifelnden Überlegung bedurfte. Alle diese Gedankenreihen, diese Plane, diese wechselnden Entwürfe sind mit der vollkommensten Natur des unendlichen, unveränderlichen Geistes unvereinbart. Sie gehören in jene taube und stumme Ewigkeit, die der müßige Gott

»- - - einst einsam durchgedacht,
Bis dann erst und nicht eh er eine Welt gemacht,«

worüber wir schon eins sind. Mich wundert, wie Leibniz dergleichen Anthropopathien Raum geben konnte.

THEOPHRON. Darüber wundern Sie Sich nicht. Er gab ihnen in einem populären Buch, seiner »Theodicee«, Raum, und Sie wissen, wozu die populäre Vorstellungsart oft verleitet. Die vielen und scheinbaren Einwürfe Bayle's zwangen ihn, seine Gegengründe behutsam vorzutragen und sie auf alle Seiten zu wenden; daher denn die Anthropopathien [menschliche Empfindungen], ja beinah durchgängig ein fortgesetzter seiner Anthropomorphismus, den auch ich zwar für mich aus diesem Zweck nötig war. Schade nur, dass seine Nachfolger nicht immer unterschieden, was bei ihm bloß Einkleidung oder Akkommodation [Angleichung, Anpassung] war, und was strenge zu seinem System gehört. So hat man z.B. auch den Spinoza lange und oft durch Unterscheidung der Welt »außer Gott und in Gott« widerlegen wollen. »In Gott sei die Welt ewig als Idee«, d.i. als Seifenblase gewesen, mit welcher er in der Einbildung spielte; er ergötzte sich an ihr und brütete große, große Ewigkeit hindurch das ungeborne Ei aus. Jetzt kam die Zeit (denken Sie Sich in der Ewigkeit des müßigen Gottes die lange, lange Zeit), und nun beschloss er zu schaffen. Plötzlich trat die Welt aus Gott heraus, sie, die so lange in ihm gewesen war, und jetzt ist sie immer außer demselben, er außer der Welt. Im großen Nichts der uralten, müßigen Ewigkeit hat er sein Räumchen, wo er sich selbst betrachtet und wahrscheinlich über das Projekt einer andern Welt nachsinnt. Ich gestehe es, Epikur's Götter sind mir leidlicher als dies müßige, melancholische Wesen, durch welches man frisch und frei den Spinoza zu widerlegen glaubte. Leibniz ist an diesen Unbegriffen nicht Schuld, als sofern er als ein dichterischer Kopf auch bei strengen Wahrheiten Einkleidung, d.i. Bilder, Gleichnisse, Allegorien, Anthropopathien, und bei anstößig scheinenden Wahrheiten das Bequemen zu fremden Begriffen nie verschmähte.

PHILOLAUS. Desto schlimmer für seine Nachfolger; denn da sie den Kern von der Schale nicht sonderten, so hieß ihnen Leibnizianismus, was bei Leibniz selbst nur einkleidende Dichtung oder Akkommodation war. Gegen die Notwendigkeit des Spinoza indessen hat er sich stark erklärt.

THEOPHRON. In einer populären »Theodicee«, in der es nicht sein Zweck war, den Spinoza sanft zurechtzurücken, wie er's in einer andern vortrefflichen Schrift mit Locke getan hat,36 sondern sein eigenes System von Spinoza's scharf zu unterscheiden.

PHILOLAUS. Und dies eigne System Leibnizens war -

THEOPHRON. Das System der moralischen Notwendigkeit in Gott, nach welchem er das Beste aus Konvenienz [Harmonie, Übereinstimmung] wählte.

PHILOLAUS.
Und wie ist die moralische Notwendigkeit von der Notwendigkeit, die wir die wesentliche, innere, göttliche nennen wollen, unterschieden? Gott muss das Beste, nicht durch eine schwache Willkür, sondern seiner Natur nach, ohne langsame Vergleichung mit dem Schlechtern, das an sich ein Nichts ist, vollständig einsehen und wirken. Auch im System des Spinoza ist von einem physischen, d.i. blinden äußern Zwange gar nicht die Rede; gegen ihn streitet er aus vollen Kräften.37 Sittengesetze von außen aber kennt Gott nicht.

THEOPHRON. An die dachte auch Leibniz nicht, da er das Wort »moralische Notwendigkeit« wählte; er setzte sie bloß der physischen, d.i. der blinden Macht oder dem äußern Zwange entgegen und stieß sich in Ansehung der ersten an die harten Ausdrücke des Spinozas. Selbst seine moralische Notwendigkeit in Gott hat er, so viel er konnte, durch Anthropopathien eines Entwurfs, einer Wahl, der Konvenienz u.s.w. gemildert.

PHILOLAUS. Ob Bayle nichts darauf zu antworten gehabt hätte, ist eine Frage. Leibniz musste sich bei jener Wahl, in welcher Gott das Beste nach Konvenienz wählt, aus Absichten beziehen, die nur Gott wisse, die wir als gut annehmen, eben weil sie Gott wählte, sonst würde er sie nicht gewählt haben u.s.w.

THEOPHRON. Das musste er freilich.

PHILOLAUS. Und welcher Sterbliche wird's nicht tun müssen, sobald er von der innern Notwendigkeit, die durch sich selbst Güte ist, den Blick weg wendet und einzelne Absichten Gottes nach Konvenienz erraten will? Unvermutet sinkt er in ein Meer erdichteter Endzwecke, die er bewundert oder vermutet, bei welchen er aber den Grund der ganzen Erscheinung, die innere Natur der Sache nach unwandelbar ewigen Gesetzen, zu erforschen leicht aufgibt. Welche Menge Theodiceen, Teleologien, Physiko-Theologien sind auf diese Konvenienz errichtet, die aus Konvenienz dem höchsten Wesen oft nicht nur sehr eingeschränkte, schwache Absichten unterschoben, sondern zuletzt darauf hinausgingen, Alles zur Willkür Gottes zu machen, die goldne Kette der Natur zu zerreißen, um ein paar Gegenstände in ihr so zu isolieren, dass eben an dieser und jener Stelle ein elektrischer Funke willkürlicher göttlicher Absicht erscheine. Ich gestehe, das ist meine Philosophie nicht.

THEOPHRON.
Und welches ist die Ihrige, Philolaus?

PHILOLAUS. Um die Gesetze der Natur, um die innere Natur der Dinge mich zu bekümmern, wie sie da sind. Bedingt ist das Dasein der Welt, daran zweifelt niemand; denn eine Wirkung ist nur durch ihre Ursache, nicht durch sich selber. Da aber die Welt einmal da ist (wie sie auch entstanden sein möge) und nicht etwa nur hie und da Spuren von Macht, Weisheit und Güte zeigt, wie man gemeiniglich redet, sondern in jedem Punkt, im Wesen jedes Dinges und seiner Eigenschaften (wenn ich so sagen darf) den ganzen Gott offenbart, wie er nämlich in diesem Symbol, in diesem Punkt des Raumes und der Zeit sichtbar und energisch werden konnte: welche Kindheit wäre es, allein uns immer zu fragen, warum und zu welchen geheimen Absichten er sich denn wohl hier also, dort also geoffenbart haben möge, statt der notwendigern und schönern Untersuchung: was es denn eigentlich sei, das sich und welchergestalt es sich offenbare, d.i. welche Kräfte der Natur und nach welchen Gesetzen sie nicht nur in diesem oder jenem Organ, sondern allenthalben organisch wirken?

THEOPHRON.
Fahren Sie fort, Philolaus!

PHILOLAUS. Wir nennen die Welt, weil sie eine Wirkung und voll Wirkungen ist, zufällig; der Ausdruck ist unpassend und selbst der Sprache zuwider. Die Wirkung der höchsten Macht, die nach notwendigen innern Gesetzen ihres Wesens, mithin der vollkommendsten Güte und Weisheit wirkt, ist nicht Zufall, so wenig der Verstand Gottes (das Wort im rechten Sinne gebraucht) zufällig-weise, zufällig-gut ist. Er schuf das Mögliche und einer unendlichen Macht ist alles Mögliche möglich. Dies Alles nun ist, wie wir's nennen, durch Raum und Zeit, d.i. durch wesentliche Ordnung verbunden; jedes hervorgebrachte Ding ist durch die vollkommenste Individualität bestimmt und mit ihr umschränkt; weder im Ganzen der Welt noch in ihrem kleinsten Teile ist also Zufall. Außer dem, was der allmächtig-wirkende Geist möglich fand, ist jede Möglichkeit ein Traum, so wie es außer dem Raume keinen Raum, außer der Zeit keine Zeit gibt. Alles dies sind leere Phantome der Einbildungskraft, Worte, die ein Traum zusammensetzte und in einem Traum Anschauungen wähnt.
Keinen Augenblick also ruhte der Schöpfer; denn in der Ewigkeit Gottes gibst's keine Augenblicke und der wesentlich Wirksame ruhte nie. Deshalb aber ist die Welt nicht wie Gott ewig; denn sie ist eine Verbindung von Dingen der Zeit. Jeder Augenblick der Zeitenfolge also, ja die ganze Zeitenfolge selbst ist mit der absoluten Ewigkeit Gottes unvergleichbar. Alle Dinge der Zeitenfolge sind bedingt, sind abhängig von einander, ganz abhängig endlich von der Ursache, die sie hervorgebrachte; keins derselben ist also mit dem Dasein Gottes zu vergleichen. Was die Zeit für die Folge ist, ist der Raum für die Koexistenz. Gott ist durch keinen Raum ausmessbar, weil er mit keinem Dinge als Seinesgleichen koexistiert; er ist aber die ewige Ursache, die unergründliche Wurzel aller Dinge, so erhaben über unsere Einbildungskraft, dass in ihm aller Raum und alle Zeit, Denkbilder unserer Phantasie, schwinden. Wir endliche Wesen, mit Raum und Zeit umfangen, die wir uns alles nur unter ihrem Maß denken, wir können von der höchsten Ursache nur sagen: sie ist, sie wirkt; aber mit diesem Worte sagen wir alles. Mit unendlicher Macht, die durch sich die höchste Güte ist, wirkt sie in jedem Punkt des Raums, in jedem Augenblick der forteilenden Zeit; Raum und Zeit aber sind nur uns ein dunkles oder helleres Bild vom Zusammenhange der Wesen nach jener fest bestimmten ewigen Ordnung, welche die Eigenschaft und Wirkung der unendlichen Wirklichkeit selbst ist, mithin auf nichts Geringerem als dieser unteilbaren ewigen Unendlichkeit ruht. Kein edleres Geschäft also kennt unser Geist, als in den uns gegebenen Symbolen der Wirklichkeit der Ordnung zu folgen, die im Verstande des Ewigen war, ist und sein wird. Jedes seiner Gesetze ist das Wesen der Dinge selbst, ihnen nicht willkürlich angehängt, sondern eins mit ihnen. Ihr Wesen ist sein Gesetz, sein Gesetz ihr Wesen; die Verbindung aller ist eine tätige Darstellung seiner Wirksamkeiten und Kräfte. Wie kindisch wäre es nun, wenn, indem ich die Schönheit des Zirkels und seiner mancherlei Verhältnisse bewundre, ich tiefsinnig den geheimen, besondern Absichten nachspüren wollte, warum Gott solch einen Zirkel schuf, warum er die genauen, schönen Verhältnisse in ihm zur Natur des Zirkels und unsrer messenden Vernunft machte! Der Raum wäre kein Raum, wenn in ihm nicht unter allen möglichen Umrissen auch der Zirkel stattfinden sollte, und unsre Vernunft wäre keine Vernunft, wenn sie die schönen Verhältnisse jeder Abteilung in ihm nicht bemerken könnte.

THEOPHRON.
Ich will Ihnen mit andern Beispielen helfen, Philolaus. Wenn immerhin die Menschen bei der Bewunderung stehen geblieben wären,

- »Dass Sterne sonder Zahl,
Mit immer gleichem Schritt und ewig hellem Strahl,
Durch ein verdeckt Gesetz vermischt und nicht verwirret,
In eignen Kreisen gehn und nie ihr Lauf verirret:«

so wäre diese Bewunderung allerdings schon eine Art von Anbetung des Gottes gewesen, von dem es heißt:

- »Sein Will' ist ihre Kraft;
Er teilt Bewegung, Ruh' und jede Eigenschaft
Nach Maß und Absicht aus«,

und man hätte sich dabei viele Absichten, falsche und wahre, würdige und unwürdige erdenken mögen. Der Naturweise aber, der von diesen Absichten vorerst hinwegsah und eben »das verdeckte Gesetz« aufsuchte, durch welches die Sterne

- »vermischt und nicht verwirret,
In eignen Kreisen gehn, und nie ihr Lauf sich irret«,

er tat mehr, als der größte Absichtendichter tun konnte. Er dachte dem Gedanken Gottes nach und fand ihn, nicht in einem Traum willkürlicher Konvenienzen, sondern im Wesen der Dinge selbst, deren Verhältnisse er maß, wog und zählte. Jetzt erkennen wir das große Gesetz dieses Weltbaues, und unsre Bewunderung ist vernünftig, da sie sonst ewig und immerhin ein zwar frommes, aber leeres Staunen gewesen wäre.

PHILOLAUS. Setzen Sie dazu: ein sehr trügliches Staunen; denn wenn wir a priori partikulare Absichten Gottes in die Schöpfung bringen und in der ewigen Ratkammer wollen gehört haben, warum Saturn einen Ring, unsre Erde einen Mond, Mars und Venus aber keinen haben: auf welche Bahn täuschender Hypothesen wagen wir uns, die meistens der künftige Tag widerlegt! Über den Ring des Saturns, über den Mond der Erde und der Venus war aus dem Register göttlicher Absichten so manches gesagt und geglaubt worden, das man beschämt zurücknehmen musste, als man fand, Venus habe keinen Mond, mit der Beleuchtung der Saturnseinwohner aus ihrem Demantringe wie mit unserm Monde selbst verhalte es sich nach weitern Entdeckungen auch anders, als man dem ersten Scheine nach annahm. Allen diesen Trüglichkeiten, zu welchen man den heiligen Namen nicht missbrauchen sollte, entgeht der bescheidne Naturforscher, der uns zwar nicht partikulare Willensmeinungen aus der Kammer des göttlichen Rats verkündigt, aber dafür die Beschaffenheit der Dinge selbst untersucht und auf die ihnen wesentlich eingepflanzten Gesetze merkt. Er sucht und findet, indem er die Absichten Gottes zu vergessen scheint, in jedem Gegenstande und Punkt der Schöpfung den ganzen Gott, d.i. in jedem Dinge eine ihm wesentliche Wahrheit, Harmonie und Schönheit, ohne welche es nicht wäre und sein könnte, auf welche also seine Existenz mit innerer, zwar einer vorübergehenden und bedingten, dennoch aber in ihrer Art ebenso wesentlichen Notwendigkeit gegründet ist, als auf welcher unbedingtund ewig das Dasein Gottes ruht. Eben die völlige Abhängigkeit der Dinge von Gott macht ihre Wesen zu notwendigen Denkbildern seiner Macht, Güte und Schönheit, wie sich diese nur in solchen und keinen andern Erscheinungen offenbaren konnte. Ich wünschte, dass Spinoza ein Jahrhundert später geboren wäre, um von den Hypothesen des Descartes fern, im freieren Licht der Naturlehre und Naturgeschichte zu philosophieren; wie trefflich würde seine abstrakte Philosophie diese hohen Entdeckungen gebraucht haben!

THEOPHRON. Und ich wünschte, dass Andre auf dem Wege tapfer fortgehen mögen, für welchen Spinoza an seiner Stelle die Bahn brach, nämlich: reine Naturgesetze zu entwickeln, ohne sich um partikulare Absichten Gottes dabei zu kümmern. Wer mir die Naturgesetze zeigen könnte, wie nach innerer Notwendigkeit aus Verbindung wirkender Kräfte in solchen und keinen andern Organen unsre Erscheinungen der sogenannt toten und lebendigen Schöpfung, Salze, Pflanzen, Tiere und Menschen, erscheinen, wirken, leben, handeln, hätte die schönste Bewunderung, Liebe und Verehrung Gottes weit mehr befördert, als der mir aus der Kammer des göttlichen Rats predigt, dass wir die Füße zum Gehen, das Auge zum Sehen haben u.s.w.

PHILOLAUS. Mich dünkt, mit solchen Physiko-Theologien gehe es ziemlich hinunter.

THEOPHRON. Zu ihrer Zeit waren sie sehr nützlich; sie waren eigentlich nichts als kindlich-populäre Anwendungen einer neuen festeren Naturlehre. Ihr Grund wird also immer bleiben, ja die Wahrheit in ihnen wird sich noch ungleich mehr veredeln, wenn man nicht mehr bei jedem einzelnen kleinen Umstande nach einzelnen kleinen Absichten hascht, sondern immer mehr einen Blick über das Ganze gewinnt, das bis auf seine kleinsten Verbindungen nur ein System ist, in welchem sich nach unveränderlichen innern Regeln die meisten Güte offenbart. Ein Gebäude der Gottesverehrung, das sowohl metaphysisch über das Endlose des Raumes und der Zeit geht, als es physisch im Wesen der Dinge selbst unerschütterlich fest ruht! Jedes gefundene wahre Naturgesetz wäre damit eine gefundene Regel des ewigen göttlichen Verstandes, der nur Wahrheit denken, nur Wirklichkeit wirken konnte.

PHILOLAUS. Wie dauert's mich, dass die Philosophie des Spinoza, die dahin weist, mit so manchen abschreckenden Härten verwebt ist! denn in dieser Gestalt wird sie doch immer nur für Wenige bleiben.

THEOPHRON. Eben das ist gut; der große Haufe muss diese Philosophie nicht lesen; eine Sekte muss sie nie stiften.

PHILOLAUS. Dafür hat ihr Urheber seinen Grundsätzen zufolge schon durch den Vortrag gesorgt.38 Indessen leugne ich's nicht, dass ich den schönen Wahrheiten, die er über Gott, die Welt, über das Wesen und die Natur des Menschen, über seine Schwachheit und Stärke, über den Zustand seiner Sklaverei und Freiheit sagt, mehr Ausbreitung und eine tiefere Einwirkung wünschte, als sie in seinem Buch für die Meisten haben können und haben werden. So eingenommen ich gegen ihn war, so durchdrungen bin ich jetzt von der innigen Wahrheitsliebe dieses Mannes und von der Vortrefflichkeit seiner moralischen sowohl als mehrerer seiner philosophischen Grundsätze. Ich wünschte, dass ihn
Viele so kennen lernten.

THEOPHRON. Zeit und Wahrheit werden das schon bewirken. Lesen Sie dies Buch und sehen, was Lessing über ihn gesagt hat.39 Haben Sie nichts von dem Lärm gehört, über dem Grabe dieses Gelehrten: »er sei ein Spinozist gewesen«?

PHILOLAUS. Ich habe es nicht hören mögen, weil ich, wie Sie wissen, von Spinoza so übel unterrichtet war und mir den Namen Lessing's nicht gern durch einen Flecken verunstalten wollte. Jetzt werde ich mit desto größerer Begierde lesen, was er von ihm sagte, da ich mir Lessing so wenig als einen Spinozisten denken kann, als wir beide es sind. Er war nicht geschaffen, ein ... ist zu sein, welche Buchstaben man auch dieser Endung voransetzen möge, und die Lücken in Spinoza's Vortrage wird sein Scharfsinn gewiss nicht verkannt haben.

THEOPHRON. Lesen Sie! dann wollen wir weiter reden.


Viertes Gespräch

PHILOLAUS. Hier haben Sie Ihr Buch mit Dank wieder. Man hört Lessing reden, wenn er auch nur Silben hervorbringt; über unsre Materie aber hätte ich ihn doch gern ausführlicher vernommen, ich kann's nicht leugnen.

THEOPHRON. Ich gleichfalls; wie gefällt Ihnen indes das Wenige, was er sagt?

PHILOLAUS.
Es ist zu wenig, um darüber zu urteilen, auch, wie es ein Gespräch geben musste, zu abgerissen, ja hie und da nach Lessing's Manier in Gesprächen vielleicht zu kräftig gesagt. Ist's Ihnen nicht entgegen, so will ich seine Worte herausheben und darüber ohne alle Anmaßung meine Meinung sagen.

THEOPHRON.
Tun Sie's! Sie werden damit bloß Kommentator einer Autors, der sich selbst uns nicht mehr erläutern kann. O, dass er uns hier der dritte, d.i. der erste Mann wäre!

PHILOLAUS. »Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.«40

Ich, nachdem mir einige Steine des Anstoßes aus Spinoza weggeräumt sind, auch nicht. Das müßige Wesen, das außerhalb der Welt sitzt und sich selbst beschaut, so wie es sich Ewigkeit hindurch beschaute, ehe es mit dem Plan der Welt fertig ward, ist nicht für mich, für Sie, Theophron, auch nicht.

THEOPHRON. Ich weiß aber nicht, Philolaus, warum wir das Phantom dieses langweiligen trägen Gottes orthodoxe Begriffe nennen. Es hat weder die Konsistenz eines Begriffes, noch ist's je die Meinung orthodoxer, d.i. der Philosophen gewesen, die deutlicher Begriffe fähig waren. Ein solcher Gott mag Orthodoxie der Indier sein, deren Gott Jaganat schon viele Jahrtausende her mit über den Bauch
geschlungenen, hängenden Armen sitzt und sich wohl befindet. Ein anderer ihrer Götter liegt seit Äonen im Schlummer, sein Haupt ruht im Schoß eines seiner Weiber, die ihm den Kopf kratzt, seine Füße im Schoß einer andern, die ihm die Fußsohlen streichelt. Unaufhörlich fließt der Zucker- und Milchfee in ihn; er genießt und ruht in träumender Selbstbeschauung. Echt orthodoxe Götter der Hindus! ich sehe aber nicht, warum der unsrige ein Jaganat oder Wischnu sein müsste.

PHILOLAUS. Ich lese weiter. »Hen kai pan! Eins und Alles! Ich weiß nichts Anders.«41 - Ich auch nicht; nur wünschte ich aus der Seele Lessing's zu vernehmen, wie er sich die Verbindung dieser beiden größten Worte, deren unsere Sprache fähig ist, erklärte. Auch die Welt ist ein Eins; auch die Gottheit ist ein All. Lessing fühlte selbst, dass er damit noch nichts Bestimmtes gesagt habe; er kam sich darüber näher zu erklären; aber auch diese seine nähere Erklärung reicht nicht so weit, als man wünschte. Ich sehe seine Hochachtung gegen die Philosophie des Spinoza, da aber ihn wie uns der Geist des Spinozismus, »ich meine den«, sagt er,42»der in Spinoza selbst gefahren war«, eigentlich allein interessiert; da, wie er sagt,43 »sein Credo in keinem Buche steht« und er es nur unter einer Bedingung, die sich eigentlich selbst aufhebt, 44 an sich kommen lässt, sich nach Jemanden nennen zu wollen, so sind uns diese und andre Winke, ja die ganze Denkart Lessing's genugsame Bürgen, dass er gewiss keine phantastisch-rohe sinnliche All-Einheit, dergleichen auch das System des Spinoza nicht ist, zu seinem System gemacht haben werde. Eben hier fing meine Begierde an, zu wissen, wie Lessing »den Geist, der in Spinoza selbst gefahren war«, zu sich gezaubert und zu dem seinigen gemacht habe; und eben hier, ich muss es bekennen, war meine Begierde vergebens. Lessing hört von einer verständigen, persönlichen Ursache der Welt und freut sich dabei nach seiner Art, dass er jetzt etwas ganz Neues zu hören bekommen werde.45 Am Verstande Gottes konnte Lessing's Verstand nie zweifeln; seine Neugierde war also auf die »persönliche« Ursache der Welt gerichtet; darüber wollte er etwas Neues erfahren.

THEOPHRON. Erfuhr er's?

PHILOLAUS. Der Ausdruck Person, selbst wenn ihn die Theologen von Gott gebrauchen (die diese Person aber nicht der Welt entgegensetzen, sondern als Unterschied im Wesen Gottes annehmen), ist (denn der Theologe sagt nicht: »Gott ist eine Person«, sondern: »In Gott sind Personen«).

THEOPHRON. Lassen wir die Sprache der Theologen und reden vom Wort Person philosophisch.

PHILOLAUS.
Zuerst also doch wohl davon, was das Wort im festgestellten Gebrauch bedeutet. Person (prosôpon) hieß - - Larve, sodann - theatralischer Charakter; dadurch führte es auf das Eigentümliche eines Charakters überhaupt, wodurch er sich von einem andern unterscheidet; so ging das Wort in die Sprache des gemeinen Lebens über. »Dieser«, sagt man, »spielt seine Person; er bringt seine Persönlichkeit in die Sache« u.s.w. So setzte man Person der Sache entgegen, immer etwas Abstechendes, auszeichnend Eigentümliches in ihr bezeichnend. So ging es in die Gerichtssprache, in die Verschiedenheit der Stände. Können wir von dieser Prosopopöie etwas auf Gott anwenden? Er ist weder eine Larve noch Maske, weder eine Standesperson noch ein abgezeichneter Charakter, der mit andern da ist und neben ihnen spielt. Lassen wir diese Personalien, die immer doch, wo nicht auf etwas Falsches, Angenommenes, Angedichtetes, so doch auf etwas Eigentümliches an Gestalt, Bildung, Abzeichnung von Andern, auf Stand, Rang und dergleichen führen, mithin vom reinen Begriff einer ganz unvergleichbaren Wesenheit und Wahrheit entfernen. So wenig Gott die Person ansieht, so wenig spielt er eine Person, so wenig affektiert er Persönlichkeiten, hat eine persönliche, mit andern abstechende, kontrastierende Denkart u.s.w. Er ist. Wie er ist Niemand.

THEOPHRON. Sollte aber nicht »die höchste Intelligenz« das Wort »Persönlichkeit« fordern, so dass »Einheit des Selbstbewusstseins« die Personalität ausmachte?

PHILOLAUS. Ich sehe nicht; vielmehr bleibt Persönlichkeit diesen Begriffen immer ein fremdes, ausgemaltes Wort. Dafür sahen es auch Locke und Leibniz an und suchten es durch bestimmtere Ausdrücke zu erklären;46 dafür sieht's der Sprachgebrauch an, der mit dem Wort Person, Persönlichkeit als mit einem Scheindinge spielt. Das innigste Selbstbewusstsein vergisst die Apparenz der Person (das personnel und das personnage) so ganz, dass man es mit diesem Gerichtswort des persönlichen Erscheinens gleichsam aus sich selbst jagt. Dies alles wusste Lessing besser wie wir. - Ich lese weiter: »Lessing hört von einer verständigen Ursache der Welt.«

THEOPHRON. Hat er sich darüber näher erklärt?

PHILOLAUS. Ihm ward dazu nicht Zeit, wahrscheinlich war er hierin auch mit Spinoza völlig eins. Wir sahen, dieser unterschied den Verstand, sofern er zur entsprungenen Natur gehört, von jener primitiven Denkkraft, die der Grund der Dinge selbst ist. Der abgeleitete Verstand kann nur verstehen, was vor oder in ihm liegt, was ihm gegeben ist; der ursprünglichen Denkkraft ist nichts gegeben als sie selbst; aus ihr folgt alles. In diesem Sinn erkennt der höchste, d.i. primitive Verstand nur sich selbst und in sich alles Mögliche als Folge.

THEOPHRON.
Ist dieser Sinn des Wortes aber auch der Sprache gemäß?

PHILOLAUS.
Wenn er es auch nicht wäre! Er ist's aber in allen Sprachen, in denen man philosophierte. Wenn Locke seinen Verstand (understanding) die »Macht zu perzipieren« nennt und ihn sogar einer dunkeln Kammer, in welcher durch die Sinne Licht fällt, vergleicht,47 so kann Gott eine solche dunkle Kammer, in welche Licht durch die Sinne fällt, nicht zugeschrieben werden. Wenn dem schärfer bestimmenden Leibniz das Verstehen eine »deutliche Perzeption ist, verbunden mit der Fähigkeiten zu reflektieren«,48 wer wird das höchste Wesen zum Schüler machen und ihm dergleichen »Fähigkeit zu perzipieren und dann zu reflektieren« zueignen? Die Sprache selbst sträubt sich dagegen, in deren mehreren das Wort Verstand ein Auffassen und Auseinanderlesen der Objekte (intellectionem) ausdrückt, welche fremde, ihm zum Verstehen gegebene Objekte las und liest Gott aus einander?

THEOPHRON.
Ich bitte, lesen Sie weiter!

PHILOLAUS. Lessing spricht über die Freiheit des Willens. »Ich begehre«, sagte er, »keinen freien Willen; ich bleibe ein ehrlicher Lutheraner und behalte den mehr viehischen als menschlichen Irrtum und Gotteslästerung, dass kein freier Wille sei; worein der helle reine Kopf Spinoza's sich auch doch zu finden wusste«.49 So scherzt er mit den Worten des Reichstagsschlusses zu Augsburg, und indem er uns auf den hellen, reinen Kopf Spinoza's verweist, erklärt er selbst, wie er den unfreien Willen des Menschen angenommen haben wolle. Mir ist kein Weltmeister bekannt, der die Knechtschaft des menschlichen Willens gründlicher auseinandergesetzt und die Freiheit desselben vortrefflicher bestimmt habe als Spinoza.50 Dem Menschen ist kein geringeres Ziel der Freiheit vorgesetzt als die Freiheit Gottes selbst, durch eine Art innerer Notwendigkeit, d.i. durch vollständige Begriffe, die uns Erkenntnis und Liebe Gottes allein gewähren können, über unsre Leidenschaften, ja über das Schicksal selbst Herren zu werden. Gründlich beweist es Spinoza, dass, wenn man Freiheit für tolle, blinde Willkür nimmt, der Mensch ebenso wenig als Gott selbst den edeln Namen der Freiheit verdiene; vielmehr gehöre es zur Vollkommenheit der Natur Gottes, dass er auf diese Art nicht frei sei, d.i. dass er eine blinde Willkür nicht kenne, wie es denn auch zur Vollkommenheit seiner Werke gehört, dass tolle Willkür aus der ganzen Schöpfung verbannt ist. Sie wäre (um auch mit dem Reichstage zu Augsburg zu reden) eine gotteslästerliche Lücke in der Schöpfung und für jedes Geschöpf, das sie besäße, ein zerstörendes Übel. Glücklich also, dass sie ein Widerspruch in sich selbst, ein Unbegriff ist. Sie sind doch eben der Meinung, Theophron?

THEOPHRON. Keiner andern; aber was sagt Lessing von dem Gedanken Gottes? Das schülerhafte »Verstehen« ist weggeräumt; was setzte er dagegen oder darüber?

PHILOLAUS. Hier ist die Stelle.51 »Es gehört zu den menschlichen Vorurteilen, dass wir den Gedanken als das Erste und Vornehmste betrachten und aus ihm Alles herleiten wollen, da doch Alles mitsamt den Vorstellungen von höheren Prinzipien anhängt. Ausdehnung, Bewegung, Gedanke sind offenbar in einer höheren Kraft gegründet, die noch lange nicht damit erschöpft ist. Sie muss unendlich vortrefflicher sein als diese oder jene Wirkung; und so kann es auch eine Art des Genusses für sie geben, der nicht allein alle Begriffe übersteigt, sondern auch völlig außer dem Begriffe liegt. Dass wir uns nichts davon denken können, hebt die Möglichkeit nicht auf.« - Was denken Sie von dieser Stelle, Theophron?

THEOPHRON. Ich wünschte zu wissen, was Sie davon denken.

PHILOLAUS. So muss ich bekennen, dass ich mir vergeblich Mühe gebe, etwas Bestimmtes daraus zu finden. Dass es zu den menschlichen Vorurteilen gehöre, den Gedanken als das Erste und Vornehmste zu betrachten und aus ihm Alles herleiten zu wollen, gebe ich zu. Wir kennen nichts Höheres in seiner Art als den Gedanken; Lessing selbst hat nichts Höheres namhaft machen können. Alles aus dem Gedanken, d.i. aus Einsicht herleiten zu können, ist bisher ein vergeblicher Versuch gewesen; denn wie Schwere, Bewegung und jede andre der tausend wirkenden Kräfte des Weltalls mit dem Gedanken zusammenhänge, ist immer noch ein Rätsel. Dass der Gedanke auf viele andre ihm untergeordnete Kräfte wirke, wissen wir, ob wir gleich die Art der Wirkung nicht einsehen. In welcher höheren Kraft aber Gedanke, Bewegung und alle Kräfte der Natur gegründet seien, wer ist, der uns dieses sage? Lessing selbst sagt nur, es könne eine solche Kraft geben, bekennt aber selbst, dass wir nicht im Stande seien, etwas von ihr zu gedenken.

THEOPHRON. Wie, wenn ich Ihnen aus Spinoza selbst zwar nicht eine einzelne höhere Kraft oder Gattung Kräfte, aber den reellen Begriff nennte, in welchem alle Kräfte nicht nur gegründet sind, sondern den sie auch allesamt nicht erschöpfen? Er hat jede Eigenschaft, die Lessing von seiner unbekannten Kraft fordert, »er ist unendlich vortrefflicher als jede einzelne Wirkung einer einzelnen Kraft und gibt wirklich eine Art des Genusses, der nicht nur alle Begriffe übersteigt, sondern auch (zwar nicht außer, aber) über und vor jedem Begriffe liegt«, weil jeder Begriff ihn voraussetzt und auf ihm ruht.

PHILOLAUS. Und dieser Begriff ist -?

THEOPHRON. Wirklichkeit, Realität, tätiges Dasein; es ist der Hauptbegriff bei Spinoza, der Grund und Inbegriff aller Kräfte. Wirklichkeit,
Realität, Dasein ist vortrefflicher als jede seiner Wirkungen; es gibt einen Genuss, der einzelne Begriffe nicht nur übersteigt, sondern mit ihnen auch nicht auszumessen ist; denn die Vorstellungskraft ist nur eine seiner Kräfte, der viele andere Kräfte gehorchen. So ist's bei Menschen; bei allen eingeschränkten Wesen muss es derselbe Fall sein; und bei Gott?

PHILOLAUS.
Auf die eminenteste Weise. Seine Existenz ist die Wirklichkeit selbst, Urgrund aller Wirklichkeiten, Inbegriff aller Kräfte, ein Genuss der über alle Begriffe geht.

THEOPHRON. Der aber auch völlig außer dem Begriff liegt? Diese Behauptung liegt völlig außer meinem Begriff; d.i. ich kann mir dabei nichts denken. Die höchste Kraft muss sich selbst kennen; sonst ist sie eine blinde Macht, die sich selbst weder genießen noch gebrauchen kann, der die innigste, wahrste Wirklichkeit fehlt.

PHILOLAUS. »Er, Spinoza, war aber fern, unsre elende Art, nach Absichten zu handeln, für die höchste Methode auszugeben und den Gedanken obenan zu setzen.«52

THEOPHRON. Nach dem Dasein, als dem Grunde aller Kräfte, steht der Gedanke auch bei ihm obenan; nur ist er weit entfernt, dem Unendlichen eingeschränkte Vorstellungsarten, Kenntnisse a posteriori, Aufhellungen seiner selbst durch mühsames Verständnis und Einverständnis mit Dingen außer ihm, fehlbare Beratschlagungen, willkürliche Absichten, die er durch künstliche Mittel zu erstreben habe, zu leihen; welches eben die Vortrefflichkeit seines Systems ausmacht.

PHILOLAUS.
Lessing fragt ferner53: »nach was für Vorstellungen sein Freund eine persönliche, extramundane Gottheit annehme, ob etwa nach den Vorstellungen des Leibniz«, und fürchtete, Dieser sei im Herzen selbst ein Spinozist gewesen.54

THEOPHRON. Was Leibniz im Herzen gewesen sei, mag ich nicht wissen; seine »Theodicee« aber sowie viele seiner Briefe zeigen, dass er, eben um nicht Spinozist zu sein, sein System ausgedacht hatte. Lieber neigte er sich zu Anthropopathien [veraltet: menschliche Erfindungen] einer göttlichen Wahl nach Überlegung, einer Auswahl des Besseren unter vielem Schlechtern nach Konvenienzen; Alles, um der Spinozischen Notwendigkeit zu entkommen, die ihm Mechanismus schien, und gegen welche er den behutsamern Ausbruch einer moralischen Notwendigkeit wählte. Er wählte die Mitte zwischen Bayle's Zweifeln und Spinoza's harten Ausdrücken, zwischen welchen er durchzukommen glaubte. Allerdings geschah es mit vieler Kunst; aber Bayle und Spinoza lebten nicht mehr; sie konnten ihm nicht antworten.

PHILOLAUS. »Leibnizen's Begriffe von der Wahrheit«, sagt Lessing ferner55, »waren so beschaffen, dass er nicht vertragen konnte, wenn man ihr zu enge Schranken setzte. Aus dieser Denkungsart sind viele seiner Behauptungen geflossen, und es ist bei dem größten Scharfsinn oft sehr schwer, seine eigentliche Meinung zu entdecken«. Eben darum halt' ich ihn so wert; ich meine wegen dieser großen Art zu denken und nicht wegen dieser oder jener Meinung, die er nur zu haben schien oder denn auch wirklich hatte.

THEOPHRON.
Trefflich! Nur ein kleiner Kopf ist's, der sein Dutzend schön bemalter Wortschächtelchen als Kram nicht nur, sondern als Monopolium mit sich trägt und nicht begreifen kann, dass andre Krämer andre Schächtelchen tragen. Dem wahren Philosophen ist an den Behältnissen überhaupt wenig gelegen; er sieht, was drin sei, und was für ihn diene. Meinen Sie dies nicht auch, Philolaus?

PHILOLAUS.
Spinoza hat mich gelehrt, dass je vollständiger unsre Begriffe sind, desto mehr schweigen unsre Affekte, desto williger vereinigen sich in der deutlich erkannten Wahrheit alle menschlichen Gemüter; denn es gibt nur eine Vernunft, nur eine Wahrheit. Bei Leibniz indes kann ich's nicht bergen, dass er mir oft zu biegsam, zu hypothesenreich scheine. Es ist seine Art, sich gern allem anzuschmiegen, damit er alles nutze und für sich gebrauche.

THEOPHRON. Hören Sie, was darüber Lessing anderswo sagt: »So eingenommen«, schreibt er56, »man sich auch Leibnizen für seine Philosophie denken darf oder will, so kann man doch wahrlich nicht sagen, dass er sie den herrschenden Lehrsätze aller Parteien anzupassen gesucht habe. Wie wäre das auch möglich gewesen? Wie hätte es ihm einkommen können (mit einem alten Sprichworte zu reden), dem Mond ein Kleid zu machen? Alles, was er zum Besten seines Systems dann und wann tat, war gerade das Gegenteil: er suchte die herrschenden Lehrsätze aller Parteien seinem System anzupassen. Beides ist nichts weniger als einerlei. Leibniz nahm bei seiner Untersuchung der Wahrheit nie Rücksicht auf angenommene Meinungen; aber in der festen Überzeugung, dass keine Meinung angenommen sein könne, die nicht von einer gewissen Seite, in einem gewissen Verstande wahr sei, hatte er wohl oft die Gefälligkeit, diese Meinung so lange zu wenden und zu drehen, bis es ihm gelang, diese gewisse Seite sichtbar, diesen gewissen Verstand begreiflich zu machen. Er schlug aus Kiesel Feuer; aber er verbarg sein Feuer nicht in Kiesel«.

PHILOLAUS. Wer weiß also auch, welchem Kabbalisten er sich oder sich ihn eben damals anzupassen wollte, als er, wie Lessing anführt, von Gott sagte, »derselbe befinde sich in einer immerwährenden Expansion und Kontraktion; dies sei die Schöpfung und das Bestehen der Welt«. Mich wundert, dass Lessing an der ungeheuern Verkörperung Geschmack fand.

THEOPHRON. In Leibniz ist mir diese Stelle noch fremd. Dass aber Lessing sich an ihr ergötze, woran, mein Freund, ergötzt man sich nicht manchmal im Gespräch? Für das System des Spinoza hielt Lessing dies Bild gewiss nicht. Wer die Schöpfung und das Bestehen der Dinge durch eine immerwährende Expansion und Kontraktion Gottes erklären kann, von dem möchte ich mir diese Erklärungsart auch, wie Lessing sagt57, »natürlich ausgebeten haben«. Lassen Sie uns das Lessing'sche Gespräch endigen.

PHILOLAUS. Es ist zu Ende. Wir haben also diesmal weniger gelernt, als wir wünschten.

THEOPHRON.
Und doch ist mir's nicht unlieb, dass auch dies abgebrochene Gespräch bekannt gemacht ist. Dem Verstorbnen kann es nicht schaden, wofür ihn der schwache Sektenmacher halte, und uns ist's angenehm zu sehen, dass einem so ausgezeichneten Denker, wie Lessing war, Spinoza nicht unbemerkt geblieben sei58, ja, was er aus ihm hätte machen können, wenn er Spinoza's System auseinanderzusetzen und in die ihm eigne klare Sprache zu übertragen sich Zeit und Muße genommen hätte. Im Buch seines Freundes werden Sie gewiss auch viel Wahres und Schönes, männlich schön gesagt, gefunden haben.

PHILOLAUS. Gewiss; nur muss ich ebenso aufrichtig bekennen, Theophron, dass ich mit seiner »persönlichen, supra- und extramundanen Gottheit« so wenig fortkomme als Lessing. Gott ist nicht Welt, und Welt ist nicht Gott, das bleibt gewiss; aber mit dem extra und supra ist's, dünkt mich, auch nicht ausgerichtet. Wenn man von Gott redet, muss man alle Idole des Raums und der Zeit vergessen, oder unsre beste Mühe ist vergeblich.
Zweitens, kann ich's ebenso wenig bergen, dass Jacobi mit dem Begriff nicht übereinstimmt, den ich jetzt von Spinoza's System habe, und in welchem wir Beide uns doch Punkt für Punkt verstanden. Also, kann ich auch in die Konklusionen nicht einstimmen;59 »Spinozismus ist Atheismus. Die Leibniz-Wolffische Philosophie ist nicht minder fatalistisch als die Spinozistische. Jeder Weg der Demonstration geht in den Fatalismus aus.« u.s.w. Denn nach meiner Einsicht ist Spinozismus, wie ihn sich Spinoza dachte, kein Atheismus; auch ist in den harten Ausdrücken des Spinoza die Leibniz-Wolffische Notwendigkeit mit der Spinozische nicht einerlei;60 und dann muss man sich von dem Wort Fatalismus, dünkt mich, so wenig schrecken lassen als von irgend einem Worte. Hören wir darüber Spinoza selbst:61 »Auf eine
Weise unterwerfe ich Gott dem Fatum. Dass mit unentweichlicher Notwendigkeit aus der Natur Gottes alles folge, denke ich mir so, wie sich Jedermann denkt, dass aus der Natur Gottes es folge, Gott erkenne sich selbst. Dies leugnet Niemand, und doch denkt sich Niemand dabei, dass Gott durchs Schicksal gezwungen sich selbst erkenne; er erkennt sich frei, obgleich notwendig. Weder göttliche noch menschliche Rechte hebt diese Naturnotwendigkeit auf. Die moralischen Vorschriften selbst
(ipsa moralia documenta), sie mögen die Form des Gesetzes oder Rechts von Gott empfangen oder nicht, sind dennoch göttlich und heilsam; das Gute, dass aus der Tugend und aus der Liebe Gottes folgt, ob wir es von Gott als einen Richter empfangen, oder wenn es aus der Notwendigkeit der Natur Gottes folgt, es wird deshalb weder mehr noch minder wünschenswert, so wie gegenteils die Übel, die aus bösen Handlungen und Affekten folgen, deshalb, weil sie aus ihnen notwendig folgen, nicht weniger furchtbar werden. Bei unsern Handlungen endlich, wir mögen sie notwendig oder zufällig tun, führt uns dennoch Furcht oder Hoffnung. Vor Gott werden die Menschen keiner Entschuldigung fähig, weil sie in seiner Macht sind wie Ton in der Hand des Töpfers, der aus demselben Leim Gefäße macht, einige zur Ehre, andre zur Unehre« u.s.w.

THEOPHRON. Ohne Zweifel haben Sie nachgedacht, wodurch sich Spinoza das sonderbare Schicksal zubereitet hat, auch von seinen Freunden misskannt zu werden.

PHILOLAUS. Ja wohl, und ich bin immer auf der Ursachen zurückgekommen, auf die Sie mich gleich anfangs wiesen. Zuerst sind's harte Ausdrücke, die in einer zum Druck nicht ausgearbeiteten, nach dem Tode des Verfassers erschienenen Schrift mit andern verglichen und wenigstens milde ausgelegt werden sollte.Wenn Spinoza z.B. »die menschliche Seele, sofern wie ich die Dinge nach der Wahrheit vorstellt,
einen Teil des göttlichen Verstandes nennt und diese deutlichen Begriffe in ihr Begriffe Gottes nennt, nicht sofern er unendlich ist, sondern sofern er durch die Natur der menschlichen Seele ausgedrückt wird und ihr Wesen ausmacht, oder sofern er mit ihr auch andre Begriffe denkt«:
so lag (man dürfte nur diese sofern auslassen) ein Missverständnis vor der Tür, das sein System ganz aufhebt. Körper und Seele wurden also als Teile von ihm gedacht, von ihm, dem nach Spinoza Unteilbaren. Man addierte Körper, man summierte menschliche Gedanken und sagte: »Siehe Spinoza's Gott! Der unendliche Verstand bei ihm ist nichts als das Resultat aller menschlicher, auch der Diebs- und Narrengedanken.« Hätte man überlegt, dass Gedanken und Gedankenweisen sich nicht addieren, dass sie addiert keine Kraft ausmachen, die unteilbar in sich selbst, unteilbar in jeder sie darstellenden Wirkung sein soll; hätte man überlegt, dass nach Spinoza es eine Urkraft und in ihr ein lebendiger Begriff ist, der die Ordnung und Verknüpfung aller Begriffe und ihrer Folgen, mithin die Verknüpfung und Ordnung aller Dinge in sich fasst und tätig ausdrückt: würde man ihm den seinem System widrigsten, jeder Vernunft anstößigen Unsinn zugeschrieben haben? Ein paar unbequeme Wortformeln waren daran Schuld, die man in einer ihm ungeläufigen Sprache ihm hätte verzeihen können. Ebenso schädlich ist's ihm gewesen, dass er manches seiner prägnantesten Worte nicht erklärte, auf dessen bestimmten Sinn doch so viel ankam. So z.B. »wenn jedes der unendlichen Attribute seines Gottes auch in allen seinen modis und Veränderungen ein unendliches ewiges Wesen ausdrücken soll«; was bedeutet hier das prägnante Wort Ausdruck? Sind diese modi bloße Symbole oder ausdrückende Charaktere? sind sie Repräsentanten und Darstellungen des ewigen Wesens, das ihr Wesen und Dasein ausmacht? Dem, der verstehen will, hat Spinoza genug gesagt; denn sein Werk ist eine Idee von Anfange bis ans Ende. Wer über Worte streiten wollte, fand desto mehr zu streiten. Endlich seine an sich vortreffliche synthetische Methode; sie schickte sich nicht hierher, wenigstens zwang sie ihn zu Voraussetzungen und Formeln, die, durch die Analyse gefunden, durchaus nicht auffallend gewesen wären, z.B. Substanz, Attribut, Modus u.s.w. Getrauten sie sich nicht, Theophron, in analytischer Form das ganze System Spinoza's ganz unanstößig vorzustellen?

THEOPHRON. Lessing konnte es gewiss. Was glauben Sie, Philolaus, wenn Spinoza wieder erschiene, was würde er denen, die ihn für einen Atheisten, Pantheisten, Gottesverteiler, Gottessummierer u.s.w. halten, sagen?

PHILOLAUS. Mich dünkt, sehr bescheiden und sehr entscheidend würde er fragen: »Was macht ihr aus meinem System, dessen Grund, eine einzige ewige Idee, Ihr zerstört? Sind Modifikationen ohne innere Realität, ist Ausdruck ohne etwas, das sich ausdrückt, sind Gedankenweise ohne eine unbeschränkte tätige Denkkraft denkbar? Wenn ich in einer mir ungeläufigen Sprache alles tat, was ich tun konnte, um Euch den reinen Begriff und Genuss einer unteilbaren Kraft vorstellig zu machen, die in sich Alles, durch und aus sich Alles im innigsten Selbst mächtig fühlt, wirkt und darstellt; wenn ich Euch dies Wesenhafte analogisch in Euch selbst darstellte, um Euch dadurch zur höchsten Freude und Seligkeit zu führen: wie? Ihr wolltet mir andichten, dass ich das Eins zum Nichts, das tätige Wesen zu einem leeren Säckel und Kollektivnamen von Schatten, die ohne Licht ja auch nicht Schatten sein könnten, gemacht, dass ich die Sonne ausgelöscht hätte, um aus allen Funken der Johanneswürmer eine Unsonne zu fabrizieren - ich bitte Euch, lest andre als meine, zwar nicht im Geist, aber im Ausdruck unvollendete Schriften!«

THEOPHRON.
Genug, Sie sprachen von dem Schätzbaren, das Sie sonst in diesem kleinen Buch62 fanden.

PHILOLAUS.
Das Schätzbarste war mir die Denkart des Verfassers, der auch im Gespräch mit Lessing vorzüglich darauf hinausgeht, »Vernünfteln sei nicht das ganze Wesen, nicht der ganze Bestand menschlicher Denkkraft. Wie Allem, so auch dem edelsten Kräften unsrer Natur liege Dasein zum Grunde; dies könne nicht in Vernünftelei aufgelöst oder gar durch sie hinwegraisonniert werden. Ohne Existenz und eine Reihe von Existenzen dächte der Mensch nicht, wie er denkt; folglich müsse der Zweck seiner Gedanken sein, nicht, sich Hirngespinste zu erträumen, mit Scheinbegriffen und Scheinworten wie mit einer selbstgemachten Wirklichkeit zu spielen, sondern, wie er's nennt, Dasein zu enthüllen, solches als etwas Gegebnes aber (nach seinem Ausdruck) als eine Offenbarung Gottes anzunehmen, über welche und hinter welche man nicht hinaus kann. Seine Sinne müsse man durch Erfahrung, seinen innern Sinn durch Wahrheitsliebe, Ordnung und Zusammenhang im Denken reinigen und schärfen, willkürlichen Verbindungen existenzloser Scheinbegriffe, d.i. dem trägen, toten Nichts entsagen und dafür, was da ist, in den Eigenschaften und Beziehungen, wie es da ist, kennen lernen. Ein solches Erkenntnis mit innigem Gefühl der Wahrheit verbunden, sei allein wahr, dies allein helle den Geist auf, bilde das Herz, bringe Ordnung und Regelmäßigkeit in alle Verrichtungen unseres Lebens; da hingegen jene Grübelei, ohne ein Dasein von außen und Regeln der Wahrheit von innen vorauszusetzen, den Kopf öde und das Herz leer mache.«

THEOPHRON. Vortrefflich! Jene menschliche Erkenntnis ohne und vor aller Erfahrung, jene sinnlichen Anschauungen ohne und vor aller sinnlichen Empfindung eines Gegenstandes nach eingepflanzten Formen der Denkkraft, die ihr von Niemanden eingepflanzt worden, sind Undinge, die Jedem, der seine eigne Existenz wahrnimmt, den Kopf veröden. Auch wir, Philolaus, haben in unserm Gespräch den heiligen Namen oft als ein bloßes Symbol brauchen müssen: wie wäre es, wenn wir den Luftgang unterbrächen? Sie kennen und sprechen die erquickende Sprache der Töne; wohlan! hier ist ihr Werkzeug.

PHILOLAUS.
Ich spreche gern diese Geistessprache:

Lobt den gewaltigen, den gnäd'gen Herrn,
Ihr Welten seines Alls!
Ihr Sonnenheere, flammt zu seinem Ruhm,
Ihr Erden singt sein Lob!

Der Widerhall lob' ihn, und die Natur
Ging' ihm ein froh Konzert!
Und Du, der Erden Herr, o Mensch, zerfließ
In Harmonien ganz!

Dich hat er mehr als Alles sonst beglückt;
Er gab dir einen Geist,
Der durch den Bau des Ganzen dringt und forscht
Die Räder der Natur.

Erheb ihn hoch zu Deiner Seligkeit!
Er braucht kein Lob zum Glück.
Die niedern Neigungen und Laster fliehn,
Wenn Du zu ihm Dich schwingst.

Die Sonne steige nie aus roter Flut
Und sinke nie darein,
Dass Du nicht Deine Stimme einigest
Der Stimme der Natur.

Lob ihn in Regen und in dürrer Zeit,
Im Sonnenschein und Sturm,
Wenn's schneit, wenn Frost aus Wasser Brücken baut,
Und wenn die Erde grünt!

In Überschwemmungen, in Krieg und Pest
Trau ihm und sing ihm Lob!
Er sorgt für dich; denn er erschuf zu Glück
Das menschliche Geschlecht.

Und o, wie liebreich sorgt er auch für mich!
An Ruhm und Goldes Statt
Gab er mir Kraft, die Wahrheit einzusehn,
Und Freund' und Saitenspiel.

Erhalte mir, o Herr, was du mir gabst!
Mehr brauch' ich nicht zum Glück.
Mit heil'gem Schau'r will ich, ohnmächtig sonst,
Dich preisen ewiglich.

In finstern Wäldern will ich mich allein

Mit dir beschäftigen
Und seufzen laut und nach dem Himmel sehn,
Der durch die Zweige blickt.

Und irren aus Gestad' des Meeres und Dich
In jeder Woge sehn
Und hören Dich im Sturm, bewundern in
Der Au' Tapeten Dich.

Ich will entzückt auf Felsen klimmen, durch
Zerrissne Wolken sehn
Und suchen Dich den Tag, bis mich die Nacht
In heil'ge Träume wiegt.

THEOPHRON. Ich danke Ihnen, Philolaus. Möchte man nicht von der Musik sagen, was Banini von seinem Strohhalm sagte: »Wäre ich so unglücklich, am Dasein Gottes zu zweifeln, und hörte Musik, so würde sie mir Demonstration sein«?

PHILOLAUS.
Da sind Sie von einer sehr alten Denkart, Theophron; denn neuerlich hat man es sich klargemacht, dass es eine Demonstration von Gott weder könne noch gebe.

THEOPHRON. Und ich möchte behaupten, dass es ohne den Begriff Gottes, d.i. einer selbstständigen Wahrheit, keine Vernunft, viel weniger eine Demonstration gebe. Denn ohne noch irgend den Ursprung der Kräfte in Betracht zu ziehen, die denken, handeln, wirken, und die der über sich selbst steigende Philosoph doch nie aus unsrer Welt wegleugnen kann, so ist schon die Verknüpfung dieser Kräfte, wie alle ihrem Wesen nach wirken und sich in meiner Seele verbinden, mir Beweises genug von einem wesentlichen Grunde innerer Wahrheit, Übereinstimmung und Vollkommenheit, die ihr Dasein selbst einschließt. Dass es etwas Denkbares gibt, dass diese Denkbare nach innern Regeln verknüpft werden kann und bei unzählbaren Verknüpfungen dieser Art sich Harmonie und Ordnung zeigt, schon das ist mir Demonstration von Gott, und wenn ich ein unglückseliger Egoist wäre, der sich das einzige denkende Wesen in der Welt zu sein einbildet. Zwischen jedem Subjekt und Prädikat steht ein Ist oder Ist nicht; dies Ist, diese Formel der Gleichung und Übereinstimmung verschiedener Begriffe, das bloße Zeichen = ist meine Demonstration von Gott. Denn, nochmals gesagt, es gibt eine Vernunft, eine Verknüpfung des Denkbaren in der Welt nach unwandelbaren Regeln; mithin muss es einen wesentlichen Grund dieser Verknüpfung geben. Die Regel dieser Verknüpfung hat niemand willkürlich ersonnen, so wenig sie irgend ein mit Raum und Zeit befangenes, denkendes Wesen willkürlich übt. Sie ist in der Geisterwelt eben das, was die Regel des Gleichgewichts unter den Körpern ist: sie trägt ihre innere Notwendigkeit mit sich. Es gibt also eine solche innere Notwendigkeit, d.i. eine selbstständige Wahrheit.

PHILOLAUS.
Und diese selbstständige Wahrheit wohnt -

THEOPHRON.
In allem, was da ist, objektiv oder subjektiv betrachtet. Unsre Kenntnisse sind aus Sinnen und aus der Erfahrung geschöpft wir müssen wahrnehmen, Ähnlichkeiten zusammenhalten, allgemeinere Begriffe aus individuellen Verschiedenheiten absondern und läutern; dies Alles ist ein Weg, der Irrtümer im Wahrnehmen, im Absondern, im Verbinden und Trennen der Begriffe nicht nur möglich, sondern beinah unvermeidlich macht: ein notwendiges Los der Menschheit. Die Regel aber in unsrer Seele, nach welcher wir wahrnehmen, absondern, schließen und verbinden, ist eine göttliche Regel; auch im Irrtum haben wir nach ihr gehandelt und mussten nach ihr handeln, selbst wenn alle Gegenstände des Denkens Wahn wären. Nun betrachten Sie reine Wahrheiten, Wahrheiten z.B. der Geometrie. Für unsre Sinne gibt es vielleicht keinen vollkommenen Zirkel in der Natur; wenn es aber auch keinen gäbe, so ist mir der gedachte mathematische Zirkel mit Allem, was in ihm nach innerer Notwendigkeit gesetzt und bewiesen wird, Demonstration einer selbstständigen göttlichen Wahrheit. Er beweist mir nämlich, dass es eine mathematische Vernunft in der Welt gebe, und da uns unsre Sinne nicht zulassen, sie allenthalben in der Natur zu erkennen und anzuwenden, so sagt doch seiner Struktur und Absicht nach jeder Sinn und ihrem Wesen nach die uns einwohnende Vernunft, dass, wenn es denkende Wesen gibt, die auch mit feineren Sinne die Welt anschauen, sie nach eben dieser einzigen notwendigen Regel denken, dass also auch das Wesen, das die Ursache meiner und jeder Vernunft ist, dieselben innern Gesetze der Gedanken auf die eminenteste Weise kennen müsse, die es seinen Wirkungen zu Grundgesetzen des Daseins nicht anders als machen konnte. Sie schweigen, Philolaus?

PHILOLAUS. Wie? wenn ein kritischer Philosoph Ihren Beweis bloß hypothetisch nennte: »wenn es eine Vernunft gibt, wie aber, wenn es keine gäbe«?

THEOPHRON. So gäbe es keine; ein Philosoph, der seine Vernunft aufgibt oder Vernunft leugnet, kann freilich keine Demonstration, wovon es auch sei, haben. W. z. e. Aber Scherz beiseite! Sobald der Philosoph ein Philosoph wird, d.i. sobald er Vernunft anerkennt und sich deutlich macht, was sie sei, sobald ist ihm eine wesentliche Notwendigkeit in Verknüpfung der Wahrheiten im Begriff der Vernunft selbst gegeben. Ich getraue mich zu sagen, dass dies die einzige wesentliche Demonstration von Gott sei (mehrere wesentliche kann es auch nicht geben), die bei allen Beweisen wiederkommt, die aber nirgends so scharf und rein erscheint als bei den Gesetzen unseres Verstandes.
Alle Beweise z.B. aus der Natur, wo wir notwendige Gesetze der Bewegung und Ruhe, des Bestandes der Dinge nach einem Verhältnis ihrer innern Kräfte u.s.w. wahrnehmen, setzen dieselbe Regel zum Grunde, die wir am Reinsten bei unsrer Vernunft bemerken, nämlich: »dass jedes Ding ist, was es ist, das sein Wesen auf Kräften, sein Bestand auf einem Ebenmaß dieser Kräfte, seine Wirkung auf Verhältnissen derselben zu anderen Dingen beruhe; und zwar dies slles nicht aus willkürlichen Absichten, die wir ganz beiseite setzen, sondern aus innern Gesetzen der Notwendigkeit, aus welchen Bestand und Zerstörung, Zusammensetzung und Auflösung, Bewegung, Ruhe und Wirkung folgen«.
Jede wahre Physiko-Theologie entwickelt also nichts als ewige Vernunft und Kraft nach notwendigen Gesetzen, im Bau der Geschöpfe, in ihrer ganzen Verbindung nach Ort und Zeit. Sie enthält überall einen und denselben Schluss, eine und die selbe Anschauung in tausend Beispielen und Gegenständen, vom verschwindenden Kleinsten bis aufs unübersehbare Größte. Die Musik z.B., mit der Sie mich ergötzt haben, ist eine Formel notwendiger, ewiger Harmonie, auch wenn mein Ohr sie nicht hörte, auch wenn, abstrahierend von aller Wollust derselben, sie bloß ein Verstand berechnete und mäße. Dass mein Ohr, dass meine Empfindung für die Musik geschaffen ist, dass sie auf so viele mir gleichgestimmte Wesen einerlei Wirkung tut: das alles macht zwar den Beweis der in ihr wohnenden Harmonie lebhafter, es setzt aber seinem demonstrativen Wert nichts hinzu. Denn wenn auch kein Ohr in der Welt und das Wesen der Musik bloß von einem rechnenden Verstande gedacht wäre, so wäre der Beweis vollendet.

PHILOLAUS.
Ich muss meinen Scherz wiederholen. Wie, wenn durchaus kein rechnender Verstand wäre?

THEOPHRON. So muss ich auch meine Antwort wiederholen. Gibt es keinen rechnenden Verstand, so gibt es auch nichts Berechnetes, mithin auch keine Harmonie und Ordnung, die eine Berechnung des Verstandes ist. Räumen wir alles Denkende weg, so ist nichts Denkbares, alles Wirkliche, so ist nichts wirklich. Wo gelangen wir aber mit solchen Sophistereien hin? und sind sie der Philosophie würdig? Zertreten Sie die ewigen Grundsätze der Vernunft und lösen solche in hypothetische Wortgespinste ohne Existenz und notwendiges Erkenntnis einer inneren Wahrheit auf: freilich so ist keine Demonstration nicht nur einer, sondern keiner Existenz möglich. Was haben Sie damit aber getan, als den Grund alles Denkens aufgehoben? und wie ist nun ohne zusammenhängendes Denken Philosophie möglich? Überzeugen mich schon meine Sinne vom Dasein nach ihrer Art, d.i. auf eine dunkle verworrene Weise, wie sollte mich meine Vernunft nicht vom Dasein nach ihrer Art, d.i. durch deutlich verknüpfte, vollständige Begriffe überzeugen? Verlange ich aber von ihr, dass sie mir ihre Begriffe als sinnliche Anschauungen ohne sinnliche Anschauung gebe oder mir das Dasein sinnlicher Gegenstände, die in ihr Gebiet nicht gehören, als reine Vernunftwahrheiten demonstriere, und tadle sie, dass sie das nicht wolle oder vermöge: so hat mein Tadel nicht mehr Grund, als wenn ich die Farbe hören, das Licht schmecken und den Schall sehen wollte. Wir wollen uns hüten, Philolaus, dass wir nie in diese Gegend der »Hyperkritik des gesunden Verstandes« geraten, wo man ohne Materialien baut, ohne Existenz ist, ohne Erfahrungen weiß und ohne Kräfte kann. Die Begriffe dieses Reichs sind wie die Fata Morgana scheinbare Richtigkeiten zurückgeworfener Bilder ohne Haltung, ohne Dauer, die schlechtesten Phantasmen, die es in der Welt gibt, spekulative Phantome, ein Wust der Sprache.

PHILOLAUS. Sie bauen also Ihre Demonstration nicht auf den Begriff der Ursache und Wirkung?

THEOPHRON.
Ich nehme diese Begriffe aus der Erfahrung; ins Gebiet der Demonstration aber weiß ich sie nicht anders als unter dem Begriff des Daseins zu verpflanzen, weil ich weder was Ursache, noch was Wirkung sei, viel weniger das Band zwischen beiden deutlich erkenne. Demonstrieren lässt's sich bei keiner Erfahrung, dass dies die Wirkung jener Ursache sei, ob wir wohl sinnlich klar erkennen oder mutmaßen, dass sie es sein müsse, weil wir beide oft und immer zusammen oder nach einander fanden. Ihnen ist bekannt, welche Fehlmutmaßungen man hierüber selbst im Lauf der täglichen Erfahrung bei den gemeinsten Dingen oft gemacht habe; und der Grund davon ist sichtbar, weil jeder Schluss von Ursache auf Wirkung oder umgekehrt von Wirkung auf Ursache als Erfahrungssatz nie Demonstration, sondern immer nur eine Mutmaßung im Reich der Sinnlichkeiten war. Wir wissen nicht was Kraft ist, noch wie sie wirke; wir sehen ihre Wirkung nur als Zuschauer und bilden uns daher analogische Urteile. Selbst die allgemeinen Regeln hierüber, die wir auf's Beste bewährt finden, können wir nie demonstrieren. Was sollten wir inniger kennen als die Kraft, die in uns denkt und wirkt? Wir kennen sie indes so wenig als jede andre, die außer uns ist. Selbst die Gedanken meiner Seele, als Wirkung betrachtet, begreife ich nicht; nur dann sind sie mir begreiflich, wenn ich sie immanent als Dasein, d.i. »als ewige Wahrheiten zum Wesen meiner Vernunft gehörig« unter die Regel einer innern Notwendigkeit zu bringen vermag. Dahin also habe ich auch in Ansehung Gottes meinen Beweis eingeschränkt; wer zu viel beweisen will, läuft Gefahr, dass er nichts beweise.

PHILOLAUS.
Also werden Sie Sich auch über die Art der Schöpfung nicht erklären, ob sie Hervorbringung, Emanation u. dergl. sei?

THEOPHRON.
Wie könnte ich dieses, da ich nicht weiß, was Schaffen, was Hervorbringen heiße? Die gemeine Vorstellungsart ist, dass Gott die Welt aus sich herausgedacht habe; sie scheint die reinste zu sein, weil wir von keiner reinern Wirkung als vom Gedanken unsrer Seele Begriff haben; auch haben sich Leibniz und alle helldenkende Köpfe an sie gehalten, weil ihnen die Erfahrung kein besseres Bild, die Sprache keinen besseren Ausdruck gab. Die Gedanken unsrer Seele, sagt man, sind an sich unwirksame Bilder; die Gedanken Gottes, mit ihrer Allmacht begleitet, waren höchst wirksam. Er dachte, und es ward; er wollte, und es stand da. Ich glaube, es gibt über eine für uns unerklärliche Sache keine behutsamere Formel.

Indessen schließt sie uns das Wesen der Wirkung nicht auf; vielmehr muss man sich auch bei diesem »heraus« vor bösen Symbolisationen hüten. Die große Vorstellungsart z.B., dass Gott nach Millionen Ewigkeiten die Welt aus sich »herausgedacht«habe, wie eine Spinne das Gewebe aus sich zieht, ist unerträglich.

PHILOLAUS. Die gröbere Emanation wird es Ihnen also noch mehr sein, und doch gibt man selbst dem Spinoza Schuld, dass er sein System aus dem Kabbalismus der Juden entlehnt habe.

THEOPHRON.
Wer hat Ihnen das eingebildet, Philolaus?

PHILOLAUS. Es ist eine sehr gemeine Meinung, die Spinoza selbst veranlasst63 und vor allen Wachter war ein gelehrter Mann, den ich in jedem andern Betracht, nur nicht als einen Philosophen ehre. Als ein reisender Jüngling von einigen zwanzig Jahren stritt er gegen einen Juden und wollte den Spinozismus im Judentum finden; einige Jahre darauf war der selbst ein Freund der Kabbala und wollte seiner ersten Idee zufolge die Lehre des Spinoza mit ihr vereinigen64. Mich dünkt, die Philosophie des Spinoza ist von der Kabbala ebenso verschieden, als es vergebliche Mühe ist, diese durch jene läutern zu wollen. Die Kabbala ist eine Symbolik guter und schlechter, im ganzen aber schwärmerischer, dunkler Vorstellungen in ungeheuern Bilder, mit denen der reine heitre philosophische Sinn Spinoza's sich nicht genügen konnte; sonst wäre er ein Jude geblieben. In seiner ganzen »Ethik« finden Sie kein Bild, und seine wenigen Gleichnisse sind ihm fast missraten. In diesem Betracht ist er ein Antipode der Kabbala, so natürlich es übrigens wäre, dass er als ein im Judentum Erzogener, ein Schüler des berühmten Morteira, gleichsam eine hebräische Ansicht der Dinge in die Cartesische Philosophie gebracht hätte. Die erste Form des Denkens verlässt uns nie ganz, und da Spinoza zum Cartesischen System in einer fremden Sprache gelangte, so war es natürlich, dass er sich solches nach der seinigen typisierte, daher er auch synthetisch mit dem wesentlichen Begriff Gottes anhob. Mit der eigentlichen Kabbala aber, noch weniger mit ihren Emanationen (die doch von den Juden ebenso wenig erfunden sind, als wenig sie zu ihrer Theologie gehören) hat das System des Spinoza nichts zu schaffen. Wo er die Worte »Hervorbringung, Wirkung« brauchen muss, braucht er sie, ohne die Art der Hervorhebung zu erklären; am liebsten ist ihm aber, das Wort Ausdruck. » Die Welt drückt Eigenschaften der Gottheit aus, unendliche auf unendliche Weisen«; diese Redart ist eher mathematisch als kabbalistisch. Von Ausflüssen aus Gott redet Spinoza nie; einem geometrischen Geist sind dergleichen Bilder auch nicht die liebsten. Leibniz bediente sich einmal, um die Wirkung Gottes zu erklären, des Ausdrucks »Fulgurationen« [Ausblitzungen], wobei er auf das Bild der Sonnenstrahlen anspielte; bei Kästner65 können Sie lesen, wie lächerlich man das Bild in der Folge gedeutet. Also wenn wir von Gott reden, lieber keine Bilder! Auch in der Philosophie ist dies unser erstes Gebot wie im Gesetz Moses'.

PHILOLAUS. Vom Unrat der Kabbala hielt der sich gewiss frei, der über die Bildausdrücke der alten Schriften seiner Nation selbst so strenge urteilte. Genug indessen, seine Philosophie ging nicht vom Cartesischen: Ich denke, darum bin ich, sondern vom heiligen Namen seiner Väter aus: »Ich bin, der ich bin, und werde sein der ich sein werde«. Diesen Begriff, der die höchste, völlig unvergleichbare Existenz in sich sowie alle Emanationen ausschließt, ihn durfte Spinoza nur entwickeln, und der größte Teil seines Systems lag vor ihm. Es gibt keinen absolutern, reineren, fruchtbareren Begriff in der menschlichen Vernunft als ihn; denn über das ewige, durch sich bestehende, vollkommenste Dasein, durch welches Alles gesetzt, in welchem Alles gegeben ist, lässt sich nicht steigen. Wie klein ist dagegen das Bild der Weltseele!

THEOPHRON.
Es ist ein menschliches Bild, und wenn es vorsichtig gebraucht wird, kann von der innig - einwohnenden Kraft Gottes manches dadurch anschaulich gesagt werden; wie denn auch Spinoza diese Analogie gebraucht hat. Indessen bleibt es ein Bild, das ohne die größte Vorsichtigkeit sogleich missrät. Lesen Sie z.B. die Stelle wie Lessing es sich im Scherz dachte.

PHILOLAUS. »Wenn Lessing sich eine persönliche Gottheit vorstellen wollte; so dachte er sie als die Seele des Alls«.66

THEOPHRON.
Merken Sie, wenn er sich eine persönliche Gottheit vorstellen wollte; er hatte aber gegen diese Persönlichkeit vorher selbst protestiert; und wie könnte man auch die Seele im Körper eine Person nennen?

PHILOLAUS. »Und das Ganze dachte er sich nach der Analogie eines organischen Körpers. Diese Seele des Ganzen wäre also, wie es alle andre Seelen nach allen möglichen Systemen sind, als Seele nur Effekt.«

THEOPHRON. Erwägen Sie: »Gott, die Seele des Ganzen, ein Effekt! alle andre Seelen, nach allen möglichen Systemen Effekte!« Effekte wovon? Gott ein Effekt wessen? Des Ganzen? des organischen Körpers? und das wären nach allen möglichen Systemen alle Seelen? Effekte?67

PHILOLAUS. »Der organische Umfang derselben (Seele) könnte nach der Analogie der organischen Teile dieses Umfanges insofern nicht gedacht werden, als er sich auf nichts, das außer ihm vorhanden wäre, beziehen, von ihm nehmen und ihm wiedergeben könnte«.

THEOPHRON. Hier bekommt Gott als Seele der Welt schon einen organischen Umfang, Teile dieses Umfanges; er muss sich auf etwas beziehen, das außer ihm vorhanden ist, von dem er nehmen, was er wiedergeben könne.

PHILOLAUS. »Also, um sich im leben zu erhalten, muss Gott von Zeit zu Zeit sich in sich gewissermaßen zurückziehen, Tod und Auferstehung mit dem Leben in sich vereinigen. Man könnte sich von der Ökonomie eines solchen Wesens mancherlei Vorstellungen machen« u.s.w. Scherz! nichts als Scherz! wie Lessing's Freund unmittelbar darauf selbst sagt,68 »dass er die Idee der Weltseele bald
im Scherz, bald im Ernst gewendet habe«.


THEOPHRON. Sie kennen Lessing's Art, die Sache so zu wenden. »Es regnet. Das tue ich vielleicht,«69 u.s.w. Offenbar wollte er damit das Bild in seiner schlimmsten Übertreibung darstellen, d.i. persiflieren.

PHILOLAUS.
Indessen, mein Freund, verlangen wir doch nach einer Vorstellung des Weltganzen. Am Einzelnen mag unsre Seele sich nie begnügen, und wenn das Ganze, wie ich freilich einsehe, kein Riese sein kann, »der sich gegen das Nichts sträubt, sich mit schrecklichen Kontorsionen [Verdrehungen, Verrenkungen] in sich selbst zurückzieht, sich wieder ausdehnt und also Tod und Leben schafft, damit der Ewiglebende sich nur von Zeit zu Zeit sich selbst im Leben erhalte«, wenn dies alles freilich nichts ist, welche Vorstellung soll ich mir denn vom Ganzen der Welt bilden?

THEOPHRON. Keine sinnliche Vorstellung, Philolaus! Das Endlose gibt kein Bild; das absolut Unendliche, Ewige noch minder. Merken Sie, wie unser Haller alle Kräfte seiner Phantasie aufbietet, das Endlose zu schildern; er kann's nicht.

»Unendlichkeit! wer misset Dich?
Bei Dir sind Welten Tag' und Menschen Augenblicke.
Vielleicht die tausendste der Sonnen wälzt jetzt sich,
Und tausend bleiben noch zurücke.
Wie eine Uhr, beseelt durch ein Gewicht,
Eilt eine Sonn' aus Gottes Kraft bewegt:
Ihr Trieb läuft ab, und eine andre schlägt,
Du aber bleibst und zählst sie nicht.«

Mit dem letzten Zuge hat der Dichter sein ganzes Gemälde selbst vernichtet. So tut er's mit seinem Bilde der Ewigkeit:

»Die schnellen Schwingen der Gedanken,
Wogegen Zeit und Schall und Wind
Und selbst des Lichtes Flügel langsam sind,
Ermüden über Dir und hoffen keine Schranken.
Ich häufe ungeheure Zahlen,
Gebirge Millionen auf,
Ich wälze Zeit auf Zeit und Welt auf Welt zu Hauf;
Und wann ich von der grausen Höhe
Mit Schwindeln wieder nach Dir sehe,
Ist alle Macht der Zahl, vermehrt mit tausend Malen,
Noch nicht ein Teil von Dir;
Ich zieh' sie ab, und Du liegst ganz vor mir.«

Lassen Sie uns also selbst von einem Dichter lernen, auf metaphysische Phantasmen und leere Anschauungen eines endlosen Raums, einer endlosen Zeit, geschweige des unteilbar-ewigen Daseins in Bildern Verzicht zu tun. Philosophie ist nicht Phantasterei; nichts als Ungeheuer kann diese erzeugen, von denen es jeden, nur nicht den Erfinder selbst schaudert.

PHILOLAUS.
So möchte ich denn ohn' alle Bilder Naturgesetze der Haushaltung Gottes, ausdrückende Symbole der höchsten Wirklichkeit, einer notwendigen Güte und Weisheit kennen lernen. Denn, Theophron, der Gordische Knoten in Spinoza's System liegt noch vor mir, das Rätsel: »Wie entstand, wenn nur eine Substanz diesen Namen verdient, der Wahn oder die Wahrheit einzelner, vieler zahlloser Substanzen?«

THEOPHRON. Wir wollen die morgige Abendstunde zur Unterredung wählen. - Ist Ihnen dieser Hymnus bekannt? er gibt kein Bild von Gott, aber etwas Besseres als Bilder.


Gott
.70
Der Einzige, der Allen Alles ist,
Ist unser Gott! Geschöpfe, betet an!
Den Nichterschaffenen, den Einzigen,
Den Ewigen, Geschöpfe, betet an!

Du seine große, weite, schöne Welt
Mit allen Deinen Feuerkugeln dort!
Du warest nicht, Du wurdest und Du bist
In Deiner Pracht. Geschöpfe, betet an!
Zehntausend seiner Sonne traten hin
Und gehen ewig ihren großen Gang.
Zehntausend seiner Erden traten hin
Und gehen ewig ihren großen Gang.
Zehntausend Myriaden Geister stehn
Um seinen Thron. - Um seinen Thron? - Hinweg
Mit seinem Thron! Er sitzt, er stehet nicht,
Er ist kein König, kein Kalif. Er ist
Das Wesen aller Wesen; er ist Gott,
Ist unser Gott! Geschöpfe, betet an!

Wer ist, den er zu seiner Werkstatt rief,
Dahinzutreten und zu sehn, zu sehn -
Wie er es macht? Wie er den Ozean
In so geschmeidigem Gehorsam hält,
Daß seines Wassers nicht ein Tropfe fort
Aus seiner Tiefe will! wie er den Mond
An einen dünnen Faden bindet und
In blauer Luft ihn schweben lässt; wie er
In Zeit von Rosses oder Reiters Hui
Zehntausend Millionen Sonnenfernen misst
Und keines Apfels, keines Staubes fehlt!

Wer ist wie er? Auf seiner Erde wohnt
Kein ihm ergebener, erhab'ner Geist,
Und keiner blickt von seinem Wolkenzug
Uns seinem Morgenrot, der mir es sagt,
Wie er es macht! Kein Seher Gottes ist,
Kein Heiliger, kein Frommer, der es weiß.

Von Dir, Du kleiner Ball, auf welchem wir
Zehntausend Millionen Ballen dort
Nur funkeln sehen, hinauf zum Sonnenball,
Vom Sonnenball hinan zum Sirius,
Der, millionenmal so groß wie Du,
Dem armen Erdenwurm ein Punctum ist;
Von Dir, Du kleiner Käfer, bis zu Dir,
Du stolzer Adler, der den Kaukasus
Auf seinem Flug für einen Kiesel sieht;
Von Dir, Du kleine Schnecke, deren Blut
Die Hüllen stolzer Menschen färben muss,
Zu Dir, Du kluger Affe, welcher sich
Die Wangen färbt, um schön zu sein; und dann
So weiter fort zu einem Geist, der Gott,
Das Wesen aller Wesen, denken will -

Ha, welche Stufen! Welche Stufen hier
Und dort, in allen Millionen dort!
In allem Toten, allem Lebenden
Und allem Leichten, allem Schweren! - Gott,
Der einzige, der Allen Alles ist,
Ist unser Gott! Geschöpfe, betet an!

Fünftes Gespräch
THEANO. Vergönnen Sie mir, meine Freude, dass ich heut Ihre sichtbare Zuhörerin sein darf, wie ich's bisher unsichtbar gewesen. Vieles von Ihren Gesprächen habe ich nicht verstanden, und auch heut begehre ich nicht eben alles zu verstehen; genug für mich wenn ich nur im Ganzen dem Sinn Ihrer Unterredung folge. Meine Gegenwart soll sie nicht stören; ich werde schweigend meine Arbeit verrichten und nur mit meinen Gedanken Sie begleiten.

THEOPHRON.
Sie sind willkommen unserm Gespräch, Theano; denn auch Sie haben gewiss nichts dagegen, Philolaus, dass Theano zuhöre?

PHILOLAUS. Sehr viel, wenn sie bloß zuhören wollte. Sie müssen Sich in unser Gespräch mischen, Theano, und ihm, wenn es sich in eine leere Scholastik verirrt, wieder auf den Schauplatz der Menschheit helfen. Versprechen Sie uns dies?

THEANO. Ich will Sie so wenig unterbrechen, als es sein kann, und Ihren dafür gleich jetzt zum Gespräch helfen. Sie wünschten gestern, Philolaus, Regeln der Haushaltung Gottes in der Welt oder, wie Sie es nannten, ausdrückende Symbole seiner Wirklichkeit, Macht, Weisheit und Güte kennen zu lernen: wie ist's möglich, dass Theophron aus dem Ozean, der uns umfließt, einige Tropfen schöpfe? Fast mit Widerwillen hörte ich Sie gestern Meinungen anführen, als ob das Dasein Gottes unerweislich sei, und wunderte mich, Theophron, dass Sie sich in dies Wortgewirr einließen. Das Dasein eines Wesens kann, wie mich dünkt, nur durch Dasein und durch die Erfahrung desselben, nicht durch willkürliche Begriffe und leere Worte erkannt werden, so wenig als es durch diese auch weggeräumt werden mag. Man hat ein Sprichwort, dass man durch Träume weder reich noch satt werde; durch Worte wird man's ebenso wenig. Wir sind Menschen, und als solche, dünkt mich, müssen wir Gott kennen lernen, wie er sich uns wirklich gegeben und dargestellt hat. Durch Begriffe empfangen wir ihn als einen Begriff, durch Worte als ein Wort; durch Anschauung der Natur, durch den Gebrauch unsrer Kräfte, durch den Genuss unseres Lebens genießen wir ihn als wirkliches Dasein voll Kraft und Leben. Nennen Sie, abstrakte Herren, dies Schwärmerei, so will ich gern eine Schwärmerei sein; denn ich mag lieber die wirkliche Rose sehen und genießen, als von einer erdichteten, gemalten Rose mit ödem Kopfbrechen träumen.

THEOPHRON. Wohl, Theano! Sie sehen doch aber die Rose, die Sie genießen, und werden Sich dieses Genusses wegen die Augen nicht verbinden. Und was arbeiten Sie da? Sie sticken selbst diese Blume. Sie ahmen also einer Kunst der Natur nach, die Ihnen nur Ihr bemerkendes Auge sichtbar machte und jetzt das Auge Ihrer Seele, Ihre lebhafte Erinnerung der Nadel gleichsam vorzeichnet. Schließen Sie also von keinem Gefühl, von keinem Genuss der Schöpfung den Gedanken aus; er ist uns zum Innenwerden Gottes so notwendig als Ihrer
arbeitenden Nadel das Bild der Zeichnung in Ihrer Seele. Der verkennt die Menschheit, der den Schöpfer nur schmecken und fühlen wollte, ohne ihn zu sehen und zu erkennen.

THEANO. Den Vorwurf verdiene ich nicht, Theophron, da ich unsern Philolaus eben vor einem gleichen Fehler einseitiger Trennung warne. Ich habe die Philosophie herzlich gern, wenn sie bei Gegenständen, bei wahren Dingen der Natur bleibt und solche ins Licht setzt. Ich habe mich sehr gefreut, da Sie Ihren Freund auf die innere Schönheit, Güte und Wahrheit aufmerksam machten, die allen Gegenständen der Schöpfung nicht als Willkür aufgeheftet ist, sondern als Wirklichkeit selbst in jedem Wesen liegt und dies Wesen ausmacht. Seit der Zeit bemühe ich mich, in allem, was um mich ist, diesen Punkt der reinen Notwendigkeit auszufinden, und bemerke in ihm immer Wahrheit, Güte, Schönheit. Ich wollte, dass ich mein Leben hindurch alle meine Geschäfte, meine kleinste Kunst, ja selbst diese armselige Blume so schaffen und einrichten könnte, dass die webende Minerva selbst sagen müsste: »Anders als also konnte sie nicht gemacht werden.« Wie viel Trost, welche süße Anmut liegt in dem Wort »Notwendigkeit« insonderheit für unser Geschlecht, dem durch die Ordnung der Natur und durch die Einrichtungen der Menschen so wenig Willkür erlaubt ist! Ich danke der guten Adrastea, dass sie uns so wenig erlaubte, da unser Geschlecht eben am meisten nach Willkür strebt. Jetzt liebe ich diese Tochter der gütigen Weisheit und hasse alle Launen. Ich überlasse sie den Männern, die sich ja willkürliche Herren der Erde zu sein dünken.

THEOPHRON.
Halten Sie nicht viel von diesen willkürlichen Herren, liebe Theano! Je weniger Vernunft, desto mehr hat und liebt man Willkür. Ich wollte den Mann kennen lernen, der, welche kleine Geschäfte des Lebens es auch sei, solches auf unzählige Arten gleich gut verrichten könnte und es seiner blinden Wahl überlassen glaubte, welche von diesen Arten er vorziehen wolle. Der schönste und schwerste Zweck des männlichen Lebens ist, von Jugend auf Pflicht zu lernen; solche aber, als ob es nicht Pflicht sei, in jedem Augenblick des Lebens auf die leichteste, beste Weise zu üben und also jedesmal den höchsten Punkt der Kunst, das Gesetz des einzigen Besten, der holden und schönen Notwendigkeit, zu erreichen. Diese ist nicht Zwang, nicht Notdurft von innen oder von außen, ob sie gleich einem unerfahrenen, trägen, mutwilligen Menschen also dünkt; ihr Joch ist sanft, ihre Last ist leicht, wenn man derselben einmal gewohnt. Wehe dem Mann, der in übeln Gewohnheiten hart ward; wohl aber jedem vernünftigen, tätigen Wesen, dem seine Pflicht und die schönste Art, sie zu üben, zur Natur, d.i. zur Notwendigkeit ward! Er hat den Lohn der guten Engel in sich, von denen die Religion sagt, dass sie, im Guten bestätigt, nicht mehr fallen können, noch fallen wollen, weil ihre Pflicht ihnen Natur, weil ihre Tugend ihnen Himmel und Seligkeit ist. Wir wollen uns auch bestreben, meine Freunde, den innern Lohn dieser seligen Wesen zu genießen; ja warum dürften wir bei ihnen stehen bleiben, da uns allenthalben in der Natur das Vorbild unseres Vaters selbst vorleuchtet, der im Kleinsten und Größten ohn' alle schwache Willkür mit der ganzen Schönheit und Güte einer selbstständigen Vernunft, Wahrheit und Notwendigkeit handelt.

Wohlan denn, meine Freunde, und die Gottheit selbst wird uns beistehen, da wir die Natur ihrer Werke als die weiseste, beste Notwendigkeit zu entwickeln streben! Was konnte sie, indem sie auf eine uns unbegreifliche Art Wesen darstellte, was konnte sie ihnen Höheres geben, als was in ihr selbst das Höchste ist? Wirklichkeit, Dasein. In Gott ist's, nach unsern Begriffen, der Grund alles Genusses, die Wurzel aller seiner unendlichen Kräfte; in jedem daseienden Dinge nicht minder. Aller unsrer Abhängigkeit ohngeachtet sind oder dünken auch wir uns Substanzen und fühlen unser Dasein mit so inniger Gewissheit, mit so zuversichtlicher Freude, dass wir an die Zerstörung unsrer nicht nur ungern denken, sondern auch mit aller Gewalt sie uns nicht vorzustellen vermögen. Es ist das Wesen des denkenden Geistes, dass er vom
Nichts durchaus keinen Begriff hat, so dass eine sonderbare Verödung des Kopfs dazu gehört, sich nur einzubilden, dass das Nichts ein denkbarer Begriff sei. Ein Zeichen für dasselbe 0 oder Wurzel -1 kann man sich erdenken, und indem man zwei Dinge einander widersprechend erkennt, eins durch das andre wegräumen. Der Verstand vermag deutlich einzusehen, dass, indem er das eine sich vorstellt, er zu eben der Zeit sich nicht auch das andre als jenes denken könne; damit aber hat er nichts Wirkliches weggeräumt, hat auch von nichts weniger als vom absoluten Nichts einen Begriff. Statt des vollen Raums z.B. kann er sich einen ungeheueren schwarzen leeren Raum einbilden; damit aber bildete er sich noch kein Nichts ein. Kurz, das Nichts ist Nichts; es ist also auch jedem Wesen, das da ist, geschweige dem Grunde und Inbegriff aller Wirklichkeit, Gott, ein leeres Nichts, d.i. undenkbar. Bemerken Sie, Philolaus, was auf dieser innern Notwendigkeit des Begriffs vom Dasein ruhe?

PHILOLAUS.
Die schönste Wahrheit ruht darauf, nämlich: dass es kein Nichts in der Natur gebe, dass es nie gewesen sei und nie sein werde, weil es etwas Undenkbares, ein Nichts ist. So wenig der Ausdruck: »aus Nichts ein Etwas schaffen«, oder die Schilderung des Dichters:

»Befruchtet mit der Kraft des wesenreichen Wortes
Gebiert das alte Nichts« -

oder:

»Als mit dem Unding noch das neue Wesen rung« -

oder:

»Als auf die Nacht des alten Nichts
Sich goss der erste Strom des Lichts«,


einen andern als dichterischen Sinn haben, so wenig hat unsre Seele einen Begriff davon, was es heißt: »etwas vernichten, ein Etwas in Nichts verwandeln«, oder wenn der Dichter singt:

»Wenn ein zweites Nichts wird diese Welt begaben;
Wenn von dem Alles selbst nichts bleibet als die Stelle«;

denn wenn die Stelle noch da ist von dieser Welt, mithin eine Stelle zu neuen Welten, so ist noch nichts weniger als das Nichts da. Wie sehr sind mir jetzt alle diese Scheinausdrücke, leere Gespenster einer scholastischen Phantasie, zuwider! Wenn manche Metaphysiker alles Denkbare, die Welt, Gott selbst rein wegräumen und finden ein ungeheures Nichts als das reinste Objekt ihrer Vernunft sehr denkbar, finden es ganz natürlich, dass sich aus diesem Nichts mit aller Vernunft kein Etwas, weder Gott noch die Welt hervordemonstrieren lasse -

THEANO. Ich bitte, endigen Sie, Philolaus, mit dem grässlichen Nichts!

PHILOLAUS. Oder wenn gar das Dasein, das erfreuliche, notwendige, innigste Dasein ihnen grässlich dünkt. »Die reine Notwendigkeit«, sagen sie, »sei als der letzte Träger aller Dinge ein Abgrund für die Vernunft. Selbst Haller's Ewigkeit mache lange nicht den schwindlichten Eindruck auf das Gemüt als das notwendige Dasein Gottes; denn jene messe zwar, aber sie dürfte nicht tragen. Man könne den Gedanken nicht ertragen, dass ein Wesen, wenn wir es uns auch als das höchste unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst sage:

»Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit; außer mir ist nichts, ohne das, was bloß durch meinen Willen etwas ist; aber woher bin ich denn?«

»Hier,« sagen sie, »hier sinkt Alles unter uns, und die größte Vollkommenheit wie die kleinste schwebt ohne Haltung bloß vor der spekulativen
Vernunft, der es nichts kostet, die eine so wie die andere ohne die mindeste Hindernis verschwinden zu lassen.«
>>Kant

THEANO. Erretten Sie mich, Theophron, von den öden Vorstellungen, die Philolaus anführt! Ich bin ein Weib und werde mir, seitdem ich Ihre letzten Gespräche angehört habe, weder Haller's Ewigkeit als eine messende noch die weiseste Notwendigkeit als eine Trägerin noch den Höchsten als einen Spekulanten denken, der ruhmredig mit sich selbst spricht und sich töricht fragte: »woher er sei«. Ich weiß auch nicht, ob bei den Philosophen dergleichen Phantasmen deutliche Begriffe setzen oder wegräumen, noch ob es ein Triumph der Vernunft sei, die größte Vollkommenheit wie die kleinste willkürlich »ohne die mindeste Hindernis vor sich verschwinden zu lassen«; aber das weiß ich, dass nach meiner Idee es kein höheres, seligeres Dasein geben kann als Dessen, durch den alles ist, durch den alles genießt und lebt. Er darf, wenn das Dasein jedes Dinges auf einer innern Notwendigkeit seiner selbst, einer durch sich bestehenden höchsten Weisheit und Güte ruht, nichts mühsam tragen; Alles trägt sich selbst, wie die Kugel auf ihrem Schwerpunkt ruht; denn alles Dasein ist ja in seinem eignen ewigen Dasein, in seiner Macht, Güte und Weisheit gegründet. Sie haben uns zwar vor Bildern gewarnt, Theophron; aber (Wirklichkeit dem Phantom entgegengestellt) ist's unerträglich, zu denken, daß die Wurzel den Baum trage? Sie wäre keine Wurzel, wenn sie die schöne Schöpfung des Stammes mit seinen Ästen, Zweigen, Blüten und Früchten nicht zu tragen hätte und gern trüge. So die ewige Wurzel vom unermesslichen Baum des Lebens, der, durch das Weltall verbreitet, mit unzählig in einander verschlungenen Zweigen da ist und grünt. Er, die unendliche Quelle alles Daseins, des größten Geschenks, das nur er mitteilen konnte.

THEOPHRON.
Und welch ein Pfand, meine Freunde, haben wir mit diesem Geschenk zur ewigen Fortdauer unsers Lebens! Dasein ist ein unzerteilbarer Begriff, Wesen. Es kann so wenig in ein Nichts verwandelt werden, als wenig es ein Nichts ist; oder auch das höchste Dasein, die Gottheit, könnte sich selbst vernichten. Wir reden hier nicht von Erscheinungen, von Zusammensetzungen irgend einer Gestalt in dem, was wir Raum und Zeit nennen. Alles, was erscheint, muss verschwinden; jedes Gewächs der Zeit trägt den Keim der Verwesung in sich, der da macht, dass es in dieser seiner Erscheinung nicht ewig daure. Was zusammengesetzt ist, wird aufgelöst; denn eben diese Zusammensetzung und Auflösung heißt Weltordnung und ist das immer wirkende Leben des Weltgeistes. Auch reden wir selbst noch nicht von der Unsterblichkeit einer Menschenseele, um uns etwa Phantome der Einbildungskraft vorzuzeichnen, wie sie im Raum und in der Zeit, d.i. in der großen Weltordnung andere Organe annehmen und ihre Kräfte neu üben werde. Wovon wir reden, ist ein einfacher Begriff, Wirklichkeit, Dasein, an welchem das niedrigste mit dem obersten Wesen Teil hat. Nichts kann untergehen, nichts vernichtet werden, oder Gott müsste sich selbst vernichten. Da nun im unendlichen Dasein alles liegt, was sein kann und ist, wie endlos wird die Welt! Endlos nach Raum und Zeit und in sich selbst beständig. Gott hat den Grund seiner Seligkeit Wesen mitgeteilt, die auch, wie er, das kleinste wie das größte, Dasein genießen und, damit ich Ihr Gleichnis brauche, Theano, als Zweige von seiner Wurzel Lebenssaft schöpfen. Mich dünkt, wir zeichneten uns also, Philolaus, das erste Naturgesetz der heiligen Notwendigkeit auf.

PHILOLAUS. Mit Vorbehalt meiner Fragen darüber:

I. Das höchste Dasein hat seinen Geschöpfen das Höchste gegeben, Wirklichkeit, Dasein.

THEOPHRON. Aber, meine Freunde, Dasein und Dasein, so einfach der Begriff ist, sind in ihrem Zustande sehr verschieden, und was meinen Sie, Philolaus, was die Stufen und Unterschiede desselben bezeichnet?

PHILOLAUS. Nichts anders als Kräfte. In Gott selbst fanden wir keinen höheren Begriff, wodurch sich Wirklichkeit offenbart, als Macht; alle seine Kräfte waren Eins und Dasselbe. Die höchste Macht konnte nicht anders als die höchste Weisheit und Güte sein, ewig lebend, ewig wirksam.

THEOPHRON. Das Höchste also oder vielmehr das All (denn Gott ist nicht ein Höchstes auf einer Stufenleiter von Seinesgleichen), wie konnte es sich wirkend offenbaren als im All? Er selbst das All Aller. In ihm konnte nichts schlummern, und was er ausdrückte, war er selbst, ein Unteilbares, Weisheit, Güte, Allmacht. Die Welt Gottes ist also die beste; nicht weil er sie unter schlechteren wählte, sondern weil ohne ihn weder Gutes noch Schlechtes da war und er nach der innern Notwendigkeit seines Daseins nichts Schlechtes wirken konnte. Alles ist also da, was da sein konnte; alle Kräfte ein Ausdruck seiner Kraft, einer Allweisheit, Allgüte, Allschönheit. Im Kleinsten und Größten wirkt er; in jedem Punkt des Raumes und der Zeit, d.i. in jeder Wirklichkeit des Weltalls. Denn Raum und Zeit sind nur Phantome unser Einbildungskraft, Maßstäbe eines eingeschränkten Verstandes, der Dinge nach und neben einander sich bekannt machen muss; vor Gott ist weder Raum noch Zeit, sondern ein All in einer ewigen Verbindung. Er ist vor Allem, und es besteht Alles in ihm, die Welt ein Ausdruck, eine Darstellung der Wirklichkeit seiner ewig lebenden, tätigen Kräfte.

THEANO. Auf einer wie hohen Stufe stehen wir menschliche Wesen also, in denen, so nichtige Erscheinungen wir sind, dennoch ein lebender Ausdruck der drei höchsten Gotteskräfte, Macht, Verstand und Güte, mit innerem Bewusstsein wohnt! Wir können uns keine andre, geschweige höhere Eigenschaften gedenken; denn was wir in allen Werken der Natur Göttliches sehen, führt sich auf diese drei zurück, deren eine die andre erklärt, deren höchster Inbegriff und Ursprung uns als Gottheit erscheint. Das wesentliche Gesetz Gottes wohnt also in uns, unsre obwohl beschränkte Macht nach reinen Ideen der Wahrheit und Güte zu ordnen, wie solches der Allmächtige seiner vollkommensten Natur nach selbst tut und allenthalben ausdrückt, ausübt. Er hat uns darin etwas Wesentliches von sich mitgeteilt und uns zu Ebenbildern seiner Vollkommenheit gemacht, indem es in der Natur einer göttlichen Kraft liegt, nicht blind, sondern mit Einsicht, nicht eingeschränkt und boshaft, sondern mit einer alles Nichts ausschließenden Güte zu wirken. Jeder willkürliche, vernunft- und gütelose Gebrauch unsrer Kräfte, der uns von dieser Regel entfernt, macht uns uneinig mit uns selbst, verwirrt, schwach, ohnmächtig.

THEOPHRON. Mich dünkt, Philolaus, wir können also den zweiten Satz einer göttlichen Notwendigkeit setzen:

II. Die Gottheit, in der nur eine wesentliche Kraft ist, die wir Macht, Weisheit und Güte nennen, konnte nichts hervorbringen, als was ein lebendiger Abdruck derselben, mithin selbst Kraft, Weisheit und Güte sei, die ebenso untrennbar das
Wesen jedes in der Welt erscheinenden Daseins bilden.


PHILOLAUS. Ich wünschte, dass Sie für Theano und mich den Satz in Beispielen zeigten. Die Grade der Vollkommenheit in der Welt sind so zahllos mannigfaltig, dass die niedrigsten derselben uns Unvollkommenheiten scheinen.

THEOPHRON. Konnte dies anders sein, Philolaus? Wenn alles Mögliche da ist und nach dem Prinzipium einer unendlichen göttlichen Kraft da sein muss, so muss in diesem All die geringste wie die höchste Vollkommenheit da sein; aber alle sind von der weisesten Güte verbunden, und auch in der geringsten ist kein Nichts, d.i. nichts wesentlich Böses. Verzeihen Sie, Theano, dass ich abermals das grässliche Unding nennen muss, ob es gleich ein Unding ist, das sich selbst aufhebt. Sie wissen, Philolaus, was Leibniz von seinen einfachen Substanzen für große Dinge rühmte: »sie seien Spiegel des Weltalls, mit Vorstellungskräften begabt, das Universum, jede nach ihrem Standpunkt, darzustellen und abzuschildern. Der Unendliche sehe im Kleinsten das All« u.s.w. So erhaben diese Idee war, die wir uns nur in reinen Zahlverhältnissen annähernd begreiflich machen, und so notwendig sie ist, sobald man die Welt als eine in allen Teilen zusammenhängende Wirkung der höchsten Vollkommenheit denkt, so falsch ward sie von Manchen verstanden, und insonderheit wurden die unendlich kleinen einfachen Spiegel des Weltalls unwürdig gedeutet. Wir lassen das Bild weg und sagen: »Jede Kraft ist ihrem Wesen nach ein Ausdruck der höchsten Macht, Weisheit und Güte, wie solche sich an dieser Stelle des Universum, d.i. in Verbindung mit allen übrigen Kräften darstellen und offenbaren konnte.« Um dies einzusehn, bemerken wir, wie jede dieser Kräfte in der Welt wirke. Nicht wahr, Philolaus, sie wirkt organisch?

PHILOLAUS. Mir ist keine Kraft bekannt, die außer Körpern, d.i. ohne Organe sich erweise; ob mir wohl ebenso unbekannt ist, wie diese Kräfte und diese Organe sich zusammengefunden haben.

THEOPHRON. Wohl durch ihre beiderseitige Natur, Philolaus; im zusammenhangenden Reich der vollkommensten Macht und Weisheit konnten sie nicht anders. Denn was nennen wir Körper? was nennen wir Organe? Im menschlichen Körper z.B. ist nichts unbelebt: von der Spitze des Haars bis zum Äußersten Ihres Nagels ist Alles von einer erhaltenden, nährenden Kraft durchdrungen, und sobald diese das kleinste Glied verlässt, stirbt es ab und trennt sich vom lebenden Leibe. Sodann, dem Gebiet der lebendigen Kräfte unsrer Menschheit entnommen, ist's im Reich andrer Naturkräfte; dem entfällt es nie. Das verwelkte Haar, der verworfne Nagel tritt jetzt in eine andre Region des Zusammenhanges der Welt, in welchem er abermals nicht anders als seiner jetzigen Naturstellung nach wirkt oder leidet. Gehen Sie die Wunder durch, die uns die Physiologie des menschlichen oder irgend eines tierischen Körpers herzählt: Sie sehen nicht als ein Reich lebendiger Kräfte, deren jede, an ihre Stelle gesetzt, Zusammenhang, Gestalt, Leben des Ganzen durch Wirkungen hervorbringt, deren jede aus der Natur ihres und des Wesens folgt, dem sie angehört. So bildete, so erhält sich der Körper; so löst er sich täglich, so löst er sich endlich gar auf. Was wir Materie nennen, ist also mehr oder minder selbst belebt; es ist ein Reich wirkender Kräfte, die nicht nur unsern Sinnen in der Erscheinung, sondern ihrer Natur und ihrer Verbindung nach ein Ganzes bilden. Eine Kraft herrscht (sonst wäre es kein Eins, kein Ganzes); mehrere auf den verschiedensten Stufen dienen. Alle diese Verschiedenheiten aber, deren jede aufs Vollkommenste bestimmt ist, haben was gemeinschaftlich Tätiges, in einander Wirkendes; sonst könnten sie kein Eins, kein Ganzes bilden. Da nun im Reich der vollkommensten Macht und Weisheit Alles aufs Weiseste zusammenhängt, da in ihm nichts sich anders als nach inwohnenden notwendigen Gesetzen der Dinge zusammenfügen, helfen und bilden kann: so sehen wir auch allenthalben in der Natur unzählige Organisationen, deren jede in ihrer Art nicht nur weise, gut und schön, sondern ein Vollkommnes, d.i. ein Abdruck der Weisheit, Güte und Schönheit selbst ist, wie solche sich in diesem Zusammenhange sichtbar machen konnte. Nirgends in der Welt also, in keinem Blatt eines Baums, in keinem Sandkorn, in keinem Fäserchen unsers Körpers herrscht Willkür; Alles ist von Kräften, die in jedem Punkt der Schöpfung nach der vollkommensten Weisheit und Güte wirken, bestimmt, gesetzt, geordnet. Gehen Sie, mein Freund, die Geschichte der Missgeburten, der Verwahrlosungen und Ungeheuer durch, da durch fremde Ursachen die Gesetze dieser einzelnen organischen Natur in Unordnung gesetzt zu sein scheinen: die Gesetze der allgemeinen Natur kamen nie in Unordnung, jede Kraft wirkte ihrer Natur getreu, selbst da eine andre sie störte; denn auch diese Störung selbst konnte nichts Anders bewirken, als dass die gestörte organische Kraft auf anderm Wege sich zu kompensieren suchte. Man hat über diese Kompensationen in einem System gestörter Kräfte eine Reihe Bemerkungen gemacht, von denen wir uns zu einer andern Zeit unterhalten können; allenthalben aber, auch im scheinbar verworrenen Chaos waltet die beständige Natur nach unwandelbaren Regeln einer in jeder Kraft wirkenden Notwendigkeit, Güte, Weisheit.

PHILOLAUS. Mit Freude, Theophron, sehe ich den dunkeln Begriff der Materie sich mir aufhellen und ordnen; denn ob ich gleich dem System des Leibniz gern beitrat, dass sie nichts als eine Erscheinung unsrer Sinne, ein Aggregat substanzieller Einheiten sei, so blieb mir doch in diesem System die sogenannte »idealische Verbindung dieser Substanzen zu solcher und keiner andern Erscheinung eines Ganzen« ein Rätsel. Leibniz verglich die Materie mit einer Wolke, die aus Regentropfen besteht und uns Wolke scheint, mit einem Garten voll Pflanzen und Bäume, mit einem Teich voll Fische u. dergl.; dadurch aber konnte ich mir das Bestehen dieser Erscheinung, den Zusammenhang dieser Kräfte in ihr nicht erklären. Die Regentropfen in der Wolke, die Pflanzen im Garten, die Fische im Wasser haben ein Medium der Verbindung; und welches könnte bei diesen die Materie ausmachenden Kräften ein solches Medium sein als die Kräfte der sogenannten Substanzen selbst, mit denen sie auf einander wirken? Dadurch also bilden sich Organe; denn auch das Organ ist ein System von Kräften, die in inniger Verbindung einer herrschenden dienen. Jetzt wird mir die Materie nicht bloß eine Erscheinung in meiner Idee, d.i. ein durch Ideen vorstellender Geschöpfe allein verbundenes Ganzes; sie ist's durch ihre Natur und Wahrheit, durch den innigen Zusammenhang wirkender Kräfte. Nichts steht in der Natur allein; nichts ist ohne Ursache, nichts ohne Wirkung; und da Alles in Verbindung und alles Mögliche da ist, so ist auch nichts in der Natur ohne Organisation, jede Kraft steht in Verbindung mit andern ihr dienenden oder über sie herrschenden Kräften. Wenn meine Seele also eine substanzielle Kraft ist und ihr jetziges Reich der Wirkung zerstört wird, so kann es ihr in einer Schöpfung, in welcher keine Lücke, kein Sprung, keine Insel stattfindet, an einem neuem Organ nie fehlen. Neue dienende Kräfte werden ihr beistehen und in ihrem neuen Zusammenhange mit einer Welt, in welcher Alles zusammenhängt, ihren Wirkungskreis bilden.

THEOPHRON.
Um so mehr, Philolaus, ist's unsre Pflicht, zu schaffen, dass sie in ihrem Innern, im System ihrer Kräfte selbst wohlgeordnet von dannen gehe; denn nur, wie sie ist, kann sie wirken; nur nach der Gestalt ihrer innern Kräfte kann ihre äußere Gestalt erscheinen. Unser Körper ist nicht etwa nur ein Werkzeug, er ist ein Spiegel der Seele, jede Organisation ein äußerer Abdruck inniger Bestrebungen, die ihrer Erscheinung Bestand geben.

PHILOLAUS. Ich erinnere mich hierbei mancher schönen Bemerkungen des Spinoza, die er über die Verbindungen des Leibes und der Seele gemacht hat. Denn ob er beide gleich, dem Cartesischen System zufolge, unabhängig von einander, wie den Gedanken und die Ausdehnung betrachten musste, so konnte es doch nicht fehlen, dass ein scharfsinniger Geist wie er über das Cartesische System auch hier hinausdachte. Indem er den Begriff vom Leibe zur wesentlichen Form der menschlichen Seele macht, schließt er daraus auf die Beschaffenheit, auf die Veränderungen, die Vollkommenheit und Unvollkommenheit dieses Begriffs vortrefflich. Es ließe sich aus seinen Grundsätzen eine Physiognomik entwerfen, die das gewöhnliche Chaos unsrer physiognomischen Träume sehr ordnete und auf eine bestimmte Wahrheit zurückführte. Insonderheit war es mir angenehm, dass er auf die Lebensweise, d.i. auf die Veränderungen in der Beschaffenheit des Körpers so viel hält und die Gedankenweise, d.i. die Form des Begriffs der Seele mit ihr ganz homogen betrachtet. Aus dem Umriss eines Beins oder Knochens leitet er nicht die wandelbarsten, feinsten Triebfedern der Seele, ihrer Fähigkeiten und ihres Charakters her, ob es wohl Niemand leugnen wird, dass auch jeder kleine Umriss des Körpers zur Analogie des Ganzen gehöre. - Sie schweigen, Theano?

THEANO. Ihr Gespräch ist mir sehr lieb, meine Freunde; weil Sie mich doch aber einmal dazu bestellt haben, Sie, wenn Sie Sich verirren, wieder an den Weg zu erinnern, so wollte ich, Sie ließen die Physiognomik und kehrt zu Ihrer allgemeine Betrachtung zurück. Mir, die ich immer nur mit dem Wenigsten zufrieden bin, ist's genug, dass jede Organisation die Erscheinung eines Systems innerer, lebendiger Kräfte sei, die nach Gesetzen der Weisheit und Güte eine Art kleiner Welt, ein Ganzes bilden. Ich wünschte, dass ich den Geist der Rose zu meiner Arbeit zaubern könnte, dass er mir sagte, wie er ihre schöne Gestalt gebildet habe, oder da auch sie nur eine Tochter des Rosenbusches ist, dass mir die Dryade desselben es erklärte, wie sie von der Wurzel aus bis zum kleinstem Zweige ihr Bäumchen belebe. Als Kind schon bin ich oft vor einem Baum, einer Blume stille gestanden und habe die sonderbare Harmonie angestaunt, die sich in jedem lebendigen Geschöpf von unten zu bis oben aus zeigt; ich verglich mehrere derselben und habe mit Vergleichung und Musterung der Blätter, der Zweige, der Blüten, der Stämme, des ganzen Wuchses der Bäume und Pflanzen manche müßige Stunden verträumt. Die Begierde, solche eigentümliche schöne Gestalten lebendig nachzuzeichnen, schärfte meine Aufmerksamkeit, und oft kam ich in ein so vertrauliches Gespräch mit der Blume, dem Baum, der Pflanze, dass ich glaubte, ihr ergriffenes Wesen müßte in meine kleine Schöpfung wandern. Aber vergebens; diese blieb ein totes
Nachbild, und jenes schöne vergängliche Geschöpfstand da mit aller Fülle stiller Selbstgenügsamkeit und eines gleichsam in und für sich selbst vollendeten Daseins. Über diese Materie reden Sie mehr und helfen meiner stammelnden Natursprache!


THEOPHRON. Liebe Theano, die wird nun wohl immer eine Stammlerin bleiben. Ins innere Wesen der Dinge hineinzuschauen, haben wir keine Sinne; wir stehen von außen und bemerken. Mit je scharfsinnigerem, stillerem Blick wir dies tun, desto mehr offenbart sich uns die lebendige Harmonie der Natur, in der jede Organisation das vollkommenste Eins und doch Jedes mit Jedem in ihr so vielfach und mannigfaltig verwebt ist. Die Kunst schleicht dieser Beobachtung de Natur nach; die neuere aufmerksamere Naturlehre ist ihre Schwester. Sie beobachtet in jedem Dinge, was es sei, wie es sich gestalte, wie es leide und wirke, und hat über Pflanzen, Bäume, Mineralien, Tiere u.s.w., über ihre Entstehung, ihr Wachstum, ihre Verwandlung, über Krankheiten, Tod und Leben derselben Schätze von Erfahrungen gesammelt, die uns bei jedem einzelnen Gegenstande eine Welt von selbstbestehender Harmonie, Güte und Weisheit zeigen. Hievon ist aber jetzt nicht zu reden; man wird dies alles in schönen Frühlings- und Sommermorgen lieber sehen wollen, als jetzt im dunkeln Abendgespräch davon hören. Worauf ich Sie aufmerksam machen möchte, sind die einfachen Gesetze, nach welchen alle lebendigen Kräfte der Natur ihre tausendfältige Organisationen bewirken; denn Alles, was die höchste Weisheit tut, muss höchst einfach sein. Die Gesetze nämlich scheinen mir in drei Worten zu liegen, die im Grunde alle wieder nur ein lebendiger Begriff sind

1. Beharrung, d.i. innerer Bestand jeglichen Wesens.

2. Vereinigung mit Gleichartigem und vom Entgegengesetzten Scheidungen.

3. Verähnlichung mit sich und Abdruck seines Wesens in einem andern.

Wollen Sie mich darüber (damit ich Ihnen Ausdruck brauche, Theano) auch stammeln hören, so steht Ihnen meine Rede zu Dienst. Wir wenigstens, Philolaus, setzen unsern Gesprächen über Spinoza damit den Kranz auf; denn Sie wissen, dass er selbst, obwohl in seiner eigentümlichen Sprache, die Moral auf ähnliche Begriffe baut.

Zuerst also. Jedes Wesen ist, was es ist, und hat vom Nichts weder einen Begriff noch zu ihm Sehnsucht. Alle Vollkommenheit eines Dinges ist seine Wirklichkeit; das Gefühl dieser Wirklichkeit ist der einwohnende Lohn seines Daseins, seine innige
Freude. In der sogenannten moralischen Welt, die auch eine Naturwelt ist, hat Spinoza alle Leidenschaften und Bestrebungen der Menschen auf diese innere Liebe zum Dasein und zur Beharrung in demselben zurückzuführen gesucht; in der physischen Welt hat man den Erscheinungen, die aus diesem Naturgesetz folgen, mancherlei zum Teil unwürdige Namen gegeben. Bald heißt es die Kraft der Tätigkeit, da jedes Ding bleibt, was es ist, und ohne Ursache sich nicht verändert; bald heißt es, wiewohl in einem andern Betracht, die Kraft der Schwere, nach welchem jedes Ding seinen Schwerpunkt hat, worauf es ruht. Trägheit und Schwere sind ebensowohl als ihre Gegnerin, die Bewegung, nur Erscheinungen, da Raum und Körper selbst nur Erscheinungen sind; das Wahre, Wesentliche in ihnen ist Beharrung, Fortsetzung seines Daseins, aus welchem es sich selbst nicht stören kann noch mag. Dass jedes Ding nun nach einem Zustande der Beharrung strebe, zeigt selbst seine Gestalt an, und Sie werden, liebe Theano, als eine Naturzeichnerin sich in der Form der Dinge Manches erklären können, wenn Sie darauf merken. Wir wollen das leichteste Beispiel aus dem System der Dinge nehmen, die mit der größten Gleichartigkeit die leichteste Beweglichkeit verknüpfen und sich also gleichsam eine Gestalt wählen können. Wir nennen dies flüssige Dinge. Wohlan! alle flüssigen Dinge, deren Teile gleichartig zu einander ohne Hindernis wirken, welche Gestalt nehmen sie an?

PHILOLAUS.
Die Gestalt eines Tropfens.

THEOPHRON. Warum eines Tropfens? Sollen wir etwa ein Tropfen bildendes Prinzipium in der Natur annehmen, das diese Gestalt willkürlich liebe? und die Regel festsetzen: »Alles in der Natur ballt sich durch eine verborgne Qualität«?

PHILOLAUS. Mit nichten! Der Tropfen ist eine Kugel; in einer Kugel treten um einen Mittelpunkt alle Teile gleichartig in Harmonie und Ordnung. Die Kugel ruht auf sich selbst; ihr Schwerpunkt ist in der Mitte; ihre Gestalt ist also der einfachste Beharrungszustand gleichartiger Wesen, die um diesen Mittelpunkt in Verbindung treten und mit gleichen Kräften einander das Gegengewicht leisten. Nach notwendigen Gesetzen der Harmonie und Ordnung wird also eine Welt im Tropfen.

THEOPHRON. Mithin, lieber Philolaus, haben Sie in dem Gesetz, darnach sich der Tropfen bildet, zugleich die Regel, nach welcher sich unsre Erde, die Sonne und alle Himmelssysteme bildeten. Denn auch unsre Erde ging einst als Tropfen hervor oder sammelte sich zum Tropfen. So die Sonne und jenes ganze System, in dem sie mit anziehender Gewalt herrscht. Alles senkt sich in Radien herab und wird nur durch andre Kräfte im Umlauf erhalten; so bilden sich Planeten und Planetenbahnen, Sonnen und Sonnenbahnen, Systeme von Sonnen, Milchstraßen, Nebelsterne. Allesamt lichte Tropfen aus dem Meer der Kräfte, die nach einwohnenden ewigen Gesetzen der Harmonie und Ordnung in ihrer Gestalt und in ihrem Lauf ihren Beharrungszustand suchten und fanden. Nicht anders als in ihrer Gestalt, in ihrer Bahn, dem Produkt entgegenstrebender Kräfte (sei diese Kreis oder Ellipse, Parabel oder Epizykloide), konnten sie ihn finden; nicht aus Willkür, sondern nach innern gleichartig wirkenden Gesetzen selbst, die sich in der Kugelgestalt wie in der Ellipse, in der Sphäroidenbewegung wie in der Parabel offenbaren. Die kleine Träne, Theano, die Sie des Morgens im Kelch einer Rose finden, zeigt Ihnen das Gesetz, nach welchem sich Erde, Sonnen und alle Sonnen, ja alle Weltsysteme bildeten und bestehend erhalten. Denn wenn wir unsere Phantasie den ungeheuern Flug verstatten, sich das Weltall zu denken, so wird kein Riese daraus, der sich streckt und sträubt, sondern mit allen Epizykloiden aller Sonnensysteme eine Kugel, die auf sich selbst ruht.

THEANO. Eine unermessliche Aussicht! Kommen Sie zu unsrer Erde oder wenigstens zu unserm Sonnensystem zurück; ich ermatte im Fluge. Sie sprachen von einem zweiten Naturgesetz, dass sich alles Gleichartige vereine und das Entgegengesetzte scheide; wollen Sie nicht davon Beispiele geben?

THEOPHRON. Ich dächte, wir bleiben bei unserm flüssigen Tropfen. Sie kennen, Theano, den Stein des Hasses und der Liebe in der Naturwelt?

THEANO.
Den Magnet, meinen Sie.

THEOPHRON. Ihn selbst, und seine zwei Pole und deren freundliche oder feindliche Wirkung.

THEANO. Auch dass es einen Punkt der größten Liebe und einen Punkt der völligen Gleichgültigkeit auf seiner Achse gebe, ist mir bekannt.

THEOPHRON. Sehen Sie also diesen Stein als einen Tropfen an, in den sich die magnetische Kraft so gleichartig und regelmäßig verteilt hat, dass ihre entgegenstehenden Enden den Nord- und Südpol machten. Einer kann ohne den andern nicht sein. -

THEANO. Und wenn man sie verändert, verändert man beide.

THEOPHRON. Sie haben also am Magnet ein Bild von dem, was Hass und Liebe in der Schöpfung sei; bei jedem System von Wirksamkeit muss sich das Nämliche finden.

PHILOLAUS. Und dies Nämliche ist -?

THEOPHRON. Dass, wo ein System von vielartigen Kräften eine Achse gewinnt, sie sich um dieselbe und um ihren Mittelpunkt so lagern, dass jedes Gleichartige zum gleichartigen Pol fließt und sich von demselben durch alle Grade der Zunahme bis zur Kulmination, sodann durch den Punkt der Gleichgültigkeit bis zum entgegengesetzten Pol nach festen Gesetzen ordne. Jede Kugel würde auf diese Weise eine Zusammensetzung zweier Hälften mit entgegengesetzten Polen; so jede Ellipse mit ihren Brennpunkten u.s.w.: die Gesetze dieser Konstruktion lägen nach festen Regeln in den Wirkungskräften des Systems selbst, das sich also bildete. So wenig es bei einer Kugel einen Nordpol ohne einen Südpol geben kann, so wenig kann es bei jedem System von Kräften, das sich regelmäßig bildet, eine Gestalt geben, in der sich nicht ebensowohl das Freundschaftliche und Feindschaftliche trennt, mithin eben durch das Gegengewicht, das beide einander nach ab- und zunehmenden Graden des Zusammenhanges leisten, ein Ganzes bildet. Wahrscheinlich gäbe es kein System elektrischer
Kräfte, wenn es nicht zwei einander entgegengesetzte Elektrizitäten gäbe; ein gleiches ist's mit der Wärme und Kälte, ein Gleiches mit dem Zyklus der Farben und jedem System von Erscheinungen, die nur durch das Mannigfaltige Einheit und durch das Entgegengesetzte Zusammenhang erhalten können. Die bemerkende Naturlehre, die nicht eben alt ist, wird in diesem Allen gewiss einmal so weit reichen, dass durch eine Reihe von Analogien jede blinde Willkür aus der physischen Welt verbannt sein wird, bei welcher Willkür Alles auseinanderfiele und im Grunde alle Gesetzte der Natur aufhörten. Denn, meine Freunde, wirkt der Magnet, die elektrische Kraft, das Licht, die Wärme und Kälte, die Anziehung, die Schwere u.s.w. willkürlich; ist das Dreieck willkürlich ein Dreieck, der Zirkel willkürlich ein Zirkel: so mögen wir nur alle Bemerkungen der Physik und Mathematik für Unsinn erklären und auf Offenbarungen dieser getroffenen Willkür warten. Ist's aber gewiss, dass wir schon bei so vielen Kräften mathematisch genaue Naturgesetze gefunden haben, wer wollte die Grenze setzen, wo sie nicht mehr zu finden seien, wo ein blinder Wille anhübe? In der Schöpfung ist alles Zusammenhang, alles Ordnung; findet also irgendwo nur ein Naturgesetz in ihr statt, so müssen allenthalben Naturgesetze walten, oder die Schöpfung wird ein Chaos und stäubt aus einander.

THEANO.
Sie entfernen Sich vom Gesetz des Hasses und der Liebe, Theophron, wo nach Ihnen System Eins ohne das Andre nicht sein kann.

THEOPHRON. Weil Alles in der Welt da ist, was da sein muss, d.i. was zu ihrem System gehört, so muss auch das Entgegengesetzte da sein, und ein Gesetz der höchsten Weisheit muss eben aus diesen Entgegengesetzten, aus dem Nord- und Südpol allenthalben das System bilden. In jedem Kreise der Natur ist die Tafel der zweiunddreißig Winde, in jedem Sonnenstrahl der ganze Farbenumkreis; es kommt nur darauf an, welcher Wind jetzt und dann wehe, welche Farbe hier oder da erscheine. Sobald aus dem Flüssigen das Feste hervortritt, kristallisiert und bildet es sich nach den innern Gesetzen, die in diesem System organisierender Kräfte lagen. Alles zieht an oder stößt zurück oder bleibt gleichgültig gegen einander; die Achse dieser wirkenden Tätigkeiten geht zusammenhängend durch alle Grade. Der Chemiker veranstaltet nichts als Verbindungen und Trennungen; die Natur zeigt allenthalben Verwandtschaften, Freundschaften, Feindschaften auf die reichste, innigste Weise. In ihr sucht und findet sich, was sich einander liebt; daher die Naturlehre selbst nicht umhin gekonnt hat, eine Wahlanziehung bei den Verbindungen der Körper anzunehmen; was einander entgegengesetzt ist, entfernt sich von einander und kommt nur durch den Punkt der Gleichgültigkeit zusammen. Oft wechseln die Kräfte rasch, ganze Systeme verhalten sich wie die einzelnen Kräfte des Systems zu einander: Hass kann Liebe, Liebe kann Hass werden; Alles aus einem und demselben Grunde, da jedes System nämlich in sich selbst Beharrung sucht und darnach seine Kräfte ordnet. Die Kräfte dieser Systeme können sehr verschieden von einander sein und doch nach einerlei Gesetzen wirken, weil in der Natur zuletzt Alles zusammenhängt und nur ein Hauptgesetz sein kann, nach welchem sich auch das Verschiedenste ordnet.


THEANO. Nach unsrer Vorstellungsart kommt, dünkt mich das Gesetz der Beharrung, des Hasses und der Liebe diesem Hauptgesetz nah; denn ohngeachtet aller zahllosen Verschiedenheiten und entgegengesetzten Erscheinungen in der Natur erscheint allenthalben. Ich möchte einige Augenblicke ein höherer Geist sein, um diese große Werkstätte in ihrem Innern zu betrachten.

THEOPHRON. Warum ein höherer Geist, Theano? Hat es der Zuschauer von außen nicht angenehmer als ein Zuschauer von innen, der doch auch nie das Ganze übersehen konnte? Steht der Zuschauer vor dem Schauplatz nicht bequemer, als der in der Kulisse lauscht? Nach Wahrheit forschen, reizt; Wahrheit haben, macht vielleicht satt und träge. Der Natur nachzugehen, ihre hohen Gesetze zu ahnen, zu bemerken, zu prüfen, sich darüber zu vergewissern, jetzt sie tausendfach bestätigt zu finden und neu anzuwenden, allenthalben endlich dieselbe weise Regel, dieselbe heilige Notwendigkeit wahrzunehmen, lieb zu gewinnen, sich selbst anzubilden; das macht den Wert eines Menschenlebens. Denn, Theano, sind wir bloß Zuschauer? sind wir nicht selbst Schauspieler, Mitwirker der Natur und ihre Nachahmer? Herrschen im Reich der Menschen nicht auch Hass und Liebe? und sind beide zu Bildung des Ganzen nicht gleich notwendig? Wer nicht hassen kann, kann auch nicht lieben; nur er muss recht hassen und recht lieben lernen. Es gibt auch einen Punkt der Gleichgültigkeit unter den Menschen; dies ist gottlob aber in der ganzen magnetischen Achse nur ein Punkt.

PHILOLAUS.
Jetzt muss ich Sie erinnern, Theophron, dass Sie uns noch Ihr drittes Stück des großen Naturgesetzes schuldig sind, nämlich, »wie sich die Wesen einander verähnlichen und in Abdrücken ihrer Art eine fortwährende Reihe bilden«.

THEOPHRON.
Das heiligste und gewiss göttliche Gesetz. Alles was sich liebt, verähnlicht sich einander; wie zwei Farben zusammenstrahlen, dass eine mittlere dritte werde, so werden auf eine wunderbare Weise schon durch das teilnehmende Beisammensein menschliche Gemüter, ja sogar Gebärden und Gesichtszüge, die feinsten Übergänge der Denkart und Handlungsweise einander ähnlich. Schwärmerei, Wahnsinn, Furcht, alle Affekte sind ansteckende Übel; nicht durch das, was in ihnen Übel oder ein Nichts ist, sind sie so mächtig, sondern durch die Stärke ihrer wirkenden Kräfte; wie dann sollte sich nicht die Wirkung regelmäßiger Kräfte, d.i. Ordnung, Harmonie, Schönheit mit viel wesentlicherer Macht auf Andere erstrecken und sich ihnen mitteilen? Nur dadurch sahen wir Organisationen werden, dass stärkere Kräfte die schwächern in ihr Reich ziehen und nach eingepflanzten Regeln einer in sich notwendigen Güte und Wahrheit sie zu einer Gestalt bilden. Alles Gute teilt sich mit; es hat die Natur Gottes, der sich nicht anders als mitteilen konnte; es hat auch seine unfehlbare Wirkung. Die Regeln der Schönheit z.B. drängen sich uns auf, sie strahlen uns an; unvermerkt gehen sie in uns über; eben dies ist das Geheimnis der überall zusammenhängend wirkenden, in sich selbst bestehenden Schöpfung. Das freundschaftliche Beisammensein menschlicher Gemüter verähnlicht sie einander ohne Gewalt, ohne Worte. Jener ideale Einfluss, den Leibniz bei seinen Monaden annahm, ist das ebenso mächtige als geheime Band der Schöpfung, das wir bei allen empfindenden, denkenden, handelnden Wesen unwidertreiblich und unzerstörbar bemerken. Verzweifle niemand an der Wirkung seines Daseins; je mehr Ordnung in demselben ist, je gleichförmiger den Gesetzen der Natur er handelt, desto unfehlbarer ist seine Wirkung. Er wirkt wie Gott, in Gott; er kann nicht anders als ein Chaos um sich her ordnen, Finsternis vertreiben, damit Licht werde; feiner schönen Gestalt verähnlicht er alles, was mit ihm ist, selbst mehr oder minder was streitend ihm entgegenfährt, sobald er durch Güte und Wahrheit überwindet.

THEANO. Erquickende Wahrheit, Theophron! Schon dadurch zeigt sie ihr himmlisches Siegel, dass sie unserm Herzen zuspricht und tausend Erfahrungen meines Lebens in mir aufruft. Es liegt eine unnennbare Kraft im Dasein eines Menschen, ich meine, wie sein handelndes Beispiel wirkt. Das innigste, stillste Gute in mir ist auf diese Weise mein worden; ohne Geräusch der Worte ging es in mich über. Auch deswegen ist mir Ihre Gedankenweise lieb, Theophron, da sie mir allenthalben dies Dasein, diese Wirklichkeit und in ihr den Allwirksamen gegenwärtig macht, der durch das Dasein seiner Geschöpfe selbst in wesentlichen Regeln der Harmonie und Schönheit fortgehend, still und tief auf uns wirkt. Jetzt sehe ich's, wie Alles Gott ähnlich werden soll, ja, wenn ich so sagen darf, ihm ähnlich werden muss, was in seinem Reich lebt. Seine Gesetze, seine Gedanken und Wirkungen drängen sich uns auch wider unsern Willen in tausend und abermal tausend Erweisen seiner Ordnung, Güte und Schönheit als unwandelbare Regeln auf; wer nicht folgen will, muss folgen; denn Alles zieht ihn, er kann der allgewaltigen Kette nicht entweichen. Wohl dem, der willig folgt: er hat den süßen täuschenden Lohn in sich, dass er sich selbst bildete, obwohl ihn Gott unablässig bildet. Indem er mit Vernunft gehorcht und mit Liebe dient, so prägt sich ihm aus allen Geschöpfen und Begebenheiten das Gepräge der Gottheit auf: er wird vernünftig, gütig, geordnet, glücklich; er wird Gott ähnlich. - Aber lassen Sie uns zur Haushaltung der Natur zurückkehren! Ist nicht ein Zwang darin, dass eine Kraft die andere überwältigt, sie an sich zieht, zu sich zwingt und mit sich einigt? Wenn ich bemerke, dass alles Leben der Geschöpfe auf der Zerstörung andrer Gattungen ruht, dass der Mensch von Tieren, Tiere von einander oder auch nur von Pflanzen und Früchten leben, so sehe ich freilich Organisationen, die sich bilden aber die zugleich andre zerstören, d.i. Mord und Tod in der Schöpfung. Ist nicht ein Gräschen, eine Blume, eine Frucht des Baumes, endlich ein Tier, das dem andern zur Speise wird, eine so schöne Organisation, als die Organisation Dessen ist, der es zerstörend in sich verwandelt? Verjagen Sie diese Wolke, Theophron; sie zieht sich mir wie ein Schleier vors Angesicht der Sonne, die mir aus jedem Geschöpf strahlte.

THEOPHRON. Sie wird fliehen, Theano, wenn Sie bemerken, dass ohne diesen scheinbaren Tod in der Schöpfung Alles wahrer Tod, d.i. eine träge Ruhe, ein ödes Schattenreich wäre in welchem alles wirksame Dasein erstürbe. Eben jetzt sprachen Sie wie eine Schülerin des Plato; haben Sie in Ihrem Lehrer nicht gefunden, dass in dem Veränderlichen Alles Veränderung, dass auf dem Flügel der Zeit Alles Fortgang, Eile, Wanderung sei? Hemmen Sie ein Rad in der Schöpfung, und alle Räder stehen stille; lassen Sie einen Punkt dessen, was wir Materie nennen, träge und tot sein, so ist Tod allenthalben.

PHILOLAUS. Ich erinnere mich hiebei so manches unphilosophischen Wahnes, dass es z.B. Atome, absolut harte Körper und dergleichen in der Natur gebe. Gibt es solche, so wird an ihnen alle Bewegung zu Schanden; ein unendlich kleiner Atom hemmte die Räder der ganzen Schöpfung.

THEOPHRON. Wohlan als, wenn es keine absolute Ruhe, keine völlige Undurchdringlichkeit, Härte, Träge geben kann, die ein alles entkräftendes Nichts, mithin ein Widerspruch wäre, so müssen wir uns schon, meine Freunde, mit unsern Gedanken auf den Strom des Plato wagen, wo alles Veränderliche eine Welle, wo alles Zeitliche ein Traumist. Erschrecken Sie nicht, Theano; fürchten Sie nicht: es ist sie Welle eines Stromes, der selbst ganz Dasein ist, der Traum einer selbstständigen, wesentlichen Wahrheit. Der Ewige, der in Erscheinungen der Zeit, der Unteilbare, der in Gestalten des Raumes sichtbar werden wollte, konnte nicht anders als jeder Gestalt das kürzeste und zugleich das längste Dasein geben, das nach dem Bilde des Raums und der Zeit ihre Erscheinung fordert. Alles, was erscheint, muss verschwinden; es verschwindet, sobald es kann, es bleibt aber auch, so lange es kann; hier wie allenthalben fallen die beiden Extreme zusammen und sind eigentlich eins und dasselbe. Jedes beschränkte Wesen bringt als Erscheinung den Keim der Zerstörung schon mit sich: mit unaufhaltbarem Schritt eilt es zur größten Höhe hinauf, damit es hinuntereile und unsern Sinnen verschwinde. Bemerken Sie die Linie, die ich hier zeichne!

THEANO. Traurige Bemerkung!

THEOPHRON.
Sehen Sie die Blume an, wie sie zu ihrer Blüte eilt! Sie zieht den Saft, die Luft, das Licht, alle Elemente an sich und arbeitet sie aus, damit sie wachse, Lebenssaft bereite und eine Blüte zeige; die Blüte ist da, und sie verschwindet. Sie hat alle ihre Kraft, ihre Liebe und ihr Leben daran gewandt, damit sie Mutter werde, damit sie Bilder ihrer selbst zurücklasse und ihr kräftiges Dasein vermehrend fortpflanze. Nun ist auch ihre Erscheinung hin: sie hat solche im rastlosen Dienst der Natur verzehrt, und man kann sagen, dass sie vom Anfange ihres Lebens an auf ihre Zerstörung gearbeitet habe. Was aber ist ihr zerstört als eine Erscheinung, die sich nicht länger halten konnte? die, da sie dem höchsten Punkt unsrer Linie erreicht hatte, in welchem das Maximum ihrer Bestimmung, die Gestalt und das Maß ihrer Schönheit lag, wieder hinabwärts eilte? Dies tat sie nicht etwa (welches ein trauriges Bild wäre), jüngern lebendigen Erscheinungen als eine jetzt tote Platz zu machen; als eine lebendige vielmehr brachte sie mit aller Freude des Daseins das Dasein derselben hervor und überließ es in dauernden Keimen dem fortblühenden Garten der Zeit, in welchem auch sie blühte. Denn sie selbst ist mit dieser Erscheinung nicht gestorben, so lange die Kraft ihre Wurzel fortdauert; aus ihrem Winterschlaf wird sie wieder erwachen und aufstehen in neuer Frühlings- und Jugendschöne, die Töchter ihres Daseins, jetzt ihre Freundinnen und Schwestern, an ihrer jungfräulichen Seite. Es ist also kein Tod in der Schöpfung; er ist ein Hinwegeilen dessen, was nicht bleiben kann, die Wirkung einer ewig jungen, rastlosen, dauernden Kraft, die ihrer Natur nach keinen Augenblick müßig sein, stille stehen, untätig bleiben konnte. Immer und immer arbeitet sie auf die reichste, schönste Weise zu ihrem und zu so viel Anderer Dasein, als sie Dasein hervorzubringen, mitzuteilen vermochte. In einer Welt, wo sich alles verwandelt, ist jede Kraft in ewiger Wirkung, mithin in fortgesetzter Verwandlung ihrer Organe; diese Verwandlung selbst ist eben der Ausdruck ihrer unzerstörbaren Wirksamkeit voll Weisheit, Güte und Schönheit. So lange die Blume lebte, arbeitete sie zu ihrem eigenen Flor wie zur Vervielfältigung ihres Daseins; sie ward (das Höchste, was ein Geschöpf werden kann) eine Schöpferin durch eigne organische Kräfte. Als sie starb, entzog sich der Welt eine verlebte Erscheinung; die innere lebendige Kraft, die sie hervorbrachte, zieht sich in sich selbst zurück, um sich abermals in junger Schönheit der Welt zu zeigen. Können Sie Sich ein schöneres Gesetz wesentlicher Weisheit und Güte in dem, was Veränderung heißt, gedenken Theano, als dass sich Alles zum neuen Leben, zu neuer Jugendkraft und Schönheit im raschesten Lauf drängt und daher jeden Augenblick verwandelt?

THEANO. Ich sehe einen schönen Schimmer, Theophron; aber die Morgenröte sehe ich noch nicht.

THEOPHRON. Gedenken Sie Sich nun alle Naturkräfte in dieser rastlosen Arbeit, in Eile zur Verwandlung auf dem Flügel der Zeit. Was scheint uns geringer als ein Blatt? Und kein Teilchen eines Blattes darf einen Augenblick müßig sein: es zieht an, es stößt hinweg (dazu hat es seine zwei so verschieden gebildeten Seiten); immer und immer wechseln die Teile seines organischen Kleides, bis es fällt und auflöst. Leben ist also Bewegung, Wirkung, Wirkung einer innigen Kraft mit dem Genuss und Bestreben einer Beharrung verbunden. Und da im Reich der Veränderung nichts unverändert bleiben kann, und doch Alles sein Dasein erhalten will und muss, so ist alles in einer ewigen Palingenesie [Erneuerung, Wiedergeburt], damit es immer daure und immer jung erscheine.

THEANO.
Ob diese Verwandlung aber auch Fortrückung wäre?

THEOPHRON. Gesetzt, sie wäre dies nicht, sie wäre aber das einzige Mittel, dem Tode und einem ewigen Tode zu entgehen, d.i. sie erhielte unsre lebendige Kraft im fortdauernden Wirken, in innig gefühltem Dasein, so wäre sie schon eine so wünschenswerte Wohltat, als ein ewiges Leben vor einem ewigen Tode wünschenswert ist. Nun aber, Theano, können Sie Sich wohl ein fortgesetztes Leben, eine immerhin fortwirkende Kraft ohne Fortwirkung, d.i. einen Fortgang ohne Fortgang denken?

THEANO. Es scheint ein Widerspruch.

THEOPHRON. Und ist einer. Zwar muss jede Kraft, die im Raum und in der Zeit Erscheinungen annimmt, die Schranken behalten, die ihr Raum und Zeit geben; mit jedem Wirken aber macht sie ihr folgendes Wirken leichter, und da sie dies nicht anders als nach eingepflanzten innern Regeln der Harmonie, Weisheit und Güte tun kann, die sich jedem Geschöpf liebreich aufdringt, einprägt und ihm bei jeder seiner Wirkungen beisteht, so sehen Sie allenthalben ein Fortrücken aus dem Chaos zur Ordnung, d.i. eine innige Vermehrung und Verschönerung der Kräfte in neu erweiterten Schranken nach immer mehr beobachteten Regeln der Harmonie und Ordnung. Jeder blinden Kraft dringt sich Licht, jeder regellosen Macht Vernunft und Güte auf; keine ihrer Übungen, keine Wirkung in der Schöpfung war vergebens. Es muss also Fortgang sein im Reiche Gottes, da in ihm kein Stillstand, noch weniger ein Rückgang sein kann.

THEANO. Aber die Gestalt des Todes!

THEOPHRON. Ist kein Tod in der Schöpfung, so gibt es auch keine Todesgestalt. Heiße diese, wie sie wolle, sie ist Übergang zur neuen Organisation, das Einspinnen der abgelebten Raupe, damit sie als ein neues Geschöpf erscheine. Sind Sie befriedigt, Theano?

THEANO. Ich bin's und verlasse mich auf die weise Güte, die mich hierher brachte, mir ohne mein Verdienst so viele Kräfte, gewiss nicht umsonst, gab und mich mit tausend Kräften voll Liebe und Güte umringt, meinen Verstand, mein Herz, meine Handlungen nach einer ewigen Regel notwendiger, in sich selbst gegründeter Weisheit und Güte zu ordnen. Sie schweigen, Philolaus?

PHILOLAUS. Ich will nachholen und sogleich eine Reihe Folgen hinzusetzen, die aus Theophron's System einer in sich selbst notwendigen Wahrheit und Güte zu folgen scheinen. Beim zweiten Satz bleiben wir; also:

III. Alle Kräfte der Natur wirken organisch. Jede Organisation ist ein System lebendiger Kräfte, die nach ewigen Regeln der Weisheit, Güte und Schönheit einer Hauptkraft dienen.

IV. Die Gesetze, nach denen diese herrscht, jene dienen, sind: innerer Bestand eines jeglichen Wesens, Vereinigung mit Gleichartigem und vom Entgegengesetzten Scheidung, endlich Verähnlichung mit sich selbst und Abdruck seines Wesens in einem andern. Sie sind Wirkungen, dadurch sich die Gottheit selbst offenbart hat; und keine andern, keine höheren sind denkbar.

V. Kein Tod ist in der Schöpfung, sondern Verwandlung; Verwandlung nach dem Gesetz der Notwendigkeit, nach welchem jede Kraft im Reich der Veränderung sich immer neu, immer wirkend erhalten will und also durch Anziehen und Abstoßen, durch Freundschaft und Feindschaft ihr organisches Gewand unaufhörlich ändert.

VI. Keine Ruhe ist in der Schöpfung; denn eine müßige Ruhe wäre Tod. Jede lebendige Kraft wirkt und wirkt fort; mit jeder Fortwirkung also schreitet sie weiter und arbeitet sich aus, nach innen ewigen Regeln der Weisheit und Güte, die auf sie dringen, die in ihr liegen.

VII. Je mehr sie sich ausarbeitet, desto mehr wirkt sie auch auf Andre; indem sie ihre eignen Schranken erweitert, organisiert sie und prägt auf Andre das Bild der Güte und Schönheit, das in ihr wohnt. In der ganzen Natur also herrscht ein notwendiges Gesetz, dass aus dem Chaos Ordnung, aus schlafenden Fähigkeiten tätige Kräfte werden. Die Wirkung dieses Gesetzes ist unaufhaltbar.

VIII. Im Reich Gottes existiert also nichts Böses, das Wirklichkeit wäre. Alles Böse ist ein Nichts; wir nennen aber Übel, was Schranke oder Gegensatz oder Übergang ist, und keins von dreien verdient diesen Namen.

IX. So wie aber Schranken zum Maß jeder Existenz im Raum und in der Zeit gehören und im Reich Gottes, wo Alles da ist, auch das Entgegengesetzte da sein muss, so gehört es mit zur höchsten Güte dieses Reichs, dass das Entgegengesetzte selbst sich einander helfe und fördre; denn nur durch die Vereinigung beider wird eine Welt in jeder Substanz d.i. ein bestehendes Ganzes, vollständig an Güte sowie an Schönheit.

X. Auch die Fehler der Menschen sind einem verständigen Geist gut; denn sie müssen sich ihm, je verständiger er ist, desto eher als Fehler zeigen und helfen ihm also wie Kontraste zu mehrerem Licht, zu reinerer Güte und Wahrheit. Und auch dies alles nicht als Willkür, sondern nach Gesetzen der Vernunft, Ordnung und Güte. - Sind Sie mit meinen Folgerungen zufrieden, Theophron?

THEOPHRON. Sehr. Ihr scharfsinniger Geist eilt voran, Philolaus, wie ein edles Ross, dem man nur die Rennbahn öffnen darf und es fliegt zum Ziele. Ich danke dem Schatten des Spinoza, dass er uns so angenehme Stunden des Gesprächs mit einander verschafft hat; mir kommt die Gelegenheit, über Materien dieser Art zu reden, selten. Und doch erheben sie den Geist so einzig und bilden ihn zur hellen, scharfen, notwendigen Wahrheit. Noch gewähren mir diese Gespräche mit Ihnen ein zweites Vergnügen, dass sie mir nämlich Ideen der Jugend
zurückbringen, mit denen ich an Leibniz', Shaftesbury's und Platon's Seite manche süße Stunde gewiss mehr als verträumte.

THEANO. Um so lieber wäre es mir, Theophron, wenn Sie etwas Zusammenhängendes hierüber aufzeichneten. Ein Gespräch verfliegt, und einem geschriebenen Gespräch über Materien dieser Art scheint immer etwas zu fehlen. Man wird fortgezogen und ist am Ende, ehe man's dachte; man fühlt aber einen Trieb, zurückzukehren.

THEOPHRON. So kehre man zurück, Theano, bis das Gespräch uns gleichsam selbst aus der Seele fließt. Bei manchen seiner Nachteile hat es doch das Gute, dass es uns vor dem Auswendiglernen bewahrt, und wahre Philosophie muss nie auswendig gelernt werden.

THEANO. Die Regel möchte ich meinem Bruder wünschen. Er ist seit einiger Zeit mit einem Wortkram befangen, der ihm den Kopf verwirrt, sobald er davon redet. Er spricht nie mit seinen eignen, natürlichen, sondern mit fremden Worten, als ob er in fremden Zungen oder als ob ein Dämon aus ihm spräche. Er hat sich, wie er sagt, in ein System hineinstudiert. Ich wünsche, Theophron, dass Sie den Spinoza, Descartes, Leibniz, und wer es sonst sei, wegließen und bloß Ihre Gedanken aufschrieben.

THEOPHRON. Ich halte mich gern an Fußtapfen, die vor mir sind, Theano; es fehlt mir auch noch viel, ein Werk entwerfen zu können, auf welches die notwendige, ewige Wahrheit selbst ihr Siegel drückte.

PHILOLAUS. Darf ich jetzt mit meinem Vorbehalt erscheinen, Theophron? Ihr erster Grundsatz hieß: »Das höchste Dasein hat seinen Hervorbringungen das Höchste gegeben, Wirklichkeit, Dasein«. Gerade dies, sagt man, mangelt dem System unsers Philosophen: nach ihm gibt sich kein Dasein, es ist nur eine Substanz; wir sind bloß Modifikationen.

THEOPHRON. Modifikationen wessen? Des Daseins im höchsten Verstande. Die eine Partei zürnt, dass Spinoza uns zu viel, die andre, dass er uns zu wenig einräumt; beide können sich vielleicht in keinem schicklichern Ausdruck als dem seinigen vereinen. Weisen der Existenz sind wir; diese nennen wir Individualitäten. Jeder hat und ist eine eigne Weise, d.i. eine eigne Individualität. Wissen Sie einen besseren Ausdruck?

PHILOLAUS. Man glaubt gerade das Gegenteil: »Spinoza habe uns unsre Individualität genommen, aus diesem Standpunkt lasse sich sein System am Bündigsten anfechten und zerstören«. -

THEOPHRON. Wie man denn auch glaubt, er habe dem höchsten Dasein sein Dasein, sein Selbstbewusstsein geraubt. »Tot ist Osiris; seine zerteilten Glieder flattern hie und dort als Modifikationen umher. Modifikationen ohne Wesen, Radien ohne Mittelpunkt; wiederum der wirksamste Mittelpunkt ohne Radien, das wirklichste Wesen ohne Darstellungen seiner Wirklichkeit« - denken Sie den sich selbst widersprechenden Unsinn! Theano soll uns zurechthelfen; was ist bei Ihnen selbstständig, wirksam-bleibend und bleibend-wirksam, was sind Sie selbst, Theano?

THEANO. Meine Gestalt gehört mir an; aber ich bin nicht meine Gestalt. Das sagt mir das Gemälde meiner Kindheit, das sagt mir in Leid und Freude, in Gesundheit und Krankheit mein Spiegel.

THEOPHRON. Und doch waren und sind Sie in diesem Wechsel von Zuständen immer dieselbe, dasselbe Individuum.

THEANO. Mit meiner Phantasie nicht; die änderte sich mit den Jahren. Mit dem, was wir Geschmack, Liebhaberei, Affektionen nennen, nicht; auch sie sind Kleider, die wir unvermerkt ändern. Dass endlich unser Gedächtnis ermatte, unsre Erinnerung welke - lassen Sie mich an diese trübe Jahreszeit des menschlichen Lebens nicht gedenken. Uns allen komme sie spät!

THEOPHRON.
Wenn also im Reich der Sinnlichkeit, der Phantasie, des Geschmacks, der Begierden der Mittelpunkt der Selbstbestandheit nicht liegt, wo liegt er?

THEANO. In meinem Selbst; weder als Begriff noch als Empfindung lässt sich, wie mich dünkt, das Wort weiter zergliedern. Ich war Kind und erwuchs, war krank und ward gesund, schlief und wachte; bei allen Veränderungen, die mit mir vorgingen, von innen und außen, nannte man mich nicht nur, sondern ich empfand und nannte mich dieselbe.

THEOPHRON.
Dies Prinzipium der Selbstheit hing also nicht von Ihnen ab, als ob es, aus Raisonnement entstanden, durch Reflexion unterhalten werden müsse, als ob es auf dieser beruhe und ohne sie verschwände.

THEANO. Wie könnte dies sein? Dass trotz aller Veränderungen mein Körper und Geist zwar nicht dieselbe, aber ich dieselbe, ein Selbst bleibe, hängt von meinem Raisonnement nicht ab. Wachend raisonniere ich nicht zu viel, schlafend gar nicht, und in den Zaubergegenden des Traums war ich oft eine Andre. Reflektiere ich wachend über mich selbst, so finde ich mein kleines Selbst geteilt; ich teile es selbst künstlich.

THEOPHRON.
Also liegt die Überzeugung von unserm Selbst, das Prinzipium unsrer Individuation tiefer, als wohin unser Verstand, unsre Vernunft, unsre Phantasie reicht. Sie haben es getroffen, Theano; als Begriff und als Empfindung liegt es in dem Worte Selbst selbst. Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit, sie machen unsre Wirklichkeit, unser Dasein; auf ihnen ruht die Leiter aller unserer ausgebildeten und unausgebildetetn Vermögen, Triebe und Tätigkeiten, die von der Erde gen Himmel reicht. Glauben Sie nun wohl, Theano, dass die Prinzipium der Individuation (wir mögen es Selbstgefühl, Selbstbewusstsein oder anders nennen) bei allem, was da ist, in gleichem Grad wirksam und tätig sei?

THEANO. Gewiss nicht. Eine lebendige und diese gestickte Rose, der Rosenbusch und die Nachtigall, die auf ihm singt, der Schmetterling, der an der Rose hängt, können weder dieselbe Art noch denselben Grad des Selbstgefühls, des Selbstbewusstseins, mithin des Daseins haben; und wir Menschen?

THEOPHRON. Also sind sie und wir verschiedne »Weisen der Existenz«, mit verschiednen Arten und Graden des Selbstbewusstseins, Modifikationen der Wirklichkeit tiefer und tiefer hinab, höher und höher hinan: und wir Menschen! Glauben Sie wohl, dass alle unseres Geschlechts ein gleich tiefes Selbstgefühl, ein gleich wirksames Selbstbewusstsein, mithin ein gleich inniges Dasein haben?

THEANO. Am Wenigsten. Manche menschliche Organisation möchte man im Innern kaum der Individualität der Blume, des Vogels, ja manches wilden Tiers vergleichen.

THEOPHRON.
Vergleichen, immer jedoch im Kreise menschlicher Gefühle; denn die Basis seines Geschlechts kann kein Individuum verleugnen. Welche, meinen Sie nun, wäre die höchste, reinste, schönste Individuation?

THEANO.
Kein Zweifel! Die Form aller Formen. Sie, die alles umfasst, deren Wirksamkeit sich durch alles verbreitet. Je mehr sie umfassen kann, je mehr sie mitzuteilen vermag, desto mehr muss sie haben, d.i. sein.

PHILOLAUS. Nicht mehr, meine Freunde; jedes fernere Wort wäre zu viel. Das einzige und ewige Prinzipium der Individuation sehe ich im System unsers Philosophen an einen Faden entwickelt, der und in unser innerstes Selbst leitet. Je mehr Leben und Wirklichkeit, d.i. je eine verständigere, mächtigere, vollkommnere Energie ein Wesen zur Erhaltung eines Ganzen hat, das sich angehörig fühlt, dem es sich innig und ganz mitteilt, desto mehr ist es Individuum, Selbst. Hiernach bestimmte Spinoza die Vorzüglichkeit des menschlichen Körpers, die Fähigkeiten der menschlichen Seele und führte alles auf Den zurück, durch den alles lebt, in dem wir leben und sagen dürfen: »Wir sind seines Geschlechts durch Bewusstsein durch die uns eigensten, mächtigsten Kräfte.«

THEOPHRON. Statt also mit Worten in der Luft zu fechten, lasset uns unser wahres Selbst aufwecken und das Prinzipium der Individuation in uns stärken! Je mehr Geist und Wahrheit, d.i. je mehr tätige Wirklichkeit, Erkenntnis und Liebe des Alls zum All in uns ist, desto mehr haben und genießen wir Gott, als wirksame Individuen, unsterblich, unzerteilbar. Nur Der, in dem Alles ist, der Alles hält und trägt, darf sagen: »Ich bin das Selbst, außer mir ist Keiner.«

Nachschrift
So weit die Unterredung, die wie es das Wort Gespräch ohnedies andeutet, jedem Lesenden sein Urteil lassen, indem sie nur unter sich, nicht für Andre definieren.

Von je her hat es zwei Gattungen Philosophen gegeben, Philosophen aus Überzeugung und aus Überredung, Sach- und Wortphilosophen. Von der ersten, nicht von der zweiten Art war Spinoza. Er sagt: »Niemand, der eine wahre Idee hat, ist darüber unwissend, dass eine wahre Idee auch die größte Gewissheit einschließe; denn eine wahre Idee haben, heißt nichts anderes als die Sache recht und vollkommen erkennen. An einer solchen Sache kann gewiss nur der zweifeln, der die Idee für ein stummes Gemälde an der Wand hält, nicht für eine Weise zu denken, nämlich für das Verstehen selbst; denn, ich bitte, wer kann wissen, dass er eine Sache verstehe, ohne dass er sie verstehe? d.i. wer kann wissen, dass er einer Sache gewiss sei, ohne dass er ihrer gewiss sei? Sodann, gibt es etwas Klareres und Gewisseres zur Richtschnur der Wahrheit als eine wahre Idee? Gewiss wie das Licht sich selbst und die Finsternisse offenbart, so ist die Wahrheit Richtschnur ihrer selbst und Unterscheidung vom Falschen.73 - Ich maße mir nicht an, die beste Philosophie erfunden zu haben; aber dass ich die wahre Philosophie einsehe, das weiß ich. Fragst Du, wie ich das wisse, so antworte ich: wie dass die drei Winkel eines Triangels zweien rechten Winkeln gleich sind. Dass dies hinreiche, wird kein gesundes Hirn leugnen; denn was wahr ist, zeigt sich und zugleich das Falsche.«74 Ein Philosoph solcher Art hat mit Dialektikern nichts gemein, denen die Wahrheit zu setzen und wegzuräumen gleichgültig ist, weil sie ihnen nur ein Wort kostet.

Um nichts gab sich also Spinoza so viel Mühe, als Einsicht und Einbildung, Begreifen und Dichten strenge zu sondern. Wie hart er mit den Fiktionen der Einbildungskraft umgeht, zeigt sein Theologisch-politischer Traktat; mehrere Scholien seiner Ethik, mehrere seiner Briefe zeigen, wie genau er Wissen vom Träumen und auch in jenem die verschiednen Stufen des Wissens, Erkennens und Einsehens unterscheide.75 Am Klarsten zeigt es sein Traktat von Verbesserung des Verstandes,76 für dessen Vollendung man manches geben würde. Ein Philosoph der Art konnte mit Blendwerken nichts zu tun haben, die auch in der Spekulation als Schemate umhergaukeln sollen, den begreifenden, fassenden, verstehenden Verstand aus sich selbst in Irren umherzuführen. »Zu wissen, dass ich wisse, muss ich notwendig zuerst wissen; die Weise, wie wir das formelle Wesen empfinden, ist die Gewissheit selbst. Zur Gewissheit des Wahren bedarf es keines andern Zeichens, als dass man eine wahre Idee habe; und was die höchste Gewissheit sei, kann nur der wissen, der die vollständige Idee einer Sache hat; Gewissheit und das objektive Wesen eines Dinges sind eins. Es ist also nicht die wahre Methode, ein Zeichen der Wahrheit zu suchen, nachdem man Ideen erlangt hat; die wahre Methode ist vielmehr der Weg, die Wahrheit selbst, d.i. die objektiven Wesen der Dinge oder die Ideen (alle drei Namen bedeuten Eins und Dasselbe) in gehöriger Ordnung zu erlangen. Notwendig muss also die Methode vom Verständnis (intellectione) reden; nicht, dass sie selbst das Vernunftschließen zum Verständnis der Ursachen der Dinge sei, viel weniger ist das Verstehen dieser Ursachen selbst; sie ist das Verstehen, was eine wahre Idee sei, indem sie diese von andern Vorstellungen unterscheidet und ihre Natur erforscht, so dass wir daher unsre Macht zu verstehen kennen lernen und unsern Verstand so innehalten, dass er nach dieser Norm alles Verstehbare verstehe; wozu sie ihm als Hilfsmittel gewisse Regeln gibt und macht dass er sich nicht mit nutzloser Arbeit ermüde. Methode ist also nichts als ein reflexives Erkenntnis, d.i. die Idee der Idee; und weil es keine Idee geben kann, es sei denn vorher eine Idee da, so kann es auch keine Methode geben, wenn nicht vorher die Idee da ist. Eine gute Methode wird also die sein die zeigt, wie nach der Norm einer gegebnen wahren Idee der Verstand zu leiten sei. Und da das Verhältnis zwischen zwei Ideen mit dem Verhältnis zwischen den formellen Wesen dieser Ideen einerlei ist, so folgt, dass die reflexive Erkenntnis der Idee des vollkommensten Wesens vor der reflexiven Erkenntnis aller übrigen Ideen vorzüglicher sein muss; mithin wird die vollkommenste Methode die sein, die nach Norm der gegebnen Idee des vollkommensten Wesens zeigt, wie der Verstand zu leiten. Hieraus erhellt auch, wie, je mehr der Verstand versteht, er dadurch zugleich Werkzeuge gewinne, leichter und mehr zu verstehen; denn (wie aus dem Gesagten klar ist) vor allem Andern muss in uns eine wahre Idee als ein angebornes Werkzeug existieren, durch deren Verständnis zugleich der Unterschied begriffen wird, der sich zwischen einer solchen und jeder andern Vorstellung findet. Und da es durch sich klar ist, dass der Verstand auch sich selbst um so besser verstehe, je mehrere Dinge der Natur er versteht, so sieht man, dass dieser Teil der Methode um so vollkommener sein werde, je mehrere Dinge der Verstand einsieht, und dass die Methode dann die vollkommenste sein müsse, wenn der Verstand nach dem Erkenntnis des vollkommensten Wesens aufmerkt oder reflektiert. Je mehrere Dinge er kennt, desto besser versteht er seine eignen Kräfte und der Natur Ordnung; je besser er seine Kräfte versteht, desto leichter kann er sich selbst ordnen und sich Regeln vorschreiben; je besser er die Ordnung der Natur versteht, desto leichter kann er sich vom Unnützen zurückhalten; worin, wie wir gesagt haben, die ganze Methode besteht. Dass unser Verstand ein reines Abbild der Natur sei, muss er alle deine Ideen aus der Idee hervorbringen, die den Ursprung und Urquell der ganzen Natur darstellt, damit sie auch Quell aller andern Ideen werde.«77

So dachte Spinoza, und alle Geister, die wahrer Ideen, d.i. des Verstehens fähig und in dem Maße, als sie dessen fähig waren, dachten wie er. Sie entsagten der dichtenden Imagination und schieden sich von Blendwerken und Wortlarven. Verstandne Begriffe sind dem Spinoza das Wesenhafte, Lebendige, Wahre; Bildworte gelten ihm nichts; er gebraucht sie als algebraische Zeichen.

Was das Äußere seiner Methode anlangt, so weiß jeder, der die strenge synthetische Methode versucht hat, ihre Schwierigkeiten. Oft haben einzelne Glieder ihre Kette eine besondere Analyse und Deduktion nötig, die man, wenn uns ein dergleichen Glied als aus dem Vorhergehenden nicht-folgend auffällt, geduldig anstellen, nicht aber, weil man sie nicht anzustellen vermag, leugnen oder verwerfen muss. Aus einem, dem reichsten und vollständigsten Begriff leitet Spinoza alles her; in ihm hat und genießt er alles.

Wiefern unter allen Nationen, in den verschiedensten Ausdrücken und Vorstellungsarten Andre, die Einfalt und Wahrheit liebten, d.i. denen die Idee des Einen, Wahren als Norm aller Erkenntnis und Methode lebendig eingeprägt war, an dieser großen und einfachen Denkart Teil nahmen: dies zu zeigen, wäre ein lehrreicher, aber zu weit führender Lustweg. Juden und Christen, Griechen und Inder, Spekulanten mit Kopf und Herz, Scholastiker und Mystiker nahmen daran Teil; denn Spinoza's Philosophie war lange vor ihm und wird lange nach ihm bleiben. Oft waren die, die am Schärfsten gegen ihn, d.i. gegen seine missverstandnen oder übel gewählten Ausdrücke stritten, wenn sie sich selbst erklären wollten oder mussten, in seinen oder ihren eignen, jetzt besser, jetzt schlechter gewählten Ausdrücken seines Glaubens, des innern Glaubens nämlich an eine einzige, lebendig empfundene, allem zum Grunde liegende Idee des Wahren, Guten und Schönen, ohne welche alle unser Sprechen und Schreiben Tand bleibt. Statt dieser zahlreichen Mitzeugnisse, die einem andern Ort aufgespart werden, stehe eine postume Stelle Lessing's hier (die wenigstens zeigen mag, dass ihm Spinoza's System kein Scherz war) und, von Shaftesbury versifiziert, ein Naturhymnus.

Lessing
Über die Wirklichkeit der Dinge außer Gott
Ich mag mir die Wirklichkeit der Dinge außer Gott erklären, wie ich will, so muss ich bekennen, dass ich mir keinen Begriff davon machen kann.

Man nenne sie das Komplement der Möglichkeit, so frage ich: »Ist von diesem Komplemente der Möglichkeit in Gott ein Begriff oder keiner?« »Wer wird das Letzte behaupten wollen?« Ist aber ein Begriff davon in ihm, so ist die Sache selbst in ihm, so sind alle Dinge in ihm selbst wirklich.


Aber, wird man sagen, der Begriff, welchen Gott von der Wirklichkeit eines Dinges hat, hebt die Wirklichkeit dieses Dinges außer ihm nicht auf. Nicht? So muss die Wirklichkeit außer ihm etwas haben, was sie von der Wirklichkeit in seinem Begriffe unterscheidet. Das ist: in der Wirklichkeit außer ihm muss etwas sein, wovon Gott keinen Begriff hat. Eine Ungereimtheit! Ist aber nichts dergleichen, ist in dem Begriffe,
den Gott von der Wirklichkeit eines Dinges hat, Alles zu finden, was in dessen Wirklichkeit außer ihm anzutreffen, so sind beide Wirklichkeiten Eins, und Alles, was außer Gott existieren soll, existiert in Gott.


Oder man sage: die Wirklichkeit eines Dinges sei der Inbegriff aller möglichen Bestimmungen, die ihm zukommen können. Muss nicht dieser Inbegriff auch in der Idee Gottes sein? Welche Bestimmung hat das Wirkliche außer ihm, wenn nicht auch das Urbild in Gott zu finden wäre? Folglich ist dieses Urbild das Ding selbst, und sagen, dass das Ding auch außer diesem Urbild existiere, heißt dessen Urbild auf eine ebenso unnötige als ungereimte Weise verdoppeln.

Ich glaube zwar, die Philosophen sagen, von einem Dinge die Wirklichkeit außer Gott bejahen, heiße weiter nichts, als dieses Ding bloß von Gott unterscheiden und dessen Wirklichkeit von einer andern Art zu sein erklären, als die notwendige Wirklichkeit Gottes ist.

Wenn sie aber bloß dieses wollen, warum sollen nicht die Begriffe, die Gott von den Dingen hat, diese wirklichen Dinge selbst sein? Sie sind von Gott noch immer genugsam unterschieden, und ihre Wirklichkeit wird darum noch nichts weniger als notwendig, weil sie in ihm wirklich sind. Denn müsste nicht der Zufälligkeit, die sie außer ihm haben sollten, auch in seiner Idee ein Bild entsprechen? Und dieses Bild ist nur ihre Zufälligkeit selbst. Was außer Gott zufällig ist, wird auch in Gott zufällig sein, oder Gott müsste von dem Zufälligen außer ihm keinen Begriff haben. Ich brauche dieses außer ihm, so wie man es gemeiniglich zu brauchen pflegt, um aus der Anwendung zu zeigen, dass man es nicht brauchen sollte.

Aber, wird man schreien, Zufälligkeiten in dem unveränderlichen Wesen Gottes annehmen! - Nun, bin ich es allein, der dieses tut? Ihr selbst, die Ihr Gott Begriffe von zufälligen Dingen beilegen müsst, ist Euch nie beigefallen, dass Begriffe von zufälligen Dingen zufällige Begriffe sind?
Lessing's Leben und Nachlaß, Th. 2. S. 164.



Naturhymnus von Shaftesbury.78

Erster Gesang

Empfangt mich, Fluren! Heilige Wälder, nehmt,
Dem Stadtgeräusch entronnen, den Wandrer auf,
Der hier in Euren Schatten Ruhe
Sucht und Erquickung! Gewährt sie hold ihm!

Heil Euch, Ihr grünen frohen Gefilde! Heil,
Des stillen Segens Wohnungen, Euch! Und Euch
Ihr reiz- und schmuckbekränzten Fernen,
Heil Euch und Allem, was in Dir lebet,

Du Aufenthalt glückseliger Menschen, die,
Entfernt dem Neide, ferne der Torheit, hier
Unschuldig, still und froh und munter
Leben und, große Natur, Dich anschauen!

Natur! der Schönen Schönste, Du Gütige!
Allliebend, wert, von Allen geliebt zu sein,
Ganz göttlich, weisheitvoll, voll Anmut,
Alles Erhabenen hoher Inhalt,

Der Gottheit Freundin, weise Statthalterin
Der Vorsicht, oder - Schöpferin, Schöpfer selbst? -
O Schöpfer, sieh, ich knie und bete,
Bete Dich an in der heil'gen Halle

Des hohen Tempels. Dein, o Erhabner, ist
Dies Schweigen; Dein ist diese Begeisterung,
Die mich, obwohl in unharmonisch
Lautenden Tönen zu singen antreibt.

Der Wesen Einklang, Ordnung und Harmonie
Des Weltalls, die sich, o Unerforschlicher,
Du alles Schönen Quell und Ausguss,
Meer des Vollkommnen, in Dich sich auflöst,

In dessen Fülle alle Gedanken ruhn,
In dem die Schwingen jeglicher Phantasie
Ermatten, sonder End' und Ufer,
Überall Mittelpunkt, nirgend Umkreis.

So oft ich ausflog, kehrt' ich zurück in mich,
Von meinem Nichts, von Deiner Unendlichkeit
Durchdrungen; und ich wag' es dennoch,
Dich zu ergründen, Gedankenabgrund?

Dich zu erkennen, ewige Schönheit, Dich
Beherzt zu lieben, sehnend zu nahen Dir,
Dazu erschufst Du mich und gabst mir
Regung und Willen; o, gib mir Kräfte!
Sei Du mein Beistand! Wenn ich im Labyrinth
Der Schöpfung forsche, leite den Forscher Du,
Der mich mit Geist und Lieb' erfüllte,
Führe den Liebenden zu Dir selbst hin!

Zweiter Gesang

Allbelebender Geist, o Du Begeisterer,
Kraft der Kräfte, Du Quell jeder Veredelung,
Quell auch meiner Gedanken,
Inhalt meiner Gedankenkraft,

Unermüdet und stets unwiderstehbar regst
Du zum neuen Genuss Alles im Reich der Macht;
Unter heil'gen Gesetzen
Wechseln Leben und leben neu.

Froh gerufen zum Licht, schauen sie und vergehn
Fröhlich schauend, damit Anderes auch den Strahl
Dieser Sonne genieße
Und am Leben sich Alles freu'.

Unerschöpflicher Quell, Allem mitteilend sich,
Unversiegbar; es stört nichts die geschäft'ge Hand,
Die kein Pünktchen verabsäumt,
Nichts verlässet mit ihrer Huld
Der Verwesung selbst grause Naturgestalt
(Schaudernd zittern von ihr Blick und Gedanken weg)
Ist die Pforte zum Leben,
Neuer Jugend Erschafferin,

Schauplatz ewiger Kunst! Alles ist Weg und Ziel,
Zweck und Mittel. Es gehn Welten in Welten auf
Unsern Sinnen; Unendlich
Kleines wird uns unendlich groß!

Welt der Wunder! In ihr strebet ein Wesen fort
(Ist's ein Wesen?), das, sich immer mitteilend, nie
Stirbt; es strebet in tiefster
Ruh'; wir nennen Bewegung es.

Dort ein ander Gespenst, unserm Begriff zu klein
Und zu groß: es entschlüpft jetzt wie ein Augenblick,
Schwillt jetzt, unserer Schranken
Spottend, auf bis zur Ewigkeit.

Wir begreifen es nicht; aber wir nennen's Zeit,
Uns was endlos umher Alles umfasset, Raum.
Und - o tiefes Geheimnis,
Unser Denken, Empfinden Du!

Uns das eigenste Selbst, und das gewisseste
Aller Wesen (es sei Alles ein Schattentraum,
Mein Empfinden ist Wahrheit;
Mein Gedanke, Vernunft besteht),

In ihm fühl' ich das Sein höherer, ewiger
Wesen; in ihm das Sein Deiner, o Urbild Du
Deiner Werke, Du wohnest
Höchstwahrhaftig in mir, in mir!

Dritter Gesang

Du Sternenhimmel, funkelnder Sonnen Raum!
Wer zählt die Sonnen? wer, die noch Niemand sah?
Und misst von Welten dort zu Welten,
Misset von allen den Raum zu uns dann?

O Unermessner! Jede der Sonnen regt
Ein Heer von Erden. Jede der Sonnen wallt
In Straßen, deren kleiner Schimmer
Uns ein Gewölk ist, in sich ein Weltall.

Dort unsre Sonne! Heiliger Tagesbrunn,
Lichtquell und Quell des wärmenden Lebens! Sanft
Und stark wirksame Flamm', ergossen
Ringsum und in sich gedrängt, ein Lichtball.

Allmächtig Wesen, Bild des Allmächtigen,
Des Weltenhalters, Grund der belebten Welt!
An Anmut unvergänglich ewig -
Ewig ein Jüngling und schön und lieblich.

Kaum bist Du sterblich, hohes Geschöpf. Wer tränkt,
Die immer ausgießt, labende Ströme stets
Vergeudend, die stets unerschöpfbar
Segnet von oben, wer tränkt und stärkt Dich?

Erfreut zu werden, schweben in lebender
Bewegung viele Erden um sie. Zu ihr
Gezogen als zu ihrer Mutter,
Drängen sie sich, und ein anderer Zwang hält

Sie still umkreisend. Mächtiger Hausherr, welch
Ein Geist belebt sie! Gossest Du Seel' in sie?
Wie oder fügtest Du dem Aether
Mächtig sie ein und dem Hauch der Winde,

Der Winde, Deiner Diener? Wer hält den Bau
Jedweder Welt zusammen? und dreht den Ball
Der Erd' um ihren Punkt, indes ihr,
Ihr und der Sonne getreu, der Mond folgt?

Was bist Du, Erde, zu dem Gewalt'gen dort?
Zur Sonne? was zum Heere der Sonnen? was
Zum Unermesslichen? Und dennoch
Bist Du so groß zu dem Nichts, dem Menschen!

Dem Menschen, der, von himmlischem Geist belebt,
Von Dir sich aufwärts, auf zu dem Vater schwingt,
Zum Mittelpunkt der Seelen, sicher,
Wie sich der Körper zu seinem Punkt drängt.

O, drängten alle Geister zu ihrem Ziel
Sich so beständig! Doch der das Chaos schied
Und sang die Welt in Harmonien,
Wird auch die Geister in Ordnung singen.

Vierter Gesang

Unglückseliges Volk, Menschen! Warum entfloht
Ihr der lieblichen Flur lohnender Mühe? Stolz -
Oder hieß Euch ein Dämon
Ruh' verachten und elend sein?

Da kam Übel und Not über die Sterblichen!
Kranker, matter Begier ekelte, was die Erd'
Heimisch reichte; sie streiften
Plündernd über das Meer hinaus.

Von den Schätzen der Welt über der Erde Schoß
Ungesättiget, grub mühend die Torenzunft,
Grub hinein in der Mutter
Eingeweide nach Reichtum hin.

Da auch, göttliche Kunst, herrschetest bildend Du,
In Verwandlungen hier, dort in untrennbaren
Ewig festen Gestalten,
Undurchdringlich dem Forschenden;

Aber giftiger Dampf, der die Geheimnisse
Deiner Werke, Natur, birget, umhüllte schnell
In der grausigen Werkstatt
Die Verwegnen mit Todesdampf.

*

Reine, liebliche Luft! freundliches Tagelicht!
Dich zu schauen auf Dich, Erde, zu treten froh,
Deine Schätze betrachtend -
Welche reinere, süße Luft!

Von der Sonne gewärmt, von dem belebenden
Hauch der Winde gekühlt, wenn sie die Pflanzen hier
Sanft erquicken und läutern
Dort der dampfenden Erde Dunst.

Regen strömen hinab, neue Befruchtungen;
Denn mit Kräften belebt, Erde, Du Nährerin

Deiner Kinder, die Luft Dich
Frisch, als bildete Gott Dich heut.

*

Und Du schwerere Luft, Wasser, o schön bist Du!
Hell durchscheinend und klar, aber auch harten Sinns,
Wenn Tyrannen Dich pressen;
Sanft geleitet, wie folgst Du gern!

Rinnst, ein spiegelnder Strom, lösest die lockere
Erd' auf, schwemmest der Flur stärkende Nahrung zu,
Die in heilsamer Zwietracht
Blüten zeuget und Frucht gebiert.

Und zusammengedrängt tief in den Ozean,
Wanderst, leichtes Geschöpf, wieder gen Himmel Du,
Aufgezogen von Lüften;
Schwebst in Wolkengestalt umher,

Und kommst wieder herab, wieder zur lechzenden
Erd' erquickend und füllst Quellen und Ströme neu:
Ringsum lachen die Felder;
Alles Lebende lebt durch Dich.

*
Und Ihr Quellen des Lichts, Meere der leuchtenden
Feuerflammen, wer forscht, und wer umufert Euch?
Ausgegossen ins weite
Weltall, tief in der Erde Schoß

Eingeschlossen. Die Luft dienet Euch willig, trägt
Euch auf Fittichen. Trinkt selber die Sonne nicht,
Trinkt nicht alle das Sternheer
Eure Strahlen und glänzt von Euch?

Lichtquell, heiliger Brunn! Nenn' ich Dich Aether? Dich,
Den Durchdringenden, der Alles erhitzt und wärmt,
Unsern frostigen Erdball
Liebend wärmet bis in sein Herz.

Durch Dich bildeten sich alle Gestalten; Du
Gibst der Pflanze Gedeihn, fachst in der Atmenden
Brust die himmlische Flamm' auf,
Die empfindet und Leben heißt;

Baust, ernährest und sparst jegliches Werkzeug Dir,
Hältst in glücklicher Ruh', glücklich in Harmonie
Alle Wesen; sie freun sich
Deiner wärmenden Mutterhuld.

Aber brichst Du hervor wütend in Flammen, brichst
Überwältigend Du jede Gestalt und Form,
O, so löset sich Alles
Auf und kehret zurück - in Dich.

Fünfter Gesang

Wie matt und träge blicket die Sonne dort
Nach jener schiefen Ferne des Erdenballs!
Lang ist die Winternacht, die dort liegt,
Wenig erfreuend der holde Morgen.

Da rasen Stürme, nimmer ermattend; da
Liegt in kristallnen Wellen das brausende
Unzähmbar-stolze Meer gefangen;
Täler und Höhen bedeckt die Alpe

Das eis'gen Schneees. Unter ihm liegt der Strom
Erstarrt, erstarret Baum und Gesträuch und Land;
Hineingedrängt in finstre Höhlen,
Zittern die Menschen vor Frost, umheulet

Von hungernd-wilden Bestien. Doch (so groß
Ist Menschenmut!) sie zittern und zagen nicht
Vor ihnen; Kunst und Klugheit hebt sie
Über Gefahren und Nacht und Mangel.

Denn endlich kommt die mächtige Sonne, schmelzt
Hinweg den Schnee und löst die Gefangenen,
Die dann auf einen künft'gen Kerker
Wieder sich rüsten und froh versorgen.

O Kunst und Klugheit! Göttliche Gabe! reich
Geschenk des Himmels! Waffe für jede Not!
Eisberge schwimmen dort; die Sonne
Riss von einander die mächt'gen Berge,

Und zwischen ihnen drängen sich Ungeheu'r
Der Tiefe; seht! sie schwimmen wie Inseln, groß
Und stark und unbezwinglich Allem,
Göttliche Menschenvernunft, nur Dir nicht.

*

Hinweg, o Winter! Wende, mein Auge, Dich
Zu jenen holden Gegenden, die die Sonn'
Inbrünstig anblickt: wie verändert
Wirket sie dort! einen ew'gen Sommer.

Das Aug' erträgt nicht diesen erglüh'nden Strahl;
Die Luft erkühlt nicht diese gehobne Brust,
Die nach der Ruhe lechzt im Schatten
Kühler, erfrischender Abendwinde.

Der Schöpfer weigert Menschen und Tieren nicht
Die lang erseufzte stärkende Ruh' Ein Dach
Von Wolken steigt empor; erquicket
Atmen die Pflanzen, sie atmen Dank auf.

*

Du Land der Wunder! Edelgesteineland,
Von Würzen duftend! Aber wer schreitet dort
Um schönen Fluss? Ein Berg, belebet,
Reich an Empfindungen und Mut und Weisheit,

Dem Menschen dienend, selber in Schlachten ihm
Mehr Bundsgenoss als Sklave - der Elefant!
O Prachtgeschöpf! Und Prachtinsekten,
Schöne Bewohner der schönsten Pflanzen,

Vom kleinen Moose bis zum erhabenen Palm!
Und dort vor allen jenes Insekt, das sich
Begräbt und spinnt den Menschen ihre
Seidnen Gewande, den Schmuck des Stolzes.

Mein Blick zieht weiter. Siehe, wie Balsam dort
Von Bäumen fließet! Dort das geduldige
Kamel; es hebt den Hals und senket
Nieder den Rücken, ein Schiff der Wüste.

Schau dort den Nilstrom! Bild der belebenden
Vielbrüst'gen Mutter, steckt er die Arm' umher,
Damit von seinen segensschwangern
Fruchtenden Wellen sich Alles labe.

Aus dürrer Wüste eilen die Tier' herbei,
Den Durst zu löschen, fröhlich zu paaren sich;
Die Inbrunst wirret die Geschlechter,
Neue Gestalten erzeugt die Sonne.

Tyrann des Stromes, schreckendes Ungeheu'r
Der Ufer, lauschend hinter dem Schilfe, dann
Den Schlafenden erhaschend (falsche
Tränen entrinnen dem frommen Mörder),

Verhasstes Bild der trügenden Heuchelei
Des Aberglaubens, weinender Krokodil,
Der Pest, die Menschen gegen Menschen
Reizte, mit Wut sich um Gottes willen

Zu würgen. Unhold, bleib in der Wüste dort,
Die Dich geboren! Halte den Gifthauch fern,
Der, um den Himmel zu bevölkern,
Länder verheert und entmenscht die Menschheit.

*
Hinauf zu jenen Höhen, wo Berge dort
Den Himmel tragen! Fels über Fels getürmt
Erklimmen wir; die Ströme drunten
Tosen und brüllen im jähen Abgrund.

Verwittert hangt der drohende Fels auf uns!
Geborsten steht die Trümmer der ew'gen Höh'
Des Erdbaus. Prächtige Verwüstung!
Alter und Jugend der Welt enthüllst Du.

Uranfang suchen unsre Gedanken hier
Uns suchen in der Tiefe des Abgrunds dann
Der Wesen Ende. Nicht am Gipfel,
Lass uns in Mitte des Berges weilen!

Hier unter immergrünenden Fichten, hier
Im Zedernschatten! Selber des Mittags Strahl
Wird Dämm'rung hier; die tiefe Stille
Schweigend, sie spricht und enthüllt Gedanken.

Gedanken von wie mächtiger neuer Kraft!
Geheimnisreiche Stimmen ertönen! Hier,
Hier ist der Gottheit Tempel! Heilig -
Heiliges Wesen, mit Nacht umschleiert!

Fußnoten

1 Oeuvres de Bayle, T. IV. p. 169. 170.

2 Tractatus Theologico - Politicus, continens dissertationes aliquot, quibus ostenditur, libertatem philosophandi non tantum salva pietate et reipublicae pace posse concendi, sed eamdem nisi cum pacereipublicae ipsaque pietate tolli non posse. Hamburg. (Amstelod.) 1670.

3 Er ist seitdem übersetzt erschienen (Gera 1787), aber ohne die Anmerkungen, die hier gewünscht werden. Seine »Ethik« ist mit Anmerkungen begleitet.

4 Leben des Spinoza von Joh. Colerus. Frankf. 1733.

5 In Heidenreich's »Natur und Gott« (B. I. Leipzig 1789) ist der erste Teil des Aufsatzes La vie et l'esprit de Mr. Benoit de Spinoza übersetzt. Obgleich
enthusiastisch geschrieben, stimmt dies Elogium eines Freunde und Bekannten dennoch mit Coler's Lebensbeschreibung zusammen und ist merkwürdig.

6 S. Uriel. Acostae Exemplar humanae vitae, hinter Limborch's Amica collatione cum Judaeo, Basil. 1740.

7 Ein Vorgänger eben des Colerus, der sein Leben geschrieben.

8 B. d. S. Opera posthuma (Hagae Com.) 1677.

9 Tractatus de intellectus emendatione in Opp. posthum. Spinozae, p. 356.

10 Die Vorrede der Herausgeber sagt dies und bittet um Verzeihung, »wenn in dem Aufsatz Manches dunkel und roh erscheine; der Aufsatz sei nicht vollendet.« A. d. H.

11 Descartes, Opp. Philosoph. Amstel. 1685. Regii Philos. natural. Amstel. 1654. Raaei Clav. philos. nat. Lugd. 1654. Clauberg's Phys., Metaphys. etc.
»In Cartesio displicet, sagt Leibniz, audacia et fastus nimius conjunctus cum styli obscuritate, confusione, maledicentia. Longe magis mihi probatur Claubergius, discipulus ejus, planus, perspicuus, brevis, methodicus.« Leibnit. Otium Hannoveran., ed. Fellero.,p. 181.

12 Amstel. 1663. »Quem ego cuidam juveni, quem meas opiniones aperte docere nolebam, antehac dictaveram«, sagt Spinoza in seinem neunten Briefe, S. 423.

13 Opp. posth., p. 395 seq.

14 Da diese Ode seitdem in Kosegarten's »Poesien« (B. I. S. 35) wohlklingend übersetzt ist, so stehe sie hier, diese Übersetzung:

15 Divisus, a didere pro dividere.

16 Mensor s. mensura.

17 V. Ethic., p. 49. Schol. et epist., 21, 39, 40, 49, etc. »Jedermann muss ja einräumen, dass nichts ohne Gott weder sein noch gedacht werden könne; denn Alle gestehen, dass Gott aller Dinge, sowol ihrem Wesen als ihrem Dasein nach, einzige Ursache sei. Inzwischen sagen doch auch die Meisten, zum Wesen eines Dinges gehöre das, ohne welches das Ding weder sein noch gedacht werden kann. Sie müssen also glauben, entweder dass die Natur Gottes zum Wesen der erschaffenen Dinge gehöre, oder dass die erschaffenen Dinge ohne Gott sein und gedacht werden können, oder - welches wol das Gewisseste ist - sie wissen nicht, was sie meinen. Die Ursache hievon,halte ich, lag in der fehlerhaften Ordnung ihres Philosophierens. Die göttliche Natur, die sie vor allem Andern betrachten sollten, weil sie sowol ihrer Natur als unsrer Erkenntnis nach das Erste ist, setzten sie zuletzt; die Objekte der Sinne (wie sie es nennen) stell-ten sie Allem voran. Wenn sie diese betrachteten, dachten sie an nichts weniger als die Gottheit; wenn sie nachher zu dieser übergingen, konnten sie an nichts weniger als an ihre vorigen Figmente denken, denen sie die Kenntnis natürlicher Dinge übergebaut hatten, und die ihnen zum Verstande der göttlichen Natur nichts helfen konnten« u.s.w.

18 Prop. 18 verglichen mit Ep. 21. »In Gott, sage ich mit Paulus, vielleicht auch mit allen alten Philosophen (obgleich auf andere Weise), und ich möchte
sagen, auch mit allen alten Ebräern (so viel sich aus einigen, obwol sehr verstümmelten Traditionen mutmaßen lässt), in Gott webt und ist Alles. Glauben aber Einige, dies gehe darauf hinaus, dass Gott und die Natur (unter der sie sich eine gewisse Masse oder körperliche Materie denken) Eins und Dasselbe sei, so verfehlen sie ganz des Weges.« Opp. posth., p. 449.

19 V. Epist. 29: »Maß, Zahl und Zeit sind nichts als Denk- oder vielmehr Imaginationsweisen. Daher alle, die durch ähnliche, überdem übelverstandene Notionen den Fortschritt der Natur haben verstehen wollen,sich so wunderbar verwirrt haben. Denn da es viele Begriffe gibt, die wir nicht durch Imagination, sondern durch den Verstand allein erreichen, z.B. Substanz, Ewigkeit u.s.w., so täte Der, der diese Begriffe durch jene Hilfsmittel der Imagination erklären wollte, nichts weiter, als dass er sich Mühe gäbe, mit seiner Imagination zu rasen.« Opp. posth., p. 468.

20 »Kein Attribut der Substanz kann wahrhaft gedacht werden, aus welchem folge: die Substanz sei teilbar.« Ethic. Prop. XII. »Die absolut-unendliche
Substanz ist unteilbar.« Prop. XIII.

21 Im zweiten Teil der Ethik de mente.

22 Ep. 69, 70, 71,72. Ausdrücklich sagt er in diesen Briefen, »dass von Descartes die Materie durch Ausdehnung übel definiert worden, dass aus der Ausdehnung die Varietät der Körper nicht zu erklären sei«, und geht so weit, dass er die Cartesischen Naturprinzipien nicht nur unnütz, sondern ungereimt nennt. Opp. posth., p. 596. seq.

23 Boscowich, Philosophiae naturalis theoria redacta ad unicam legem virium in natura existentium. Viennae 1760.

24 Aus August Henning's Philosophischen Versuchen, Kopenhagen 1780.

25 S. seinen merkwürdigen 29. Brief, Opp. posth., p. 465.

26 In schedis gallicis de systemate harmoniae praestabilitae agentibus snimam tantum, ut substantiam, non ut simul corporis Entelechiam consideravi, quia hoc ad rem, quam tunc agebam, ad explicandum nimirum conaensum inter corpus et mentem non pertinetbat; neque aliud a Cartesianis desiderabatur. Opp. Leibnit., T. II. P. I. p. 269.

27 »Nach Spinoza«, sagt Lessing, »ist die Seele nichts als der sich denkende Körper, der Körper nichts als die sich ausdehnende Seele«. S. Lessing's
Leben und Nachlaß, Th. 2. S. 170. Genau und wahr. »Durch Spinoza ist Leibniz nur auf die Spur der vorherbestimmten Harmonie gekommen.« S. 167.
Aber durch welchen andern Cartesianer oder ältern Philosophen konnte er nicht darauf gekommen sein? Und warum durch einen ältern Philosophen? Drückt seine Hypothese, von Willkürlichkeiten gesondert, etwas Anders aus als ein Gesetz der Erfahrung?


28 Die hieher gehörigen astronomischen Abhandlungen von Lagrange und Laplace stehen in den Denkschriften der Berliner und Pariser Akademie. Des
Newton's unsrer Zeit, Pierre Simon Laplace, Exposition du Système du monde, die seitdem (1796) erschienen, ist eine Himmelskarte dieser weisen ewigen
Gesetze des Weltalls.

29 »Der wirkende Verstand (intellectus actu), sei er endlich oder unendlich, muß wie Wille, Liebe, Begierde zur abgeleiteten, nicht zur hervorbringenden
Natur gezählt werden.« Prop. 31. »Die Natur hat keinen vorgesetzten Endzweck; alle Endursachen sind Dichtungen der Menschen.« Prop. 36, append. u.s.w.

30 S. Br. 24, 25 u.s.w.

31 S. im Register seiner Opp. den Namen Spinoza.

32 »Je mehr Realität oder Wirklichkeit ein Ding besitzt, desto mehr Attribute kommen ihm zu.«(P. I. Prop. 9.) »Gott, das selbstständige Wesen, bestehend
in unendlichen Attributen, deren jedes sein unendliches ewiges Wesen ausdrückt, existiert notwendig.« (Prop. 11.) »Aus der Notwendigkeit der göttlichen
Natur muss Unendliches auf unendliche Weisen, d.i. Alles, dessen ein unendlicher Verstand fähig ist (quaesub intellectum infinitum cadere possunt), folgen.« (Prop. 16.) »Gottes Verstand ist die Ursache der Dinge, sowol ihrer Existenz als ihrem Wesen nach; er ist also vom Verstande aller Dinge wesentlich unterschieden.« (Prop. 18. Schol.) »Gottes Existenz und Wesen ist Eins und Dasselbe.« (Prop. 20.) »Auf keineandre Weise, in keiner andern Ordnung haben die Dinge hervorgebracht werden können, als sie hervorgebracht sind; mithin in der größten Vollkommenheit,weil sie aus der vollkommensten Natur notwendig folgen. Niemand kann uns überreden, zu glauben, dass .Gott nicht Alles, was in seinem Verstande ist, in der
Vollkommenheit, wie er es erkennt, schaffen wolle.« (Prop. 33. Schol. 2.) »Gedanke ist ein Attribut Gottes, eins seiner unendlichen Attribute, das sein ewigesunendliches Wesen ausdrückt.« (P. II. Prop. 1.) »In Gott ist notwendig eine Idee, sowohl seines Wesens als Alles dessen, was aus seinem Wesen notwendig folgt. Der Pöbel versteht unter Gottes Macht eine freie Willkür, wir haben aber gezeigt, dass Gott mit derselben Notwendigkeit handle, mit der er sich selbst erkennt (se ipsum intelligit), d.i. wie es aus derNotwendigkeit der göttlichen Natur folgt, dass Gott sich selbst erkenne, so folgt auch aus ihr, dass Gott Unendliches auf unendliche Weisen wirke.« (Prop. 3. Schol.) »Die Idee Gottes, aus welcher Unendliches auf unendliche Weisen folgt, kann nur eine sein; denn ein unendlicher Verstand begreift nichts in sich als Gottes Attribute und Affektionen.« (Prop. 4.) »Die Ordnung und Verbindung seiner Ideen ist die Ordnung und Verbindung der Sachen selbst.« (Prop. 7) »Was irgend vom unendlichen Verstande gedacht werden kann, als konstituierend des Selbstbestehenden Wesen, das Alles gehört zum einzigen Selbstständi-gen.« u.s.w. (Prop. 7. Schol.)

33 Zeuge dessen ist Spinoza's ganze »Ethik«.

34 Uz' lyrische Gedichte, Theodicee.

35 »Da in dem Ewigen es weder ein Wann noch ein Vorher und Nachher giebt, so folgt aus der bloßen Vollkommenheit Gottes, dass er ein Andres beschließen, als er beschlossen hat, weder könnte noch gekonnt habe. Vor seinen Beschlüssen war es nicht, noch ohne dieselbe. Änderte er diese, so würde er seinen Verstand und Willen ändern, d.i. ein andrer Gott sein.« (Prop. 33 Schol. 2.)

36 Oeuvres Philosophiques de Leibnitz, publ. p. Raspe. Amst. 1765, beinah die lehrreichste unter Leibnizens Schriften, von dem übrigens jede Zeile
lehrreich ist.

37 »Keinesweges unterwerfe ich Gott einem Fatum, sondern ich denke mir, dass aus der Natur Gottes Alles so notwendig folge, wie Jeder es sich aus der Natur Gottes folgend denkt, daß Gott sich selbst erkennt. Beim Letzten leugnet Niemand, dass es aus der göttlichen Natur notwendig folge, und doch denkt sich dabei Niemand, daß Gott von einem Schicksal gezwungen sich selbst erkenne; er erkennt sich frei und doch notwendig.« Ep. 23. Opp. post., p. 453.

38 »Wer begierig ist, Andern mit Rat und Tat dahin zu helfen, dass sie insgesamt des höchsten Gutes genießen, der wird sich befleißigen, sich ihre
Liebe zu erwerben, nicht aber sie in eine Bewunderung seiner zu ziehen, dass eine Wissenschaft von ihm den Namen erhalte«. Eth., P. IV. Opp., Cap. 25.

39 Ueber die Lehre des Spinoza, Breslau 1786. Neue vermehrte Ausgabe. Breslau 1789.

40 Ueber die Lehre des Spinoza, S. 12. Die Zitationen, nach der ersten Ausgabe bemerkt, sind geblieben, und in der zweiten leicht zu verfolgen.

41 S. 12.

42 S. 14.

43 S. 17.

44 »Wenn ich mich nach Jemand nennen soll, so weißich keinen Andern.« S. 12. (Wenn! soll! weiß ich!) »Freilich! Und doch! Wissen Sie etwas Besseres?«

45 S. 17.

46 Person, as I take it, is the make of this Self. Wherever a Man finds what he calls Himself, there I think another may say is the same Person. It is a forensick term, appropriated Actions and their Merit, and so be-longs only to intelligent Agents capable of a Law and Happiness and Misery. Locke, Essay on human understanding, Vol. I B. 2. 27.Le soi fait l'identité réelle et physique; et l'apparencedu soi, accompagnée de la vérité, y joint l'identité personnelle. Si Dieu changeait extraordinairement l'identité réelle, la personnelle demeurerait, pourvu que l'homme conservât les apparences d'identité, tantles internes (c'est-à-dire de la conscience) que les externes, comme celles qui consistent dans ce qui parait aux autres. Ainsi la conscience n'est pas le seul moyende constituer l'identité personnelle; le rapport d'autrui ou même d'autres marques y peuvent suppléer. Leibnitz, Ouvres philosoph., p. 195. 196.
Über den Sprachgebrauch der Worte Person, Persönlichkeit u.s.w. schlage man Wörterbücher auf, welche man will, latein, deutsch, französisch, italienisch, spanisch, englisch; alle sagen in ihren gesammelten Stellen, daß diese Worte ein Eigentümliches oder Besondres unter einer gewissen Apparenz bezeichnen; welcher Nebenbegriff dem Unendlichen im Gegensatz der Welt gar nicht zukommt, vielmehr den Begriff des Einzigen, nicht Figurirenden verdunkelt.

47 Locke, Essay on unterstand., B. 2. Ch. 21. §. 5; Ch. 11. §. 17.

48 Leibniz, Oeuvres philosoph. p. Raspe, p. 132.

49 S. 19.

50 Ethic. L. IV. V.

51 S. 19 f.

52 S. 20.

53 S. 21.

54 »Dass Lessing sich nicht anmaßte, zu behaupten, Leibniz sei in dem Verstande ein Spinozist gewesen, dass er sich selbst dafür erkannt hätte, beweist die Folge des Gesprächs. Innere wesentliche Ähnlichkeit, Identität des Systems; das nur hatte Lessing eigentlich im Auge«. Über die Lehre des Spinoza.
Zweite Ausg. 1789. S. 414.

55 S. 22.

56 Lessing's sämtliche Schriften, Th. 7. S. 23. f.

57 S. 34.

58 Noch befriedigender sieht man dies aus ein paar Aufsätzen in Lessing's hinterlassenen Schriften. (Lessing's Leben und Nachlaß, Th. 2. S. 164 f.) Unwidersprechlich zeigen sie den hellen und reinen Begriff, den Lessing von Spinoza's System hatte, und stellen die Scherze seines Gesprächs an den Ort, der ihnen gehört.

59 S. 170. 172.

60 Man sehe hierüber Wolff's Widerlegung des Spinozismus, Th. 2 seiner »Natürlichen Gottesgelahrtheit«, §. 671. u.s.w., die der deutschen Übersetzung
von Spinoza's Sittenlehre (1744) beigedruckt ist.

61 Epist. 23, Opp. posth., 453.

62 Ueber die Lehre des Spinoza. Breslau 1786.

63 »Omnia in Deo esse et in Deo moveri cum Paulo affirmo, auderem etiam dicere cum antiquis omnibus Hebraeis, quantum ex quibusdam traditionibus, tametsi multis modis adulteratis, conjicere licet.« Epist.21, Opp. posth., p. 499.

64 Die erste Schrift hieß: »Der Spinozismus im Judentum, oder die von dem heutigen Judentum und dessen geheimen Kabbala vergötterte Welt. An Mose
Germano befunden und widerlegt von J. G. Wachter«. Amsterd. 1699. Die zweite: Elucidarius Cabbalisticus s. reconditae Hebraeorum philosophiae recensio, epitomatore J. G. Wachtero. Rom. 1706. Er findet zwanzig Ähnlichkeiten zwischen Spinoza's System und dem Kabbalismus.

65 Kästner's vermischte Schriften, Th. 2. S. 11 ff.

66 Ueber die Lehre des Spinoza, S. 34.

67 Eine Erläuterung dieses Ausdrucks, f. in der zweiten Ausgabe des Buchs über die Lehre des Spinoza, S. 46 f.

68 S. 35.

69 S. 35.

70 S. Gleim's »Halladat«, III.

71 Kant's Kritik der reinen Vernunft, Zweite Ausg. S.641. »Wenn Ihr sagt: Gott ist nicht, so ist weder die Allmacht noch irgend ein anderes seiner Prädikate gegeben; denn sie sind alle zusammt dem Subjekt aufgehoben, und es zeigt sich in diesem Gedanken nicht der mindeste Widerspruch.« Ebendas., S. 623.

72 S. über diese allgemeinen Naturgesetze, insonderheit über die Affinität und Verähnlichung der Wesen vortreffliche Anmerkungen in den Betrachtungen
über das Universum, Erfurt 1777.

73 Ethic., P. II. Prop. 43, Schol. P. 80.

74 Epist. 74. P. 612.

75 Z.B. Schol. zu Prop. 40, 43, 44, 49 u.s.w.

76 P. 366-392.

77 De emend. intellect., p. 367 f.

78 Moralists, P. III. Sect. I.
Aus: Johann Gottfried Herder: Gott. Einige Gespräche über Spinoza's System nebst Shaftesbury's Naturhymnus, Vorlage: Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie von Platon bis Nietzsche.
Veröffentlichung auf Philo-Website mit freundlicher Erlaubnis des Verlages der Directmedia Publishing GmbH, Berlin

Drei Gespräche über die Seelenwanderung

ERSTES GESPRÄCH
Charikles: Sie kommen mir recht erwünscht, Theages, und werden sich wundern, dass Sie mich in einer so gelehrten Werkstätte antreffen.

Theages:
Welche Bücher! Griechisch, latein, englisch, gar hebräisch; und wovon handeln sie alle? ... Von der Seelenwandrung. Darüber lässt sich nun freilich viel sprechen und schreiben.

Charikles: Lassen Sie uns also sprechen!

Theages: Ich bins zufrieden, denn ich bin müßig. Eine Hypothese, die so reich ist, die so fern von uns liegt, für die und wider die sich also so viel, viel sagen lässt, verdient ja wohl einige Worte für und gegen. Aber wir müssen uns erst erklären, was die Seelenwandrung sei. Es gibt eine von unten herauf, eine andre von oben hinab rückwärts, eine dritte geht in die Runde umher. Verstehen wir uns?

Charikles: Vollkommen. Die von unten hinauf ist, wenn etwa niedrigere Keime von Leben zu höhern verfeinert werden, wenn z. B. die Seele der Pflanze Tier, die Seele des Tiers Mensch würde u. s. f. Von oben hinab rückwärts, ist die Braminen-Hypothese*: dass gute Menschen zur Belohnung Kühe, Schafe und weiße Elefanten, die Bösen zur Strafe Tiger und Schweine werden. Die dritte in die Runde umher ist — die in die Runde. Von welcher wollen wir zuerst reden?
*Lehre der Brahmanen, der obersten Brüderschaft der indischen Hindu-Religion, die das Brahma, die Urkraft, die Weltseele, verehrte und die Seelenwanderung lehrte.

Theages: Von welcher es Ihnen gefällt. Die erste hinaufwärts ist sehr wahrscheinlich, und wenn sies ist, so zerstört sie die zweite und dritte. Ist der Weg hinaufwärts bei allem Lebenden Gesetz der Natur, nun, so kann nichts zurück- oder ewig im Kreise umhergehn, so muss auch der Mensch vorwärts. Bei ihm, als dem obersten Gliede der Kette, die wir kennen, kann die Schnur nicht abreißen; er ist ein Wesen wie alle Wesen und muss, wenn alles fortgeht, nach dem allgemeinen Gesetz der Natur mit fortgehen.

Charikles: Da nehmen wir aber schon dies Gesetz der Natur bewiesen an?

Theages: So wollen wirs nicht annehmen und von der ersten Art der Seelenwandrung, ob z. E. der Mensch erst Tier, vorher Pflanze gewesen und auf seinen jetzigen Platz fortgerückt sei, noch gar nichts wissen. Wir reden also nur von der zweiten und dritten Reise, rückwärts oder in die Runde, und fragen, ob dazu Data [Tatsachen] in der Natur, Erfahrungen aus dem Menschengeschlecht, Ahndungen in unsrer Seele, Begriffe in Gott, sofern wir ihn kennen, oder im gesamten Weltlauf liegen. Getrauen Sie Sich, zu antworten?

Charikles: Beinahe. Und ich fange vom Klarsten, von den Erfahrungen aus dem Menschengeschlecht, an. Kennen Sie keine großen, seltnen Leute, die, was sie sind, unmöglich auf einmal, in einer Menschenexistenz geworden sein können, die schon oft dagewesen sein müssen, um zu der Reinheit von Gefühl, zu dem instinktmäßigen Triebe für alles Wahre, Gute und Schöne, kurz, zu der Eminenz und natürlichen Oberherrschaft über alles, was um sie ist, gelangt zu sein? Kennen Sie solche Menschen nicht?

Theages: Ich wüsste keinen.

Charikles: Haben Sie also auch von keinen solchen seltnen, großen, eminenten Menschen gelesen?

Theages: O Freund, was soll das Spiel, große Männer nach Uniformen zu rangieren? Ich kenne große Männer im Leben und in der Geschichte, aber keinen, der, um der Mann zu sein, der er ist, notwendig etlichemal im Menschenmutterleibe gewesen sein müsste. Die größten Männer, fand ich immer, waren die bescheidensten und aufrichtigsten. Sie verschwiegen nie, was sie in ihren Augen sind, was sie waren, was und wie sies wurden. Sie stürzten sich nicht in den Ätna*, um Götter zu werden, weil die Eisenpantoffeln doch immer zu rechter Zeit ans Tageslicht kommen. Vielmehr gaben sie Konfessionen für Welt und Nachwelt heraus und beichteten —
*Der griechische Philosoph Empedokles soll das der Sage nach getan haben.

Charikles: Und was beichteten sie? Erinnern Sie Sich nicht des Pythagoras, der Euphorbus gewesen war, des Apollonius von Tyana?

Theages: Lassen wir die fabelhaften Schatten und kommen lieber auf Personen, die uns im Licht stehn. Petrarchs, Cardanus, Montaignes, Luthers, Rousseaus Konfessionen, sagen sie wohl eine Silbe davon, dass diese gewiss großen, wenigstens sonderbaren Männer sonst schon in der Welt waren, dass sie fühlten, sie hätten ohne das nicht die werden können, die sie sich zu sein bestrebten? Bekennen sie nicht gegenteils aufrichtig, wie sie sich emporarbeitet, mit Mühe aus dem Nichts gezogen, alle Fehler und Schwachheiten noch in sich gefühlt, ja, von solchen hingerissen, unzweifelhaft auch schlechte Menschen hätten werden können, wenn sie ihnen den Zügel schießen ließen? Erinnern Sie sich des Sokrates vor jenem Gesichtsdeuter; und Sokrates war doch auch pythagoräischer Träume sehr fähig.

Charikles: Vielleicht auch dieses pythagoräischen Traums; überhaupt aber wissen wir von Sokrates aus seinem eignen Munde zu wenig; er spricht nur durch den Mund andrer*.
*
Wir wissen von Sokrates vor allem aus seines Schülers Xenophon »Erinnerungen« und aus Platons Dialogen, in denen er als Gesprächspartner auftritt.
Lassen Sie also die Exempel und sagen: glauben Sie nicht, dass der recht großen Leute nur wenig in der Welt gewesen?

Theages: Sie hießen nicht groß, wenn ihrer nicht wenige wären.

Charikles: Meinen Sie, dass diese in allen Jahrhunderten seltnen großen Leute durch Fleiß, durch eine Mühe, zu der jeder Handwerksgeist fähig ist, oder durch Natur, durch eine Art angebornen Sinnes, durch eine Inspiration, die sie sich nicht gegeben hatten, die sie nie verließ, die niemand ihnen nachmachen konnte, und jedermann unglücklich nachahmte, allein dadurch das waren, was sie waren und in aller Zeit sein werden? Sie erschienen wie Genien, sie verschwanden wie Genien, und man konnte nur sagen: »Da war er, da stand er und ist nicht mehr; wo ist wie er ein andrer?« Meinen Sie das nicht?

Theages: Ich darfs nicht meinen: denn es bestätigts die ganze Geschichte; aber was tut dies zur Seelenwandrung?

Charikles: Hören Sie weiter. Erschienen nicht meistens diese großen Leute auf einmal? Wie eine Wolke himmlischer Geister ließen sie sich nieder, wie Auferstandne und Wiedergeborne, die nach einer langen Nacht des Schlafs eine alte Zeit wiederbrachten und als Jünglinge dastanden in neuer Himmelsschönheit. Ists nicht, als ob das Rad der Zeiten umlaufen müsste, um das menschliche Geschlecht wiederzugebären, den Verstand aufzuwecken und die Tugend zu erneuern? Wie, wenn solche Revolutionen in der sichtbaren Welt gerade das wären, was der Name sagt, Revolutionen auch in der unsichtbaren, der Geisterwelt, ein Wiederkommen alter edler Geister- und Menschengeschlechter?

Theages: Das klingt artig. Lassen Sie uns sehen, was an dem glänzenden Traum sei. Dass große Geister selten sind, leugne ich nicht; auch das gebe ich zu, dass sie das, was sie waren, durch Natur und nicht durch den improbus labor
[übertriebeneArbeit] allein sein konnten. Aber zur Seelenwandrung tut dies nichts. Auch unter den Tieren gibts in jedem Geschlecht große Stufen und Unterschiede von Fähigkeiten, die nur diejenigen näher bemerken, die mit einem solchen Geschlecht gleichsam vertraulich leben; sind deshalb diese Tiere auch gewandert? Hat der gescheitere Hund oftmals Hund sein müssen, um, was er Ist, zu werden? Oder kommt nicht offenbar alles auf glücklichere Organisation, fröhlichere Erzeugung, edlern Stamm, gute Umstände des Landes, des Klimas, der Geburt, Erziehung und des hundertarmigen Zufalls an, der sich so schlimm in allen seinen Gelenken herzählen und modeln lässt? Nun vergleichen Sie Tiere und Menschen, ein Hackbrett von zwei Saiten, mit der Laute, der Orgel! Welche unendliche Verschiedenheit muss im Menschengeschlecht herrschen, eben weil der Umfang seiner Kräfte so groß, seine Bildung so zart, seine Fähigkeiten so vielfach, das Klima, in dem er lebt, die Welt von Umständen, die auf ihn wirken, so ungeheuer mancherlei, kurz, die Glieder seiner Kette so kormmensurabel (vergleichbar) und so inkommensurabel (unvergleichbar) sind, wie Sie sichs nur. denken wollen. Was kann aus einem Menschen werden! Wer hat noch je das Ziel gesetzt, wie viel und nicht mehr aus einem derselben werden könnte? Und aus so vielen, im Strome der immer fortfließenden Welt- und Menschenbildung? Wäre es da nicht ein größeres Wunder, wenn lauter Plattköpfe geboren würden, als jetzt, da sich noch manchmal gescheite Leute zeigen? Wollten Sie denn, dass der elektrische Funke nie rein und hell schlage, dass die reine Menschenform nicht unter einem Heer von Larven wenigstens hie und da zum Vorschein komme? Was brauchen wir Poltergeister und Revenants [wiederkehrende Gespenster], da ja diese edlere Form wahre, eigentümliche Menschenform ist, von der wir eben nur durch Abartungen, die sich leider so natürlich erklären lassen, unglücklicherweise abgekommen sind und uns vielleicht immer mehr entfernen? Mit ebenso vielem Recht könnten Sie sagen, dass Engel sich in solche höhere Menschen verkörpern, oder dass, wenn ihr Genie instinktmäßig wirkt, Tiere mit Kunsttrieben in ihnen wiedergeboren würden. Ich sehe nicht, warum wir eben die Toten stören und den Propheten Samuel im Schlafrock hervorbringen müssten, nur damit wir ausrufen könnten: »Ich sehe Götter aufsteigen aus der Erde!« Sehen Sie die Menschheit menschlich an, und sie wird Ihnen menschlich erscheinen. Betrachten Sie die einzelnen großen Leute in ihrer Organisation, nach ihrer Geburt, Erziehung, Ort und Stelle, sie werden nicht übers Meer fahren dürfen, um Schatten herbeizuholen.

Charikles: Aber dass diese seltnen Leute meistens zu einer Zeit leben?

Theages: Ist das Ihr Beweis, guter Seelenwandrer? Als ob der Haufe Seelen, wie in Dantes »Hölle«, durch einen Windstoß herbeigetrieben, oder ein Trupp Riesen, wie in Bodmers »Noah«, auf einem Luftschiff herangesegelt käme und nun hier abzusteigen beliebte? Schlagen Sie in der Geschichte nach, Sie werden immer finden, dass äußere Ursachen die Leute weckten, dass Umstände, Erfordernisse, Not, Belohnung sie aufforderten, Nacheifrung sie anreizte, dass eine Reihe Fehler sich erschöpft hatte, dass eine Nacht von Zeiten vorbei war und endlich doch wieder einmal Morgen anbrechen musste. Meistens hatte man so viel vorgearbeitet, dass diese glücklichen Leute nur die Fehler und Bemühungen ihrer Vorfahren nutzen durften, um Ruhm zu erlangen. Nach Dissonanzen trafen sie auf konsone
[harmonische] Punkte der Saite — und das ist alles, was durch Vergleichung der Zeiträume und Menschen unser Auge erreicht. Weiterhin ins Unsichtbare dem Finger der Gottheit nachtappen wollen, wenn und wie er Menschen geboren werden lässt, halte ich über unsrer Sphäre. Ich kann, wenn es aufs Dichten ankommt, sie sodann ebenso wohl aus dem Monde bei gewissen glücklichen Vierteln, als aus der Vorwelt durch eine Palingenesie [Wiederkehr] herleiten, die nicht ebenso regelmäßig wie der Mond wechselt.

Charikles: Das letzte tut nichts. Wir sind noch viel zu jung in der Geschichte, wir haben noch viel zu wenig dergleichen periodische Revolutionen erlebet, als dass wir sie wie den Mondswechsel berechnen könnten.

Theages: So sind wir auch viel zu jung, Fiktionen zu hegen, die wir nicht beweisen können, zu denen wir aus aller Geschichte keine festen Data haben. Jung oder alt — das Wiederkommen des menschlichen Geschlechts müsste merklich geworden, die Ebbe und Flut der Geister müsste, wenn auch nur mutmaßend, bemerkt sein. Ja, wenn mit dem Wiederkommen der menschliche Verstand und der moralisch-feine Sinn, die innere Tätigkeit und Elastizität des Menschen gar wüchse, Himmel, wie vortreffliche Menschen müssten wir haben an denen, die schon zehnmal dagewesen wären! Und wo sind diese? Wo, mein Freund, sind sie? Die weisern, bessern, stärkern Menschen, haben sie in der neuen Zeit oder im Altertum gelebt? Und wie oft sind denn die Homere, Sokrates, Pythagoras, Epaminondas, Scipionen wieder erschienen, geschweige, dass sie von Jahr- zu Jahrhunderten gewachsen wären! Immer waren die menschlichen Phönixe selten und werdens bleiben. Wir dürfen nicht besorgen, dass mit dem Jahr 1800 plötzlich Götter auf der Erde statt der Menschen wandeln werden, weil das Kreisrad nun den nassen Lehm getrocknet und die Figuren zur Form gebracht habe. Lassen wir also diese Wahrsagungen an Ort und Stelle und begnügen uns, Menschen zu sein, wie unsre Vorfahren gewesen, einmal gebackne Menschen, noch nicht zum zweiten Mal in Jupiters Hüfte genäht. Oder wissen Sie etwa, lieber Wandrer, ein Geschichtchen aus Ihrer Urwelt, dessen ich mich auch erinnere, so bringen Sie es vor!

Charikles: Sie sollen es haben, nur bitte ich Sie, aufrichtig zu sein und die Gedanken und Zurückerinnerungen Ihrer Jugend, insonderheit Ihrer ersten unbefangenen Kindheit, nicht zu verleugnen. Haben Sie nicht oft Erinnerungen eines vorigen Zustandes gehabt, den Sie in dieses Leben nirgends hinzusetzen wussten? In den schönen Zeiten, da unsre Seele noch eine halbgeschlossene Knospe ist, haben Sie nicht Personen gesehen, sind an Örter gekommen, wo sie hätten schwören mögen, Sie seien schon dagewesen, Sie haben die Personen schon gesehen? Und doch wars in diesem Leben nie, wie Sie sich beim Überdenken völlig vergewissern können; woher sind also diese Erinnerungen? Woher können sie sein, als aus einem vorigen Zustande? Daher sind sie auch so süß, so erhebend! Die seligsten Augenblicke, die größesten Gedanken eines Menschen rühren daher; in gemeinem Stunden staunen wir uns selbst an und begreifen uns nicht. Und das sind wir, wir, die aus hundert Ursachen so tief hinabgesunken und in die Materie verkleibt sind, dass uns wenige Erinnerungen so reiner Art übrig bleiben. Die höheren Menschen, die, von Wein und Blut gesondert, ganz in Einfalt, in Mäßigkeit, in der Ordnung der Natur lebten, brachtens ohne Zweifel höher, wie das Beispiel Pythagoras, Jarchas
[indischer Brahmane], Apollonius und andrer lehrt, die sich deutlich erinnerten, was und wie vielmal sie in der Welt gewesen waren. Wenn wir blind sind oder kaum zwei Schritte vor uns sehen, dürfen wir deshalb leugnen, dass andre hundert und tausend weiter, ja bis auf den Boden der Zeit hinab, in den tiefen, dunkeln Brunnen der Vorwelt sehen können und daselbst alles rein, deutlich, hell und klar gewahr werden?

Theages: Sie sind ein wahrer Pythagoräer, mein Freund, und würdig, dass Sie bis zum tiefsten Brunnen der Vorzeit, ja bis zum Urquell der Wahrheit kämen, wenn Menschen dahin
kommen können. Ich gestehe Ihnen frei, auch mir sind dergleichen süße Träume der Rückerinnerung aus meiner Kindheit und Jugend bekannt. Ich kam in Örter und Umstände, wo ich hätte schwören mögen, schon gewesen zu sein, ich sah Personen, wo es mich dünkte, mit ihnen gelebt zu haben, gegen die ich gleichsam auf alte Bekanntschaft fußte. Sollte es aber davon keine anderen Ursachen geben?

Charikles: Ich wüsste keine als die Rückerinnerung eines vorigen Zustandes.

Theages: Allerdings eines vorigen Zustandes, nur nicht außer unsrer Lebenszeit und in einem andern Körper. Wäre die Erfahrung in diesem geschehen, so wäre die Erinnerung körperlicher Gegenstände auch wahrlich in einer Welle des Stroms Lethe geblieben und käme uns jetzt nicht in einem andern Körper wieder. Haben Sie aber nicht auf sich achtgegeben, wie sich die Seele immer ingeheim beschäftigt, wie sie insonderheit in der Kindheit und Jugend Plane macht, Gedanken vereinigt, Brücken baut, Romane aussinnet und im Traum alles mit Zauberfarben des Traums wiederholet? Sehen Sie jenes Kind stille spielen und sich mit sich unterhalten! Es spricht mit sich selbst, es ist in einem Traum lebhafter Bilder. Diese Bilder und Gedanken werden ihm einst wiederkommen, zu einer Zeit, wenn es sie nicht vermutet und nicht mehr weiß, woher sie sind; sie werden ihm mit der Dekoration der ganzen Szene erscheinen, in der es sie dachte oder die ihm gar ein jugendlicher Traum anschuf. Die Situation wird die Seele angenehm täuschen, wie jede leichte und Ideen bringende Zurückerinnerung täuscht; man wird sie für eine Eingebung ansehen, weil sie wirklich wie Eingebung aus einer andern Welt, d. i. reich an Bildern und ohne Mühe, kommt. Ein einziger Zug des jetzigen Gemäldes bringt sie, ein einziger Klang, der jetzt die Seele berührt, erweckt alle schlafende Töne aus ältern Zeiten. Das sind also Augenblicke der süßesten Schwärmerei, insonderheit bei schönen, wilden Lustörtern, bei angenehmen Augenblicken des Umgangs mit Personen, die wir unvermutet und sanft getäuscht in uns oder uns in ihnen gleichsam aus einer frühern Bekanntschaft fühlen; Erinnerungen aus dem Paradiese, aber nicht eines schon einmal genossenen Menschenlebens, sondern aus dem Paradiese der Jugend, der Kindheit, angenehmer Träume, die wir schlafend oder wachend träumten und die ja eigentlich das wahre Paradies sind. Die Palingenesie ist also richtig, nur nicht so wunderbar, wie Sie meinten, sondern sehr natürlich.

Charikles: Ihre Erklärung ist reizend, aber —

Theages: Ich meine, sie könne auch überzeugend werden, wenn wir auf uns selbst merken. Glauben Sie nicht, dass ein Mensch die höchste Freude, ja eine Art von Entzücken spüre, wenn er einen Traum, den sich die Seele aus ihren liebsten Bildern schuf, nun unerwartet und plötzlich, wenn auch nur stückweise, realisiert sieht? Muss sie einem solchen Traum nicht zujauchzen und ihn umarmen, wie Adam die Eva umarmte, da sie in ihm das Gebilde ihrer selbst, das Geschöpf ihrer süßesten Augenblicke, die Frucht ihrer geheimen Liebe gewahr wird? Sehen Sie, mein Freund, daher kommen die Anstauungen, die plötzlichen und oft so angenehmen, so tief ahndenden, so gewaltigen Sympathien, daher kommt das weissagende Göttliche des ersten Eindrucks. Kein zweiter Eindruck kann es uns geben, er schwächt nur die Wollust des ersten und dekomponiert das Gemälde. So lange die Seele sich den ersten Traum wahr macht, schwebt sie gleichsam im Elysium der Kindheit, ist der Traum aufgelöst, so sind leider die Götter Menschen worden; sie baut den Acker und nährt sich mit Kummer und Schweiß des Angesichts. Merken Sie insonderheit, dass bei wohlorganisierten Menschen dergleichen Erinnerungen meistens schön, aber wild, romantisch, oft überspannt sind — gerade wie die Eindrücke und Gefühle der Jugend. Kranke Leute behalten Ideen des Schmerzes, schwache Leute Gefühle der Mühe und der Lästigkeit aus frühen Gefühlen der Art, die sich ihnen eindrückten. Vielleicht wurden manche begeisterte Helden und Schwärmer durch ein hitziges Fieber dazu in der Kindheit gebildet, davon ihnen Ideen blieben. Diese kommen zu gewissen
Zeiten in Stunden der Schwachheit, des plötzlichen Überfalls, wenn die Seele nicht auf ihrer Hut ist und ihre Gedanken gleichviel womit kombiniert, wieder; sie kommen oft wieder und werden herrschende Gefühle. Ich könnte Ihnen frappante Exempel davon erzählen, mit denen wir aber zu weit abkämen. Bemerken Sie Verliebte und Wahnsinnige, insonderheit traurig Verliebte und sanft Wahnsinnige, Sie werden die Macht erster Eindrücke, die ganze Jugend ihrer Seele in allen Zügen ihrer Gemälde sehn, in allen Klagen ihrer Verirrung hören. Ja, bemerken Sie nur Ihre eigne Seele in Träumen! Da sind wir alle dergleichen Verirrte. Nach gewissen Jahren dekorieren wir alle unsre Träume nur mit Szenen aus der Jugend; selbst die Personen, die in ihnen spielen, wenn es uns die nächsten und liebsten wären, nehmen andre, gleichsam süßere, romantische Gestalten an. Bei allen Phantasien der Liebe ist der erste Eindruck der süßeste und unauslöschlich, kurz, wir buchstabieren, wo wir können, ein Alphabet aus der Jugend wieder, dessen Züge uns die angenehmsten, eindrücklichsten, geläufigsten sind. Habe ich Ihnen mit meiner Auflösung ein Genüge geleistet?

Charikles: Noch nicht völlig. Einige Erinnerungen sind doch so sonderbar, so fremde und gleichsam — um in Ihrer Sprache zu reden — so gar nicht zu buchstabieren mit den Eindrücken der Kindheit und Jugend dieses Lebens, dass—


Theages: Dass man zu ihnen notwendig eine andre Welt, ein früheres Leben brauchte? Nun denn, warum bleiben Sie nicht Ihrer Hypothese ganz treu und nehmen wirklich eine andre Welt, ein früheres Zusammensein im Reiche der Geister und Seelen an, wie es Plato dichtete, wie die alten Rabbinen und viele Völker der Welt es sich dachten? Mich dünkt, wenn geträumt sein muss, so träumt man lieber den freiesten der Träume. Denken Sie Sich z. B., wie Sie einst mit Ihren Geliebten im Lande der Geister so

»Klein wie Teilchen des Lichts ungesehn schwärmeten,
Wie sie auf ein Orangeblatt
Sich zum Scherzen versammleten,
Im wollüstigen Schoß junger Aurikelchen
Oft die zaudernde Zeit schwatzend beflügelten.«

Aus: J. A. Schlegels »Choriambischer Ode« an Klopstock

Warum müssen Sie sich die Szene so eng machen und die Seele in unserer dürftigen Menschheit geistige Almosen oft und mühsam betteln lassen, da sie sie doch wohlfeiler und alle auf einmal haben kann, wenn Sie sie ins Reich der Geister senden und ihrer körperlichen Klausur ganz entladen. Haben Sie keine »Briefe der Verstorbnen an die Lebendigen«
[wie sie Wieland 1753 verfasst hat] gelesen?

Charikles: Viele.

Theages: Nun, so wissen Sie, wie frei und zwanglos es im Reiche der Geister zugeht. Darum liebt auch die Kindheit Träume der Art sehr, weil sie sich mit ihren Träumen mischen und dieselben wie durch Urkunden aus einer andern Welt zu bekräftigen scheinen. Für mich, der ich in Gedichten so was gelten lasse und es früher gerne las, in den Jahren, wo ich jetzt bin, begnüge ich mich, die Träume der Vorexistenz aufzugeben und meine Seele in ihren jetzigen Banden, in ihrer armen Wirklichkeit zu studieren.

Charikles: Und was studieren Sie an ihr aus?

Theages: Aus? Das weiß ich nicht. Aber an ihr zu studieren, dünkt mich, nutzet viel; und ich wollte, dass wirs auch zu diesem Zweck an unsern Kindern täten.

Charikles: Zu diesem? Zu welchem Zweck?

Theages: Dazu, dass wir auf ihre ersten Eindrücke, auf die Art und Wirkung derselben in ihren Seelen, auf die geheimen Ideen und Bilder merken, mit denen sie sich in der Stille tragen, die sie wie ein feines, unsichtbares Gewebe spinnen und fortspinnen nach eignet Lust und Liebe. Haben Sies bemerkt, Charikles, dass Kinder plötzlich Ideen äußern, über die man sich wundert, wie sie zu ihnen gekommen sein. Die eine lange Reihe andrer Ideen und geheimer Unterhaltungen voraussetzen, die wie ein voller Strom aus der Erde brechen, zum untrüglichen Wahrzeichen, dass er nicht erst den Augenblick aus ein paar Regentropfen zusammengeflossen, sondern lange, lange schon als Strom verdeckt unter der Erde geflossen sei, vielleicht manche Höhlen durchbrochen, manche Klippen mit sich gerissen, manchen Unrat an sich gesetzt habe?

Charikles: Und wenn wir das bemerken, wer kann wider die Natur? Können wir den Lauf dieser Ströme hemmen oder ans Licht graben oder gar den Bau der Erde und der Menschenseelen nach unserm Gefallen ändern?

Theages: Wir könnens und könnens auch nicht. Wir könnens nämlich, so weit wirs sollen, und sollens, so weit wirs können. Wenn wir die Seelen unserer Kinder lieb haben und von der Macht erster Eindrücke so überzeugt sind, wie ich davon überzeugt bin, sollten wir nicht diese ersten Eindrücke, sofern sie in unsrer Gewalt sind, unvermerkt lenken und wäh­len? Unvermerkt, sage ich, denn sonst ist alles vergebens. Die Seele will bei ihren geheimsten Operationen keinen Zwang, keine mechanische Vorschrift, sie wirkt frei aus sich heraus, und in diesen ersten Arbeiten liegt das Emblem der Wirkungen ihres ganzen Lebens. Sie also belauschen, sie, wenn sie in holden Wüsten, in anmutigen Labyrinthen irrt und sich zu weit verirret, in der Gestalt eines hellen Sterns oder, wie Minerva bei Homer, in der Gestalt eines fremden Wandrers — nicht Lehrers, nicht Zuchtmeisters — zurechtweisen, kurz, wie jener Philosoph sich täglich wünschte, ihnen fröhliche Morgen- und Jugendbilder gewähren, damit sie einst am Abend und im Alter fröhliche Zurückerinnerungen aus dem platonischen Reiche der Geister* haben mögen und keiner erniedrigenden, entsetzlichen Ideen der Seelenwandrung bedürfen — das, meine ich, können und sollen wir, doch freilich unter den Händen des Schicksals.
*Das platonische Reich der Geister ist bei den griechischen Philosophen die Welt der allen Escheinungen zugrundeliegenden Ideen.

Charikles: Ja wohl, unter den Händen des Schicksals!

Theages: Denn da wir über alle Ideen und Eindrücke unsrer selbst nicht Herren sind, viel weniger sind wirs über die Eindrücke unsrer Freunde und Kinder. Wir haben unsre Seelen nicht selbst hierher gesetzt; noch weniger sind wirs, die ihre Kräfte gegen das von allen Seiten auf sie zuströmende Weltall ausgerüstet haben. Es gibt also wirklich Personen, die zu Leiden, zum Unglück gesetzt sind, denen frühe Eindrücke und Ideen, Bekümmernisse und Krankheiten die Lust Leben ziemlich gemindert und geraubt haben. Der Trank, den sie trinken sollen, ist ihnen bitter oder trübe und unschmackhaft gemacht; denn es gibt Übel, die für dieses Leben nicht mehr ganz ausgetan werden können. Auch diese Personen müssen sich indessen begnügen, die Bürde, die ihnen aufgelegt ist, eine von ihnen unabtrennliche Lebensbürde, mit Fröhlichkeit, wenigstens mit gelassenem Mute zu tragen und auf ein andres, freieres, besseres Dasein zu hoffen.

Charikles: Sehen Sie, wie Sie auf meine Seelenwandrung kommen! Wer weiß, was diese Leute in ihrem vorigen Zustande verübten, dass sie jetzt durch die Hand des Schicksals und nicht durch eigne Schuld so elend sind. — Aber Sie bereiten sich zum Weggehn.

Theages: Es ist spät, und ein andermal wollen wir anfangen, wo wirs ließen, eben wie es bei der Seelenwandrung zu gehen pflegt. Schlafen Sie wohl, Charikles, und träumen vom ursprünglichen Reich der Liebe, nicht, dass Sie voraus einmal Sejan oder Ravaillac gewesen!

Charikles: Gut, dass ichs sodann nicht mehr bin und mein böses Schicksal schon weg habe. Schlafen Sie wohl!

ZWEITES GESPRÄCH
Charikles: Ich hoffe, mein Freund, Sie heut billiger über unsern Gegenstand sprechen zu hören; gestern waren Sie ziemlich warm.

Theages: Nachdem Sie das Wort Wärme und Billigkeit nehmen. Ists Gleichmut, zu prüfen, so hatte ich sie, dünkt mich, auch gestern; solls aber jene schlaffe Kälte sein, der alles gleichgültig ist —

Charikles: Nicht eben gleichgültig. Wer könnte gleichgültig darüber sein, wenn das arme geplagte Menschengeschlecht wenigstens durch einen schönen Traum der Hoffnung Ersatz für seine gegenwärtigen drückenden Übel fände, wenn es einige Aufschlüsse über Gott, die Welt, den Lauf des Schicksals bekäme? Wo Senecas Gründe aufhören, selbst wo die Religion nicht auflöst, sondern neue Knoten schlägt, da —

Theages: Charikles, lassen Sie uns die Religion, dazu auf eine so zurücksetzende Art, hier nicht ins Spiel mischen! Die weiß wahrlich von der Seelenwandrung nichts und ist mit allen Verheißungen, Drohungen, Befehlen, Beispielen, die sie gibt, auf einem andern Wege. Das Rad Ixions, der Stein des Sisyphus, das Schöpfen der Danaiden*— so etwas mag der ewige Kreisgang des Menschenschicksals sein, nicht eine tröstende, himmlische Belohnung.
*Wegen seiner Liebe zur Göttermutter Hera wurde Ixion in der Unterwelt an ein ewig rollendes Rad gefesselt, Sysiphus musste in der Unterwelt einen stets zurückrollenden Stein bergauf wälzen, die Danaiden mussten Wasser in ein leckes Fass schöpfen, weil sie ihre Männer ermordet hatten.

In Dantes »Hölle« gehen die Heuchler in bleiernen Mänteln mit verkehrtem, zurückgebognen Gesicht im Kreise einher; sie gehn ewig und kommen nicht von der Stelle und sehn immer rückwärts mit ihrem verrenkten Halse.

Charikles: Aber, mein Freund, sehen doch auch Sie nur einige Augenblicke mit Gelassenheit rückwärts! Wie viel Unglückliche sind hinter Ihnen, die es nicht verschuldet haben, so tief zu sein, die also in diesem Leben erst höher hinan müssen, um uns nur einigermaßen mit der Gerechtigkeit und Milde Gottes zu versöhnen.

Theages: Zu versöhnen? Sie wären also ein Feind Gottes, wenn keine Seelenwandrung im Kreislauf der Menschheit wäre? Sie müssten seine Gerechtigkeit und Vatermilde leugnen, wenn er Sie nicht auf dieser Erde einige Male wiedergeboren werden ließe? Für mich gestehe ich, ich habe herzlich genug, einmal auf der Erde als Mensch gewesen zu sein und mein Leben durchlebt zu haben; denn wenns köstlich gewesen ist, sagt einer der ältesten Weisen, wars Mühe und Arbeit (Psalm 90, 10), und das ist sein ewiger Zirkel. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fället ab, fleucht wie ein Schatten und bleibet nicht (Hiob 14, 1). Das ist sein Schicksal.

Charikles: Trauriges Schicksal!

Theages: Traurig und tröstlich, genug, es ist sein Schicksal. Sehen Sie das menschliche Leben in seiner ganzen Zusammenordnung an, ists nicht, als ob Ihnen alles in ihm zuriefe: »Gottlob, ich muss nur einmal gelebt werden«? Der Morgen unsrer Tage, die Knospe unsers Erdedaseins, wie bald verwelkt die Knospe, wie bald ist der Morgen vorüber! Nun wird der Tag schwül, es folgt die Zeit der Mühe des Lebens, allmählich naht der Abend, und die Sonne neigt sich. Der Mensch blüht ab, wie er aufblühte, er vergisst seine eignen Gedanken, er verzagt an seinen eignen Kräften, er stirbt, eh er stirbt, und freut sich, dass er sein Grab findet. Dies ist der unwandelbare Kreis der Tages-, der Jahreszeiten, der Lebens- und Menschenalter auf unsrer Erde. Und Sie wollten den Unglücklichen tausendmal den Kreisgang gehen lassen, wenn er sich freuet, ihn nur einmal durchgekommen zu sein? Sie wollten die Natur ewig wie Penelope ihr Gewebe weben und neu weben lassen, damit sies nur wieder zerstöre? Unglückliche Menschheit mit allen ihren Anlagen, Hoffnungen und Kräften! Schwachsinnige Penelope, um deren Verstand ich wenigstens nicht buhlen möchte!

Charikles: Aber, mein Freund, der Baum, die Blume, der Tag, hat nicht alles einerlei, und zwar ein wiederkommendes Schicksal? Es scheint Gesetz der Natur zu sein; warum wollte ihm allein der schwache und stolze Mensch widerstreben?

Theages: Freilich wäre er schwach und stolz, wenn er ihm als Baum, als Blume, als Tag widerstrebte, aber er ist keins von dreien, und auch diese drei kommen nicht wieder. Der Baum steht eingewurzelt in der Erde, und hat er, wie ich nicht zweifle, ein Leben, so ists doch immer nur der erste Keim eines niedrigen Lebens. Dies muss er lange auswirken und lange auf seinem Ort stehn. Jedes Jahr ist ihm nur ein Tag, der Frühling sein Morgen, sein Schlaf der Winter. Er muss ausdauren, viele Blätter, Blüten und Früchte zeugen, die der Luft, den Tieren, dem Menschen, der ganzen höhern Schöpfung dienen. Nun wird er allmählich alt und stirbt; was jetzt um ihn hervorgrünt, ist nicht er selbst, sondern seine Kinder. Wo seine Lebenskraft und sein Lebenshauch in Duft, Blüten, Blättern, Früchten hin sei, wissen wir, oder wir wissen es nicht; ins Reich verarbeitender Kräfte kann und soll unser Blick nicht reichen. Der Baum gehört also nicht in Ihre Palingenesie, er wandert nicht, sondern verlebt sich, als eine Welt wandelbarer, nie wiederkommender Blätter, Blüten und Früchte. Die Blume eben also und das Gleichnis des Tages, der ja nie wiederkehret, war Ihnen ohne Zweifel nur Gleichnis. Sie sind also im Lauf der Natur ganz ohne Exempel; und denken Sie, der Mensch, der Mensch allein sollte dies Exempel eines ixionisch-tantalischen Danaidenschicksals sein? Ein Exempel ohne Exempel, ja beinah ohne Absicht.

Charikles: Ohne Absicht doch eben nicht. Er lernte die Wissenschaft des Lebens, wie sie sich allein lernen lässt, durch die vielseitigste Ansicht und lebendigste Erfahrung. Er würde also immer geprüft, geläutert, verfeint, befestigt, der Faden seines Ich ginge fort, und er rückte weiter, so sehr er im Kreise zu gehen schiene.

Theages: Ein langsames Fortrücken, auf dem uns das Schicksal als Phrygier behandelte, die immer nur hintennach klug werden und nicht eher wissen, wie es dem Knaben zumut sei, der die Schläge empfängt, bis sie sie selbst empfangen haben. Und solche Schläge zeitlebens!

Charikles: Ohne Not wird sie uns das Schicksal nicht geben, und da es doch einmal gewiss ist und bleibet, dass wir nur das recht und wahr und einzig wissen, was wir selbst versucht und erfahren haben —

Theages: Mich dünkt, Lieber, Sie missbrauchen den wahresten Satz, wenn Sie ihn also anwenden. Alles in der Welt brauche ich nicht zu erfahren, oder wehe der armen Menschheit! Welcher Kluge wird sich die Pest wollen einimpfen lassen, damit er doch auch wisse, wie es mit ihr stehe? Welcher Mensch wird Vater- und Muttermörder sein wollen, um zu fühlen, wie es dem Nero oder einem andern Ungeheuer gewesen? Und was für ein Schicksal wäre es, das eine Freude daran hätte, mich alle abscheulichen Rollen spielen zu lassen, um mir nur das Gefühl zu geben, dass ich sie gespielt habe! Sie sehen, was es für ein System sei, das zu allen Frechheiten Anlass geben kann, indem es die Lüste, die der Bösewicht in sich fühlt, zu seiner jetzigen Bestimmung macht und ihm, wenn er zuletzt am Galgen stirbt, den süßen Trost gibt, er habe nun eine seiner Schulden gebüßet, es sei seine Bestimmung gewesen, jetzt solchen Weg zu gehen; was er noch nicht gelernt und erfahren habe, das habe er Zeit, auf andern Stationen zu lernen.

Charikles: Von solchen Missbräuchen wollen wir nicht reden; das Beste kann vom dummen Bösewicht aufs Ärgste gemissbraucht werden. Ich komme zu meiner Frage zurück: wie wollen Sie Sich mit dem Gott versöhnen, der das Schicksal der Menschen so ungleich machte? Entweder müssen ihm die Ideen von böse und gut, vollkommen oder unvollkommen, glücklich oder unglücklich sehr gleichgültig sein oder—

Theages: Oder wir sollen ihn nur nicht nach unserm kleinen, engen, armseligen Maßstabe messen. Wer ist glücklich, wer ist unglücklich? Ists der Polizierte
[höfisch Geglättete] mehr als der Wilde, der Sklav in goldnen minder als der in eisernen Ketten? Wo wohnt die Vollkommenheit auf unsrer Erde, und wo hat sie sich ein Haus erbauet? Hat sie uns über sich zu Richtern gesetzt, uns, die wir selbst nur von den Almosen ihrer Milde und Huld leben? Gott schuf uns nicht, das menschliche Geschlecht zu richten, sondern in ihm zu leben, uns unserer Stelle zu freun und es selig zu machen, wo und wie weit wir können. Er selbst tat nicht mehr, als er nach seiner Weisheit tun konnte und nach seiner Güte tun musste. Mit beiden ging er zu Rat, und so schuf er unser Geschlecht. Wer kann fragen, warum nicht höher, warum nicht tiefer? Genug, es ist da, und jeder mag sich freun, dass auch er da sei, seines Lebens genießen und dem, der ihn hierher gebracht hat, zutrauen, dass er ihn auch hinaus und weiter zu führen wissen werde.

Charikles: Die Ungleichheiten der Menschen auf unsrer Erde finden also bei Ihnen keine Erläuterung?

Theages: Keine als die: sie lagen im Plan der Schöpfung. Unser Planet, wie er jetzt einmal ist, sollte tragen, was er tragen, hervorbringen, was er hervorbringen konnte. Dazu ist er eine Kugel mit allen Abwechslungen des Klima, der Länder, der Pflanzen-, Tier- und Menschenarten; die Leiter steht auf seinen beiden Hemisphären, ihre Sprossen sind unzählbar, und wo reichen sie hin? Durch hundert Tore dringt alles ins Reich Gottes und durch hunderttausend auf allen Stufen wieder hinaus, aufwärts, vorwärts. Wo nun Gott die armen verkauften Neger beseligen wolle, ob in einem Paradiese zwischen den Bergen oder unter einer faulen Bischofsmütze, weil sie sich einmal müde geraspelt haben — das entscheide, wers entscheiden kann. So verschieden diese Weit ist, so verschieden wird auch die zukünftige sein; und wenn sies nicht wäre, wenn alles an einfachere Ende und bestimmtere Größen, wie es sehr wahrscheinlich ist, zusammenginge, desto besser! Genug, ich finde hier Glückseligkeit, wo ich sie oft nicht gesucht, Schönheit unter einer Hülle, die zu ihr die fremdeste schien, Weisheit und Tugend meistens in rauen, verachteten und unkenntlichen Gestalten. Gerade wo Schminke und Putz anfängt, hört Wahrheit, Rechtschaffenheit, Glückseligkeit auf, und nach diesen vergoldeten Pagoden wollten wir unsre armen Reisenden wandern lassen, um das Wahre zu verlieren, das sie haben, und für innern Wert und Reichtum schlechten äußern Tand zu erbeuten? Je mehr ich die Menschheit anders als nach dem Mantel kennen lerne, desto mehr finde ich Ursache, die Vorsehung auch auf diesem Schauplatz kniend zu verehren. Wo wir das meiste Unglück vermuten, wohnt oft das größte Glück. Einfalt ist nicht Dummheit, und Schlauigkeit weder Glückseligkeit noch Weisheit. Ich halte es also immer mit dem Dichter:

Das Schicksal teilt die Gaben weislich aus,
Für jeden gibt es Brot und Deck und Haus,
Den Armen Kraft, den Schwachen Ehrenplätze.
(Vers des deutschen Dichters Withof 1725-1789)

Charikles: Aber, mein Lieber, Sie wissen doch das Gesetz der Sparsamkeit sowohl in Ansehung der Kraft als des Raumes? Es herrschet in der ganzen Natur; ists denn nicht sehr wahrscheinlich, dass die Gottheit auch bei Verpflanzung und Fortrückung menschlicher Seelen darnach handle? Wer in einer Form der Menschheit noch nicht reif geworden ist, wird noch einmal in den Ofen getan und muss endlich ausgebrannt werden.

Theages: Und wenn er darüber verbrannt würde? Die Form der Menschheit ist so enge, der Platz, ob man hie oder da, in Purpur oder in Lumpen stehe, tut so wenig zur Sache, und wer in der einen Tracht nicht rechtschaffen werden will, wirds in der andern schwerlich werden. Wenigstens muss ers nicht werden dürfen, sonst ist alle Moralität freier Handlungen hin, und der Mensch wird geworfen wie ein Stein, gestoßen wie ein Erdkloß. Sehen Sie, wohin abermals die Hypothese führe? Zu einer fatalen Notwendigkeit, die alles Streben und Ringen nach Glückseligkeit, Schönheit, Tugend in jeder Gestalt, unter jeglicher Larve ermattet und uns in Ketten des blinden Gehorsams an den Wandelgang des Schicksals bindet. — Aber wir haben im engen Zimmer genug geschwatzt, und deswegen hat unser Gespräch auch so enge und metaphysisch [hier: übersinnlich] werden müssen. Sehen Sie die schön­bestirnte Nacht! Und dort geht der Mond auf. Mich dünkt, wir wandern mit Seel und Körper aus der metaphysischen Luft in die freie Natur hinaus. —

Sie gingen hinaus, und in kurzem veränderte sich der Ton des Gesprächs. Die heilige Stille, die die Nacht um sie verbreitete, die hellen Himmelslichter, die als Lampen über ihnen aufgehängt schienen, auf der einen Seite einige zurückgebliebne Schimmer der Abendröte und auf der andern der hinter den Schatten des Waldes sich sanft erhebende Mond — wie erhebt dieser prächtige Tempel, wie erweitert und vergrößert er die Seele! Man fühlt in diesen Augenblicken so ganz die Schönheit und das Nichts der Erde. Welche Erholung uns Gott auf einem Stern bereitet hat, auf dem uns Mond und Sonne, die beiden schönen Himmelslichter, ab­wechselnd durchs Leben leiten, und wie niedrig, klein und verschwindend der Punkt unsers Erdentals sei, gegen die unermessliche Pracht und Herrlichkeit aller Sterne, Sonnen und Welten!

»Was denken Sie«, sagte Theages, »anjetzo von Ihrem principio minimi [Prinzip der kleinsten Wirkung], nach welchem Sie sich immer auf der Erde umhertummeln wollen und an dies Staubkorn geheftet sind? Sehen Sie gen Himmel, Gottes Sternenschrift, die Urkunde unsrer Unsterblichkeit, die glänzende Karte unsrer weitern Wallfahrt! Wo endet das Weltall? Und warum kommen von dorther, vom fernsten Stern zu uns Strahlen hinunter? Warum sind dem Menschen die Blicke und der flammende Flug unsterblicher Hoffnungen gegeben? Warum deckt uns Gott, wenn wir tagüber vom Strahl der Sonne ermattet und an unsern Staubklump gefesselt waren, nachts dieses hohe Gefilde unendlicher ewigen Aussichten auf? Verloren stehen wir im Heer der Welten Gottes, im Abgrund seiner Unendlichkeit ringsum verloren!
Und was sollte meinen Geist an dies träge Staubkorn fesseln, sobald mein Leib, diese Hülle, herabsinkt? Alle Gesetze, die mich hier festhalten, gehen offenbar nur meinen Leib an; er ist aus dieser Erde gebildet, und er muss wieder zu dieser Erde werden. Gesetze der Bewegung, Druck der Atmosphäre, alles fesselt ihn, nur ihn hienieden. Der Geist, einmal entronnen, einmal der zarten und so festen Bande los, die ihn durch Sinne, Triebe, Neigungen, Pflicht und Gewohnheit an diesen kleinen Kreis der Sichtbarkeit knüpften, welche irdische Macht könnte ihn festhalten, welch ein Naturgesetz ist entdeckt, das Seelen in dieser engen Rennbahn sich umherzudrehen Zwänge? Sogar über die Schranken der Zeit ist unser Geist weg, er verachtet Raum und die träge Erdenbewegung; entkörpert, ist er sogleich an seinem Ort, in seinem Kreise, in dem neuen Staat, dazu er gehöret. Vielleicht ist dieser um uns, und wir kennen ihn nicht, vielleicht ist er uns nahe, und wir wissen nichts von ihm, außer etwa in einigen Augenblicken seliger Ahndung, da ihn die Seele oder er die Seele gleichsam herbeizieht. Vielleicht sind uns auch Ruheörter, Gegenden der Zubereitung, andre Welten bestimmt, auf denen wir wie auf einer goldenen Himmelsleiter immer leichter, tätiger, glückseliger zum Quell alles Lichts emporklimmen und den Mittelpunkt der Wallfahrt, den Schoß der Gottheit, immer suchen und nie erreichen; denn wir sind und bleiben eingeschränkte, unvollkommne, endliche Wesen. Wo ich indessen sei und durch welche Welten ich geführt werde, bin und bleibe ich immer an der Hand des Vaters, der mich hierher brachte und weiter rufet, immer also in Gottes unendlichem Schoße.«

»Es tut mir leid«, sprach Charikles, »dass ich Sie in Betrachtungen unterbrechen muss, die Sie so weit von unsrer Erde entfernen, aber lassen Sie mich nicht zurück! Überall, wo Sie frei, weise und tätig leben, ist Himmel, und warum scheuen und fliehen Sie denn die Erde? Wenn Sie in einer andern Menschengestalt freier, weiser, glücklicher leben können und so immer weiter im innern Zustande hinaufgehn, was kümmert Sie Ort und Szene? Seis dort oder hier, Welt Gottes ist Gottes Welt, Schauplatz ist Schauplatz. Auch unsre Erde ist ja ein Stern unter Sternen.«

Theages: Wohl, mein Freund, aber wie weit lässt sich denn in unsrer Menschheit hinaufklimmen? Ist nicht ihre Sphäre so enge begrenzt, so kotig und staubig wie dieser Stern selbst ist? Auch das beste Herz ist und bleibt immer ein Menschenherz, Körper bleibt Körper und Erdenleben ein Erdenleben. Die Armseligkeiten der Geschäfte, der so unnützen und doch so nötigen Lebensmühe, kommen wieder. Die Lebensalter mit ihren wechselnden Unvollkommenheiten kommen wieder. Auch in guten Eigenschaften bleibt der Menschenstamm hienieden immer in seine beiden Geschlechter verteilt, die einander gegenüber auf einer Wurzel stehn, sich einander umschlingen und kränzen, nie aber ein und dieselbe Vollkommenheit werden können im Menschenleben. Was das eine hat, fehlt dem andern, was ein Mensch hat, fehlt dem andern. Geburt, Stand, Klima, Erziehung, Amt, Lebensweise hindern und schränken unaufhörlich ein. Nur wenige Jahre wächst ein Mensch, dann steht er still oder nimmt ab und geht rückwärts; will er im Alter Jüngling sein und andre nachahmen, so wird er lächerlich, so wird er kindisch. Kurz, es ist eine enge Sphäre, dies Erdenleben, und wir mögens machen, wie wir wollen, solange wir hier sind, ist ohne größern Schaden und den völligen Verlust unsrer selbst der Enge nicht zu entweichen. Aber einst, wenn der Tod den Kerker bricht, wenn uns Gott wie Blumen in ganz andre Gefilde pflanzt, mit ganz neuen Situationen umgibt — haben Sie nie, mein Freund, erfahren, was eine neue Situation der Seele für neue Schwungkraft gibt, die sie oft in ihrem alten Winkel, im erstickenden Dampf ihrer Gegenstände und Geschäfte sich nie zugetraut, sich nie derselben fähig gehalten hätte?

Charikles: Wer wollte das nicht erfahren haben? Eben daher schöpfte ich ja den erquickenden Trank des Stroms Lethe, mit dem mich auch schon auf dieser Erde meine Palingenesie wieder verjüngte. Ich fühle wie Sie, dass trotz alles Strebens und Bemühens der Kreis der Menschheit unübersteiglich und ihre Natur in feste Grenzen geschlossen bleibe. Hier auf der Erde wächst kein Baum in den Himmel, gewisse Flecken, die man einmal angenommen, lassen sich mit allen Strömen der Welt nicht mehr abwaschen, manche Schwächen und Unvollkommenheiten in gewissen Jahren kaum mehr kennen, geschweige denn ablegen. Oft verwechselt man nur die gröbern mit den gefährlichen feinem, das ist alles wahr. Auch sehe ichs sehr wohl ein, dass in dem engen, sich immer wiederholenden Rundlauf des Erdelebens so gar viel eben nicht herauskommt, es ist so viel unnütze Mühe und aus der erneuerten Mühe so wenig neue Beute. Die Schranken, die Sie eröffnen, sind allerdings größer, das Feld, zu dem Sie einladen, ist unendlich — die Schar aller Welten, die auf meinem ewigen Wege zur Gottheit liegen. Aber, mein Freund, wer gibt mir dahin Flügel? Es ist immer, als wenn mich etwas zurückwürfe auf meine Erde. Mir ist, als ob ich sie noch nicht ausgebraucht, mich noch nicht leicht genug gemacht hätte, höher hinaufzustreben; wer gibt mir Flügel?

Theages: Wollen Sie sie nicht aus heiliger Hand annehmen, die ganz und gar dahin verweiset, so nehmen Sie wenigstens einige Fittige dazu aus freundschaftlichen, aus — Ihres Freunds Newtons Händen.

Charikles: Aus Newtons Händen?

Theages: Nicht anders. Das System, das er aus Sternen und Sonnen baute, sei Ihnen ein Gebäude Ihrer Unsterblichkeit, eines immerwährenden Fortganges und Aufflugs. Nicht wahr, alle Planeten unsers Sonnensystems sind durch Kräfte der Anziehung miteinander und mit ihrem Mittelpunkt oder Brennpunkt, der Sonne, verbunden?

Charikles: Allerdings.

Theages: Sie machen also ein so festes, unzerstörliches Ganze aus, dass nichts verrückt, nichts geändert werden kann, oder das Ganze litte und ginge mit seiner großen Harmonie unter?

Charikles: Nicht anders. Alles bezieht sich auf die Sonne und die Sonne mit ihren Kräften, ihrer Masse, ihrem Licht, ihrer Wärme und Entfernung auf die Planeten.

Theages: Und doch sind die Planeten nur Gerüst des Schauspiels, Wohnplätze der Geschöpfe, die auf ihnen sich um die unendlich schönere Sonne der ewigen Güte und Wahrheit in mancherlei Entfernungen, mit manchen Eklipsen, Perihelien und Aphelien bewegen. Wären die Szenen so genau, so unzertrennlich verbunden, und der Inhalt der Szenen, das Spiel selbst, sollte es nicht sein? Die Planeten wären so genau auf sich und auf die Sonne geordnet, und das Schicksal derer, die darauf leben, auf die sie eigentlich nur zubereitet sind, sollte nicht ebenso genau und um so genauer als ja das Wesen mehr als die Einkleidung, Sache mehr als Ort, Leben und Inhalt mehr als Theater und Schaubühne ist? In der Natur ist alles verbunden, Moral und Physik wie Geist und Körper. Moral ist nur eine höhere Physik des Geistes sowie unsere künftige Bestimmung ein neues Glied der Kette unsers Daseins, das sich aufs Genaueste, in der subtilsten Progression an das jetzige Glied unsres Daseins anschließt, wie etwa unsre Erde an die Sonne, wie der Mond an unsre Erde.

Charikles: Ich ahnde Sie, Bester, aber —

Theages: Hier, mein Freund, lässt sich auch nur mutmaßen, nur ahnden. Unterm stillen Blick der Sterne, vorm Angesicht des vertraulichen Mondes sind auch Ahndungen in jene für uns unübersehbare Ferne so groß, so erhebend! Denken Sie einen Augenblick, dass unser Sternengebäude dem moralischen Zustande seiner Bewohner nach so zusammen verbunden wäre, wie es seinem physischen Zustande nach unstreitig zusammen verbunden und nur ein schwesterlicher Chor ist, der in verschiedenen Tönen und Proportionen, aber in der Harmonie einer Kraft seinen Schöpfer lobet, denken Sie, dass vom letzten Planeten bis zur Sonne hinauf es Gradationen der Geschöpfe wie des Lichts, der Entfernung, der Massen, der Kräfte gebe — und nichts ist wahrscheinlicher als dieses —‚ setzen Sie die Sonne nun als den großen Versammlungsort aller Wesen des Systems, das sie beherrschet, so wie sie ja auch die Königin alles Lichts und aller Wärme, aller Schönheit und Wahrheit ist, die sie überall den Geschöpfen gradweise mitteilet, sehen Sie die große Leiter, die alles hinaufklimmt, und den weiten Weg, den wir noch zu machen haben, ehe wir zum Mittelpunkt und Vaterlande dessen kommen, was wir nur in unserm Sternensystem Wahrheit, Licht, Liebe nennen!

Charikles: Also, je entfernter von unsrer Sonne, desto dunkler, desto gröber, je näher, desto heller, leichter, wärmer, geschwinder? Die Geschöpfe des Merkur, der immer in den Strahlen der Sonne verborgen ist, müssen freilich von andrer Art sein als jene trägen Saturnusbewohner, die dunkeln patagonischen Riesen, die in 30 Jahren kaum einmal um die Sonne kommen und denen Monde kaum noch ihre Nacht erhellen. Unsre Erde stünde denn so in der Mitte —

Theages: Und vielleicht sind wir eben deswegen auch solche Mittelgeschöpfe zwischen der dunkeln Saturnusart und dem leichten Sonnenlichte, dem Quell aller Wahrheit und Schönheit. Unsre Vernunft ist hier wirklich nur noch im ersten Anbruch, und mit unsrer Willensfreiheit und moralischen Energie ists auch nicht weit her; gut also, dass wir nicht ewig auf dem Erdplaneten zu weilen haben, wo wahrscheinlich nicht viel aus uns würde.

Charikles: Also meinen Sie, wir müssten durch alle Planeten reisen?

Theages: Das weiß ich nicht. Jeder Planet kann seine Einwohner, die alle in verschiednen Graden zu einer Sonne streben, auf dem Wege, der ihm der kürzeste ist, auf den Stufen und Gradationen, die ihm der Schöpfer notwendig erkennet, dahin senden. Wie, wenn unser Mond z. E. — mich dünkt, auch Milton schildert ihn so, und mehrere morgenländische Sekten haben ihn dafür gehalten — das Paradies der Erholung wäre, wo die matten Wandrer, dem Nebel dieses Erdetals entkommen, in einer reineren Atmosphäre, auf Auen des Friedens und der Geselligkeit lebten und sich zu dem Anschaun des höhern Lichts bereiteten, zu dem auch die Einwohner andrer Planeten hinaufwallen? Mich dünkt, das Angesicht des Mondes spräche uns dieses mit seinem ruhigen, tröstenden Licht zu. Es ist, als ob es auch dazu schiene, um uns den Glanz einer andern Welt zu zeigen und uns von amarantnen Lauben der Ruhe und einer unauflöslichen seligen Freundschaft Träume voll sanften Taues einflößen zu wollen.

Charikles: Sie träumen angenehm, mein Freund, vorm Angesicht des Mondes, und ich träume gern mit Ihnen. Mir wars oft so, dass, insonderheit wenn Trauer, sanfte Schwermut oder das Andenken an verstorbne inniggeliebte Toten mich erfüllte, mir beinahe der Mondesstrahl ihre Sprache zu sein schien, und es mich dünkte, es fehle nicht viel, ihren glänzenden Schatten vor mir zu sehn oder den Kuss ihrer reinen Lippe auf meine Seele in einem Strahl hinabfließend zu fühlen. Aber genug davon, wir werden ja hier beide beinah Schwärmer! Erzählen Sie weiter.

Theages: Ich mag nicht, denn auch mir fehlen die blauen smaragdenen Goldschwingen, Sie von Stern zu Stern zu tragen, Ihnen zu zeigen, wie auch unsre Sonne um eine größere Sonne eilet, wie in der Schöpfung alles in einer Harmonie jauchzet, zu welcher Sonnen und Erden wie ein Klang gemessen, gezählt, gewogen sind, und es also gewiss auch das Schicksal, das Leben ihrer Bewohner in weit höherm Grad sein muss. O wie groß ist das Haus, in dem mich mein Schöpfer erschuf, und o wie schön ists, schön zu Nacht und zu Tage, dort und hier Sonne-, Mond-, Sternenaussicht! Mein Gang ist die Bahn des Weltalls, dazu leuchtet mir auch jener letzte Stern, dazu klingt mir — in geistigen Begriffen und Verhältnissen — die Harmonie aller Sterne. Aber ach, mein Freund, alles ist nur Dämmerung, Wahn und Vermutung gegen das ungleich reinere und höhere Licht der Religion unsers Geistes und Herzens! Auf dieser Erde ist alles mit Bedürfnis umringt, und wir sehnen uns mit aller Kreatur, davon frei zu werden. Wir haben Begriffe der Freundschaft, der Liebe, der Wahrheit, der Schönheit in uns, die wir hier auf der Erde in lauter Schatten und Traumgestalten so unvollkommen, so oft gestört, getäuscht, betrogen und immer unvollendet erblicken. Wir dürsten nach einem Strom reinerer Freuden, und mich dünkt, die Hoffnung, das Verlangen selbst sei eine sichere Vorahndung des Genusses. Nehmen Sie die reinsten Verhältnisse auf dieser Welt, die Vater-, die Mutterfreuden, mit welchen Sorgen sind sie vermischt, von welchen Schmerzen und Unbequemlichkeiten werden sie unterbrochen, und wie dienen sie doch im Ganzen nur immer dem Bedürfnis, einem fremden höheren Verhältnis! In jener Welt, sagt die Schrift, wird man weder freien, noch sich freien lassen, sondern sie sind wie die Engel Gottes im Himmel. Da ist Liebe befreit von gröbern Trieben, reinere Freundschaft ohne die Abtrennungen und Bürden dieser Erde, wirksamere Tätigkeit mit glücklicher, schöner Eintracht und einem wahrern und ewigen Endzweck, kurz überall mehr Wahrheit, Güte, Schönheit, als uns diese Erde auch bei hundertmaligem Wiederkommen geben könnte.

Den, Parmeno, den nenne ich
Den Glücklichsten, der, wenn er ohne Leid
Die hohen Dinge sah, die wir nun sehn,
Die Sonne, diese Sterne, Wolken, Mond
Und Feuer, wieder geht, woher er kam.
Denn lebtest du auch hundert, oder lebst
Du wenig Jahre nur, du siehest sie;
Und Schöneres als sie sah keiner je.
Halt diese Lebenszeit, von der ich rede,
Für einen Marktort, eine Wanderschaft,
Wo es Gedränge, Diebe, Spiel und Müh
Die Menge gibt! Je früher du weggehst,
Je früher findest du die bessre Herberg,
Wenn du den Reisepfennig Wahrheit hast
Und lässest keinen Feind. Wer lange weilt,
Geht matt von dannen, und ereilet ihn
Das böse Alter, ach, da hat er Mangel
Und Plage, findet Feinde hie und da!
Der stirbt nicht glücklich, der zu lange lebt.

Aus einem Dramenfragment des griech. Dichters Menander (342-290 v. Chr.)

Und wie denn der, der ewig hier weilen und immer wiederkommen wollte auf diesen Marktplatz? —
Wars, dass die Stille der Nacht und die hohe Harmonie der Sterne das System beider Freunde versöhnt hatte, oder hatte Charikles zu viel zu antworten, sie umarmten sich und gingen schweigend auseinander. Theages schien verloren im unendlichen Blau des Himmels, auf der glänzenden Sternenleiter, die so manche Völker, wilde und weise, den Weg der Seelen nannten, freilich eine höhere Laufbahn, eine reichere und dchönere Palingenesie, als uns hier auch in den glücklichsten Gestalten die dürftige, enge Erde gewähren könnte!

O pater, anne aliquas ad coelum hinc ire putandum est
Sublimes animas? iterumque ad tarda reverti
Corpora? quae lucis miseris tam dira cupido?

Vater, wie ist doch glaublich, dass freischwebende Seelen
Kehren zur Höhe von hier und zurück in langsame Leiber
Gehn? O woher den Armen des Lichts so grause Begierde.

Vergil, »Aeneis«, VI, 719

DRITTES GESPRÄCH
Als ob sie einander das Wort gegeben hätten, trafen Theages und Charikles des Morgens auf einem Spaziergange zusammen, den beide liebten und auf welchem sie oft in den Strahlen der aufgehenden Sonne ihre Seele rein zu waschen sich bestrebten. Noch waren beide in die Stille verhüllt, die die Dämmerung und das Erwachen vom Schlaf mit sich führet, eine heilige Stille, aus der die Morgenröte nur sanft und allmählich wecket. Sie störten sich einander nicht. Die Morgenröte vor ihnen und um sie her das fröhliche Chor aller erwachenden Wesen, saßen sie eine Zeitlang stumm da, bis endlich nach Aufgang der Sonne, da die Szene gewühlvoller wurde, Charikles einen Spaziergang in den nahen Wald vorschlug, auf dem sie sich durch einen kleinen Umweg nach Hause finden könnten; und nun bog er im Gange sein Gespräch auf den gestrigen Gegenstand unvermerkt über.

Charikles: Wovon haben Sie diese Nacht geträumt, Theages? Sie müssen angenehm geträumt haben, denn Sie waren gestern im Raum der Sterne und Welten wie verloren.

Theages: Wenn die Sonne am Himmel steht, muss man keine Träume erzählen, Charikles, sie haben ihre Szene und Dekoration verloren; alles hat seine Zeit und Stunde. Sehen Sie nicht, wie die Sonne mit ihrem Glanz das ganze Heer unsrer gestrigen Welten uns verdeckt hat, und wie traurig steht dort der Mond am Himmel — ein blasses Wölkchen! Wahrscheinlich würde unser Gespräch auch ein solches werden, wenn es unsre gestrigen Ahndungen wiederholte. Also, Charikles, löschen Sie die Nachtlampe aus und bringen etwas Jugendlicheres vor, wodurch wir uns zur Munterkeit auf den Tag hin stärken!

Charikles: Mich dünkt, wir können in unserm gestrigen Gespräch fortgehn und doch diesen Zweck erreichen. Denn, mein Freund, ich fühle es jetzt augenscheinlich, nicht die Nacht, sondern der Morgen ist zu Gesprächen gut, die uns in die Kindheit des Menschengeschlechts, in den frühen Morgen menschlicher Begriffe und Bilder zurückführen. Unsre studierte Nachtweisheit hat uns verblendet, wo wir mutmaßen sollten, behaupten wir, wo wir menschlich denken sollen, wollen wir göttlich denken.

Theages: Gilt das mir?

Charikles: Nicht so ganz ohne, denn auch Sie, fürchte ich, hat Philosophie und Theologie, Newton und Christentum zu hoch gespannt. Sie wollen zu den Sternen empor, und unser Weg ist vorderhand doch auf Erden. Sie schämen sich Ihrer Stiefbrüder, der Tiere, und klimmen zu Geschöpfen hinauf, die Sie nicht gesehen haben und vielleicht auch nicht sehen werden, zu Einwohnern Merkurs, der Sonne und des Mondes.

Theages: Ich, mein Freund, schäme mich meiner Halbbrüder, der Tiere, nicht, vielmehr bin ich in Absicht ihrer ein großer Seelenwandrer. Ich glaube gewiss, dass sie zur Stufe höherer Wesen hinaufklimmen, und kann gar nicht begreifen, wie man dieser Hypothese, die den Zusammenhang der ganzen Schöpfung für sich zu haben scheint, noch etwas in den Weg legt.

Charikles: Nun sind Sie auf rechtem Wege.

Theages: Ich bin, was diesen Punkt betrifft, immer darauf gewesen; erinnern Sie sich, dass Sie gestern selbst davon ablenkten. Können Sie die äsopische Fabel leiden, Charikles?

Charikles: Sehr, aber wie kommt die hierher?

Theages: Weil ich sie wie den Kompass ansehe, der uns zeigt, wie wir zu den Tieren stehen. Sämtlich und sonders spielen die Tiere noch ihre Fabel, und Äsop, der größte Philosoph und Sittendichter, hat uns ihr Spiel nur vernehmlich, ihre Charaktere nur sprechend für uns gemacht; denn für sich sprechen und handeln sie unaufhörlich. Und wissen Sie, was den Mensch bei dieser fortgehenden Tierfabel ist? Nichts als der allgemeine Satz, die Moral der Fabel, die Zunge in der Waage [=Pointe]. Er nutzt die Schöpfung und also auch alle Charaktere der Tiere. Sie handeln vor ihm, er lässt sie handeln und — denket. Sein »die Fabel lehrt« muss er alle Augenblicke wiederholen.

Charikles: Und dies täte etwas zur Seelenwandrung der Tiere?

Theages: Mich dünkt, viel. Der Tierfabel fehlt zur Menschenfabel nichts als die Sentenz, der allgemeine Satz, die Lehre. Der so bestimmte, sichere, lehr- und kunstreiche Tiercharakter bekommt das Fünklein Licht, das wir Vernunft nennen, und der Mensch ist da. Er ist da, um aus seinem vorigen Tiercharakter sich nun Lehre, Unterricht, Kunst zu sammlen, sich seine vorige Lebensweise mehr oder minder zur Anschauung zu bringen und, wenn er will, daraus klug zu werden. Er soll als Mensch das weise und gut ordnen lernen, was er als Tier kann, mag und will. Mich dünkt, das ist die Anthropogenesie und Palingenesie (Menschwerdung und Wiedergeburt) der Tiere zu Menschen.

Charikles: Das Bild ist artig, aber die Sache? Sollte es so gewiss sein, Theages, dass jeder Mensch einen Tiercharakter habe?

Theages: Zweifeln Sie daran, so sehen Sie Menschen, zumal Menschen in Leidenschaft oder mit starker Leidenschaft, ins Antlitz, betrachten Sie, wenn diese nicht bemerkt werden, ihre Lebensweise und die scharf unterscheidenden Striche ihres Charakters; es wäre sonderbar, wenn Sie nicht schon der Bildung, der Miene, den Gebärden nach, noch mehr in der fortgehenden Handlung ihres Lebens den Fuchs, den Wolf, die Katze, den Tiger, den Hund, den Hamster, den Geier, den Papagei und wie das ehrliche Gefolg aus der Arche Noah weiter heißt, bemerkten.

Charikles: Sie scherzen. Bisher habe ich die ganze Hypothese nur als ein Spiel beim Nachtisch angesehen, da man sich mit der Serviette bis exclusive zur Nase (hier: die Nase ausgenommen) den Mund verhüllet und frägt: »Wer war ich, was für ein Tier bin ich gewesen?«

Theages: Wie das Spiel getrieben wird, ists Spiel und muss es bleiben. Wer kennt sich selbst bis auf den Grund seines Charakters? Und wie sollte uns ein andrer auf einen Blick kennen, sobald wir den Mund unter die Serviette hüllen? Was käme auch heraus, wenn der Mensch sich seinen Lebensalmanach mit den Bildern der Tiere schmückte, mit denen er jeden Tag umzugehen hat, und sich gegen sie wieder in seinem Tiercharakter betrüge? Menschen sollen wir sein, nicht Tiere. Die Zunge an der Waage soll uns leiten, nicht ein blindes Gewicht von Charakter und Tierinstinkten, das auf die Waagschale gelegt ist. Das tierische Menschengesicht ist menschlich und aufgeklärt, die Züge sind auseinandergesetzt, insonderheit die am meisten charakteristischen Züge, Stirn, Nase, Augen und Wange, sind beim Menschen gegen die Tiere unendlich erhoben, veredelt und verschönet.

Charikles: Also wäre die Tierbildung nur eine Grundlage des menschlichen Charakters, der vom Lichte der Vernunft erhellet und von der sittlichen Empfindung des Menschenherzens geordnet, verschönt und erhoben werden soll. Der Grund unsrer sinnlichen Kräfte und Charakterzüge, unsre etwaigen Reste von bloß sinnlichen Geschicklichkeiten, Neigungen und Trieben wären tierisch, die nachher von unsrer Vernunft nur überglänzt, nur geregelt werden müssten.

Theages: Studieren Sie die Menschen, und Sie werden häufige Proben davon finden; denn in Urteilen über Züge und Charaktere, sobald wir nur das stolze Moralische absondern, sind wir alle ziemlich einig. In der Natur und der äsopischen Fabel nennen wir einen Fuchs Fuchs und nicht Löwen. Im menschlichen Leben verwirrt sich das Urteil, wie aus hundert Ursachen, so auch daher, weil es wirklich Absicht der Menschenbildung und Menschenbestimmung ist, den Tiercharakter und die Tiersitten bis zu einem gewissen Grad auszulöschen und Menschen oder, wenn Sie wollen, Engel in der Menschheit aus uns zu bilden. Das will nun jeder schon geworden sein. Der Neid und die hämische Schadenfreude wollen am andern so gern noch das ganze rohe Tier und keine Spur vom Menschen oder Engel finden. Daher kommts denn, dass man diese Hypothese so missbraucht und sie zuletzt verachtet, entweder weil man sie missversteht oder weil man sie fürchtet. Ohne sie aber wüsste ich nicht, was aus dem zahlreichen Heer der Geschöpfe unter uns, unsern so charakteristischen und fein empfindenden Halbbrüdern im Feld und Walde, werden sollte.

Charikles: Werden sollte? Nichts anderes, als was sie sind. Sie wandern in neue Formen ihrer Gattung, sie werden feinere Rehe, feinere Vögel.

Theages: Feinere Tiger, feinere Affen und Wölfe, und am jüngsten Tage stehen diese mit auf, uns zu begleiten? Es ist doch nicht Ihr Ernst, mein Freund, sich die innerste Schöpfung, die immer fortgehende neue Schöpfung, nach des seligen Ritter Linné Klassenbüchern (Einteilung der Geschöpfe) zu denken?

Charikles: Mein Ernst nicht, aber unser Freund Harmodius ließe sich für diese Meinung töten.

Theages: Nun, da stürbe er sehr unschuldig; denn mit unsern Klassifikationen reicht es so gar weit nicht. Sie sind für unsre Sinne, für unsre Kräfte, nicht aber Musterrollen, nach denen die Natur ordnet, Klausuren (hier: Grenzen), die sie sich selbst gesetzt hätte, um jedes Geschöpf fein in ebner Bahn zu erhalten. Ei, wie verlieren sich die Klassen aller Geschöpfe ineinander! Wie steigen und erhöhen sich die Organisationen aus allen Punkten, auf allen Seiten, und wie sind sie sich einander wiederum so ähnlich! Gerade, als ob auf unsrer ganzen Erde die formenreiche Mutter nur einen Typus (Muster), ein Protoplasma (hier: ursprüngliches Vorbild) vor sich gehabt hätte, nach dem und zu dem sie alles bildete. Wissen Sie, was dies für eine Form ist? Die nämliche, die auch der Mensch an sich trägt.

Charikles: Es ist wahr, auch in dem unvollkommensten Tier ist noch einige Ähnlichkeit mit dieser Hauptform der Organisationen unverkennbar.

Theages: Im Innern ist sie es noch mehr als von außen. Selbst bei Insekten hat man ein Analogon des menschlichen Gliederbaues gefunden, nur freilich, gegen uns betrachtet, eingehüllt und in scheinbarem Missverhältnis. Die Glieder, mithin auch die ihnen einwirkenden Kräfte, sind noch unentwickelt, noch nicht organisiert zu unserer Menge von Leben. Mich dünkt, in der ganzen Schöpfung sei dieser Fingerzeig der Natur ein Faden der Ariadne* durchs Labyrinth der Tiergestalten hinauf und hinunter. —
*Ariadne, die Tochter des kretischen Königs Minos gab Theseus ein Fadenknäuel, damit er wieder aus dem Labyrinth herausfinde.

Aber, mein Freund, wir haben uns müde gegangen und müde geschwatzt; wie, wenn wir uns unter diese angenehmen Bäume niederließen und dem Schwan zusähen, der sich dort in der hellen Fläche bespiegelt und auf ihr rudert? —

Sie setzten sich und ruhten eine Weile — das Rauschen der Wellen und das Lispeln der Bäume betäubt[e] angenehm die Gedanken —‚ bis endlich Charikles den Faden des Gesprächs aufnahm.

Charikles: Sie kamen, Theages, durch die Hypothese, dass das Tier ewig Tier bleibe, um die Schranken der Natur nicht zu durchbrechen, von der freieren, seelerhebenden Meinung ab, dass in ihr alles ein Zusammenhang sei und in der größten Vielfachheit, in einer unzählbaren Veränderung von Formen das Reich der Seelen und Kräfte unaufhaltsam weiter strebe. Sagen Sie mir, Geliebter, etwas von Ihren Tagesträumen hierüber, wie Sie mir gestern von Ihren Nachtträumen sagten. Im Anblick dieses schönen Stroms, in der erhabnen Stille dieses Haines lassen sich, dünkt mich, Phantasien denken wie unter dem bestirnten Dache des Himmels; hier sind wir wenigstens selbst mit im Chor.

Theages: Und waren wirs dort nicht auch? Oder sind wir hier nicht auch mitten im Strom eines Himmels, in einem Chor irdischer Sterne? Alles Leben der Natur, alle Arten und Gattungen der beseelten Schöpfung, was sind sie als Funken der Gottheit, eine Aussaat von verkörperten Sternen, unter denen die beiden Menschengeschlechter wie Sonne und Mond dastehn! Wir überglänzen, wir verdunkeln die andern Gestalten, führen sie aber in einem für uns selbst unübersehbaren Chor gewiss weiter. O Freund, würde uns ein Auge gegeben, den glänzenden Gang dieser Gottesfunken zu sehen, wie Leben zu Leben fließt und, immer geläutert, in allen Adern der Schöpfung umhergetrieben, zu höherm, reinerm Leben hinaufquillt — welch eine neue Stadt Gottes, welche Schöpfung in der Schöpfung würden wir gewahr werden! Von dem ersten Atom, dem unfruchtbarsten Staube, der kaum noch dem Nichts entrann, durch alle Arten der Organisation hinauf bis zum kleinen Universum von allerlei Leben, dem Menschen, welch ein glänzendes Labyrinth! Aber der menschliche Verstand erblickts nicht, er siehet nur die Dinge von außen, er siehet Gestalten, nicht wandernde, sich emporarbeitende Seelen. Das innere Triebwerk der Natur, ihre lebendigen Räder und atmenden Kräfte — für zu großem Glanze ist es ihm Unsichtbares, das Reich der Nacht, die verschleierte Hülle ungeborner, ewig sich fortgebärender Leben.

Alas! our sight‘s so ill,
That things which swiftest move, seem to stand still.

Aus dem »Brutus« des englischen Dichters Abr. Cowley (1618 - 1667)

Weh uns, dass wir so schwach und übel sehn,
Der schnellste Flug, uns scheint er still zu stehn.

Herders Übersetzung

Ich darf mich also nicht verhüllen vor dir, großer Pan, ewige Quelle des Lebens; du hast mich in mich selbst verhüllet. Kenne ich doch die Welt vom Leben nicht, die ich meinen Körper nenne. Ohne Zweifel würde meine zu schwache Seele, wenn sie das unzählbare Heer sähe, das ihr in allen Graden und Klassen der Belebung dienet, — sie würde ihren Herrscherstab fallen lassen und ihrem Thron entsinken. In meinen Adern, in den feinsten mir zugeteilten Gefäßen wallen diese zu höherm Leben hinauf, wie sie, durch so mancherlei Gänge und Zubereitungen getrieben, aus der ganzen Schöpfung in mich wallten; ich bereite sie weiter, wie alles sie zu mir bereitete. Keine Zerstörung, kein Tod ist in der Schöpfung, sondern Auflösung, Entbindung, Läuterung. So arbeitet der Baum mit seinen Ästen und Gliedern den Saft der Erde und der Luft, das Feuer des Bodens und des Himmels zu seiner Natur, zum edlem Safte sein selbst und seiner Kinder. Seine Blätter saugen und machen fruchtbar. Jedes Blatt ist ein Baum, formiert auf einer grünen Fläche, in einem dünnen Gewebe, weil die Schöpfung nicht Raum hatte, sie alle als völlige Bäume hervorzubringen; aus jeder Knospe, an jedem Zweige dränget sie also Baumesgeister hervor. Die vielgebärende Mutter Erde bekleidet sich mit grünem Leben, jede Blume, die sich aufschließt, ist eine Braut, jeder blühende Baum eine große Familie von Leben. Das Reich der Tiere, unsrer stummen Mitbewohner, zerstört tausend Formen niedrigerer Art, um seine höhern Formen zu beseelen; der Mensch endlich, der größte Ausarbeiter und Zerstörer der Schöpfung, er gibt und nimmt Leben, er ist, ohne dass ers weiß, das Ziel seiner niedrigen Mitbrüder, nach dem sie vielleicht alle unvermerkt geführt werden. Schöner rudernder Schwan, in welch glänzendes Element hat dich dein Schöpfer gesetzt, dich selbst zu lieben und zu bewundern! Mit deinem schöngebognen Halse, in der reinen frischen Unschuldsweiße schwimmst du wie eine Königin daher, eine sanfte Prachtgestalt auf der klaren Fläche der Wogen! Deine Welt ist ein Spiegel, dein Leben ein Schmuck-, ein Künstlerleben; was wird dein Geschäft sein, wenn du einmal in Menschengestalt Schönheitslinien entwirfst und Reize an dir oder in der Natur studierest?

Charikles: Apropos, mein Freund, haben Sie den Roman des Bischofs Berkeley »Gaudentio von Lucca« gelesen?

Theages: Ich kenne ihn nicht.

Charikles: Er hat ein hübsche Idee der Seelenwandrung, die er seinen Mezzoraniern beilegt. Er lässt sie glauben, dass die Seelen der Tiere nach den Wohnungen menschlicher Körper geizen und sich auf alle Weise dahinein zu stehlen suchen. Es gelinge ihnen, sobald der Mensch die Fackel seiner Vernunft tauen lässt und also die Übermacht verliert, sich selbst zu leiten. Nun werde er rachsüchtig, grausam, wollüstig, geizig, nachdem dieses oder jenes Tier ihn verfolgte und den Platz seiner vernünftigen Seele einnahm. Mich dünkt, die Allegorie ist artig.

Theages: Wie Berkeley überhaupt ein seltner, feiner Mann war. Dergleichen Einkleidungen umkränzen eine Wahrheit niedlich!

Charikles: Und was halten Sie von der Seelenwandrung der Juden, die die Rabbinen Ibbur nennen? Sie sagen, dass sich einem Menschen mehrere, auch Menschenseelen gesellen können, die ihm insonderheit zu gewissen Zeiten — wenn nämlich ein freundschaftlicher Geist siehet, dass ers bedarf, und Gott es ihm erlaubet — beistehen, ihn stärken, begeistern, mit und in ihm wohnen. Sie verlassen ihn aber, wenn das Geschäft zu Ende ist, dazu sie ihm helfen sollten, es sei denn, dass Gott einen Menschen mit diesem Beistande eines fremden Geistes bis an sein Ende begünstige.

Theages: Die Dichtung ist lieblich. Sie bemerkt, wie ein Mensch oft so ungleich handelt, wie er insonderheit in spätern Jahren bisweilen so sehr unter sich sinket. Der fremde, hilfreiche Geist hat ihn verlassen, und er sitzt mit dem seinen nackt da. Auch ehrt die Einkleidung außerordentliche Menschen auf eine schöne Weise; denn welch ein Lob ists, dass einen Weisen die Seele eines alten Weisen oder gar mehrere derselben auf einmal beleben! Sie halten doch aber die schöne poetische Einkleidung nicht für physisch-historische Wahrheit?

Charikles: Wer weiß? Die Revolution menschlicher Seelen ist bei vielen Völkern allgemein geglaubt worden. Sie haben doch die Frage an Johannes gelesen: »Bist du Elias, bist du ein Prophet?« Sie wissen, wers sogar bestätigte und gerad heraus sagte: »Er ist Elias.«

Theages: Und Sie haben doch den jüngern Helmont »De revolutione animarum« (Über die Verwandlung der Seelen) gelesen? Er hat in 200 Problemen alle Sprüche und Gründe angebracht, die sich je auf das Wiederkommen der Seelen in menschliche Leiber nach jüdischen Begriffen deuten ließen.

Charikles: Ich muss Ihnen sagen, dass mir die jüdische Revolution der Seelen immer gefallen hat. Kennen Sie sie genau?

Theages: Ziemlich. Sie behauptet, dass die Seele zwei- oder dreimal, bei außerordentlichen Fällen mehrmal ins Leben wiederkehre und das vollende, was sie noch nicht vollendet hatte. Sie setzt, dass Gott die Perioden der Welt nach diesen Revolutionen der Seelen eingerichtet, dass er die Grade des Lichts und der Dämmerung, des Unglücks und der Freuden, ja endlich das Schicksal und die ganze Dauer der Welt darnach bestimmt habe. Die erste Auferstehung sei eine Revolution solcher vollendeten, ins Leben wiederkehrenden Seelen.

Charikles: Was sagen Sie dagegen?

Theages: Nichts, als dass ich nichts dafür sagen kann, weil dies entweder poetische Fiktion ist oder im Rate Gottes ruhet. Die Sprüche wenigstens, die man dafür anführt, beweisen alle nichts.

Charikles: Und auch die Vernunftgründe nichts, die man dafür anführt? Dass Gott z. E., der ohne Ansehen der Person ist, bei einem Dasein der Seelen auf der Welt so viel Ansehn der Person beweise, dass der Langmütige, Gerechte jedem Zeit und Raum zur Buße gebe, dass manchem Menschen ja unschuldigerweise der Genuss des Lebens so bitter gemacht. so abgekürzt werde. Sie gingen, mein Freund, über diese Gründe so hinweg, weil Sie, wie ich wohl sagen darf, widrig dagegen eingenommen waren. Denken Sie sich aber die Sache menschlich, nehmen Sie das Schicksal der Missgebornen, der Ungestalten, der Armen, der Dummen, der Krüppel, der entsetzlich Zurückgesetzten und Beleidigten, der jungen Kinder, die das Licht kaum sahen und fort mussten, nehmen Sie dies alles zu Herzen — und entweder müssen Sie von ihrer Fortrückung in jene Welt schwache Begriffe haben, oder diesen Personen müssen hier erst Fittige gemacht werden, damit sie andern nur von fern nachschweben lernen, damit sie einigermaßen nur Ersatz für fatale oder fatal verkürzte Zeiträume in dieser Welt erlangen können. An Fortrückung zu einem höhern als dem menschlichen Dasein ist bei ihnen schwerlich zu gedenken.

Theages: Warum nicht? Niemand gibt, wie Gott gibt, und niemand kann wie Gott ersetzen und vergelten. Allen Geschöpfen gab er das Dasein aus freier Liebe; wenn einige zurückgesetzt scheinen, hat er nicht Örter, Einrichtungen, Welten genug, wo er durch eine Verpflanzung tausendfach ersetzt und belohnet? Ein zu früh gestorbnes Kind, ein Jüngling. der für dies raue Erdenklima gleichsam zu zart war — die Nationen habens gefühlt, dass ihn die Götter geliebet und die wertgeachtete Pflanze in einen schönern Garten versetzt haben. Oder hat Gott etwa kein anderes Räumchen als diese Erde? Muss er ausjäten, um Platz zu gewinnen, und die ausgerissne Pflanze so lange im Reich der Vorratskammer ungeborner Seelen welken und warten lassen, bis er wieder eine Stelle erjage? Wie viele Menschen sind in jener Welt gewiss dadurch glücklich, dass sie hier unglücklich waren. Kennen Sie, mein Freund, die Kleistische Fabel vom gelähmten Kranich?


Charikles: Ich kenne sie nicht.

Theages: Sie ist eine der schönsten, die je gemacht ward. Wollen Sie sie lesen?
Theages gab ihm das Buch, und Charikles las:

Der Herbst entlaubte schon den bunten Hain
Und streut aus kalter Luft Reif auf die Flur.
Als am Gestad ein Heer von Kranichen
Zusammenkam, um in ein wirtbar Land
Jenseits des Meeres zu ziehn. Ein Kranich, den
Des Jägers Pfeil am Fuß getroffen, saß
Allein, betrübt und stumm und mehrte nicht
Das wilde Lustgeschrei der Schwärmenden
Und war der laute Spott der frohen Schar.

»Ich bin durch meine Schuld nicht lahm«, dacht er
In sich gekehrt, »ich half so viel als ihr
Zum Wohl von unserm Staat. Mich trifft mit Recht
Spott und Verachtung nicht. Nur ach, wie wirds
Mir auf der Reis ergehn, mir, dem der Schmerz
Mut und Vermögen raubt zum weiten Flug!
Ich Unglückseliger, das Wasser wird
Bald mein gewisses Grab. Warum erschoss
Der Grausame mich nicht?« Indessen weht
Gewogner Wind vom Land ins Meer. Die Schar
Beginnt, geordnet, jetzt die Reis und eilt
Mit schnellen Flügeln fort und schreit vor Lust.
Der Kranke nur blieb weit zurück und ruht
Auf Lotosblättern oft, womit die See
Bestreuet war, und seufzt vor Gram und Schmerz

Nach vielem Ruhm sah er das bessre Land,
Den gütgern Himmel, der ihn plötzlich heilt.
Die Vorsicht leitet ihn beglückt dahin,
Und vielen Spöttern ward die Flut zum Grab.

Ihr, die die schwere Hand des Unglücks drückt.
Ihr Redlichen, die ihr, mit Harm erfüllt,
Das Leben oft verwünscht, verzaget nicht
Und wagt die Reise durch das Leben nur!
Jenseit des Ufers gibts ein besser Land;
Gefilde voller Lust erwarten Euch.

Von Ewald von Kleist 1715 - 1759

Charikles: Eine schöne Fabel auch für meine Meinung! Wir wollen aufstehen, mein Freund, und im Gehen müssen Sie mir noch einige Fragen erlauben. Wie kommts, dass im Altertum die weisesten und so weit voneinander entlegenen Nationen an der Lehre der Seelenwandrung, und zwar an der schlechtesten Lehre des Rückganges der Wesen, dass der Mensch wieder Tier werde, so lange gehangen haben?

Theages:
Sie haben sich selbst schon die Frage beantwortet, Charikles, es war die Kindheit der Welt und ihrer Weisheit her das Menschenschicksal. Bei einigen, z. B. den Ägyptern, Braminen, vielleicht auch bei Pythagoras selbst, war die Seelenwandrung Kirchenbuße in einer anschaulichen moralischen Dichtung.

Charikles: Sonderbare Kirchenbuße in einer Dichtung.

Theages: Gewissermaßen konnten beide damals nicht ohne einander bestehen. Sie wissen, die Weisheit der ältesten Nationen war bei den Priestern. Wenn diese dem rohen Volk hne rechten Ideen von der zukünftigen Welt geben konnten oder selbst keine hatten, wars nicht gut, dass sie sie auch über Zukunft nach diesem Leben mit sinnlichen Strafen schreckten? »Du Grausamer wirst zum Tiger, so wie du auch schon eine Tigerseele äußerst, du Unreiner zur Sau, du Hoffärtige zum Pfauen; da musst du lange büßen, bis du deiner entweiheten Menschheit wieder würdig geachtet werdest.« Solche Anschaulichkeiten, mit allem Ansehn der
Religion gesagt, wirken ohne Zweifel mehr als metaphysische Subtilitäten. Jeder sah die Natur des Tieres und das Schicksal desselben vor sich, der Lasterhafte fühlte den Tiercharakter in sich, und nichts natürlicher, als dass er nun auch das Schicksal des Tieres, das ist, den reellen Übergang in dasselbe, befürchtete. Wenn diese Lehre also einmal festgestellet war, so konnte sie vielleicht von manchen Lastern abziehen, zu manchen Tugenden gewöhnen. Wer wollte nicht lieber ein weißer Elefant als eine Sau sein, zumal wenn man die Natur und das Schicksal der Tiere mit Augen der Indier und Ägypter, mit jener stillen Vertraulichkeit ansieht, in der die Kindheit der Welt mit den Tieren lebte. Sie glauben doch aber wohl nicht, Charikles, dass uns noch diese Lehre nötig oder angemessen sein sollte?

Charikles: Manchmal wäre der Glaube an sie vielleicht nicht übel. Wenn der Grausame, der einen armen Hirsch zu Tode quält, in dem Augenblick von einer lymphatischen
(hier: etwas blass, weichlich) Ahndung ergriffen, dächte: »So wirds dir gehen! Deine Seele soll in den Hirsch fahren und auch so zu Tode gequält werden!« vielleicht erstickte er die freudenlose Brutalität in sich.

Theages: Ich zweifle, mein Freund, da der unmittelbare Anblick des leidenden Geschöpfs sie nicht zu ersticken vermag. Für uns, dünkt mich, hat diese ganze Seelenwandrung ihren Stachel verloren. Wenn ich als Mensch nicht gut bin, werde ichs als Tiger werden, da es sodann meine Natur ist zu sein, worin ich verwandelt wurde? Bin ich verdammt, Gras zu fressen wie ein unvernünftiger Ochs, wie werde ich in diesem Zustande anfangen, meine Vernunft besser zu gebrauchen, als ich sie, da ich ein Mensch war, gebrauchte? Gott hat mir selbst die Augen verbunden und das Licht des Verstandes genommen, und ich soll besser sehen lernen? Soll meine Degradation
(Zurückversetzung in eine niedrigere Position) Büßung sein in den Augen des grausamen willkürlichen Richters, so sei sie es! Besserung aber, vernünftig-moralische Besserung in mir wird sie nie, weil mir ja bei solcher Degradation das entnommen ist, was mich allein bessern könnte. Wird man nicht eher gegen den Gott erbittert, der, weil man die Augen nicht recht gebraucht hat, sie uns nun raubet, und weil man sein Herz nicht zu rechten Empfindungen gewöhnt hat, es in der Gestalt des Unglücklichen und Lasterhaften verhärtet?

Charikles: Auch dagegen ließe sich noch manches sagen; aber Einkleidung fürs Volk wenigstens mag die Dichtung gegolten haben.

Theages: Auch als Einkleidung fürs Volk ist das Märchen nicht für unsere Zeiten. Der Mensch soll sich, wie mich dünkt, der obersten Stufe ansehn lernen und sein jetziges Dasein peremtorisch
(ein für allemal, entscheidend) brauchen. Keine Schleichwege und Schlupfwinkel soll er wissen, in denen er noch etwa nachholen kann, was er versäumt hat; wenigstens hat ihn die Gottheit gar nicht darauf verwiesen. Aut Caesar aut nihil; aut nunc aut nunquam! (Entweder Kaiser oder nichts; entweder jetzt oder niemals). Auch im Altertum haben alle wirkende edle Nationen, die nicht von der Fabelweisheit und den dummen Büßungen ihrer Priester betört wurden, sich edlere Zustände nach dem Tode zum Ziel ihrer Nacheiferung gesetzet. Die Versammlung der Väter bei den Morgenländern, das Elysium (Inseln der Seligen) der Griechen, die Walhalla (Götterburg, in die nach germanischen Glauben die bewährten Helden nach ihrem Tode versetzt wurden) der Nordländer sind doch schönere Gedanken im Tode als der Ochs und die Kuh, die auf den Sterbenden, der den Kuhschwanz in der Hand hält, wartet — oder der Leib einer fremden Mutter, in den er schlüpfen muss, um wieder als Kind zu wimmern.

Charikles: Allerdings sind es niedrige Ideen, die rings um diese Hypothese liegen; wie aber, dass dennoch der weise Pythagoras sie nach Europa zu bringen wert hielt?

Theages: Was bringt man nicht aus der Fremde? Nicht nur hold und Schätze, sondern auch Affen und Seltenheiten. Überdem ists unwahrscheinlich, dass Pythagoras von dieser Lehre den Gebrauch gemacht, den die späten unechten Pythagoäer machten. Auch er redete von einem Tartarus und Elysium, wie andere Weisen und Dichter der Griechen; und überhaupt weiß man von dem wahrhaftig großen Mann zu wenig, als dass man insonderheit über seine Einkleidungen und Symbole urteilen könnte, man sieht ihn nur durch das Gewand der Fabel.
Und ach, Freund, Pythagoras oder nicht Pythagoras, was brauchte es so vieler Widerlegungen und Gründe, mit denen auch wir die Zeit verschwendet haben? Fragen Sie Ihr Herz und die Wahrheit, die in ihm wohnet! Wenn Sie vor die Statue eines hochherzigen Apollo treten, fühlen Sie nicht, was Ihnen zu der Gestalt fehlet? Können Sie sie je hier erlangen, und kann sich Ihr Herz in derselben freuen, wenn Sie auch zehnmal wiederkämen? Und das war nur die Idee eines Künstlers, der glückliche Traum eines Sterblichen, den unsre enge Brust auch umschloss! Wie, der allmächtige Vater sollte keine edleren Gestalten für uns haben, als in welchen hier unser Herz wallet und ächzet? Unsre Sprache, alle Mitteilung unsrer Gedanken, was ists mit ihr für ein Flickwerk! Auf der Spitze unsrer Zunge, zwischen Gaum und Lippen, in einigen buchstabierlichen Tönen soll unser Herz, unsere innigste Seele schweben und sich einem andern von da her so mitteilen, dass er uns fasse, dass er den Grund unsers Innersten fühle? Leeres Streben, armselige Pantomime in einigen Luftschwingungen und Gebärden! Die Seele liegt wie ein siebenfach Gefesselter im Kerker und kann nur durch ein festes Gitter, durch ein paar Licht- und Luftlöcher hinaussehen, hinausatmen. Und immer sieht sie die Welt nur von einer Seite, da Millionen andre da sein müssen, die, sobald wir mehrere und andre Sinne hätten, sobald die enge Hütte unsers Körpers mit einer freiem Aussicht wechselte, auch vor uns, auch in uns lägen. Und wir wollten ewig zufrieden sein mit diesem Winkel, mit diesem Kerker? Welcher Unglückliche, ders schon zeitlebens hier sein muss, schränkte seine Wünsche dahin ein, nur seiner Bürde loszuwerden, ohne Gefühl und Hoffnung eines Ersatzes dafür, dass er hier so zurückgehalten und getäuscht worden? Wenn wir, selbst an den seligsten Quellen der Freundschaft und Liebe, hier oft so durstig und krank lechzen, suchen Vereinigung und finden sie nie, betteln Almosen von allen Gegenständen der Erde und sind immer arm, immer unbefriedigt, finden endlich, dass alle Erdenzwecke und Erdenplane nichts sind — eitel, eitel! — fühlen das und fühlens täglich, welche edle, freie Menschenseele hebt sich nicht empor und verachtet ewige Hütten und Wanderplätze im Kreise der Wüsten hinieden!

The soul longs from his prison to come,
And we would seal and sow up, if we could. the womb!
We seek to dose and plaister up by art
The cracks and breaches of th‘ extended shell,
And in that narrow cell
Would rudely force to dwell
The noble vigorous bird, already wing‘d to part.
Schluss von Abr. Cowleys Gedicht »Leben«
Die Seele begehrt aus ihrem Gefängnis zu fliehen,
Und wir möchten verschließen den Mutterschoß!
Wir suchen mit viel Kunst zu beseitigen
Die Risse und Sprünge unsres gebrechlichen Gehäuses;
Und in jener engen Zelle (Körper)
Sollten wir grausam zu wohnen zwingen
Den edlen kraftvollen Vogel (Seele), der schon die Schwingen zum Abschied bereitet!

Unvermerkt hatten sie unter diesen Gesprächen den Wald zurückgelegt. Am letzten Baume stand Charikles still. »Ehe wir diesen Wald verlassen, Theages«, sprach er, »muss ich Ihnen das Resultat unsrer Gespräche sagen. In allen Gestalten und Ständen der Menschheit, dünkt mich, kommt es freiIich weniger auf Ausbildung unsers Witzes oder Scharfsinnes oder anderer Sprossen menschlicher Seelenkräfte als auf Erziehung des Herzens an, und dies ist bei allen Menschen ein Menschenherz. Es kann auch in allen Formen und Situationen der Menschheit bis auf einen gewissen Grad gebildet werden. Wie weit es nun in dieser Situation ausgebildet worden und wie die Vorsehung den Verunglückten und Leidenden nachhilft, das überlasse ich ihr und wage es nicht, ihre geheimen Wege zur Rennbahn oder zur geschlagnen Landstraße einer Hypothese zu machen, auf der entweder der Mensch erschreckt würde oder der Faule und Freche seine Lehren bereit fände. Mir ist der Ausspruch des Evangeliums heilig: Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr. Selig sind die Leidtragenden, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.‘ Reinigung des Herzens, Veredlung der Seele mit allen ihren Leben und Begierden, das, dünkt mich, ist die wahre Palingenesie dieses Lebens, nach der uns gewiss eine fröhliche, höhere, aber uns unbekannte Metempsychose bevorsteht. Hiermit bin ich zufrieden und danke Ihnen, dass Sie mir meine Gedanken entwickelt haben.«
Sie umarmten sich und schieden auseinander.
S. 43-86
Aus Herders Werke in fünf Bänden, Fünfter Band, Über die Seelenwanderung, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1969

Aus der philosophischen Lyrik
St. Johanns Nachtstraum.
Schönste Sommernacht
Ich schwimm' in Rosen und blühnden Bohnen
und Blumen und Hecken und Nachtviolen,
in tausend Düften! - O Mutter Natur,
wo kenn' ich deine Kinder alle,
die Bräute alle,
die jetzt sich schmücken und lieben und paaren
und Freude duften in der schönsten Brautnacht!

Schöne Nacht!
Wie die Schöpfung flammet und wallt
und girret Liebe! Der allbelebende Sonnenvater
umarmt mit welcher Jugendinbrunst jetzt
die Mutter Erd'! Und der Himmel flammt,
die Mitternacht ist Abendrot
und 'über wird Morgenrot
kühler, dämmernder Tautag!

Schöne Nacht!
Und hundert Wesen schwirren empor!
In Luft und Meer und See und Sand
summen empor, lieben! Wie steigt
der häßliche Raupenwurm aus Grabegespinsten
in hundert Farben und Gestalten empor,
ein fliegender Engel!
Unendlich, ach!
Unerschöpflich bist du schön!
Mutter Natur!
Hundertgestaltige, deine Kinder
in Leben und Wesen und Lieb' und Freuden,
wer kann sie zählen? wer kann sie fühlen? Nur du,
in allen Gestalten und Leben und Wesen
und Lieb' und Freuden, fühlend dich
Mutter Natur! --- wie nenn' ich dich?

Wer bin ich unter den Millionen,
die jetzt genießen? Wer
unter den unendlichern Millionen,
die ich genießen nicht seh. . . .

Da fliegt der leuchtende Funke Gottes,
der Sommerwurm! Kleiner Wurm,
Funke Gottes! Komm! glänze mir!
Wer warst du, dass die schaffende Hand
dich so hat angeglüht
mit Sonnenglanz! mit Sonnenglut!
Wer bist du? . . .
Ich kenne dich nicht!
Und kenne mich? Meinen Funken
eben so klein, fliegend und wallend
aus Sonnenbrand getroffen - wer war's,
der ihn in meinen Staub gab,
dass er zwostrahlicht mir
vom Auge leucht'! im Herzen, ach, oft
wie ermattend walle! walle kurz -
und - lodert er fort dann?
Fleuchst Funke du fort,
wenn mein Wurmkörper auch hin ist,
bist auch bestimmt, aus Grabesnacht
ein Würmchen zum Engel zu erlösen? -

All meine Sinnen sind verschlossen!
Um meine Sinn' ist Sommernacht!
Bin nicht zu denken hier! zu sein! zu fühlen!
Zu leben! mich zu freun!
Der leuchtende Wurm ist nicht allein,
wird, was er wird,
einst nicht allein sein!
Und mich freun? - Allein?
Niemand zu sagen, wie schön im Sommerliebesbrande
Mutter Natur du seist!
Schöne Mutter Natur!
Niemand zu haben, der mit mir
schwirren die Schöpfung höre! gehn
die leisen Räder und sehn den Engel fliegen
und denken Unsterblichkeit!
Vereint sie denken und fühlen
das Erdeleben vereint! uns drücken
an Freundesherz! o schöne Mutter Natur,
dein edelster Funke!
Freundschaft! Edelster Funke! bin ich's wert?
Wie wenige sind's? o Mutter Natur,
in der heiligsten Zauber-Mitternacht
bet' ich, wünsche dich an!
Mach mich's wert! des edelsten Funken
in aller deiner Flammennatur -
Wenn kommt mein leuchtender Engel
den Wurm zu erlösen?

Zauberlaube,
wo seh ich dich?
Rosen und Mondstrahl um dich schwimmend
und liebender Wachtelschlag.
Zauberlaube,
wo seh ich dich?
Um mich gegossen
mein sanftes Weib.
Mein edles Weib! den Knaben
am Mutterarm! an Mutterbrust
das sanftere Mädchen!
ihr gleich!
Zauberlaube,
Wo seh ich dich?
Und der wilde, trotzige Knabe lernt
im Staunen der Sommernacht
hören Gott, fühlen sanft
die Schöpfung, und das Mädchen trinkt
sie sanfter schon
an der Mutterbrust.
Und ich umschlungen
mit Vaterarm mein süßes Weib,
mein süßes Drei - o Zaubertraum,
wie bin ich allein!
S. 248
Aus: Herders Religionsphilosophie, Taschenausgaben der Philosophischen Bibliothek, Heft VII, Verlag von Felix Meiner in Leipzig

Die Schöpfung.
. . . die Schöpfung, itzt am Ziel
harret, schweigt noch! --. Ihr Gefühl
wandelt in sich, und vermißt
was Geschöpf und Schöpfer ist;

Suchet einen, der mit Geist
schmeckt und was er ist, geneußt,
suchet, der mit Gottesblick
alle Schöpfung strahlt zurück! -
In sich, von sich. Und selbst sich
in sich strahl' und väterlich
von sich strahl' und walte frei
und wie Gott ein Schöpfer sei! -

Sieh den suchet, jetzt am Ziel
Gottes Schöpfung, wirft Gefühl
in sich des, was sie vermißt,
und der Mensch - der Gott - er ist!

Neu Geschöpf, wie nenn ich dich? -
Gott der Schöpfung, lehre mich! -
Doch ich bin, ich bin es ja,
dem dies Gottesbild geschah! –
Ich wie Gott! Da tritt in mich
Plan der Schöpfung, weitet sich,
drängt zusammen und wird Macht!
endet froh und jauchzt: vollbracht! -

Ich wie Gottl Da tritt in sich
meine Seel' und denket mich!
schafft sich um und handelt frei,
fühlt, wie frei Jehovah sei.
Ich wie Gott! Da schlägt mein Herz
Königsmut und Bruderschmerz.
Alles Leben hier vereint,
fühlt der Mensch sich aller Freund!

Fühlt sich Sinn voll Mitgefühl
bis zur Pflanze, bis zum Ziel
aller Menschengöttlichkeit,
feint sich liebend weit und breit,

Immer tiefer, höher. Ich
bin's, in dem die Schöpfung sich
punktet, der in alles quillt
und der alles in sich füllt! -
Bis zur letzten Schöpfung hin
fühlet, tastet, reicht mein Sinn!
Aller Wesen Harmonie
mit mir – ja ich selbst bin sie!

Bin der eine Gottesklang,
der aus allem Lustgesang'
aller Schöpfung tönt' empor
und trat ein in Gottes Ohr,

Und ward Bild, Gedank' und Tat
und ward Mensch. Der Schöpfung Rat,
Mensch, ist in dir! Fühle dich
und die Schöpfung fühlet sich! -

Fühle dich, so fühlst du Gott
in dir. In dir fühlt sich Gott,
wie ihn Sonn' und Tier nicht fühlt,
wie er - sich - in sich - erzielt! . .
S. 250
Aus: Herders Religionsphilosophie, Taschenausgaben der Philosophischen Bibliothek, Heft VII, Verlag von Felix Meiner in Leipzig

Die Harmonie der Welt.
Siehet das Auge? Höret das Ohr? Dein innerer Sinn sieht,
Er nur höret und weiß, was er von außen vernahm,
Und du zweifeltest, Freund, am hohen inneren Weltsinn?
Hörst du die Harfe nicht? Willst du auch sehen den Ton?
S. 252
Aus: Herders Religionsphilosophie, Taschenausgaben der Philosophischen Bibliothek, Heft VII, Verlag von Felix Meiner in Leipzig

Das Gesetz der Welten im Menschen.
Schönes Sternengefild, ihr weiten unendlichen Auen,
Aus mir selber entzückt, bang ich mit Blicken an euch,
Schaue die goldene Herde der himmlischen Schafe da weiden,
Suche den Hirten in ihr, der mit dem Stabe sie führt.
»Suchst du den Hirten der Herde, die droben sich badet im Äther?
Suchst das hohe Gesetz, welches die Welten bewegt?
Sterblicher, blick in dich selbst, da hast du die höhere, Regel,
Die nicht die Welten allein, die auch sich selber regiert.«
S. 252
Aus: Herders Religionsphilosophie, Taschenausgaben der Philosophischen Bibliothek, Heft VII, Verlag von Felix Meiner in Leipzig

Das Ich.
Willst du zur Ruhe kommen, flieh, o Freund,
Die ärgste Feindin, die Persönlichkeit.
Sie täuschet dich mit Nebelträumen, engt
Dir Geist und Herz, und quält mit Sorgen dich,
Vergiftet dir das Blut, und raubet dir
Den freien Atem, daß du, in dir selbst
Verdorrend, dumpf erstickst von eigner Luft.

Sag' an: was ist in dir Persönlichkeit?
Als in der Mutter Schoß von zweien du
Das Leben nahmst, und, unbewußt dir selbst
An fremdem Herzen, eine Pflanze, hingst,
Zum Tier gediehest, und ein Menschenkind
(So saget man) die Welt erblicktest; du
Erblicktest sie noch nicht, sie sahe dich,
Von deiner Mutter lange noch ein Teil,
Der ihren Atem, ihre Küsse trank,
Und an dem Lebensquell, an ihrer Brust
Empfindung lernete. Sie trennte dich
Allmählich von der Mutter, eignete
In tausend der Gestalten dir sich zu,
In tausend der Gefühle dich ihr zu,
Den immer Neuen, immer Wechselnden.

Wie wuchs das Kind? Es strebte Fuß und Hand,
Und Ohr und Auge spähend immer neu
Zu formen sich. Und so gediehest du
Zum Knaben, Jünglinge, zum Mann und Greis.
Im Jünglinge, was war vom Kinde noch?
Was war im Knaben schon vom Greis und Mann?
Mit jedem Alter tauschtest du dich um;
Kein Teil des Körpers war derselbe mehr.
Du täuschtest dich mit dir; dein Spiegel selbst
Enthüllte dir ein andres, neues Bild.

Verlangtest du, ein Jüngling, nach der Brust
Der Mutter? Als die Liebe dich ergriff,
Sahst du die Braut wie deine Schwester an? . . .

... Und die innre Welt
Der Regungen, der lichten Phantasei,
Des Anblicks aller Dinge, ist sie noch
Dieselbe dir, wie sie dem Knaben war?
Ermanne dich! Das Leben ist ein Strom
Von wechselnden Gestalten. Welle treibt
Die Welle, die sie hebet und begräbt –¬
Derselbe Strom, und keinen Augenblick.
An keinem Ort, in keinem Tropfen mehr
Derselbe, von der Quelle bis zum Meer!

Und solch ein Trugbild soll dir Grundgebäu
Von deiner Pflicht und Hoffnung, deinem Glück
Und Unglück sein? Auf einen Schatten willst
Du stützen dich? und einer Wahngestalt
Gedanken, Wirkung, Zweck des Lebens weihn?

Ermanne dich! Nein, du gehörst nicht dir:
Dem großen, guten All gehörest du.
Du hast von ihm empfangen und empfängst;
Du mußt ihm geben, nicht das Deine nur,
Dich selbst, dich selbst: denn sieh du liegst, ein Kind,
Ein ewig Kind, an dieser Mutter Brust,
Und hangst an ihrem Herzen. Abgetrennt
Von allem Lebenden, was dich umgab,
Und noch umgibt, dich nähret und erquickt,
Was wärest du? Kein Ich. Ein jeder Tropf
In deinem Lebenssaft, in deinem Blut
Ein jedes Kügelchen, in deinem Geist
Und Herzen jeder regende Gedank',
Und Fertigkeit, Gewöhnung, Schluß und Tat
(Ein Triebwerk, das du übend selbst nicht kennst),
Jedwedes Wort der Lippe, jeder Zug
Des Angesichtes ist ein fremdes Gut,
Dir angeeignet, doch nur zum Gebrauch.
So, immer wechselnd, stets verändert schleicht
Der Eigner fremden Gutes durch die Welt. . . .

Was ist von deinen zehen tausenden
Gedanken dein? Das Reich der Genien,
Ein großer unteilbarer Ozean,
Als Strom und Tropfe floß er auch in dich
Und bildete dein Eigenstes. Was ist
Von deinen zehen-zehen tausenden
Empfindungen das Deine? Lieb und Not,
Nachahmung und Gewohnheit, Zeit und Raum
Verdruß und Langeweile habe dir
Es angeformt und angegossen, daß
In deinem Leim du neu es formen sollst
Fürs große, gute, ja fürs beßre All. –
Dahin strebt jegliche Begier; dahin
Jedweder Trieb der lebenden Natur,
Verlangen, Wunsch und Sehnen, Tätigkeit,
Und Neugier, und Bewunderung, und Braut¬-
Und Mutterliebe, daß vom innern Keim
Die Knospe sich zur Blum' entf'alt' und einst
Die Blum' in tausend Früchten wiederblüh.
Den großen Wandelgang des ewgen Alls
Befördert Luft und Sonne, Nacht und Tag.
Das Ich erstirbt damit das Ganze sei. - -

Was ist’s, das du mit deinem armen Ich
Der Nachwelt hinterlässest? Deinen Namen?
Und hieß er Rafael - an Rafaels
Gemälden selbst vergeß' ich gern den Mann,
Und ruf' entzückt: ein Engel hat's gemalt : . .

Nur wenn uneingedenk des engen Ichs
Dein Geist in allen Seelen lebt, dein Herz
In tausend Herzen schläget, dann bist du
Ein Ewiger, Allwirkender, ein Gott,
Und auch, wie Gott, unsichtbar-namenlos.

Persönlichkeit, die man den Werken eindrückt,
Die kleinliche, vertilgt im besten Werk
Den allgemeinen ewgen Genius,
Das große Leben der Unsterblichkeit.

So lasset dann im Wirken und Gemüt
Das Ich uns mildern, daß das beßre Du,
Und Er und Wir und Ihr und Sie es sanft
Auslöschen, und uns von der bösen Unart
Des harten Ich unmerklich-sanft befrein.
In allen Pflichten sei uns erste Pflicht
Vergessenheit sein selber! So gerät
Uns unser Werk, und süß ist jede Tat,
Die uns dem trägen Stolz entnimmt, uns frei
Und groß und ewig und allwirkend macht.
Verschlungen in ein weites Labyrinth
Der Strebenden, sei unser Geist ein Ton
Im Chorgesang der Schöpfung, unser Herz
Ein lebend Rad im Werke der Natur.

Wenn einst mein Genius die Fackel senkt,
So bitt' ich ihn vielleicht um manches, nur
Nicht um mein Ich. Was schenkt er mir damit?
Das Kind? den Jüngling? oder gar den Greis?
Verblühet sind sie, und ich trinke froh
Die Schale Lethens. Mein Elysium
Soll kein vergangner Traum von Mißgeschick
Und kleinem, krüpplichten Verdienst entweihu.
Den Göttern weih' ich mich wie D e c i u s
Mit tiefem Dank und unermeßlichem
Vertrauen auf die reich belohnende,
Vielkeimige, verjüngende Natur.
Ich hab' ihr wahrlich etwas Kleineres
Zu geben nicht, als was sie selbst mir gab,
Und ich von ihr erwarb, mein armes Ich.
S. 252
Aus: Herders Religionsphilosophie, Taschenausgaben der Philosophischen Bibliothek, Heft VII, Verlag von Felix Meiner in Leipzig

Selbst.
Vergiß dein Ich; dich selbst verliere nie.
Nichts Größres konnt' aus ihrem Herzen dir
Die reiche Gottheit geben, als dich selbst.

Was an der Mutter Brust, was an der Brust
Der großen Mutter, der belebenden
Natur, von Elementen in dich floß,
Luft, Äther, Speis' und Trank, und Regung, Bild,
Gedank' und Phantasei, bist du nicht selbst.
Du selbst bist, was aus allem du dir schufst
Und bildetest und wardst und jetzo bist,
Dir bist, dein Schöpfer selbst und dein Geschöpf.

Nicht was du siehest (auch das Tier bemerkt),
Nicht was du hörest (auch das Tier vernimmt),
Nicht was du lernest (auch der Rabe lernt) –
Was du verstehest und begreifst; die Macht,
Die in dir wirkt; die innre Seherin,
Die aus der Vorwelt sich die Nachwelt schafft;
Die Ordnerin, die aus Verwirrungen
Entwirrend webt den Knäuel der Natur
Zum schönen Teppich in und außer dir:
Das bist du selbst; die Gottheit ist's, wie du. . .

. . . In deinem innersten
Bewußtsein lebt ein sprechender Beweis
Vom höchsten Allbewußtsein. – Sei ein Tier,
Verliere dich, und wunderst dich, o Tor,
Daß du die Gottheit mit dir selbst verlorst?

»Der Wesen Harmonie!« - Ein leeres Wort
Ohn' einen Hörer. Höre du sie tief
In deinem Herzen, und es nennt dein Herz
In tiefster Stille mit dem vollen Chor
Der Welten ihn, das höchste Selbst, den Sinn
Und Geist, das Wesen aller Wesen, Gott.

Wohlauf! In deinem Innern baue dann
Der Gottheit einen Tempel, wo sie gern
Mitteilend wohnt. In ihm erschallet laut
Und leise jener Wahrheit Stimme, die
Der Wesen Selbst ist. Auf! Erkenne sie,
Sei Priester dieser Wahrheit, diene dir
Am heiligsten Altar, und ehre dich,
Und pfleg' in dir dein göttlich Selbst, Vernunft!.. .

Ambrosia, Frucht der Unsterblichkeit,
Ihr amaranthnen Lauben, ewig blühend
Der Freundschaft und dem daurenden Verdienst,
Euch fand ein unbezwingliches Gemüt,
Das nicht zum Moder sprach: »Du: bist mein Vater!«
Zu Würmern, zur Verwesung nicht: »Ihr seid
Mir Brüder, Schwestern, Mutter!« – Ruhig sah's
Den Abgrund vor, den Himmel über sich
Und sprach: »Was an mir stirbt, bin ich nicht selbst!
Was in mir lebet, mein Lebendigstes,
Mein Ewges kennet keinen Untergang«
. S. 256
Aus: Herders Religionsphilosophie, Taschenausgaben der Philosophischen Bibliothek, Heft VII, Verlag von Felix Meiner in Leipzig

Inmitten der Ewigkeit
Aus »Amor und Psyche auf einem Grabmal«
Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wegen schweben
und schwinden wir.
Und messen unsre trägen Tritte
nach Raum und Zeit;
und sind (und wissen's nicht) in Mitte
der Ewigkeit.
S. 36
Aus: Johann Gottfried Herder, Das ewige Beginnen. Gedichte, Ruetten&Loening Verlag Potsdam

Die Raupe und der Schmetterling
Freund, der Unterschied der Erdendinge
Scheinet groß und ist oft so geringe;
Alter und Gestalt und Raum und Zeit
Sind ein Traumbild nur der Wirklichkeit.

Träg und matt auf abgezehrten Sträuchen
Sah ein Schmetterling die Raupe schleichen,
Und erhob sich fröhlich, argwohnfrei,
Dass er Raupe selbst gewesen sei.

Traurig schlich die Alternde sich zum Grabe:
»Ach, dass ich umsonst gelebet habe!
Sterbe kinderlos und wie gering!
Und da fliegt der schöne Schmetterling.«

Ängstig spann sie sich in ihre Hülle,
Schlief, und als der Mutter Lebensfülle
Sie erweckte, wähnte sie sich neu,
Wusste nicht, was sie gewesen sei.

Freund, ein Traumreich ist das Reich auf Erden.
Was wir waren, was wir einst noch werden,
Niemand weiß es; glücklich sind wir blind;
Lass uns eins nur wissen: was wir sind.
S. 19
Aus: Johann Gottfried Herder, Das ewige Beginnen. Gedichte, Ruetten&Loening Verlag Potsdam

Eine Theodizee
Erwache, sprach ein Gott, und sieh - ich sah
und weite Nacht war um mich da
und über mir ein Heer gesäter Sterne
erhob mein Aug! - wie der dem Orkus nah
in Zimmers Kluft nur Höllenstimmen ferne
herrauschen hört, nur ewges Schwarze sah
und schnell ins Meer des Lichts entzückt
weitäugig starrt, - halb sieht - nur Zauber erblickt
schon sehen lernt - und sieht! sieht alles Pracht
Er fühlts, nennt, stammlet: schön! und lacht
So stand ich, staunte, griff nach Sternen, staunte mehr
und Wirbelwind ward um mich her.

Schnell bin ich hoch - tief unten mir die Erde
bei mir ein Gott - Mensch an Gebärde
vor mir der Sonnenkreis!
Ich seh Unendliches - ich fühl und seh und höre
die Harmonie der ganzen Sphäre,
was Newton zählt - der Seraph weiß
und Gott erschuf. - Gott, du bist hier,
der Seraph singt dir; Newton forscht dort Sterne!
die ich von ihm einst, meinem Seraph lerne,
und ich - hier knie ich Dir.

O du, von dem einst Funken - Sonnen troffen,
der von dem Chaos Klöße riss -
Noch fühlen sie den Wurf, sie laufen dort! sie brennen ,
bis sie dein Wink ins Chaos stieß.
Noch steht im Mittelthron die Sonn, dein Bild,
die um sich Welten ewig ohne Ruh
an goldnen Säulen lenkt. Die stelltest du!
Wer, wo? bist du - konnt ich dich ach nur sehn, nicht nennen
wen? - dich! ins Nachts und Sonnen Hell verhüllt
du schufst das Was und Wenn und Wo!
und bist du - - - - ?

Ach Erde, Mutter, der ich bin,
was bist du? mir schon! was dem Erdengeist,
der von dem höchsten irdischen Gedanken, - hin
in deine Tiefe blickt - und Engel wird?
und was denn Gott? - o Gott, mein Auge irrt
über und unter mir umher - mir wird
das All zum Nichts - das Nichts zum Allen!
Du bist im Nichts das All - - wer reißt
mich los von Erd und Sonne? dort sind Sonnen
wo Sonnen, wo ist die, um die ihr Erden seid,
wo ist des Allen Kraft - wo hat das Was begonnen.
S. 321-322
Nach: Johann Gottfried Herder, Schriften, Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, Goldmanns Gelbe Taschenbücher GG 668-669 (207) Aus Herders Werke, Gedichte


Die Stimme zur Mitternacht

Wachet! wachet! ruft die Stimme
Der Wächter auf des Tempels Zinne
Wach auf, du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde,
Sie rufen uns mit hellem Munde:
Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Steht auf, der Bräutigam kommt,
Auf, eure Lampen nehmt,
Hosianna!
Macht euch bereit
Zur Freudenzeit,
Ihr müsset ihm entgegen gehn!

Ach, wir schlummern all und schlafen!
Der Hirte schlummert mit den Schafen,
Die Lamp ist da! wo ist das Licht?
Wie es war in Noah Tagen,
Sie aßen, tranken, fern von Plagen,
Von Strafen fern, und dachtens nicht;
Wir frein und lassen frein,
Die Sorge wiegt uns ein,
Wurmessorge!
Erwacht! Erwacht!
In Mitternacht,
Ein Blitz soll seine Ankunft sein!

Falsche Christus, und Verräter,
Vernunft-Verführer, Wundertäter
Der Lüge, sind das Licht der Welt.
Meinst du, dass der Richter werde
Noch Glauben finden auf der Erde,
Wenn Wollust sie in Fesseln hält?
Ihr Hügel fallet, fallt!
Der Menschen Herz ist kalt,
Kalt die Liebe!
Voll Heuchelei,
Abgötterei,
Sieh, ob nicht Alles Alles sei?

Schlangen sind der Völker Kronen,
Und Nationen Nationen
Zur Geißel, statt der Bruderhand;
Mütter, Töchter, Söhne, Väter
In Einem Hause sind Verräter,
Zerreißen Blut- und Herzensband!
Wo meinet Freund und Freund
Sich bieder? wo vereint
Pflicht die Herzen?
Pflicht und Gebet
An heilger Stätt,
Das ewiglich bei Gott besteht.

Ach, wir schlummern all und schlafen,
Der Hirte schlummert mit den Schafen,
Die Lamp ist da, wo ist das Licht?
Mit den Trunknen schläfrigtrunken,
In Nacht und Wahn und Graus versunken,
Ach, sehen wir und hören nicht!
Wer trägt nicht Tieres Bild?
Wer, dem das Herz nicht füllt
Erdensorge?
Ist Mitternacht!
Erwacht! erwacht!
Ein Dieb wird sein des Menschen Sohn.

Meinst du, wenn der Hausherr wüsste,
Zu welcher Stund er wachen müsste,
Er pflegen würde träger Ruh?
Sieh und alle Frommen zagen,
Verschmachten unter stillen Plagen -
Und alles sehn wir trunken zu?
Im Feigenbaume steigt
Der Saft schon! Knospe zeigt
Frühlingszeiten!
Hebt euer Haupt!
Umlaubt! Umlaubt!
Mit Frühling ist, wer an ihn glaubt.

Trunkne Knechte, sieh! sie schlagen
Die Brüder Mitknecht, höhnen, plagen,
statt Labung sie mit Drang und Spott,
Meinst du, dass der König werde
Noch Knechte finden auf der Erde?
Wer ist sich selbst nicht Herr und Gott?
»Er kommt noch lange nicht!
Vielleicht kommt gar er nicht!
Er kommt gar nicht!
Was Alle tun,
Will ich auch tun,
Und träumen, prassen, plagen, ruhn!«

Herr, wer wird vor dir bestehen!
Wer, vor dein Angesicht zu gehen,
Erkühnen, wenn die Erd entlieht!
Ach, ein Strohhalm in die Flammen
Ist all mein Tagewerk zusammen,
Wenns Liebe aus der Glut nicht zieht!
Erlöser stehe bei!
Erneuer, mach uns neu,
Betend, brünstig
In Mitternacht,
Wenn nichts mehr wacht,
Wir schlummern - unser Herze wacht!
S. 322-324
Nach: Johann Gottfried Herder, Schriften, Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, Goldmanns Gelbe Taschenbücher GG 668-669 (208) Aus Herders Werke, Gedichte


Magnalia Dei

Ich singe Gott! Jehovens Rat und Tat!
Euch Himmeln! Erde! dir erzähl ich Gottes Ehre.
Singt Sphären! singt mir vor! du hörtest, höchste Sphäre
doch nur von fern des Ewgen Rat!
und singst - Und Erde! steh! und ruh - und höre,
was Gott für dich beschloss und tat. -­
Er singt - sie schweigt - noch brausen Höllenmeere
Verstummt vor Gott - erzittre Höll und bebend höre,
was wider dich Jehova sprach und tat.
Es wird still! - Ich singe! - ich?
Bin ich Engel, der von Gottes Rat
den tiefsten Widerhall nur rauschen hörte - ich?
Halb nichts, halb Staubkorn - ja, ich singe - und ganz Erde?
Ja Erde ganz - doch dein Geschöpf, dein Christ, dein Kind
mit Feuer aus der Höhe taufe mich!
Gott Schöpfer, Vater, Mittler! mich - dann werde
ich hoch zu dir entzückt, und singe Dich!

Gott war! fleuch mein Gesang empor! -
Gott war! um ihn unendlich Nichts! -­
Allgegenwärtig nichts! - wer kann es malen?
wer blickt in diesen Tod des Lichts - -
wer herrscht? Gott herrscht auch übers All des Nichts -
Er spricht! -- sein Schöpfers-Hauch bebt durch die Wüsten
des Undings - ruft das Sein hervor!
Des Chaos Nacht blinzt schon von seinen Strahlen -
sie blinzt und sieht zum Licht! -­
noch schafft sie Licht! - doch einst - Jehovah spricht -
sie blinzt - es zittern ihre feinsten Strahlen -
und sterben! - Sie ist Nacht - Gott ruft das Sein ins Nichts!
und Gottes Allmachtshauch bebt noch durch ewge Wüsten
des neugeschaffnen Nichts!
für mich! - ein denkend Nichts! - schufst du des Segens Reich!

Der Schöpfung Plan - wer kann ihn übersehn!
ein Punkt des Ganzen! auch der Mittelpunkt! o nein!
sieht auch der Punkt sich selbst - das All zu übersehn
muss ich kein Teil des Alls - selbst Schöpfer sein!
Es sah dein Gottesblick, wie Myriaden
der Wesen, die nicht Zeit, nicht Maß, nicht Kraft ausmisst
vom halben Nichts zu dem, der voll vorn Anschaun ist,
in deinem Glanz sich, Lichtmeer, baden!
durch dich sich fühlen, und von diesen Empfindungen hell
dir Dank aufblicken, jauchzen, dass Gott sei!
Das siehst du - göttlich fühlst du dich als Quell!
des Daseins aller Myriaden - -
und alles jauchzt, wenn du dich fühlst!
Der Seraph nennt dich neu; und fühlt dich neu!
Der Christ wird Engel - und der Mensch ein Christ,
der Engel Seraph: und ich - du Gott bist,
auch Ich fühl, dass ich göttlich sei!

Ich göttlich? Gottes Bild?
noch schwarz voll Blut, das widern Jova flog,
durchbohrt den Pfeil, den Gott zurück auf Mörder bog.
Es glüht den Gottesfeind an Stirn und Busen;
Dem Dämon gleich ich, ist gleich des Menschen Heer!

Noch dacht ich nicht: schon fühlt ich wider Gott.
Kaum lallte ich; da glüht' mein Auge schon
von Rache wider ihn - der Geifer flog umher;
da ich des Schöpfers Luft kaum saugen lernte,
da nervenlos die Hand kaum greifen lernte,
da türmten Riesengedanken schon
auf Sünde, Sünde - Ossa auf den Pelion -
und stürmten zu der Gottheit Thron.
Und Gott? blitzt? donnert er? mich unter Berg' und Klüfte
zur Hölle, die er neunmal tiefer gräbt? - -
Die Feindeshand, da sie dir widerstrebt,
da hieltest du sie noch - und legtest mich
als Kind sanft nieder, sprachst: Nun siehe dich! - -
du Wurm im Blut! und ewig lieb ich dich! -

Ja ewig, ewig! Über allen Kreis der Zeit,
hoch durch den Zeitstrom aller Sonnenmeere
schwing dich, mein Geist - zur Ewigkeit!
zum Richterthron, zum Friedensrat -
hin über alle Zeit! -
Gott saß und sah mit hohem Blick durch der Äonen Heere
im großen Weltriss - tief zu unserm Erdenball,
wie er als Eden blüht, des Lebens Atmosphäre
Lichtströmend ihn umfleußt, wie aller Segen Heere
sanft auf ihm ruhn, und Tugend blüht,
und jeder Sonnenstrahl von Wonne glüht,
und Götter auf ihm wohnen! -
Gott sahs und fühlts und wollts - er ward der Erdenball,
Doch wie verblüht? wie schnell? da Todesatmosphäre
ihn pestischschwarz umfleußt, und Plagenheere
vielklauigt auf ihm ruhn, und Bosheit blüht,
und jeder Sonnenstrahl Verderben glüht,
und Satans auf ihm wohnen! - -

Gott sahs, ward Richter - richtete und schwieg
sein Blick sprach Zorn und sieben Donner hallten
zurück: da hoben alle Engelsthronen
sich auf und sanken - alles sah und schwieg!
Da sprach der Sohn, des Richters Sohn: ich. bin
wie du Gott! Mensch wie sie!
will Richter und Versöhner sein - und schwieg!
Des Herren Wink sprach ja! einsilbicht lallten
die Zornesdonner nach das ja! -
Da fühlten sich die Thronen
so endlich, als sie wurden, und sanken hin.
Die Donner legen sich - die Engel sinken hin
ganz Staunen und Anbetung und Gefühl flehn sie da!
und ich - bin Mensch, auf dem der Donner hing,
vor dem sein Nachtgewand vorüberging
und ich - ich steh und bete nicht an! -

Herr, Herr Gott, barmherzig Gnade! - -
so sprach - - als heilige Nacht um Gottes Moses hing
und Gott unsichtbar - sichtbar ihm vorüberging -
so sprach Jehovahs Wort - - und Moses betet' an,
ich lall Jehovah nach und bete an! -
Du in der Schöpfung höchsten Höhen Herr,
in ihren tiefsten Tiefen schrecklicher,
bist um mich Gott barmherzig, Langmut, Gnade,
von oben leuchtet Majestät,
von unten flammet Majestät,
und um und in mir lächelt Gnade! -
Seht Gott im Gott Messias! seht -
von oben schilt Gericht und sieben Wetter ballen
sich seinem Scheitel, kommen, fallen
und drücken ihn mit Allmachtswut.

Um ihn tobt Welt und Welt, und Höllenstürme knallen
auf ihn - auf ihm liegt Todesnacht
sein Auge stirbt - und sterbend spricht es Liebe.
Ihn presset alles und - da fließt sein Blut - - es schafft,
es färbt verjüngt die Welt mit Schöpferskraft.

Sie ringt sich wieder aus des Chaos Nichts! -
Bei Unkraut keimt schon Glück - bei Satans wohnen
Erlöste - mit der Nacht kämpft schon ein Strahl des Morgenlichts
­wir ringen zur Geburt - noch zwischen Sein und Nichts. -
Das Auge irrt in Nacht - der Fuß in Labyrinthen,
die Hand in Schatten und der Wunsch im Glück.
Doch Er das Licht, das unsere Nacht erschuf - und hält,
verdammet und verjagt schafft vor uns Planen -­ -
dem Wunsche Glück - dem Fuße Bahnen,
den Händen Wesen - Licht dem Blick -
und unser Tappen - das war Gottes Rat! -
soll siebenfach die Ruhe lohnen.

Ihm braust das Sonnenmeer! wenn seine Feuerwellen
sich luftan türmen zehen Pikos hoch,
hebt er den Finger, seines Fingers Winken
presst Stürme Luft auf sie - so sinken
die Flammenberge, brausen und ruhn! -
Das kann der Machthauch seines Schattens tun.

So als der Schwefelhölle Feuerwellen
sich hydernmäßig türmten erdenhoch,
und über unserm Haupt die Feuerwellen fluteten,
da Erde heultest du - ringsum von Höllen
umufert - doch
ein Strahl von Gott - und Satans Jubel schnellen
und sausen heulend herab. Das ist Jehovah!
Der Himmel jubelt: ist Jehovah
die Erde mit: Er ists! -
Das ist der Finger deiner Macht! du bists!
Das deine Hand, die Gras und Volk und Welten sät,
dein Hauch, der Gras und Volk und Welt verweht,
den Krieg verbläst und alles erfrischt,
dein Finger, der den Schöpfers Tropf verwischt,
dein Fußtritt, wenn die Sphären beben,
und deines Schattens Winken,
denn - wie die Erde bebt, und Inseln sich erheben,
und Ätna Felsenwellen speit,
die Meerestiefe schlingt, und Strudel dräut -
dann Herr bewegt dein Schattenwink sich kaum! -
Nacht ist die Sonne, und dein Kleid ist Licht -
und wer sah deiner Güte Angesicht! -­

Der Regenbogen ist von deines Kleides Saum
der tiefste Abglanz, jedes Frühlingsleben
der fernste tausendfach gebrochne Strahl
des Lichts, das dunkel unser Aug umkränzt
im Engel glüht und im Mesias-Blick
wie Sonnensonnen glänzt -­ -
Wie glänzt Messias uns den Herrn zurück - -
- - - - -
- - - - und ich - wenn in dädalschen Labyrinthen
mir Mark und .... erbebt, und Minotaurus Wut
fern ....... und Tiger schon mein Blut
von ferne lecker.: und mein Aug nicht Ausgang finden,
mein Flehn nicht rühren kann: - Triumph, Jehovens Rat
wird mir dann Leitband! vor den Drachen Gift
und Lorbeer mir und Heldentat! -
Triumph des größten Göttergottes Rat
ist höher als der Blitz, der Zedern trifft,
als Wolkenschemel, die zu seinen Füßen
weit über Berg und Turm vorüberfließen,
und höher wie sein Thronenhimmel,
und was Eloa denkt, ist ihm Gewimmel,
und Weltenanschlag nichts! -
Wohl! steh ich einst im Kreis der Wetter,
..... fliehn, und Erden in die Sonnen fallen
und Sonnen in die Mittelsonne zerknallen.
Ein .... des Allen Grab: ich steh im Kreis der Wetter,
denn um mich hält ein Kreis der Götter,
und auf mich Gottes Rat
Du ..... - ich setzte dich
ins Dunkel ... wärst mein Leiter, führte dich! -
Nun Licht! flieht Himmel, komm und siehe mich!
Triumph! wir folgen, wir kommen, Triumph
mit Palmen, nicht Zypressen umwunden,
sing: Leier: du siehst, du hast ihn gefunden
Jehovahs Rat und Tat! - -­ -

Was ich bin Geist! ich Geist! - so bin ich Gott!
Ich denk', ich will, ich bins! wie Gott, durch den ich bin,
einst Geister rief aus dem Geisternichts
und Körper rief aus dem Körpernichts
ruf ich Gedanken aus dem Gedankennichts!
ich wills! - es schafft sich Wirkung aus dem Nichts!
O Gott, was gabst du mir! - all deine Welt
schaff ich dir in mir nach! - S. 325-330
Nach: Johann Gottfried Herder, Schriften, Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, Goldmanns Gelbe Taschenbücher GG 668-669 (210) Aus Herders Werke, Gedichte