Francesco Petrarca (1304 - 1374)

  Italienischer Dichter, Humanist und Philologe. Petrarca war Sohn eines aus Florenz verbannten Notars, der 1311 mit seiner Familie nach Avignon übersiedelte. Er studierte seit 1317 die Rechte in Montpellier und seit 1320 in Bologna. 1326 trat er in Avignon in den geistlichen Stand, wurde bald als Dichter bekannt (Begegnung mit Laura, 1327) und stand 1330-47 im Dienst des Kardinals Collona. 1333 reiste er nach Paris, in die Niederlande und an den Rhein, wo er in Klosterbibliotheken nach antiken Manuskripten suchte. 1337—49 lebte er meist auf seinem Landgut in Vaucluse (Valchiusa) bei Avignon. Am Ostermontag 1341 wurde er in Rom zum Dichter gekrönt. Auf Reisen lernte er u. a. Boccaccio und Cola di Rienzo kennen, dessen Versuch der Wiedererrichtung der römischen Republik seinen Gedanken entgegenkam. Mit dem Ganzen des antiken Lebens versuchte er auch die eigene nationale Vergangenheit heraufzubeschwören. 1353 verließ er Avignon. Er lebte 8 Jahre in Mailand bei den Visconti, als deren Gesandter er 1356 in Prag bei Kaiser Karl IV. war. 1362 - 68 hielt er sich meist in Venedig, dann in Padua und Arqùa auf. Petrarca ist der erste repräsentative italienische Humanist. Ziel seiner italienischen Dichtungen ist es, die menschliche Innerlichkeit zu erkennen und das Bild des eigenen Ruhmes zu genießen. Eine differenzierte Kunst psychologischer Analyse lässt in den Gedichten auf Leben und Tod der »Madonna Laura« die selbständige Bedeutung der leidenden Seele hervortreten, die sich in ihrer Selbstreflektion auskostet, ohne dass sie dazu einer Vernunftlenkung bedarf. Die Gestaltung der sich reflektierenden Seele beeinflusste stark die europäische Lyrik der folgenden Jahrhunderte (Petrarkismus).

Siehe auch Wikipedia und Kirchenlexikon

An Tommaso Caloria aus Messina über das Studium der Beredsamkeit
»Die Pflege des menschlichen Geistes erfordert den Philosophen, die Bildung der Sprache aber ist eigentliche Aufgabe des Rhetors. Weder das eine noch das andere dürfen wir jedoch vernachlässigen, wenn unser Vorhaben ist, uns >vom Boden zu erheben und uns durch menschliche Rede zu beflügeln< (Georg. III,9), um mit dem Dichter zu sprechen. Über das erste handle ich an anderem Ort: groß ist nämlich dieses Unterfangen und die Mühe ungeheuer, die Ernte aber überreichlich. Hier — um nicht abzuschweifen von dem, was mich veranlasst hat, zur Feder zu greifen — will ich aufrufen und mahnen, nicht nur Lebensweise und Sitten in die rechte Ordnung zu bringen, was das erste in aller Tugend ist, sondern auch die Gewohnheiten unserer Sprache zu berichtigen; dazu wird uns die Pflege kunstreicher Beredsamkeit verhelfen. Weder ist nämlich Sprache ein unbedeutender Ausdruck des Geistes, noch der Geist ohne lenkenden Einfluß auf Sprache. Eines hängt vom anderen ab: Der Geist ist im Herzen verborgen, die Sprache tritt an die Öffentlichkeit. Der Geist begleitet das gesprochene Wort, er formt es nach seinem Willen; das gesprochene Wort gibt kund, wie der Geist beschaffen ist, der es formt. Der Verfügung des Geistes gehorcht man, dem Zeugnis der Sprache schenkt man Glauben. Für beide also ist Sorge zu tragen, damit der Geist maßvoll und streng gegenüber der Sprache sei, und die Sprache ihm gegenüber in wahrhaftiger Weise schön. Zwar wird, wo der Geist mit sich zu Rate gegangen ist, auch die Sprache nicht nachlässig sein können, aber umgekehrt besitzt auch die Sprache keine Würde, wenn sich der Geist seiner Ehrwürdigkeit nicht bewusst ist.

Was ist daran von Belang, daß Du ganz im Quell ciceronianischer Redeweise untergetaucht bist, dass Dir keine Schrift von Griechen oder gegenwärtigen Schriftstellern entgangen ist? Geschmackvoll, anmutig, gefällig und erhaben wirst du freilich sprechen können, aber bedeutungsvoll, ernst und überlegt, vor allem jedoch schlicht mit Sicherheit nicht. Denn wenn nicht zuerst unsere Sehnsüchte und Wünsche miteinander in Einklang gebracht sind — und Du musst wissen, daß dies bei kaum einem Menschen der Fall ist, er wäre denn ein Weiser —, dann werden notwendigerweise, wie bei widersprüchlichen Interessen, sich auch Reden und Sitten widersprechen. Eine wohlgeordnete Vernunft hingegen ist immer gelassen ruhig, gleichsam in unaufgeregter Heiterkeit: sie weiß, was sie will, und sie hört nicht auf anzustreben, was sie einmal gewollt hat; wenn aller rhetorischer Schmuck am Ende ist, lockt sie aus sich selber die prächtigsten und bedeutungsvollsten Wörter hervor — Wörter, die gewiss mit der Vernunft in Einklang stehen. Freilich, unleugbar kann etwas besonders Einzigartiges entstehen, wenn man genug Zeit aufbringt für das Studium der Sprachgewandtheit — vorausgesetzt, die Stürme der Seele haben sich beruhigt; denn solange sie toben, braucht man für nichts auf einen glücklichen Ausgang zu hoffen. Wäre Sprachgewandtheit für uns nicht notwendig, und wäre die Vernunft, gestützt auf ihre denkerischen Kräfte und ihre Talente in Schweigen entfaltend, der Zustimmung der Wörter nicht bedürftig, es bliebe immer noch wenigstens die Sorge um den Nutzen der Sprache für die Menschen, mit denen wir zusammenleben: Kein Zweifel, daß Gespräche, wie wir sie führen, ihrem Sinnen und Denken beträchtlich zur Hilfe kommen können.

Du magst aber nun erwidern: >Meine Güte, wieviel sicherer für uns und wieviel wirkungsvoller für sie wäre es, den Rat zu geben, dass wir Proben unserer Tüchtigkeit vor ihre Augen stellen; begeistert von deren Trefflichkeit müssten sie zu ihrer Nachahmung hingerissen werden! Es ist unsere Natur, viel besser und müheloser durch Taten als durch bloße Worte aufgemuntert zu werden, und auf diesem Weg viel entschiedener die Höhe der Tugend zu erklimmen.< Das bestreite ich überhaupt nicht. Was ich hierüber denke, das konntest du schon meinem vorausgegangenen Rat entnehmen, in allererster Linie sei der Geist des Menschen mit sich selber zum Ausgleich zu bringen. Ich meine jedenfalls, dass der Satiriker Juvenal nicht ohne Grund gesagt hat:
>Als erstes schuldet man mir Trefflichkeit des Geistes< (Sat. VII,24). Das Erste aber wäre nicht das erste, wenn anderes ihm vorausginge. Doch wie auch immer: Was die Beredsamkeit in der Unterweisung zu einem wahrhaft menschlichen Leben vermag, das hat man bei vielen Autoren gelesen, das weiß man durch den Fingerzeig täglicher Erfahrung. Wie viele Menschen kennen wir, bei denen das gute Vorbild derjenigen, die ihnen zuredeten, absolut nichts gefruchtet hat, die hingegen lediglich durch die Worte anderer aufgerichtet und von einer schmählichen Lebensführung mit einem Schlage zu größter Ehrsamkeit bekehrt worden sind! Ich will Dir jetzt nicht erzählen, was Cicero hierzu in seinem Buch De inventione ausführlich erörtert — ist doch die Stelle sehr bekannt —, ich will auch nicht die Geschichte von Orpheus und Amphion einflechten, von denen der eine fürchterliche Tiere, der andere Bäume und Felsen durch seinen Gesang bewegt und, wohin immer er wollte, geführt haben soll, einzig wegen seiner vortrefflichen Redefertigkeit. Im Vertrauen auf sie, so glaubt man, habe der erste gierige, grimmige und dem Wesen stumpfsinniger Tiere ähnelnde Gemüter, der zweite ungeschlachte, steinharte und unbeugsame Herzen mit freundlicher und unumschränkt geduldiger Gesinnung beseelt. Gib zu, daß das Studium der Beredsamkeit uns verstattet, vielen Menschen von Nutzen zu sein, mögen sie auch in weiter Entfernung leben; ihnen wird sich vielleicht niemals die Möglichkeit eines geselligen Umgangs und eines vollen Gedankenaustausches mit uns eröffnen: unsere Rede wird sie dennoch erreichen. Vollends: Wieviel wir so der Nachwelt überliefern werden, das können wir am besten ermessen, wenn wir uns erinnern, was alles wir den Entdeckungen unserer Vorfahren verdanken.

Doch magst Du hier neuerlich Einspruch erheben: >Ist es denn nötig, immer mehr alles das zu verfeinern, was dem Nutzen der Menschen dient und was schon seit tausend Jahren in vielen dicken Büchern aufgezeichnet ist, bewundernswert formuliert und von unvergleichlichen Begabungen niedergeschrieben?< Lass diese bange Sorge bitte fahren — sie möge Dich niemals zur Unlust an der Arbeit führen! Einige der Alten haben sie uns schon abgenommen, und ich will sie den nach mir Lebenden nehmen. Mögen zehntausend Jahre ins Land ziehen, mögen Jahrhunderte sich auf Jahrhunderte häufen: Niemals wird die Tugend gebührend anerkannt sein, niemals werden die Weisungen zur Liebe Gottes, zum Ha
ss der Begierden ausreichen; niemals werden scharfsinnige Denker den Weg zur Erforschung neuer Dinge versperrt finden. Lass uns also guten Mutes sein: Wir arbeiten nicht umsonst, und nicht vergeblich werden auch die sich mühen, die nach diesen Generationen, am Ende einer alternden Welt, geboren sind. Eher ist zu befürchten, dass die Menschheit ausstirbt, als dass das Augenmerk auf die den Menschen angehenden Wissenschaften das innerste Geheimnis der Wahrheit erblickt. Endlich — gesetzt, die Liebe zu den Menschen zwänge uns nicht — würde ich es trotzdem für das Beste und für uns selber Ergiebigste halten, das Studium der Beredsamkeit nicht völlig hintanzustellen.

Mögen andere ihre Interessen verfolgen. Was mich betrifft, so kann ich gar nicht hoffen, leicht faßlich auszudrücken, was gewisse vertraute Wörter und Briefe mir in meiner Einsamkeit bedeuten, Wörter, die nicht nur im Herzen gedacht, sondern auch mit dem Mund ausgesprochen sind, Wörter, mit denen ich meinen schläfrigen Geist aufzurütteln trachte, oder auszudrücken, welche Freude es mir bereitet, einige Schriften bisweilen wiederzulesen, seien sie von anderen oder von mir selber — und in welchem Maße ich mich von drückenden und bitteren Beschwernissen durch solche Lektüre befreit fühle. Mitunter hilft mir in solcher Lage von mir selber Geschriebenes um so eher, je mehr es meiner Erschöpfung entspricht — wie die mitwissende Hand eines Arztes, der fühlt, wo der Schmerz sitzt, und der es versteht, Linderung zu verschaffen. So etwas könnte wahrlich niemals geschehen, wenn Worte die Ohren nicht heilsam zu berühren vermöchten und — indem sie mich mit der Macht ihres eingewurzelten Zaubers zum häufigeren Wiederlesen anreizen — gleichsam in die Sinne eindringen und mit ihrem verborgenen Stachel mein Inneres durchbohren könnten.

Lebe wohl!.«

Brief an Tommaso Caloria aus Messina (Ad Thomam Messanensem de studio eloquentia) datiert vom 1. Mai 1338. (Familiarum rerum. Buch 1, Brief 9.) In: Opere. (Edizione Nazionale delle Opere di Francesco Petrarca.) Bd. 10. Hrsg. von Vittorin Rossi und Umberto Bosco. Florenz: Sansoni, 1933. 5. 45—48. Übers. von Stephan Otto.
Text auch enthalten in: Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung, Herausgeber: Rüdiger Bubner . Band 3, Renaissance und frühe Neuzeit. Herausgegeben von Stephan Otto
Reclams Universal-Bibliothek Nr. 9913, S.100-104
© 1984 Philipp Reclam jun., Stuttgart Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages