Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr. Selbstmord)

  Römischer Philosoph, Schriftsteller und Dichter, der in Rom als Anwalt, Quästor und Senator als geschickter Redner zu hohem Ansehen kam. 41 wurde er von Kaiser Claudius nach Korsika verbannt. 49 wurde Seneca zurückgerufen und zum Erzieher des jungen Nero bestimmt. Zusammen mit dem Gardepräfekten Sextus Afranius Burrus leitete er von 54 bis 59 das römische Riesenreich. Nach Neros Regierungsantritt war er zunächst einer seiner engsten Berater. Nero zwingt ihn dann im Jahre 65 - wegen angeblicher Beteiligung an der Pisonischen Verschwörung - zum Selbstmord. Neben Cicero ist Seneca wohl der bedeutendste römische Prosaist. Die meisten seiner Werke sind als Diatriben geschrieben, das sind die seit der griechischen Popularphilosophie üblichen (belehrenden) Moralpredigten. In seinen Anleitungen zur rechten Einstellung gegenüber Leben und Tod, sowie zur Freiheit und Glückseligkeit des Weisen folgt Seneca im wesentlichen der stoischen Ethik: Sittliche Harmonie als höchstes Gut ist die Voraussetzung für ein glückseliges Leben.

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Inhaltsverzeichnis
... wer immer auch der Gestalter des Universums gewesen sein mag . . .
Göttliche Samen sind in den menschlichen Körpern verstreut
Der Gunst der Götter erfreut sich, wer sich selbst gewogen ist
Angeborene Vorstellungen über Götter und Unsterblichkeit
Der Tod ist die beste Erfindung der Natur

... wer immer auch der Gestalter des Universums gewesen sein mag . . .

Die zwei schönsten Dinge werden uns folgen, wohin wir uns auch begeben: die allgemeine Natur und unser eigener sittlicher Wert. Dies wurde bewirkt, glaube mir, von jenem, wer immer auch der Gestalter des Universums gewesen sein mag, ob es nun Gott ist, der allmächtige, ob es eine körperlose [immaterielle] Vernunft ist, die Schöpferin gewaltiger Werke, oder ein göttlicher Hauch, alle Wesen, die größten wie die kleinsten, mit gleichmäßiger Spannkraft durchflutend, oder das Schicksal und eine unwandelbare Folge zusammenhängender Ursachen dies, sage ich, wurde bewirkt, dass fremder Willkür nur eben das Wertloseste anheimfällt. Alles, was für den Menschen das beste ist, liegt außerhalb der menschlichen Macht, es kann weder gegeben, noch entrissen werden. Diese Welt, das Größte und Prachtvollste, was die Natur hervorgebracht hat, und der Geist, der Betrachter und Bewunderer der Welt, ihr großartigster Teil, sind uns zu eigen und immerwährend und werden so lange mit uns fortbestehen, solange wir selbst bestehen bleiben. Unermüdlich also und aufrecht wollen wir, wohin uns das Los auch bringen mag, unverzagten Schrittes eilen und jedes beliebige Land durchmessen; kein Verbannungsort läßt sich innerhalb der Welt finden; denn nichts, was innerhalb der Welt liegt, ist dem Menschen fremd. Allenthalben, wo sich der Blick von gleicher Ebene zum Himmel erhebt, ist in gleichem Abstand alles Göttliche von allem Menschlichen entfernt.
Aus: L. Annaeus Seneca, Ad Helviam matrem de consolatione . Trostschrift an die Mutter Helvia, Lateinisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Franz Loretto
Reclams Universalbibliothek Nr. 1848 (S.51f). © 1980, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart. Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages

Göttliche Samen sind in den menschlichen Körpern verstreut
Dies lehrt die Philosophie besonders, sich für Wohltaten in der rechten Weise verpflichtet zu fühlen, sie recht zu vergelten; manchmal aber bedeutet gerade die Anerkennung schon Vergeltung. Er wird also anerkennen, dass er dem viel verdankt, durch dessen Verwaltung und Vorsorge ihm nährende Muße, Verfügung über die eigene Zeit und Ruhe zuteil wird, die von keinen Tätigkeiten für die Öffentlichkeit gestört ist.

O Meliböus, ein Gott hat uns diese Muße geschaffen; denn dieser wird für mich immer ein Gott sein.
Wenn sogar jene Arten von Muße ihrem Urheber viel verdanken, deren größtes Geschenk folgendes ist
:jener lä
sst meine Rinder umherschweifen, wie Du wahrnimmst,
und lä
sst mich selbst auf ländlicher Flöte spielen, was ich will, wie hoch schätzen wir dann diese Muße ein, die unter Göttern verbracht wird, die zu Göttern macht?

Folgendermaßen meine ich das, mein Lucilius, und rufe Dich auf direktem Weg in den Himmel. Sextius pflegte zu sagen, daß Juppiter nicht mehr vermöge als ein guter Mann. Juppiter hat mehr, was er Menschen gewähren kann, aber unter zwei Guten ist nicht der besser, der reicher ist; genausowenig könnte man unter zweien, die die gleiche Kenntnis haben, ein Steuerruder zu führen, den als besser bezeichnen, dessen Schiff größer und ansehnlicher ist. Wodurch übertrifft Juppiter einen guten Mann? Er ist länger gut: der Weise schätzt sich keineswegs geringer ein, weil seine sittlichen Leistungen in kürzerem Zeitraum abgeschlossen werden. So wie von zwei Weisen der, der in höherem Alter gestorben ist, nicht glücklicher ist als der, dessen sittliche Vollkommenheit durch eine geringere Zahl von Jahren begrenzt ist, so übertrifft der Gott den Weisen nicht an Glück, auch wenn er ihn an Alter übertrifft; die sittliche Vollkommenheit ist nicht größer, die länger währt. Juppiter besitzt alles, aber er hat es doch wohl anderen zum Besitz übergeben: ihn selbst betrifft nur dieser eine Nutzen, dass er für alle Anlass zur Nutzung ist: der Weise sieht und verachtet alles bei anderen mit so viel Gleichmut wie Juppiter und bewundert sich um so mehr, weil Juppiter es nicht nutzen kann, der Weise nicht nutzen will. Wir wollen also Sextius glauben, wenn er den schönsten Weg zeigt und laut ruft:

»Auf diesem Weg geht man zu den Sternen, auf diesem gemäß der Anspruchslosigkeit, auf diesem gemäß der Selbstbeherrschung, auf diesem gemäß der Tapferkeit.«

Die Götter sind nicht abweisend, nicht neidisch: sie gewähren Zugang und strecken denen, die emporsteigen, die Hand entgegen.
Du wunderst Dich, dass der Mensch zu den Göttern geht? Der Gott kommt zu den Menschen, ja was noch näher ist, er kommt in die Menschen hinein: keine gute Gesinnung existiert ohne Gott. Göttliche Samen sind in den menschlichen Körpern verstreut; wenn diese ein guter Züchter aufnimmt, kommen sie ihrem Ursprung ähnlich zum Vorschein und wachsen gleich denen heran, von denen sie abstammen: wenn ein schlechter Züchter sie aufnimmt, bringt er sie nicht anders um als unfruchtbarer und sumpfiger Boden und läßt daraufhin Unkraut statt Früchten wachsen. Leb wohl!

Aus: L. Annaeus Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, Liber VIII . Briefe an Lucilius über Ethik, 8.Buch, Lateinisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Rainer Rauthe
Reclams Universalbibliothek Nr. 2140 (73. Brief, S.51, 53). © 1991 Philipp Reclam jun., Stuttgart. Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages

Der Gunst der Götter erfreut sich, wer sich selbst gewogen ist
Aus meinem Numentanum grüße ich Dich und rufe Dich auf, eine sittliche Geisteshaltung zu haben, d. h. die Gewogenheit aller Götter, deren Huld und Zuneigung jeder hat, der sich selber gewogen ist. Lass fürs erste die Vorstellungen beiseite, denen einige anhängen, dass jedem von uns ein Gott als Begleiter mit auf den Weg gegeben wird, gewiss nicht ein olympischer Gott, sondern einer geringeren Ranges aus der Zahl derjenigen, die Ovid die »plebejischen Götter« [Götter aus dem Volke] nennt. Du solltest aber diese Vorstellung aufgrund der Vergegenwärtigung dessen beiseite schieben, daß unsere Vorfahren, die dies glaubten, Stoiker waren. Sie ordneten ja jedem Einzelnen seinen Genius und seine Juno zu. Später werden wir sehen, ob den Göttern so viel Zeit zu Gebote steht, daß sie für die Anliegen von Privatpersonen sorgen. Einstweilen sei Dir dessen bewußt — mögen wir ihrem Schutz anheimgestellt, von ihnen vernachlässigt oder der Glücksgöttin preisgegeben sein: Gegen niemand kannst Du einen vernichtenderen Fluch aussprechen, als wenn Du ihm gewünscht hättest, daß er voll Zorn gegen sich sei. Du hast keinen Grund zu wünschen, es solle einer, der nach Deiner Meinung Strafe verdient, die Götter als Feinde haben. Das ist so, meine ich, auch wenn ihn deren Gunst zu fördern scheint. Setze Deine Beobachtungsgabe ein und schau, was wirklich die Werte unseres Lebens sind, nicht was als solche bezeichnet werden! Dann wirst Du wissen, daß uns mehr Unheil als Glück zufällt denn als Unglück trifft. Wie oft war Ursache und Anfang des Gelingens das, was als Scheitern bezeichnet wurde! Wie oft hat ein unter großem Jubel aufgenommenes Ereignis eine Stufe für den Absturz angelegt und einen schon Hochgestellten noch mehr emporgehoben, als ob er noch an einem Platz stünde, von dem aus der Absturz gefahrlos ist. [...]

Du siehst aber, was für ein wahnwitziges Verhalten das Vorwärtsstreben in der Finsternis ist. Doch wir verhalten uns wahrhaftig so, dass man uns eine weite Strecke zurückrufen muß, und wenngleich wir nicht wissen, wohin wir uns treiben lassen, eilen wir dennoch weiter auf das erstrebte Ziel zu. Aber es kann Licht werden, wenn wir es wollen. Dies ist nur auf eine einzige Weise möglich, wenn einer sich diese Kenntnis der Menschen- und Götterwelt angeeignet hat, wenn er sich mit ihr nicht besprengt, sondern durchtränkt hat, wenn er dieselben Themen, mag er sie auch kennen, wieder überdacht und oft für sich nutzbar gemacht hat, wenn er danach geforscht hat, was Güter, was Übel sind, welchen Gegenständen dieser Name unrichtigerweise zugeschrieben wurde, wenn er über das sittlich Gute und Verwerfliche sowie über die Vorsehung geforscht hat. Und es bleibt die Denkkraft des Menschengeistes nicht innerhalb dieser Grenzen stehen. Er liebt es sogar, über das Weltall hinauszuschauen, den Raum, wohin er sich bewegt, woher er entstanden ist und auf welches Ziel hin die so gewaltige Schnelligkeit der Welt zueilt. Von dieser göttlichen Schau haben wir unseren Geist abgelenkt und auf gemeine und widrige Gegenstände herabgezwungen, damit er sich zum Sklaven der Habsucht machte, sich vom Weltall, seinen Grenzen und den Herrschern, die alle Dinge lenken, abwandte, die Erde durchwühlte und erforschte, welches Unheil er aus ihr ausgraben könnte, nicht sich mit dem bescheidend, was sich von selbst anbietet. All das, was für uns ein Gut sein sollte, hat uns unser Gott und Vater in nächste Reichweite gestellt. Er wartete nicht auf unser Suchen. Von sich aus hat er es uns gegeben, und was schaden sollte, in abgründige Tiefe versenkt. Wir können uns nur über uns selbst beklagen. Das, wodurch wir zugrunde gehen, haben wir gegen den Willen der Naturordnung zutage gefördert, obwohl sie es verbirgt. Wir haben unseren Geist der Genußsucht als Besitz zugesprochen, der nachzugehen der Anfang aller Übel ist, haben Ehrgeiz und der Nachrede ausgeliefert und all den gleich nutzlosen Nichtigkeiten.

Aus: L. Annaeus Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, Liber XIX . Briefe an Lucilius über Ethik, 19.Buch, Lateinisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Heinz Gunermann
Reclams Universalbibliothek Nr. 9374 (110. Brief, S.5, 9f) © 1999 Philipp Reclam jun., Stuttgart. Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages

Angeborene Vorstellungen über Götter und Unsterblichkeit
Viel pflegen wir auf das Urteil aller Menschen zu geben, und es gilt bei uns als Beweis für die Wahrheit, dass etwas allen richtig scheint. So schließen wir auf die Existenz der Götter unter anderem daraus, dass allen eine Vorstellung von den Göttern angeboren ist und dass kein Volk auf der Welt so völlig der Gesetzlichkeit und Gesittung entrückt ist, dass es nicht an irgendwelche Götter glaubte. Wenn wir die Ewigkeit der Seelen erörtern, so hat bei uns nicht geringe Bedeutung die übereinstimmende Vorstellung der Menschen, die die Seelen der Unterwelt entweder fürchten oder verehren. Ich berufe mich auf diese Überzeugung des Volkes: Du wirst keinen finden, der nicht die Weisheit sowie weise sich zu verhalten für ein Gut hielte.
Aus: L. Annaeus Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, Liber XIX . Briefe an Lucilius über Ethik, 19.Buch, Lateinisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Heinz Gunermann
Reclams Universalbibliothek Nr. 9374 (117. Brief, S.79) ©1999 Philipp Reclam jun., Stuttgart. Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages

Der Tod ist die beste Erfindung der Natur
Der Tod ist weder ein Gut, noch ein Übel. Denn [nur] das kann entweder ein Gut oder ein Übel sein, was [überhaupt] Etwas ist; was aber selbst ein Nichts ist und Alles in Nichts zurückführt, gibt uns keinem Schicksal Preis. Denn Übel und Güter finden sich [nur] an irgend einem Stoffe. Das Schicksal kann das nicht festhalten, was die Natur entlassen hat, und der kann nicht elend sein, der [überhaupt] gar nicht ist. [...]
O wie unbekannt mit ihrem Elend sind die, welche den Tod nicht als die beste Erfindung der Natur preisen und erwarten, denn mag er ein Glück endigen, oder ein Unglück zurücktreiben, mag er dem Lebensüberdruss und der Erschöpfung des Greises ein Ziel setzen, oder ein jugendliches Alter, von dem man noch Schöneres hofft, in der Blüte entführen, oder die Kindheit abrufen, ehe die härteren Altersstufen kommen: Allen ist er ein Ende, Vielen eine Hilfe, Manchen ein Wunsch, und macht sich um Keinen mehr verdient, als um den, zu welchem er kommt, ehe er gerufen wurde. [...]
Und wenn die Zeit gekommen ist, wo die Welt, um erneuert zu werden, sich vernichten wird, da wird sich jenes alles durch seine eigne Kraft zerstören, Gestirne werden mit Gestirnen zusammenrennen, und während die ganze Weltmasse in Flammen steht, wird Alles, was jetzt in geregelter Ordnung leuchtet, in einem Feuermeere brennen. Auch wir selige Geister, die wir das Ewige erreicht haben, werden, wenn es der Gottheit gefällt, jenes alles noch einmal in's Werk zu setzen, bei dem allgemeinen Einsturz selbst nur eine kleine Zugabe zu der ungeheuern Verheerung, in die alten Urbestandteile verwandelt werden.
Seneca: Ausgewählte Schriften. Stuttgart 1867,Trostachrift für Marcia, S. 5-5; Volltext: http://www.zeno.org/nid/20009267557