Dante Alighieri (1265 – 1321)

  Größter italienischer Dichter, der seit 1295 politisch tätig war und seit 1296 auch verschiedene Ämter bekleidete. Im Kampf um die Unabhängigkeit von Florenz gegen die Einmischungsversuche des Papstes Bonifatius VIII. beteiligte sich Dante an einer erfolglosen Opposition, was 1302 seine Verbannung aus Florenz und kurz danach seine Verurteilung zum Tode zur Folge hatte. Seit 1303 führte er ein Wanderleben, das ihn zunächst nach Verona an den Hof der Scaliger und 1306 zu dem Markgrafen von Malaspina in der Lunigiana brachte. 1310 zog Dante begeistert Kaiser Heinrich VII. entgegen, von dem er sich die Wiederherstellung der römischen Weltherrschaft erhoffte. 1313 bereitete der Tod Heinrichs diesem Wunschdenken ein jähes Ende. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Dante in Ravenna, wo er nach seinem Tode im Franziskanerkloster beigesetzt wurde. Dantes Hauptwerk ist die in toskanischer Mundart geschriebene »Divina Commedia« (Göttliche Komödie), ein allegorisch-lehrhaftes Gedicht in 100 Gesängen mit 14 230 Versen in Terzinen. Dante hat das Werk wahrscheinlich erst im Jahre 1311 begonnen und bis zu seinem Tode daran gearbeitet. Die drei Hauptteile: Inferno (Hölle), Purgasorio (Läuterungsberg), Paradiso (Paradies) erschienen einzeln. — Die »Divina Commedia« ist dem allegorischen Sinn des Mittelalters nach die Darstellung des Weges, der die sündige Seele zum ewigen Heil führt. Geleitet wird Dante von Vergil, der Verkörperung von Vernunft, Wissenschaft und Philosophie, den Beatrice, die verklärte Jugendliche, jetzt das Symbol der göttlichen Gnade, gesandt hat. Dieser führt ihn durch die neun Höllenkreise auf den Berg der Läuterung, der bei Dante an die Stelle des Fegefeuers tritt, im irdischen Paradies übernimmt Beatrice selbst die Führung durch die neun Himmel bis zur Anschauung der Gottheit. Auf seiner Wanderung spricht Dante mit den Seelen berühmter Verstorbener über Fragen der Theologie und Philosophie, über die Kirche, den Staat und Italien. So umfasst die »Divina Commedia« enzyklopädisch die geistigen Themen des Mittelalters. Die eingehende Beschäftigung mit dem Werk Dantes begann bald nach seinem Tod. Florenz richtete 1373 einen Dante-Lehrstuhl ein, den als erster Boccaccio innehatte. Die »Göttliche Komödie« wurde in nahezu alle Sprachen übersetzt.

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Die göttliche Komödie
Das Paradies (Paradiso)
Siebenundzwanzigster Gesang
Paradiesischer Lobgesang
Dem Vater, Sohn und Heil’gen Geiste sang
Das ganze Paradies; ihm jubelt’ alles,
So daß ich trunken ward vom süßen Klang.

Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,

Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit
Durch Aug’ und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.

O Lust! O unnennbare Seligkeit!
O friedenreiches, lieberfülltes Leben!
O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid!

Ich sah vor mir die Feuer glühend Schweben,
Und das der Vier, das erst gekommen war,
Sah ich in höherm Glanze sich beleben.

Und also stellt’ es sich den Blicken dar,
Wie Jupiter, nahm’ man an seinen Gluten
Das hohe Rot des Marsgestirnes wahr.


Petri machtvolle Strafrede gegen Papsttum und Kirche

Und jetzt gebot der Wink des ewig Guten,
Des Vorsicht dort verteilet Pflicht und Amt,
Daß aller Sel’gen Wonnechöre ruhten.

Da hört’ ich: »Siehst du höher mich entflammt,
So staune nicht – bei meinen Worten werden
Sich diese hier entflammen allesamt.

Der meines Stuhls sich anmaßt dort auf Erden,
Des Stuhls, des Stuhls, auf dem kein Hirt itzt wacht,
Vor Christi Blick, zum Schutze seiner Herden,


Hat meine Grabstatt zur KIoak’ gemacht
Von Blut und Stank, drob der zu ew’gen Qualen
Einst von hier oben fiel, dort unten lacht.«


Wie früh und abends sich die Wolken malen,
Die g’rad’ der Sonne gegenüberstehn,
So sah ich jetzt den ganzen Himmel strahIen.

Wie wir ein ehrbar Weib sich wandeln sehn,
Das, sicher seiner selbst, nichts zu verschulden,
Nur hörend, schüchtern wird durch fremd Vergehn;

So meiner Herrin Angesicht voll Hulden;
Und so verfinstert, glaub’ ich, wie sie dort,
War einst der Himmel bei der Allmacht Dulden.

Er aber fuhr in seiner Rede fort,
Und wie verwandelt erst der heitre Schimmer,
So war verwandelt jetzt das heil’ge Wort.

» Die Braut des Herrn hat zu dem Zwecke nimmer
Mein Blut, des Lin und Cletus Blut, genährt,
Daß man durch sie erwerbe Gold und Flimmer,

Nein, dieses frohe Sein, das ewig währt;
Dem hat des Sirt und Pius Blut gegolten,
Dies hat Calixt, dies hat Urban begehrt.

Das war’s nicht, was wir von den Folgern wollten,
Daß sie um sich das Christenvolk getrennt
Zur Rechten und zur Linken setzen sollten.

Nicht sollten jene Schlüssel, mir vergönnt,
Als Kriegeszeichen in den Fahnen stehen,
Womit man gegen Mitgetaufte rennt.

Nicht sollte man mein Bild auf Siegeln sehen,
Erkauftem Lügenfreibrief beigedrückt,
Drob ich erröt’ und glüh’ in diesen Höhen
.

Jetzt sieht man, mit dem Hirtenkleid geschmückt,
Raubgier’ge Wölfe dort die Herden hüten.
O Gott, was ruht dein Schwert noch ungezückt!

Und Caorsiner und Gascogner brüten
Schon Tücken aus, voll Gier nach meinem Blut.
Schnöde, schlechte Frucht von schönen Blüten!

Allein die Vorsicht, die durch Scipios Mut
Den Ruhm der Welt beschützt in Romas Siegen,
Bald hilft sie, wie mir kund mein Spiegel tut.


Du, Sohn, wenn du zur Erd’ hinabgestiegen,
Erschleuß den Mund und sprich, wie sich’s gebührt,
Und nicht verschweige, was ich nicht verschwiegen.«

Wie, wenn der Wolken feuchter Dunst gefriert,
Durch unsre Luft die Flocken niederfallen,
Zur Zeit, da Sol des Steinbocks Horn berührt;

So, aufwärts, sah ich an des Äthers Hallen
Mit jenem Licht, das eben zu mir sprach,
Der andern Schar, wie Schimmerflocken, wallen.

Mein Auge folgte diesem Anblick nach,
Bis sie so weit im Raum emporgeflogen,
Daß er den Pfad des Blickes unterbrach.

Da sprach die Herrin, die mich abgezogen
Von oben sah: »Jetzt schau’ hinab – hab’ acht,
Wie weit du fortzogst mit des Himmels Bogen.«

Vom ersten Rückblick an, des ich gedacht,
Hatt’ ich den Weg der Hälft’ im halben Kreise
Von seiner Mitte bis zum Rand gemacht.

Von Kadix jenseits lag das Furt zur Reise
Ulyß, des Toren – diesseits nah der Strand,
Dem Zeus entrann, beschwert mit süßem Preise.

Noch mehr von unserm Ball hätt’ ich erkannt,
Doch unten war die Sonne vorgegangen,
Der fern um mehr noch als ein Zeichen stand.

Mein liebend Herz, das immer mit Verlangen
Der Herrin schlug, war mehr als je entglüht,
Ihr wieder mit den Augen anzuhangen.

Was jemals der Natur und Kunst entblüht
An Leib und Bild, dem Aug’ als Reiz zu dienen
Und durch den Blick zu fesseln das Gemüt,

Vereint war’ alles dies als nichts erschienen
Bei jener Götterlust, die mich beglückt’,
Als ich hinschaut’ ins Lächeln ihrer Mienen.

Zum Kristallhimmel, dem primum mobile und Sitz der Engel

Und durch die Kraft, die aus dem Blicke zückt,
Hatt’ ich dem Nest der Leda mich entrungen
Und war zum schnellsten Himmelskreis entrückt.

Ich weiß, da er von Lebensglanz durchdrungen
Gleichförmig war, nicht, wo mit mir in ihn,
Nach ihrer Wahl, die Herrin eingedrungen.

Doch sie, der klar mein Herzenswunsch erschien,
Begann jetzt lächelnd in so sel’gen Wonnen,
Daß Gott in ihrem Blick zu lächeln schien:

» Sieh hier des Zirkellaufs Natur begonnen,
Durch die der Mittelpunkt in Ruhe weilt,
Und alles rings umher den Flug gewonnen.

In diesem Himmel, der am schnellsten eilt,
Wohnt Gottes Geist nur, der die Lieb’ entzündet,
Die ihn bewegt – die Kraft, die er verteilt.


Ein Kreis von Licht und Liebesglut umwindet
Ihn, wie die andern er; allein verstehn
Kann diesen Kreis nur er, der ihn gerundet.


Nichts läßt das Maß von seinem Lauf uns sehn;
Nach ihm nur mißt sich der der andern Sphären,
Wie man nach Hälft’ und Fünfteil mißt die Zehn.

Wie sich in diesem Kreis die Wurzeln nähren
Der Zeit, wie ihr Gezweig zu ändern strebt,
Das kannst du jetzt dir selber leicht erklären. - -

O Gier, die tief die Sterblichen begräbt
In ihrem Schlund, so kraftlos fortgerissen,
Daß sich kein Blick aus deinem Wirbel hebt!

Wohl blüht des Menschen Will’, allein in Güssen
Strömt Regen drauf, der unaufhörlich rinnt,
Drob echte Pflaumen Butten werden müssen.

UnschuId und Treue trifft man nur im Kind,
Doch sie entweichen von den Kindern allen,
Bevor mit Flaum bedeckt die Wangen sind.

Die fasten noch beim ersten Kinderlallen,
Die, mit gelösten Zungen, gierig dann
In jedem Mond auf jede Speise fallen.

Der liebt die Mutter noch und hört sie an,
Solang er lallt, der ihren Tod im Herzen
Bei voller Sprache kaum erwarten kann.

Drum muß, erst weiß, das Angesicht sich schwärzen
Der schönen Tochter des, der, kommend, bringt
Und, gehend, mit sich nimmt des Tages Kerzen.

Weissagung des Erretters
Du denke, wenn dich dies zum Staunen zwingt,
Daß dort kein Herrscher ist, um euch zu leiten,
Drob das Geschlecht, verirrt, mit Jammer ringt,


Doch eh’ der Jänner fällt in Frühlingszeiten
Durch das von euch vergeßne Hundertteil,
Wird solchen Donner dieser Kreis verbreiten,

Daß das Geschick, erharrt zu eurem Heil,
Damit’s auf g’raden Lauf die Flotte richte,
Den Spiegel dreht, wo jetzt das Vorderteil,

Und auf die Blüten folgen echte Früchte.«


Achtundzwanzigster Gesang
Im Kristallhimmel
Nachdem sie tadelnd mir das jetz’ge Leben
Der armen Menschen wahrhaft kundgemacht,
Sie, welche mir das Paradies gegeben,

Da, dem gleich, der im Spiegelglas bei Nacht
Der Fackel Schein sieht hinter sich entglommen,
Bevor er sie gesehn und dran gedacht,

Und rückblickt, ob das, was er wahrgenommen,
Auch wirklich sei, und sieht, daß Glas und Tat
So überein, wie Ton und Tonmaß, kommen;

War ich, und seinem Tun gleich, was ich tat,
Als ich ins Auge sah, woraus die Schlingen,
Um mich zu sah’n, die Lieb’ entnommen hat.

Ich sah jetzt das mir in die Augen dringen,
Als ich die Blicke suchend rückwärts warf,
Was die erspäh’n, die diesen Kreis erringen.

Mir strahlt’ ein Punkt, so glanzentglüht und scharf,
Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen
Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.

Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,
Ein Mond erschien’ es, könnt’ es seinem Licht
So nah wie Stern dem Stern sich beigesellen.

So weit, als Sonn’ und Mond ein Hof umflicht,
Vom eignen Glanz der beiden Stern’ entsprungen,
Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,

War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen
In reger Glut, daß er auch überwand
Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.

Und dieser war vom zweiten rings umspannt,
Um den der dritte dann, der vierte wallten,
Die dann der fünfte, dann der sechst’ umwand.


Drauf sah man sich den siebenten gestalten,
So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz,
Doch viel zu enge war’, ihn zu enthalten.


Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,
Je träger jeder Kreis im Schwung, je weiter
Er ferne stand von jenem einen Glanz.


Und jedes Licht ist reiner mehr und heiter,
Je minder fern er ist von seiner Spur,
Und in der reinen Glut je eingeweihter.

Sie, die, mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,
Sprach ungefragt: »Von diesem Punkte hangen
Die Himmel ab, die sämtliche Natur.

Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen;
Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt,
Es ist der heil’gen Liebe Glutverlangen.«


Engel- und Körperwelt in ihrer Beziehung
Und ich zu ihr: »Wäre die Welt gefügt
Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,
So hätte völlig mir dein Wort genügt.

Doch in der Welt, der sichtbaren, beweisen
Die Schwingungen je größre Göttlichkeit,
Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.

Drum soll in dieser Engels-Herrlichkeit,
Im Tempel, den nur Lieb’ und Licht umschränken,
Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,

So sprich: Wie kommt’s – ich kann mir’s nicht erdenken -
Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht.
Und andere Gesetze beide lenken?«


»Genügt dein Finger solchem Knoten nicht,
So ist’s kein Wunder – weil ihn zu entstricken
Niemand versuchte, ward er fest und dicht.«

Sie sprach’s, und dann: »Nimm, um dich zu erquicken,
Das, was ich dir verkünden werd’; allein
Betracht’ es ganz genau mit scharfen Blicken.

Ein Körperkreis muß weiter, enger sein,
Je wie die Kraft, die sich durch seine Teile
Gleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein.

Die größre Güte wirkt in größerm Heile,
Und größres Heil füllt größeres Gebiet,
Ward jeder Gegend gleiche Kraft zu Teile.

Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht
In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise
Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.


Darum, wenn du dein Maß dem innern Preise,
Und nicht dem äußern Umfang angelegt
Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,

So wirst du, zur Bewunderung erregt,
Das Mehr und Minder sich entsprechen sehen
In jedem Kreis und dem, was ihn bewegt.« -

Wie rein das Blau erglänzt aus Äthers Höhen,
Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt,
Aus der gelinder seine Hauche wehen,

So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst,
Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen
Der Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt;

So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,
Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar,
Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.

Und als ihr heil’ges Wort beendet war,
Da stellten anders nicht als siedend Eisen
Sich jene Kreise, funkensprühend, dar.

Die Funken folgten den entflammten Kreisen
In größrer Meng’, als durch Verdoppelung
Schachfelder sich vertausendfacht erweisen.

Dem festen Punkt, der sie ohn’ Änderung
Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten,
Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.

Belehrung über die Engelshierarchie in den neun Kreisen

» Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten,«
Sie sprach’s, stets wissend, was mein Geist ersinnt,
» Und Seraphim und Cherubim drin walten.

Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,
So viel sie können, ihm sich anzuschließen,
Und können's, wie sie hoch im Schauen sind.

Die Gluten drauf, die diese rings umfließen,
Die Throne sind’s von Gottes Angesicht,
Benannt, weil sie die erste Dreizahl schließen.

So groß ist aller Wonn’, als ihr Gesicht
Tief in die ew’ge Wahrheit eingedrungen,
Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.


Durch Schau’n wird also Seligkeit errungen,
Nicht durch die Liebe; denn sie folgt erst dann,
Wenn sie dem Schau’n, wie ihrem Quell, entsprungen.

Und das Verdienst, das durch die Gnade man
Und Willensgüt’ erwirbt, ist Maß dem Schauen.
So steiget man von Grad zu Grad hinan.

Die andre Dreizahl, die in diesen Auen
Des ew’gen Lenzes blüht, und welcher nie
Das Laub entfällt bei nächt’gen Widders Grauen,

Singt ewig in dreifacher Melodie
Hosiannagesang in dreien sel’gen Scharen,
Und also eins aus dreien bilden sie.

Herrschaften sind’s, die erst sich offenbaren,
Die Tugenden sind dann im zweiten Kranz,
Im dritten sind die Mächte zu gewahren.

Die Fürstentümer sieh zunächst im Tanz,
Dann die Erzengel ihre Lieb’ erproben;
Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz.

Die Ordnungen schau’n allesamt nach oben;
Nach unten wirken sie, was lebt, mit sich
Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben.


Und Dionysius rang so brünstiglich,
Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,
Daß er sie nannt’ und unterschied wie ich.

Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte,
Doch er belächelte dann seinen Wahn.
Sobald er erst in diesem Reich erwachte.

Hat solch Geheimnis kund ein Mensch getan,
So staune nicht; von ihm, der alles schaute,
Hatt’ er davon auf Erden Kund’ empfah’n,

Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute.«


Neunundzwanzigster Gesang
Fortsetzung und Ende der Belehrung
So lang, wenn beide Kinder der Latone
Bedeckt von Wag’ und Widder stehn, am Rand
Des Horizonts, vereint in einer Zone,

Die Wage des Zenit in gleichem Stand
Sie beide zeigt, bis dann vom Gleichgewichte,
Den Halbkreis tauschend, sie sich abgewandt:

So lang, des Lächelns Glut im Angesichte,
Sah schweigend fest den Punkt Beatrix an,
Der meinen Blick besiegt mit seinem Lichte.

»Ich red’ und frage nicht,« so sprach sie dann,
»Da, was du hören willst, ich dort erkenne
Im Punkt, wo anhebt jedes Wo und Wann.

Nicht daß er – was nicht sein kann – selbst gewönne,
Nein, daß der Glanz von seiner Herrlichkeit
Im Widerglanz Ich bin verkünden könne,

Hat er, der Ew’ge, außerhalb der Zeit
Sowie des Raum's, wie’s ihm gefiel, die Gluten
Erschaffner Lieb’ an ewiger geweiht.

Nicht müßig vorher seine Kräfte ruhten;
Kein Vorher und kein Nachher, eh ergoß
Der Geist des Herrn sich, schwebend ob den Fluten.

Auch Form und Stoff, rein und vermischt, entsproß
durch einen Akt ins Dasein und vollkommen,
Drei Pfeile von dreisehnigem Geschoß.

Und wie im Widerschein des Strahls, vom Kommen
Zum vollen Sein, kein Zwischenraum zu sehn,
Wenn rein Kristall im Sonnenglanz entglommen;

So ließ der Herr hervor drei Strahlen gehn,
All im vollkommnen Glanz zugleich gesendet,
Und sonder Unterscheidung im Entstehn.


Der Wesen Ordnung ward zugleich vollendet,
Und hoch am Gipfel wurden die gereiht,
Welchen er reine Tätigkeit gespendet.

Die Tiefe ward reiner Empfänglichkeit,
Empfänglichkeit und Tatkraft ist mittinnen,
Verknüpft und nie von diesem Band befreit.


Engelschöpfung, Engelfall, gute Engel und Zahl der Engel
Zwar Hieronymus läßt vom Beginnen
Die Engel bis von dem der andern Welt
Den Zeitraum von Jahrhunderten entrinnen;

Doch läßt die Wahrheit, die ich dargestellt,
Sich vielfach aus der Heil’gen Schrift bewähren,
Wie’s dir auch, wenn du wohl bemerkst, erhellt.

Auch die Vernunft kann dies beinah erklären;
Nicht konnten ja so lang, so folgert sie,
Die Lenker des, was lenkbar ist, entbehren.

Der Liebesschöpfung Wo und Wann und Wie
Erkennst du – nun, so daß in dem Gehörten
Dir schon dreifache Labung angedieh.
-


Allein bevor man zwanzig zählt’ empörten
Die Engel sich zum Teil, so daß sie nun
Im Fall der Elemente trägstes störten.


Die Bleibenden begannen drauf das Tun,
Das du erkennst, so selig in Entzücken,.
Daß sie in ihrem Kreislauf nimmer ruh’n.

Grund war des Falls, daß jener sich berücken
Von frevlem Hochmut ließ, der dir erschien,
Dort, wo auf ihn des Weltalls Bürden drücken –

Die du bei Gott hier siehest, sah’n auf ihn
Bescheiden und mit Dank für seine Gaben,
Da er nur Kraft zu solchem Schau’n verlieh’n.

Drum wurden sie zum Schauen so erhaben
Durch Gnadenlicht und ihr Verdienst gestellt,
Daß sie vollkommen festen Willen haben.

Und zweifelfrei besteht's in eurer Welt:
Verdienstlich ist’s, die Gnade zu empfangen,
Je wie sich offen ihr der Wille erhält.

Jetzt, wenn ins Herz dir meine Lehren drangen,
Errennst du ganz den englischen Verein
Und brauchst nicht andre Hilfe zu verlangen.

Doch weil den Engeln jene, die ihr Sein
Auf Erden dort in Schulen euch erklären,
Verstand, Erinnerung und Willen leih’n,

So zeig’ ich, um dich völlig zu belehren,
Dir noch die Wahrheit rein und unbefleckt,
Die jene dort verwirren und verkehren.

Die Wesen, die des Anschau’ns Lust geschmeckt,
Verwenden nie den Blick vom ew’gen Schimmer
Des Angesichts, in dem sich nichts versteckt.

Drum unterbricht das Neu’ ihr Schauen nimmer,
Drum brauchen sie auch die Erinnrung nicht,
Denn ungeteilt bleibt ja ihr Denken immer. -

So träumt ihr unten wach beim Tageslicht;
Ihr glaubt und glaubt auch nicht, was ihr verbreitet,
Doch ärger kränkt dies Letzte Recht und Pflicht.

Der eine Weg ist’s nicht, auf dem ihr schreitet
Bei eurem Forschen; drob ihr irregeht,
Von Lust am Schein und Eitelkeit verleitet.

Doch, wenn die heil'gen Schriften man verschmäht,
Dies hat den Himmel stets noch mehr verdrossen
Wenn man hintan sie setzt und sie verdreht.

Nicht denkt man, wieviel teures Blut geflossen,
Sie auszusäh’n; nicht, wie Gott dem geneigt,
Der demutsvoll an sie sich angeschlossen.


Zu glänzen strebt ein jeder jetzt und zeigt
Sich in Erfindungen, die der verkehrte
Pfaff predigt, der vom Evangelium schweigt.


Der sagt, daß rückwärts Lunas Lauf sich kehrte
Bei Christi Leiden und sich zwischenschob
Und drum der Sonn’ herabzuscheinen wehrte.

Der
, daß von selbst das Licht erlosch und drob
Den Spanier, den Juden und den Inder
Zu gleicher Zeit die Finsternis umwob.

Lapi und Bindi hat Florenz weit minder,
Als Fabeln, die man von den Kanzeln schreit
Das Jahr hindurch, des Aberwitzes Kinder,

So daß die Schäflein, blind zu ihrem Leid,

Wind schlucken, wo sie sich zu weiden meinen.
Und nicht entschuldigt sie Unwissenheit.

Nicht sprach der Herr zur Ersten der Gemeinen:
Geht hin und tut der Erde Possen kund! –
Nein, wahre Lehre spendet er den Seinen.

Von ihr ertönt’ im Kampf des Jüngers Mund,
Wenn er, die Welt zum Glauben hinzulenken,
Mit Schild und Speer des Evangeliums stund.


Jetzt predigt man von Possen und von Schwänken,
Und die Kapuze schwillt, wenn alles lacht,
Und, der sie trägt, braucht sonst an nichts zu denken.

Drin hat solch Vögelein sein Nest gemacht,
Daß, säh’ man’s, es den Wert dem Ablaß raubte,
Den man beim Volk so hoch in Preis gebracht.

Drob wuchs die Dummheit so in manchem Haupte,
Daß, möcht’ ein Priesterwort das tollste sein,
Man ohne Prüfung und Beweise glaubte.


Und damit mästet Sankt Anton das Schwein,
Und andre, die noch ärger sind denn Sauen,
Falschmünzer, reich an trügerischem Schein. - -

Doch seitwärts führt’ ich dich von diesen Auen;
Drum, daß zugleich sich kürze Zeit und Pfad,
Mußt du jetzt wieder g’rade vorwärts schauen –

So sehr vervielfacht sind von Grad zu Grad
Der unzählbaren sel’gen Engel Scharen,
Daß ihrer Zahl nicht Sinn noch Sprache naht.

Und Daniel will, dies kannst du wohl gewahren,
Wenn er zehntausendmal zehntausend spricht,
Uns nicht bestimmte Zahlen offenbaren.

Das ihnen allen strahlt, das erste Licht,

So vielfach wird’s von ihnen aufgenommen,
Als Engel schau’n in Gottes Angesicht.

Drum, da vom Schau’n der Liebe Gluten kommen,
Ist auch verschieden ihre Süßigkeit
Hier lauer, dorten glühender entglommen.

Sieh denn die Hoheit, die Unendlichkeit

Der ew’gen Kraft, die, teilend ihren Schimmer,
So unzählbaren Spiegeln ihn verleiht,

Und ein’ in sich bleibt ewiglich und immer.«

Dreißigster Gesang
Das Empyreum. der oberste Himmel, Sitz der Seligen und Gottes selbst

Uns fern, etwa sechstausend Meilen, steiget
Der Mittag auf, indes schon diese Welt
Den Schatten fast zum ebnen Bette neiget,

Wenn nach und nach sich uns der Ost erhellt;
Dann wird der Glanz erst manchem Stern benommen,
Des Strahl nicht mehr bis zu uns niederfällt,

Und wie Aurora mehr emporgeklommen,
Verschließt der Himmel sich von Glanz zu Glanz,
Bis auch des schönsten Sternes Licht verglommen.

So der Triumph, der ewiglich im Tanz
Den Punkt umkreist, der alles hält umschlungen,
Was scheinbar ihn umschIingt als lichter Kranz.

Er schwand allmählich, meinem Aug’ entschwungen,
Drum kehrt’ ich zu der Herrin das Gesicht,
Von Nichtschau’n und von Liebesdrang gezwungen.

War’ alles, was bis jetzo mein Gedicht
Von ihr gelobt, in ein Lob einzuschließen,
Doch g’nügend wär’s für diesen Anblick nicht.

Denn Reize, wie sie hier sich sehen ließen,

Weit überschreiten sie der Menschen Art;
Ihr Schöpfer nur kann ihrer ganz genießen.

Ich bin besiegt von dem, was ich gewahrt,
Mehr als ein Komiker von seinen Stoffen,
Als ein Tragöd’ je überwunden ward.

Gleichwie ein Blick, den Sonnenstrahlen offen,
Vergeht vor ihren Blitzen, so geschieht
Dem Geist, von dieses Lächelns Reiz getroffen.

Vom ersten sag, da mir der Herr beschied,
Ihr Angesicht zu schau’n in diesem Leben,
Folgt ihr bis hin zu diesem Blick mein Lied.

Doch muß ich jetzt des Folgens mich begeben,
- Kein Künstler, der sein höchstes Ziel errang! -
Und höher ihrer Schönheit nachzustreben.


Und so, wie ich sie lasse vollerm Klang,
Als meiner Tuba, die ich also richte,
Wie sie beenden kann den schweren Sang,

Sprach sie, mit Ton, Gebärd’ und Angesichte
Eifrigen Führers froh zu mir: »Du bist

Gelangt zum Himmel nun von reinem Lichte,

Von geist’gem Licht, das nur ein Lieben ist,
Ein Lieben jenes Gut’s, des ewig wahren,
Von Luft, mit der kein Erdenglück sich mißt.

Du siehst hier beide Himmelskrieger-Scharen
Und siehst die ein’ in dem Gewande heut,
Wie du sie wirst beim Weltgericht gewahren


Wie jäher Blitz des Auges Kraft zerstreut,
So daß er jeden Gegenstand umdunkelt,
Den stärksten Selbst, der sich dem Blicke beut;

So ward ich von lebend’gem Licht umfunkelt,
Des Glanz mir tat, wie uns ein Schleier tut,
Denn alles außer ihm war mir verdunkelt.

» Die Lieb’, in welcher dieser Himmel ruht
Pflegt so in sich zum Heile zu empfangen
Und macht die Kerz’ empfänglich ihrer Glut.«

Wie mir die kurzen Wort’ ins Innre drangen,
Da fühlt’ ich, daß sich Geist mir und Gemüt
Weit über die gewohnten Kräfte schwangen.

Und neue Sehkraft war in mir entglüht,
So, daß mein Auge, stark und ohne Qualen,
Dem Licht sich auftat, das am reinsten blüht.

Ich sah das Licht als einen Fluß von Strahlen
Glanzwogend zwischen zweien Ufern zieh’n,
Und einen Wunderlenz sie beide malen

Und aus dem Strom lebend’ge Funken sprüh’n;
Und in die Blumen senkten sich die Funken,
Gleichwie in goldne Fassung der Rubin.

Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken,
Sich wieder in die Wunderfluten ein,
Und der erhob sich neu, wenn der versunken.

» Dein heißer Wunsch, in dem dich einzuweih’n,
Was deine Blicke hier auf sich gezogen,
Muß mir, je mehr er drängt, je lieber sein.

Doch trinken mußt du erst aus diesen Wogen,
Eh’ solch ein Durst in dir sich stillen kann.«

So sprach die Sonn’, aus der ich Licht gesogen.

» Der Fluß und diese Funken«,
sprach sie dann,
"Und dieser Pflanzen heitre Pracht, sie zeigen
Die Wahrheit dir voraus, wie Schatten, an.

An sich ist ihnen zwar nichts Schweres eigen,
Sie zu erkennen, fehlt nur dir die Macht,
Weil noch so stolz nicht deine Blicke steigen.«


Kein Kind, das durstig langer Schlaf gemacht,
Kann sein Gesicht zur Brust so eilig kehren,
Wenn’s über die Gewohnheit spät erwacht,

Als, um der Augen Spiegel mehr zu klären,
Ich mein Gesicht zu jenem Flusse bog,
Dort strömend, um der Seele Kraft zu mehren.

Und wie der Rand der Augenlider sog
Von seiner Flut, da war zum Kreis gewunden,
Was sich zuvor in langen Streifen zog.

Dann, Leuten gleich, die sich verlarvt befunden,
Verändert erst, wenn sie auszieh’n das Kleid,
Worin sie unter fremdem Schein verschwunden;

Verwandelten zu größrer Herrlichkeit
Sich Blumen mir und Funken, und ich schaute
Die HimmeIsscharen beide dort gereiht.

O Gottes Glanz, o du, durch den ich schaute
Des ewig wahren Reichs Triumphespracht,
Gib jetzt mir Kraft, zu sagen, wie ich schaute.

Licht ist dort, das den Schöpfer sichtbar macht,
Damit er ganz sich dem Geschöpf verkläre,
Dem nur in seinem Schau’n der Friede lacht.


Es dehnt sich weithin aus in Form der Sphäre
Und schließt so viel in seinem Umkreis ein,
Daß es zu weit als Sonnengürtel wäre.

Und einem Strahl entquillt sein ganzer Schein,
Rückscheinend von des schnellsten Kreises Rande,
Um Sein und Wirkung diesem zu verleih’n.

Und wie ein Hügel, an der Wogen Strande,

Sich spiegelt, wie um sich geschmückt zu sehn
Im blütenreichen, grünenden Gewande;

Also sich spiegelnd, sah ich in den Höh’n
In tausend Stufen die das Licht umringen,
Die von der Erd’ in jene Heimat gehn.

Die Himmelrose
Und kann der tiefste Grad solch Licht umschlingen,
Zu welcher Weite muß der letzte Kranz
Der Blätter dieser Himmelsrose dringen?

Mein Aug’ ermaß die Weit’ und Höhe ganz
Und unverwirrt, und konnte sich erheben
Zum Wie und Wieviel von diesem Wonneglanz.

Nicht Fern noch Nah kann nehmen dort noch geben,
Denn da, wo Gott regiert, unmittelbar,
Tritt fürder kein Naturgesetz ins Leben. - -

Ins Gelb der Rose, die sich immerdar
Ausdehnt, abstuft und Duft des Preises sendet
Zur Sonne, die stets heiter ist und klar,

Zog, wie wer schweigt, doch sich zum Sprechen wendet,
Beatrix mich und sprach: »Sieh hier verschönt
In weißem Kleid, die dorten wohl geendet.

Sieh, wie so weithin unsre Stadt sich dehnt,
Sieh, so gefüllt die Bänk’ in unserm Saale,
Daß man jetzt hier nach wenigen sich sehnt.

Auf jenem großen Stuhl, wo du dem Strahle
Der Krone, die dort glänzt, dein Auge leihst,
Dort, eh’ du kommst zu diesem Hochzeitsmahle,

Wird sitzen des erhabnen Heinrichs Geist,

Des Cäsars, der Italien zu gestalten
Kommt, eh’ es sich dazu geneigt beweist.

Die blinde Gier ist’s, die mit Zauberwalten
Euch gleich dem Kind macht, das die Brust verschmäht,
Die Nahrung hat, sein Leben zu erhalten.

Dem göttlichen Gerichtshof aber steht
Solch Obrer vor dann, daß er im Geheimen
Und offen nie mit ihm zusammengeht.


Doch stürzt des Himmels Rach’ ihn ohne Säumen
Vom Heil’gen Stuhl zur qualenvollen Welt,
Wo Simon Magus stöhnt in dunkeln Räumen,

Drob tiefer noch der von Alagna fällt.«


Einunddreißigster Gesang
Beschreibung der Himmelsrose
So sah ich denn, geformt als weiße Rose,
Die heil’ge Kriegsschar, die als Christi Braut
Durch Christi Blut sich freut in seinem Schoße.

Allein die andre, welche, fliegend, schaut’
Und singt des Ruhm, der sie in Lieb’ entzündet,
Die Huld, die hehre Kraft ihr anvertraut,

Sie senkt, ein Bienenschwarm, der jetzt ergründet
Der Blüten Kelch, jetzt wieder dorthin eilt,
Wo würz’ger Honigseim sein Tun verkündet,

Sich in die Blum’, im reichen Kelch verteilt,
Und flog dann aufwärts aus dem schönen Zeichen,
Dorthin, wo ihre Lieb’ all-ewig weilt;

Lebend’ger Flamm’, ihr Antlitz zu vergleichen,
Die Flügel Gold, das andre weiß und rein,
So daß nicht Reif noch Schnee den Glanz erreichen.

Und in die Rose zog von Reih’n zu Reih’n
Frieden und Glut, von ihnen eingesogen
Im Flug zur Hohe, stets mit ihnen ein.

Und, ob sie zwischen Blum’ und Höhe flogen,
Doch ward durch die beschwingte Menge nicht
Des Höchsten Blick und Glanz der Ros’ entzogen.

Denn so durchdringend ist das höchste Licht,
Das seinen Schimmer nach Verdienste spendet,
Daß nichts im Weltenall es unterbricht.

Dies Freudenreich, gesichert und vollendet,
Bevölkert von Bewohnern, neu und alt,
Hielt Lieb’ und Blick ganz auf ein Ziel gewendet.

O dreifach Licht, du, einem Stern entwallt,
Die dort dich schau'n, in sel’gem Frieden hegend,
Schau’ her auf uns, die wilder Sturm umhallt. –

Wenn die Barbaren, kommend aus der Gegend,
Die stets die Bärin deckt, in gleicher Bahn
Sich mit dem lieben Sohn im Kreis bewegend,

Zu jenen Zeiten, als noch der Lateran
Die Welt beherrscht’, von Staunen überwunden,
Rom und der Römer große Werke sah’n;

Wie ich, der ich, dem Menschlichen entwunden,
Zum Höchsten kam, von Zeit zur Ewigkeit,
Von Florenz zu Wackern und Gesunden,

Wie mußt’ ich staunen solcher Herrlichkeit?
Lust fühlt’ ich, nicht zu sprechen, nichts zu hören,
Geteilt in Staunen und in Freudigkeit.

Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren
Im Tempel des Gelübdes, schauend, letzt,
Und hofft von ihm einst Andre zu belehren;

So war ich, zum lebend’gen Licht versetzt,
Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend,
Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.

Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend,
In fremdem Licht und eignem Lächeln schön,
Gebärden, sich mit jeder Tugend zierend.

Im allgemeinen könnt’ ich schon ersehn,
Wie sich des Paradieses Form gestalte,
Doch blieb mein Blick noch nicht beim einzlen stehn;

Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,
So kehrt’ ich, um zu fragen, mich nach Ihr,
Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte?

Sie fragt’ ich, und ein Andrer sprach zu mir.
Sie suchend, fand ich mich bei einem Greise,
Gekleidet in der andern Sel’gen Zier.

Auf Aug’ und Wang’ ergoß sich gleicherweise
So Gut’ als Freude – fromm war Art und Tun,
Wie’s Vätern ziemt, in lieber Kinder Kreise.

Beatrix in der Himmelrose
» Und wo ist sie?« so sprach ich eilig nun.
Drum er: »Beatrix hat mich hergesendet
Von meinem Platz, um dir genugzutun.


Du wirst, den Blick zum dritten Sitz gewendet
Des höchsten Grads, sie auf dem Throne schau’n,
Der ihren Lohn für ihr Verdienst vollendet.«


Ohn’ Antwort hob ich rasch die Augenbrau’n –
Sah sie – sah ew’ge Strahlen ihr entwallen
Im Widerschein und ihr die Krone bau’n.

Vom Raum, aus dem die höchsten Donner hauen,
War nimmer noch ein Menschenblick so weit,
Und war’ er auch ins tiefste Meer gefallen,

Als ich von meiner Herrin Herrlichkeit,
Doch sah ich klar ihr Bildnis niederschweben
Rein, unvermischt, in lichter Deutlichkeit.

»O Herrliche, du, meiner Hoffnung Leben,
Du, der’s zu meinem Heile nicht gegraut,
Dich in den Schlund der Hölle zu begeben,

Dir dank’ ich alles, was ich dort geschaut,
Wohin du mich durch Macht und Güte brachtest,
Und deine Gnad’ und Tugend preis’ ich laut.

Die du zum Freien mich, den Sklaven, machtest,
Mir halfst auf jedem Weg, in jeder Art,
Die du zu diesem Zweck geeignet dachtest,


Hilf, daß, was du geschenkt, mein Herz bewahrt,
Damit sich dir die Seele dort geseIIe,
Die Seele, die gesund durch dich nur ward.«


So betet' ich – und Sie, von ferner Stelle,
Sie lächelte, wie’s schien, und sah mich an,
Dann wandte sie sich ab zur ew’gen Quelle.

Der treue Bernhard und die Himmelskönigin

»Damit du ganz vollendest deine Bahn,«
Begann der Greis, »auf der dich fortzuleiten
Ich Auftrag von der heil’gen Lieb’ empfah’n,

Laß deinen Blick durch diesen Garten gleiten,
Denn stärken wird dir dies des Auges Sinn,
Und ihn auf Gottes Strahlen vorbereiten.

Und Sie, die mich entflammt, die Königin
Des Himmels,
läßt uns ihre Gnade frommen,
Weil ich ihr vielgetreuer Bernhard bin.«


Wie der, der von Kroatien hergekommen,
Um unser Schweißtuch zu betrachten, nicht
Satt wird, zu sehn, wovon er längst vernommen,

Und, wenn man’s zeigt, zu sich im Innern spricht:
Herr Jesus Christus, wahrer Gott, hienieden
War wirklich so geformt dein Angesicht?

So ich, als mir der Anblick ward beschieden
Der Liebe dessen, der in dieser Welt,
Betrachtend, schon gekostet jenen Frieden.

Er sprach: »Was Schönes dieses Reich enthält,
Wird, Sohn der Gnade, sich dir nimmer zeigen,
Wenn sich dein Blick nur tief am Grunde hält.

Doch laß den Blick von Kreis zu Kreise steigen,
Bis daß er sich zur Königin erhöht,
Vor der sich fromm des Himmels Bürger neigen.«

Aufschaut’ ich, und, wie, wenn die Früh’ ersteht,
Der Ost den Himmelsteil mit goldnen Strahlen
Besiegt, in dem die Sonne niedergeht,

So, steigend mit dem Blick, wie wir aus Talen
Die Berg’ ersteigen, sah ich einen Ort
Im höchsten Rand all Andres überstrahlen.

Und als ob früh der Ost, da, wo sofort
Die Sonne steigen soll, sich mehr entflamme,
Wenn sich das Licht vermindert hier und dort;

So sah ich jene Friedens-OrifIamme
Inmitten mehr erglüh’n, und bleicher ward
Bei ihrem Glanz der andern Lichter Flamme.

Ich sah viel tausend Engel, dort geschart,
Sie feiernd, mit verbreitetem Gefieder,
Verschieden jeglichen an Glanz und Art.

Und Schönheit lachte bei dem Klang der Lieder
Und bei dem Spiel und strahlt’ in Seligkeit
Aus aller andern Sel’gen Augen wieder.

Und reichte meiner Sprache Kraft so weit,
Als meine Phantasie, doch nie beschriebe
Ich nur den kleinsten Teil der Herrlichkeit.

Bernhard, bemerkend, daß mit heil’gem Triebe
An seiner glüh’nden Glut mein Auge hing,
Erhob auch sein’s zu Ihr mit solcher Liebe,

Daß mein’s zum Schauen neue Glut empfing.

Zweiunddreißigster Gesang
Bernhard erklärt die Rose im Einzelnen
Indes sein Blick nach seiner Wonne flammte,
Tat er mit heil’gem Wort mir dieses kund,
Sich unterziehend freiem Lehreramte:

»Sieh zu Mariens Fuß, die euch gesund
Und heil gemacht, die Erste dort der Frauen
,
Die Schönste, die euch krank gemacht und wund.

Im Range, den die dritten Sitze bauen,
Wirst du sodann die
Rahel unter ihr,
Mit Beatricen, deiner Herrin, schauen.

Sara, Rebekka, Judith
zeigen dir
Sich mit des Ahnfrau, der im Bußgesange
Voll Reu’ ausrief: Herr, schenk’ Erbarmen mir!

Absteigend stufenweis von Rang zu Range,
Gereiht, wie Kunde dir mein Wort verlieh,
Von Blatt zu Blatt mit ihrer Namen Klange.


Hebräerfrau’n, vom siebten Kreis ab, wie
Bis hin zu ihm, ward dieser Sitz zu Teile,
Und dieser Blume Locken scheiden sie,

Weil sie, je wie sie sich zu Christi Heile,
Gläübig gewandt, so nun als Mauer stehn,
Daß sich durch sie die heil’ge Stiege teile.

Hier, wo die Blume reich und voll und schön
Entfaltet ist, hier sitzen die Verklärten,
Die gläubig auf den künft’gen Christ gesehn.

Dort, wo noch leerer Raum für viel Gefährten
Im Halbkreis ist, dort sitzen die gereiht,
Die ihren Blick auf den Gekommnen kehrten.

Wie hier der Fürstin Stuhl in Herrlichkeit
Und unter ihr die Andern zu gewahren,
Und wie sie bilden solchen Unterscheid;

So jenseits der des Täufers, der erfahren,
Der immer Heil’ge, Wüst’ und Märtyrpein
Und dann der Hölle Nacht in zweien Jahren.

Franz, Benedikt und Augustin – sie reih’n
Sich unter ihm, die Scheidewand zu bauen,

Mit Andern unterhalb von Reih’n zu Reih’n.

Hier magst du Gottes hohe Vorsicht schauen,
Denn Glaube, welcher vor- und rückwärts eilt,
Erfüllt gleich zahlreich diese Gartenauen.

Und von der Stuf’ abwärts, die mitten teilt
die Scheidewände, sitzt die Schar der Seelen,
Die nicht durch eigenes Verdienst hier weilt

Nein, fremdes – nur darf der Beding nicht fehlen –
Denn hier sind alle, die dem Leib entfloh’n,
Bevor sie noch vermochten, selbst zu wählen.

Dies merkst du an den Angesichtern schon
Und an den Stimmen, die noch kindlich klingen,
Wenn du wohl spähst und horchst auf ihren Ton.

Nun seh’ ich schweigend dich mit Zweifeln ringen,
Doch lösen werd’ ich dir das feste Band,
Mit welchem dich die Grübelei’n umschlingen. -

Aus unsers ew’gen Königs weitem Land
Ist auch des kleinsten Zufalls blindes Walten,
Wie Hunger, Durst und Traurigkeit, verbannt.


Nach ewigem Gesetz muß sich gestalten
Was du hier siehst, und muß sich, wie der Ring
Zum Finger paßt, so unter sich verhalten.

Daher auch, wer dem Truge früh entging
Und zu der Wahrheit kam, nicht ohne Gründe
Mehr oder minder Herrlichkeit empfing.

Der Fürst, durch den dies Reich, entrückt der Sünde,
In solcher Lieb’ und solcher Wonne ruht,
Daß keiner ist, des Wünschen höher stünde,

Verteilt den Seelen, seiner heitern Glut
Entstammt, nach eigner Willkür seine Gaben;
Und g’nüge hier, was kund die Wirkung tut.

Und hiervon legt in jenen Zwillingsknaben
Die Heil’ge Schrift ein deutlich Beispiel dar,
Die sich bekämpft im Leib der Mutter haben.

Und gleichwie färbt der Gnade Schein ihr Haar,
Gleich also scheint das höchste Licht in ihnen
Nach ihrer Würde mehr und minder klar.

Verschieden, nicht nach dem, was sie verdienen,

Sind sie von Grad zu Grade hier gestellt,
Nur wie auf sie des Schöpfers Huld geschienen.

So g’nügt’ es in der Jugendzeit der Welt
Unschuld’gen, um zum Heile zu gelangen,
Daß Glaubenslicht der Eltern Geist erhellt.

Dann mußte, wie die erste Zeit vergangen,
Was männlich war, zuvor zur Seligkeit
Durch die Beschneidung noch die Kraft empfangen.

Doch blieb, als gekommen war der Gnade Zeit,
Unschuld ohne die vollkommne Taufe Christi
Gehalten drunten in der Dunkelheit.

Jetzt schau’ ins Antlitz, das dem Antlitz Christi
Am meisten gleicht, und deine Kraft erhoh’n
Wird seine Klarheit zu dem Anschau’n Christi.«

Wonn strahlt’ aus dem Gesicht, so klar und schön,
Die Christus Ihr durch jene Heil’gen schickte,
Erschaffen, zu durchfliegen jene Höh’n,

Daß nichts, was ich noch je zuvor erblickte,
Mich aIso mit Bewunderung durchdrang,
Nichts mich so sehr durch Gottes Bild erquickte.

Die Liebe, die zuerst sich niederschwang,
Verbreitete vor ihr jetzt das Gefieder,
Indem sie – Sei begrüßt, Maria! sang.

Und alsogleich antworteten die Lieder
Der Sel’gen Geister diesem Himmelslied, –
Und heitrer strahlten rings die Wonnen wider.


» O Heil’ger, du, den Lieb’ herniederzieht,
Der du für mich dem süßen Ort entronnen,
Wo ew’ge Vorsicht dir den Sitz beschied;

Wer ist der Engel, der mit solchen Wonnen
Im Blick Marias mit dem seinen ruht

Und scheint an ihr in Liebe sich zu sonnen?«

So wandt’ ich mich zu ihm mit heiterm Mut
Und sah ihn in Marias Glanz entbrennen,
Gleichwie den Morgenstern in Sonnenglut.


Und er: "Was Seel’ und Engel haben können
Von Zuversicht und Schönheit, er bekam
Es ganz von Gott, wie wir’s ihm alle gönnen,

Weil er zu ihr einst mit der Palme kam,
Als Gottes Sohn die Lasten, die euch drücken,
Nach seinem heil’gen Willen übernahm.

Doch folge meinem Wort mit deinen Blicken,
Und von dem frommen und gerechten Reich
Wirst du den hohen Adel jetzt erblicken.

Die zwei dort, an der höchsten Wonne reich,
Weil sie die Nächsten sind der Benedeiten,
Sind zweien Wurzeln dieser Rose gleich.

Der Vater sitzt zu, ihrer linken Seiten,
Des kühner Gaum der Menschheit fort und fort
Zu kosten gibt so herbe Bitterkeiten.

Sieh rechts der heil’gen Kirche Vater dort,
Dem dieser Blume Schlüssel übergeben
Auf Erden hat der Heiland, unser Hort.

Und jener, welcher noch im Erdenleben
Das Mißgeschick der schönen Braut erblickt,
Die Wundenmal’ erwarben, sitzt daneben.

Neben dem Andern sitzt, in Ruh’ beglückt,
Des Volkes Führer, das der Herr mit Manna
Trotz Undanks, Tück’ und Wankelmuts erquickt

Dort sitzt, dem Petrus gegenüber, Anna
Und blickt die Tochter so zufrieden an,
Daß sie den Blick nicht abkehrt beim Hosianna.

Und gegenüber sitzt dem ersten Ahn

Lucia, die die Herrin dir gesendet,
Als du den Blick gesenkt zur schlimmen Bahn.

Doch bald ist nun dein hoher Traum beendet,
Drum tun wir, wie der gute Schneider tut,
Der, soviel Zeug er hat, ins Kleid verwendet.

Die Augen richten wir aufs höchste Gut
Und dringen so, indem wir nach ihm sehen,
So tief als möglich in die reine Glut.

Doch wahrlich, soll's mit dir nicht rückwärts gehen,
Ob vorwärts sich dein kühner Flügel schwingt,
Ist durch Gebet erst Gnade zu erflehen;

Gnade von Jener, die dir Hilfe bringt,
Und folgen wirst du mir, wenn deine Liebe
Zu ihr empor in meinem Worte dringt.
«

Und also betet’ er mit brünst’gem Triebe:

Dreiunddreißigster Gesang
Der heilige Bernhard betet für Dante zu Maria, und als Dante den Blick nach oben richtet, kann er in das ewige Licht der Gottheit selber zu schauen. Dabei wird ihm das Geheimnis der Dreieinigkeit bewusst. Sein Geist - von dem Glanze geblendet - kehrt jedoch zurück in den alten Kreislauf der menschlichen Sehnsucht.

„O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,
Demüt’ger, höher, als was je gewesen,
Ziel, ausersehn vom Herrn des ew’gen Throns,

Geadelt hast du so des Menschen Wesen,
Daß, der’s erschaffen hat, das höchste Gut,
Um sein Geschöpf zu sein, dich auserlesen.

In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,
An der die Blume hier zu ew’gen Wonnen
Entsprossen ist,
in ew’gem Frieden ruht.

Die Lieb’ entflammst du, gleich der Mittagssonnen,
In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit,
Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen.

Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,
Daß Gnade Suchen und zu dir nicht flehen,
Wie Flug dem Unbeflügelten gedeiht.

Du pflegst dem Armen huldreich beizustehen,
Der zu dir fleht, ja öfters pflegt von dir
Die Gabe frei dem Fleh’n vorauszugehen.

Erbarmen ist, und Mitleid ist in dir,
In dir großmüt’ges Wesen – ja, verbunden.
Was Gutes das Geschöpf hat, ist in dir.

Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden
Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein,
Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,

Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleih’n,
Daß er die Augen höher heben könne,
Und seinen Blick für’s höchste Heil zu weih’n.

Und ich, der ich so für sein Schauen brenne,
Daß ich dem eig’nen nie mehr Glut geweiht,
Ich fleh’, und das, was ich gefleht, vergönne!

Jedwede Wolke seiner Sterblichkeit
Sei weggebannt durch dein Gebet Entfalten
Soll sich ihm höchste Wonn’ und Herrlichkeit.

Noch bitt’ ich, Königin, dich, die du walten
Kannst, wie du willst, in ihm nach solchem Sehn
Gesund des Herzens Neigung zu erhalten.

Laß ihn der ird’schen Regung widerstehn;
Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte
Mit mir zugleich, die Hände faltend, fleh’n!"

Die Augen, die Gott liebt und wert hält, kehrte
Sie fest dem Redner zu und zeigte daran,
Ihr sei das fromme Fleh’n von hohem Werte.

Zum ew’gen Lichte wandten sie sich dann
Zu dem die Blicke - glaubet sicher! - senden
Nie ein Gschöpf mit solcher Klarheit kann.

Dem Ziel, zu dem sich alle Wünsche wenden,
Mich nähernd, fühlt’ in meinem Innern ich
So, wie ich mußte, jede Sehnsucht enden.

Und lächelnd winkte Bernhard mir, daß sich
Mein Auge nun empor zum Höchsten richte;
Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich.

Denn stets ward’s klarer mir vorm Angesichte,
Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan
Mein Blick zum hohen, in sich wahren Lichte.

Und tiefer, größer war mein Schau’n fortan,
Daß solchen Blick die Sprache nicht bekunden,
Nicht die Erinnerung ihn fassen kann.

Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden,
Tief eingeprägt, das Herz noch lang erfüllt,
Wenn das, was er geträumt, ihm schon entschwunden:

So bin ich, dem beinah sein Traumgebild
Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren
Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt.

So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Toren
Die Sonn’ erwärmend steigt; so war beim Wind
In leichtem Staub Sibyllas Spruch verloren. –

O höchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt,
So weit zurückläßt, leih jetzt meiner Seele
Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt.

Mach’ jetzt, daß Kraft die Zunge mir beseele,
Damit ein Funke deiner Glorie nur
Der Nachwelt bleib’ in dem, was ich erzähle.

Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr,
Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,
Dann sieht man klarer deiner Siege Spur.

Mich hätte, glaub’ ich, ganz der Blitz geblendet,
Den ich von dem lebend’gen Strahl empfand,
Hätt’ ich von ihm die Augen abgewendet.

Und ich erinnre mich: mein Mut erstand
Durch ihn, die Blitze kühner zu ertragen,
Bis sich mein Blick der ew’gen Kraft verband.

O überreiche Gnad’! Ich durft’ es wagen,
Fest zu durchschau’n des ew’gen Lichtes Schein
Bis zum Versinken drein den Blick zu tragen.

In seiner Tiefe sah im Drei-Verein
Die Ding’ ich, die im Weltall sich entfalten,
Und Liebe faßt in diesem Bund sie ein.

Wesen und Zufall, ihre Weis’, ihr Walten,
- Wie dies verschmolz in eines Lichtes Glanz,
Nur Stammeln kann davon mein Lied enthalten.

Die Form, die allgemeine, dieses Bands,
Ich sah sie, glaub’ ich, weil mich, des zum Zeichen
Noch beim Erzählen Wonn’ erfüllet ganz.

Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen,
Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt
Der Argo nach Neptunus’ fernsten Reichen.

Scharf, unbeweglich schaut’ in solcher Art
Die Seele nach dem göttlichen Gesichte,
Drob sie stets mehr im Schau’n entzündet ward.

Und also wird man dort bei jenem Lichte,
Daß es nicht sein kann, daß man, abgewandt
Von ihm, je anderwärts die Augen richte,

Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand,
Ganz in sich faßt, und außerhalb voll Schwächen
das ist, was man in ihm vollkommen fand. -

Kurz werd’ ich nun von dem Geschauten sprechen,
Und sprechend stell’ ich mich als Kindlein dar,
Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen.

Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar,
Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte;
- Denn jener bleibt so, wie er immer war -

Nur weil im Schau’n sich meine Sehkraft mehrte,
Schien’s, daß verwandelt jener eine Schein,
Sich mir, der selbst verwandelt war, verklärte:

Im tiefsten Schoß vom lichten Strahlenschein,
Schienen drei Kreise, schimmernd mir zu sehen,
Dreifarbig, doch an Umfang eins zu sein.

Wie Iris von der Iris glänzt, so zween
Im Widerschein – der dritt’, als Glut und Licht,
Schien er gleichförmig beiden zu entwehen.

Für meine Vorstellung des Worts Bericht,
Er ist zu arm! Und nehm’ ich , was beschieden
Mir war zu seh’, wie arm ist diese nicht!

O ew’ges Licht,
du, in dir selbst im Frieden,
Allein dich kennend und von dir erkannt,
Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden,

Als ich zu dem Kreis, den ich in dir erfand,
Wie widerscheinend Licht, das Aug’ ich wandte,
Und ihn verfolgend mit den Blicken stand:

Da schien’s, gemalt in seiner Mitt’ erkannte,
Mit eigner Farb’, ich unser Ebenbild,
Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.

Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,
Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,
Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;

So ich beim neuen Schau’n – ich wollt’ ermessen,
Wie sich das Bild zum Kreise ein’ und wie
Die Züge mit dem Licht zusammenflössen.


Doch dies erflog der eigne Fittich nie, -
Da ward mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
Der, was die Seel’ ersehnt hatt’, ihr verlieh.

Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,
Schon aber folgten Will’und Wünschen gerne,
Gleichwie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen,

Der Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne.

Aus: Dante Alighieris Göttliche Komödie S.561-620 Übersetzt und erläutert von Karl Streckfuß
Mit berichtigter Übertragung und völlig umgearbeiteter Erklärung neu herausgegeben von Dr.Rudolf Pfleiderer 1876 Druck und Verlag von Philipp Reclam jun., Leipzig