Pietismus (von lat. Pietas = Frömmigkeit)
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Der Pietismus ist eine dem 17. Jahrhundert entspringende protestantische Erneuerungsbewegung, die bis in die Gegenwart hinein wirkt. Der Pietismus wollte die ursprüngliche Lebendigkeit des Urchristentums im Protestantismus wieder auferstehen lassen. Lebendiger Glaube wurde in der Rückbesinnung auf die Liebe zum Nächsten realisiert. Das subjektiv-persönlich inspirierte Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott führte in Verbindung mit teilweise mystischen Motiven zu Verinnerlichung und Empfindungsreichtum, der auch in der Dichtkunst als Empfindsamkeit seinen Niederschlag fand. An Stelle der herkömmlichen kirchlichen Formen bevorzugte der Pietismus die Liebesgemeinschaft der ernsthaft gläubigen Christen, wobei er zum Teil in Widerspruch mit der evangelischen Amtskirche geriet.

Ursprünglich in England und den Niederlanden entstanden, ging der Pietismus in Deutschland von den Erbauungszirkeln (Collegia Pietatis) Philipp Jakob Speners (1635 1705) aus, der sich zum unbestrittenen Führer der pietistischen Bewegung entwickelte. 1675 fasste Spener die pietistischen Grundgedanken zusammen in der sachlich orientierten Programmschrift des lutherischen Pietismus »Pia Desiria« (Fromme Wünsche) oder »Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirchen«. Darin forderte Spener, dass die Bibel in den Vordergrund des christlichen Lebens treten müsse. Jeder einzelne Christ solle darin lesen und das Gelesene in » Bibelkreisen« mit seinen Nächsten diskutieren. Das fördere das Wachstum des Glaubens und seine Bewährung im praktischen Miteinander. Christentum erschöpfe sich nicht im Wissen, sondern schöpfe sich aus der liebevollen Tat. Die Liebe müsse das ganze Leben des gläubigen Menschen erfüllen. Besser als sich über Glaubensfragen zu streiten, ist es, die christliche Liebe in einem gottgefälligen Lebenswandel Gestalt annehmen zu lassen. Das Ziel des wahren Christentums sei: der Welt »absterben« und mittels »geistlicher Übungen« nach der Bibel den »innerlichen Menschen auferbauen«.

Der anfängliche revolutionäre pietistische Antrieb speiste sich aus der festen Überzeugung, dass das höchste christliche Ziel in einer Art geistigen »Wiedergeburt« bestehe, die sozusagen eine »Neuschöpfung« des Menschen sei, in der er zum »Kinde Gottes« (neu geboren) wird. Das Ereignis der Wiedergeburt war in seiner leidenschaftlichen Erfahrung mehr als eine bloße Rechtfertigung vor Gott. Die ursprüngliche »sündliche Verderbnis« wurde gewissermaßen in der »Adelung (Veredelung) des Wiedergeborenwerdens« annulliert, in der die Annahme des »neuen Menschen« durch Gott an »Kindes statt« geschieht.

Im Zuge der Aufklärung trat die Auseinandersetzung mit der theologisch richtigen amtskirchlichen Rechtgläubigkeit in den Hintergrund. Stattdessen wandten sich die Pietisten gegen die »liberale Theologie«, deren Vertreter Bibel und Dogma aufklärerisch kritisierten und weiter entwickeln wollten. Aus einer anfangs kritischen, die kirchlichen Autoritäten respektlos verspottenden revolutionären Kraft, verwandelte sich der Pietismus zu einem konservativen, kirchenstabilisierenden Element, dessen tragende Säulen in Anlehnung an Psalm 35, 20: »Denn sie reden nicht, was zum Frieden dient und ersinnen falsche Anklagen wider die Stillen im Lande« als »die Stillen im Lande« bezeichnet wurden.

Zahlreiche Persönlichkeiten, regionale Besonderheiten und unterschiedliche Gruppierungen und Zirkel waren Ursache dafür, dass sich der Pietismus im Laufe der Zeit zu einer vielschichtigen Bewegung entwickelte. Führende pietistische Theologen sind neben Philipp Jakob Spener: Gottfried Arnold (1666 1714), Nikolaus Ludwig Graf von Zinsendorf (1700 1760), Gründer der Herrenhuter Brüdergemeine; Johann Albrecht Bengel (1697 1752), Vater des schwäbischen Pietismus; Friedrich Christoph Oetinger (1702 1782), der die Idee der Weltverwandlung durch Menschenverwandlung entwickelte; August Hermann Francke (1663 1727), Gründervater des Halleschen Pietismus und der deutschen evangelischen Mission; Christian Scriver (1629 1693); Philipp Matthäus Hahn (1739 1790); Johann Heinrich Jung-Stilling (1740 1840), der einen weltoffenen Pietismus vertrat; Gerhard Tersteegen (1697 1769), deutscher Mystiker, der dem evangelischen Frühpietismus nahe stand; Richard Rothe (1799 1867), deutscher Theologe und Befürworter des Pietismus; John Benjamin Wesley (1703 1791), Vater des Methodismus.

Johann Gottlieb Fichte (1762 1814) und Immanuel Kant (1724 -1804) wurden pietistisch erzogen. Darüber hinaus beeinflusste der Pietismus auch Literatur und Kunst. Johann Wolfgang von Goethe (1740 -1817), Johann Friedrich von Schiller (1759 1805) und Friedrich Hölderlin (1770 1843) kamen über die Herrnhuter Brüdergemeine und Jung-Stilling in Berührung mit dem Pietismus. Auch Johann Gottfried Herder (1744 1803) und Gotthold Ephraim Lessing (1729 1781) zeigten sich beeindruckt. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768 1834), Novalis (1772 1801), Sören Kierkegaard (1813 1855) wurden in ihrer Jugend von den Herrnhutern beeinflusst.

Immanuel Kant

Der Sattlersohn und der große Vernunftphilosoph aus Königsberg, der von seinen Eltern pietistisch erzogen worden ist, äußerte sich über den Pietismus folgendermaßen:

Das Höchste , das der Mensch besitzen kann
Waren auch die religiösen Vorstellungen der damaligen Zeit und die Begriffe von dem, was man Tugend und Frömmigkeit nannte, nichts weniger als deutlich und genügend, so fand man doch wirklich die Sache. Man sage dem Pietismus nach, was man will, die Leute, denen es damit Ernst war, zeichneten sich auf eine ehrwürdige Weise aus. Sie besaßen das Höchste, was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe und Heiterkeit, jenen inneren Frieden, der durch keine Leidenschaft beunruhigt wurde. Keine Not, keine Verfolgung setzte sie in Unmut, keine Streitigkeit war vermögend, sie zum Zorn und zur Feindschaft zu reizen. Mit einem Worte, auch der bloße Beobachter wurde unwillkürlich zur Achtung hingerissen. Noch erinnere ich mich, wie einst zwischen dem Riemer- und Sattlergewerbe Streitigkeiten über ihre gegenseitigen Gerechtsamen ausbrachen, unter denen auch mein Vater wesentlich litt; aber dessen ungeachtet wurde auch bei der häuslichen Unterhaltung dieser Zwist mit solcher Schonung und Liebe in Betreff der Gegner von meinen Eltern behandelt und mit einem solchen festen Vertrauen auf die Vorsehung, dass der Gedanke daran, obwohl ich damals ein Knabe war, mich niemals verlassen wird
.S. 88f.
Aus: Die grössten Geister über die höchsten Fragen. Aussprüche und Charakterzüge erster (nicht-theologischer) Autoritäten des 19. Jahrhunderts. Zusammengestellt von Dr. H. Engel. Verlag von Carl Hirsch. Konstanz