Friedrich Gundolf, eigtl. Friedrich Leopold Gundelfinger (1880 – 1931)
Deutsch-jüdischer
Literaturwissenschaftler und Dichter, der zum Kreis um Stefan
George gehörte, den er als Meister verehrte.
George widmete ihm folgenden aufschlussreichen
Reim: |
Inhaltsverzeichnis
Hölderlins Auffassung vom Göttlichen
Stefan Georges Bedeutung in sprachschöpferischer Hinsicht
Klopstocks Gottesgedanke
Hölderlins
Auffassung vom Göttlichen
Aus: Hölderlins Archipelagus
Der griechische Wille und Weg aus dunkelstem Rausch zu klarstem Traum war auch
der Hölderlins. So stiegen ihm aus orphischer
Besessenheit homerische Bilder empor und lockten ihn
als das höchste Wünschbare. Diese Bilder waren ihm allerdings durch
die Historie als eine schöne Vergangenheit gegeben, er hatte sie nicht
erst zu erschaffen, wie die Alten selbst - obwohl ja auch den perikleischen
Athenern die homerische Welt schon ein ferner Mythus erschien. Was Hölderlin
von jener Romantik trennt, ist seine angeborene Orphik.
Sie befähigte ihn den überkommenen Mythus in seinen eigenen, morgendlich
neuen zu verwandeln, alles Historische, Vergangene daran umzuschmelzen in seinem
gegenwärtigsten Feuer. Nicht was er meinte und dachte geht uns an, sondern
wie er schaute und formte. Daß er aber echter Orphiker
war, dafür ist die Art wie er die Natur als solche, als Urphänomen
ergriff, ein Zeugnis.
Wenn er den Archipelagus anruft, als den Alten,
den Gewaltigen, den Vater, seine Inseln mit rhythmischer Inbrunst als die Heroenmütter
beschwört, wenn er aus einem lang ausgehaltenen trunkenen Atem heraus immer
neue Verkörperungen seines bewegten Gefühls hebt, so ist das Unterscheidende
dieser Naturansicht die neue Art der
Allbeseelung - nicht im Sinn der Stimmung, das heißt der Umdeutung
der Landschaft in Seelenzustände, sondern im Sinn des antiken Naturmythus,
als Vermenschlichung der Kräfte des Webens und Wachsens,
die den Menschen in und mit der Landschaft durchdringen. Diese vermenschlichten
Kräfte sind nicht literarisch-dekorativ aus der antiken Mythologie übernommen,
keine Barock- oder Rokoko-Gottheiten, als Staffage
in eine gepflegte Kulturlandschaft gestellt: dieser Meergott ist kein bärtiger
Greis mit Dreizack, das heilige Mondlicht keine schlanke Luna, die
»Sonne, des Orients Kind« kein fackel- oder bogentragender
Phöbus: nein, die sichtbare Natur, in Hölderlins
Wesen als eine bewegte, wirkende empfangen, ist hier wiedergeboren als ein Kreis
von vergötterten, d. h. für Hellenen : leibgewordnen
Kräften.
Dasselbe Erleben das dem antiken Naturmythus zugrunde liegt ist hier wirksam,
ein später Bruder der Hellenen ist hier in eine christianisierte, ja in
eine entgötterte Welt wieder emporgetaucht. Hellenisch ist, daß Hölderlin
die schaffenden und zeugenden Gewalten in sich und draußen, die Erregung
und Erschütterung die ihn ergreift beim Anhauch der Natur oder des Schicksals,
nur erleben und aussprechen kann unter der Form menschlich bewegter Leiber.
»Empfindet er nur irgendeine Freude, so ahnt er
einen Bringer dieser Freude«. Unwillkürlich verdichtet er
alle inneren Vorgänge zu bewegten Gestalten und empfindet er das Gestaltete,
das er schaut, als Sinnbild von Bewegungen oder Kräften. Dieses Hin- und
Widerfluten von Formen zu Kräften, von Kräften zu Formen ist heidnisch-hellenischer
Pantheismus, das
heißt Pananthropismus. Denn nur unter der
Form des Menschen nahm der Hellene - und Hölderlin
- das wahr. Darum war aber für ihn das Menschliche nicht entgöttert,
der menschliche Leib das oberste Sinnbild alles Lebens.
Dem Christen hat alles Leben nur Wert, insofern es von
Gott geschaffen oder gewollt ist. Der Grieche sieht das Göttliche
gerade im Leben selbst und in seinen Gestaltungen oder Bewegungen, vor allem
im Leib. Denn der Leib ist beides: Gestalt und
Bewegung, oder Maß und Kraft. Er gehört der Zeit, dem Werden an,
und gehört dem Raum, dem Sein an. Hölderlin
war darin orphisch daß er das Sichtbare las
als ein Sinnbild des Werdens.
Das Sein nahm er nur wahr als Bewegung
.. den Akten der Schöpferkräfte dringt er von innen heraus
durch eine brüderliche Sympathie nach - nicht die gesonderten Figuren der
Berge und Bäume, Felsen und Blumen umreißt er: nicht das ruhende
Dasein seiner Inseln und Flüsse beschreibt er, sondern ihre Aktion oder
Funktion:
»Delos erhebt ihr begeistertes
Haupt, von trunkenen Hügeln quillt der Cypriertrank und
von Kalauria fallen silberne Bäche.«
So wie er sich selbst nicht als isoliertes Geschöpf weiß, sondern
als Organ derselben Gewalten die den Reigen der Elemente und Gestirne führen
und füllen, so ist ihm die Natur nicht ein Prospekt schaubarer, genießbarer,
nutzbarer Bereiche, sondern wahrhaft wieder Natura, ein Werdendes,
ihm, dem Kind des Werdens verschwistertes. Das ist die dionysische
Empfindungsweise. Dionysos selbst ist ja
nur das oberste Sinnbild des Weltgefühls das uns, aktiv oder passiv, einbezieht
in alles was da schwillt und reift, wird und welkt. Die besondre Farbe worin
Hölderlin die so gefüllte Welt sah wird,
wie gesagt, bestimmt durch Vorstellungen seiner apollinischen Bildung.
S. 11-13 […]
Wie seine griechische Natur keine Ferne, ist seine griechische Kultur keine
Vergangenheit. Beide sind ihm die gegenwärtigsten Kräfte,
Offenbarungen seiner geglaubtesten Götter, Verwirklichungen seines
lebendigen Willens, keine leeren Schatten seiner Phantasie, sondern Visionen,
Geburten seines eignen Bluts - und seine Sehnsucht
nach den hohen Bildern ist nicht die nach Verlorenem, sondern nach liebender
Verschmelzung . . die Sehnsucht der Fülle, nicht die der Armut. In der
griechischen Landschaft vergötterte er die
Grundkräfte des elementaren Lebens, hier preist
er menschliche Urtätigkeiten, Grundtypen der Kultur: den Kaufmann, den
kühnen tätigstrebenden Völkervermittler, und den sinnenden Jüngling
der zu Großem heranreift, nicht die verschollenen, historischen Formen
- nein, Ideale menschlicher Haltung überhaupt, Notwendigkeiten oder Möglichkeiten
des Menschentums die er nicht einfürallemal vergangen, sondern jederzeit
realisierbar sieht. Aber freilich, die Griechen waren es, welche die menschlichen
Urtriebe und Berufe, das Wandern und das Sinnen, das Beherrschen und
das Pflegen der Erde, am reinsten verkörpert haben,
für alle den einfachsten und schönsten Vollzug fanden, weil sie alles
Menschliche so groß schauten und übten, daß sie das Göttliche,
Unsichtbare nicht würdiger versinnbilden konnten als in menschlichen
Formen. Der vollkommene Mensch ist das Maß
aller Dinge, und also göttlich. Diesen
Sinn haben auch Goethes Verse:
So war Apoll den Hirten zugestaltet,
Daß ihm der schönsten einer glich.
Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,
Ergreifen alle Welten sich.
d. h. Götter und Menschen
sind nicht geschieden .. eine Stufenfolge
flutender Übergänge eint sie. Und darum weil es nicht des Dichters
Sache ist die idealen Sinnbilder zu erfinden, wird er die einmal erreichten
Vollkommenheiten im eigentlichen Sinn verewigen:
»den Leib vergotten und den Gott
verleiben«.
Das ist der Sinn der Geschichte für den Dichter - sie zeigt ihm wo die
höchsten Möglichkeiten einmal Wirklichkeiten waren. S.
14-15 […]
Hölderlin hat das Göttliche
in der einen Menschwerdung und Volkwerdung
geschaut und erlebt: wie sollte er nicht fühlen daß seine Zeit dieses
heidnisch Göttlichen entbehrte! Eben weil ihm Hellas Religion, nicht Historie
ist, weil es ihm göttliche Offenbarung ist,
muß er alles daran messen. Das Göttliche aber, einmal
offenbart, verpflichtet den der es geschaut und bestimmt seine Forderungen an
alles was ihm begegnet. Seher sein ist ein strenger Beruf. Dies Wissen ist die
Mitte von Hölderlins Leben und Gedicht, das
Wissen um ein unverlierbar Göttliches, die
Qual in seiner Zeit nimmer die Offenbarung dieses Göttlichen
an einer begeisteten Gesamtheit zu erleben, Jahrtausende getrennt zu sein von
jener hellenischen Offenbarung. Mit seinem Sehertum ist er in eine entgötterte
Welt gestellt, das ist Ahnung eines tragischen Untergangs:
Denn oft ergreifet das Irrsal
Unter den Sternen mir, wie schaurige Lüfte, den Busen,
Daß ich spähe
nach Rat ...
Stumm ist der delphische Gott.
Aber trotzdem ist seine Elegie und sein Zürnen voll von fast entzückter
Zuversicht, als sei er nicht umsonst bei den heiligen Schatten drunten gewesen,
als hätten ihm die Versunkenen tröstliche Kunde gebracht. Denn wer
die Götter einmal geschaut, wer, wie Hölderlin
durch die Hellenische Offenbarung, ihres Waltens versichert ist, der kann am
Schicksal der Welt nimmer verzweifeln.
Jede Offenbarung gewährleistet dem Gläubigen die Wirklichkeit
seiner Götter. So weiß auch Hölderlin:
da das Göttliche war, so ist es noch.. denn es gehört ja zum Wesen
der Gottheit daß sie unsterblich
ist. Um die Welt ist ihm also nicht bange, was er auch um sich sieht - und was
gilt dem heroischen Menschen sein Privatschicksal! ..
Die Gottheit, der Geist der Natur, muß sich also früher oder später
einmal unter den Menschen, unter den Deutschen offenbaren, die schlafenden Helden
und Götter werden erwachen - auch dies ist durchaus griechisch, nicht christlich
gedacht, daß Götter schlafen: sie haben an allem Menschlichen Teil.
Darum ist die Göttersprache für Hölderlin
das Wechseln und Werden. Diese Göttersprache
zu vernehmen und zu künden, ist der Vates in
die Welt geschickt, er hat das doppelte Amt: die offenbar
gewordne Gottheit zu preisen und die schlafende zu wecken. Das Schöne
und Heroische das war festzuhalten
im Lied und das Dumpfe mit dem eigenen Hauch zu beseelen,
neue Formen des Göttlichen zu ermöglichen
: das sind die Grundpflichten des Seherdichters, wie die Alten ihn verstanden
-
Hölderlin ist in Deutschland sein reinster Typus. All seine Dichtung
will entweder schöne und große Vergangenheit verewigen
oder schöne und große Zukunft vergegenwärtigen.
Im Archipelagus löst er beide Aufgaben ineinander:
er beschwört sein Hellas, um sein Deutschtum zu vergöttlichen.
Vergangenheit und Zukunft sind aber schon nachträgliche Begriffe, Denkformen,
keine Realitäten. Für den Dichter selbst gibt es nur ewige Gegenwart,
d. h. er ist an sich zeitlos: er empfängt seine Gesetze nicht von der Zeit,
sondern vom Gott, von dem was
Sokrates und Goethe den Dämon
nannten - einem Unerforschlichen, Herkunftslosen,
schlechthin Seienden, Hinzunehmenden. Aber freilich nur in einem zeitlich
bedingten, irdisch beladenen Menschen wird die Gottheit
Sprache. Sie geht ein in die beschränkte Materie. Und dies ist die
Tragik des Sehers in einer entgötterten Zeit. Die Zeit kann den Seher nähren
und tragen, wie den Pindar die seine, sie kann
ihn auch hemmen und durch Leere ersticken ...
Der Seher hat sich unter keinen Umständen nach den Ansprüchen der
Zeit zu richten, wie man im demokratischen Zeitalter fordert, sondern einzig
nach seinem Dämon. Und der Dämon fragt nicht nach Glück und Unglück
seines Verkünders, der Verkünder nicht nach Zweck und Lohn des Dämons.
Er muß - er will nicht. In den dämonischen Widersachern ihrer Zeit
aber liegt meist die Zukunft :
sie lag in Platon, sie lag in Dante
- und was Hölderlin einsam sah das sehen und
wissen heute schon manche. Untergang oder Scheitern ist kein Einwand (weder
gegen die Person noch gegen ihre Weisheit). Freilich ist nur ein heroisches
Leben das Zeichen der dämonischen Berufung.
Nicht jeder dem's schlecht geht darf auf die Zeit schelten. Daß Hölderlin
trotz seiner Einsamkeit sein hellenisches Ideal durchhielt, ohne Kompromiß
und ohne böse oder stumpfe Verzweiflung, mutig und selig trotz der Verbannung
aus seiner inneren Heimat, glühend inmitten des Frosts und der Öde,
königlich und heilig trotz der deutschen Hauslehrer-misère
: das macht ihn zu einem unsrer heroischen Menschen. Durch seinen Ton und seine
Haltung im Leben bewährte er das Recht sein Volk zu richten und Hellas
zu preisen - ein Recht das wir nicht jedem Geschmäckler und Phantasten,
nicht jedem Schulmeister zugestehen. Es ist das Unromantische an ihm daß
er war was er sang: ein schöner und heldenhafter Mensch. Drum ist das Schicksal
das ihn in die Nacht führte tragisch, aber nicht traurig und sinnlos. Als
tragisches, nicht als trauriges Los empfand er denn auch sein äußeres
Dasein, und kannte »vor'm Schicksal wenig Klage,
wenig Haß«. Der Kontrast zwischen seiner inneren und seiner
äußeren Existenz, d. h. zwischen seinem Sehertum und seinem Hauslehrertum,
zwischen seiner Zeitlosigkeit und seiner Zeit, war ja zugleich seine Not und
sein Trost. Unter Griechen hätte er nicht zu singen brauchen. Unter Deutschen
wußte er sich den Hüter des heiligen Feuers.
Und nun lesen wir seinen Archipelagus von innen nach außen. Im Zentrum
des Gedichts steht das zeitlos Göttliche, der hellenische Dämon, der
ihm die Zunge löst, der durchdringt die weiteren Kreise: er heißt
ihn die griechische Vergangenheit wachhalten, die unsterblichen Toten suchen:
Dort. . will ich wohnen mit euch,
dort oft, ihr herrlichen Namen!
Her euch rufen bei Nacht, und wenn ihr zürnend erscheinet,
Weil der Pflug die Gräber entweiht, mit der Stimme des Herzens
Will ich, mit frommem Gesang, euch sühnen, heilige Schatten!
Der zeitlose Dämon heißt ihn die Gegenwart
richten, und eine strahlende Zukunft, eine Wiedergeburt der Götter vorwegnehmen,
er gibt ihm die Kraft zu harren,
Bis, erwacht vom ängstigen Traum,
die Seele den Menschen
Aufgeht, jugendlich froh, und der Liebe segnender Odem
Wieder, wie vormals oft, bei Hellas' blühenden Kindern
Wehet in neuer Zeit, und über freierer Stirne
Uns der Geist der Natur, der fernherwandelnde, wieder
Stilleweilend der Gott in goldnen Wolken erscheinet.
Der Dämon in ihm verbürgt ihm die
Ewigkeit seiner Götter, die Wahrheit seiner Gesichte und
seiner Ahnungen überhaupt: war Hellas wirklich, so ist es auch lebendig.
Und ist es lebendig, so muß es erwachen. So wächst ihm die Vergangenheit
und die Zukunft zu einem gegenwärtigen Schicksal zusammen. Und zeitlos
wie sein innerer Dämon ist ja auch die Natur,
die andre große Offenbarung um derenwillen er das Leben erträgt und
segnet. Um alle Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schließt sich noch
dieser wandellose Kreis, der unsterbliche Raum für die unsterbliche Zeit,
das göttliche Sein im göttlichen Werden.. all dies sind ja nur Formen
von Hölderlins Gottheit,
verschiedene Offenbarungen desselben Lebens: sein eigenes Herz, das menschliche
Geschehen in Vergangenheit und Zukunft, und die sinnliche Natur. Die Natur gibt
die erste Bewegung und die letzte Ruhe.. sie ist der unverrückbare Horizont
vor dem alle inneren und äußeren Schicksale sich abspielen, und so
kehrt Hölderlins Lied im Kreise zurück
zum alten wandellosen Meergott, mit dessen Beschwörung er anhob:
Aber du, unsterblich, wenn auch der
Griechengesang schon
Dich nicht feiert, wie sonst, aus deinen Wogen, o Meergott!
Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glück sich üb, und die Göttersprache, das Wechseln
Und das Werden versteh; und wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift, und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken!
S. 18-22
Aus: Dichter und Helden von Friedrich Gundolf, Heidelberg 1921, Weiss’sche
UniversitätsbuchhandlungStefan
Georges Bedeutung in
sprachschöpferischer Hinsicht
Aus: Stefan George und seine
Zeit
In jedem Menschen kreuzen sich die Natur und die Zeit, Blut und Geist, Eigenschaften
und Eindrücke.
Jeder geschichtliche Charakter ist die bewußt oder
unbewußt geformte Auswahl die ein bestimmtes Naturwesen aus seiner
jeweiligen Umwelt trifft: die gestaltete Zeitwerdung überzeitlicher Kräfte
- göttlicher oder natürlicher, wie man sie nennen mag. Wir Heutigen,
beladen mit historischem Sinn und berückt durch den Entwicklungsgedanken,
fragen das Vergangene, danach wie es geworden ist und vergessen darüber
was es gewesen ist.. und wenn uns ein Mitlebender auffällt, so forschen
wir zunächst woher er kommt, eh wir uns darüber klar werden wer er
ist: wie er sich zu uns stellt, ist uns wichtiger als wie er in sich steht.
Der Mensch bedeutet für uns nur noch ein Stück Geschichte, ein Stück
Zeit, ein Bündel historischer Kausalitäten, und daß er erst
einmal sein
muß, eh er wirken und bewirkt werden kann, dies Gefühl kommt
selten in die Theorie, seltener in die Praxis.
Das Sein, das Wesen eines Menschen, seine Natur, ist aber mehr und tiefer als
seine Geschichte, oder vielmehr erst als Ausfluß, als Anwendung dieser
seiner Natur kann seine Geschichte verstanden werden. Erst aus der Anschauung
seiner Natur kann seine Beziehung zur Zeit begriffen werden, nicht umgekehrt.
An einem Punkt müssen wir,
wie weit wir auch von Ursache zu Ursache schreiten
mögen, halt machen, und einfach schauen, einfach erleben, einfach hinnehmen,
ohne weiter zu erklären: dieser Punkt ist die wesenhafte (göttliche
oder natürliche) Grundform des Menschen, sein
So-und-nicht-anders-sein, sein wirkendes Selbst, unabhängig von
seinen Beziehungen zum Stoff den er vorfindet und von den Spiegeln in die er
fällt. Je wesenhafter nun ein Mensch seiner Zeit begegnet, desto mehr hebt
er sich ab, und je mehr er sich abhebt. je mehr er anders wirkt, desto mehr
wird man diese Abgrenzung, dies »Anders«,
diesen Gegensatz als sein Eigentliches empfinden. Man wird seine Wirkung nach
außen verwechseln mit seinem inneren Sein, man wird für Zweck halten
was Folge ist und als Inhalt nehmen was nur der Umriß dieses Ich gegen
seinen Zeithintergrund ist. Was der Außenstehende zuerst erfährt
hält er gern für das Erste in der Erscheinung die ihn befremdet.
Vom Anderssein aus ist Stefan
George fast immer aufgefaßt und gezeichnet worden. Man hat
ihn erklärt, begrüßt oder abgelehnt fast immer als Widerspruch
gegen diese oder jene Richtung der Zeit, als Erneuerung von Kunstmitteln, als
Veränderung des Niveaus, als eine besondre Nuance von Schönheit oder
Narrheit. Um ihn zu verstehen, hat man auf das geschaut was er nicht war. .
um sich ihm einzufühlen, hat man zuerst gesucht wogegen er sich wendet.S.
59-60 […]
Weil George durch sein Dasein eine neue Forderung
stellt, wird er geschmäht und wird er verehrt: die
Forderung daß der Mensch das Maß der Zeit, nicht die Zeit das Maß
des Menschen sei. Diese Forderung darf freilich nur gestellt werden,
wenn sie von wenigstens einem erfüllt wird, von einem der auch im Heute
eine Wirklichkeit jenseits der bloßen Zeit verbürgt. Solch tröstliche
Gewähr könnte uns kein Rückblick auf Hellas und Rom, auf Cäsar
und Goethe geben, keine Verheißung Nietzsches
und keine dumpfe Sehnsucht ahnungsvoller Zeitgenossen, keine Philosophie und
keine Eschatologie, sondern nur die Gegenwart in einem
leibhaftigen Mann.
Ich spreche hier von einem Glauben der sich an George
knüpft und weiß daß ich ihn nicht beweisen kann - kein Glaube
ist beweisbar. Ich will versuchen ihn zu begründen, und vielleicht ist
schon ein Spuk gebannt, ein Verständnis ermöglicht, wenn das Gefühl
dafür dämmert daß es George und
seinen Folgern nicht um ästhetisches Spiel, um selbstgefällige Bespiegelung
und esoterischen Sprachgenuß zu tun ist, sondern um des Dichters ernsteste
Pflicht: um Formung von Mensch und Volk.
Den großen Willen spricht man ihm ja gerade ab, seltener das Können
und die technische Meisterschaft. Es gehört zu seinem Bilde und sollte
nachdenklich machen, daß er Glauben überhaupt
weckt, einerlei in wievielen. Ein bloßer Ästhet vermöchte dies
nicht. Wer nur Genuß und Reize verschafft weckt keinen Glauben und wenn
George nichts wäre als ein Erweiterer unseres Genußbereichs, der
Bringer neuer Klänge und Farben - es wäre heut kein Wort mehr über
ihn zu verlieren. Darauf kommt nichts mehr an.
Hexenmeister und Seelen-Akrobaten
brauchen wir nimmer, sie treiben an allen Ecken ihr Wesen und sollen nicht gescholten
werden. Für uns aber handelt es sich um vorbildliche
Menschen, um solche deren bloßes Dasein unsre Verantwortlichkeit
steigert, unser Gewissen weckt und unsern Charakter bildet, Menschen die man
nicht lieben kann, ohne ein neues Maß von
Gut und Bös,
von Schön und Häßlich, von Würde, Pflicht und Schmach zu
bekommen. Nicht neuen Stoff fürs Hirn, nicht neue Reize für die Nerven
wallen wir unsren Dichtern danken, sondern neuen Gehalt unsres ganzen Daseins.
Solche Gewalt geht nicht von der bloßen Begabung aus, nur vom Charakter,
d. h. beim Dichter: von seiner in Sprache gewirkten Gestalt.
Alles Dichten das nicht Charakter, Gestalt, ganzen Menschen darstellt ist bloßes
Gered (ob Urbrunst ob Zierschwulst), und wenn es
sich um die tiefsten Probleme drehte. Aller Dichtercharakter der nicht völlig
Wort geworden, nicht restlos in Sprachform aufgesogen ist, geht uns, weil Privatsache,
nichts an, und wäre es das goldenste Herz, der sinnvollste Kopf. In der
Dichtung wie in der Religion, gilt nur das Wort das Fleisch wird, nur das Fleisch
das Wort wird. Daß Sprache die Essenz des Menschtums ist, eine kosmische
Grundkraft: eben das hat George unsrer Zeit
wieder vergegenwärtigt: Er hat die Kluft zwischen der Dichtung, als dem
Sprachausdruck gehobnen Menschtums, und der Litteratur, als dem Mittel der Unterhaltung
und Belehrung, wieder aufgerissen, mit einer Schroffheit die ihm von den Grenzverwischern
nie verziehen werden kann. Er hat mit einem fast grausamen Nachdruck die Sprache
der Dichtung wieder zurückerobert, nachdem sie bereits, zwei Generationen
seit Goethes Tod, eine unrettbare Beute der Litteratur
schien, und er hat damit zugleich dem großen Begriff »Dichter«,
der in der Vergangenheit mythisch, in der Gegenwart komisch geworden war, wieder
Gehalt und Würde gesichert. Seine allererste Aufgabe, noch eh er seinen
Willen und sein Weltbild herausstellen durfte, war erst wieder eine Dichtersprache
zu erschaffen aus wirk¬lich durchgelebten,
ganz gefüllten Worten. Denn die er vorfand waren von Blut und Geist entleert.
Dann fleckt auf jedem wort der menge
stempel,
Der toren mund macht süße laute schal.
Dies Wiederauffüllen der Worte, dieser Umguß abgegriffnen Metalls,
dies Ringen um den rhythmischen Ausdruck eines neuen Menschen, dies leidenschaftliche
Läutern, Schmelzen, Hämmern der Sprache hat George
den Vorwurf des leeren Formalismus eingebracht - als ob die Sprache leere Form
Wäre! Nein, sie ist die Substanz der menschlichen Seele selbst, sie ist
im Geistigen was im Leiblichen das Blut ist, und Sprachkraft
ist die Zeugungskraft der Seele.
Dies Blut der deutschen Seele
zu reinigen, zur Zeugung echter Geschöpfe
fähiger zu machen, das war Georges dringlichster
Wille, noch eh er weitergreifen konnte. Nur wer
den Gehalt der Sprache erneuert verdient den Namen des Dichters, oder des Propheten
- darin sind beide verwandt, und wesentlich unterschieden vom Schriftsteller,
auch vom genialsten. Denn diesem bleibt Sprache
Mitteilung, Suggestion, Spiegelung oder Erregung:
dem Dichter ist sie Zeugung, wie denn Sprache überhaupt
zwei Reichen angehört: sie ist Mittel des Geistes zur Verständigung,
und sie ist leibliche Funktion, kosmisches Geschehn, kurz
Zeugung. Sie ist ein Gesellschaftsphänomen und ist ein Naturphänomen.
Der Schriftsteller hat es mit dem ersten, der Dichter mit dem letzten zu tun,
und je ursprünglicher ein Mensch aus der Natur spricht, je kosmischer sein
Wille ist, desto leidenschaftlicher wird er nach
Sprachgestaltung ringen.
Sprachschöpfung setzt die Wiedergeburt der Seele
voraus. Darum sind alle religiösen Genien
Sprachschöpfer gewesen, und alle Sprachschöpfung, auch die
nicht geradezu religiösem Trieb entstammt, trägt den Charakter der
Weihe. Der Vers, das eigentliche Symbol der Dichtung, ist liturgisch und magisch,
und nur dem Litteraten wird er zufälliger Redeschmuck. Echte Dichtung,
als Akt der Sprachschöpfung; ist notwendigerweise
festlich. Das leichteste Liebeslied Goethes und
der Prometheus des Äschylus
sind gleicherweise Feiern. Georges vielgehöhnte
Feierlichkeit bedeutet daß er, zugleich mit dem verschollenen Gefühl
für den wiedergeburtlichen Charakter der Sprachschöpfung, auch die
damit notwendig vereinte Festlichkeit des Verses erneuert hat. Auch hier hat
man den unwillkürlichen Ausdruck seines Wesens, die notwendige Folge seiner
Aufgabe für absichtliche Zeremonie, für künstlichen Hokuspokus
oder pompöse Aufmachung gehalten. Und doch ist »unfeierlicher
Dichter« so sehr Widerspruch in sich selbst wie »subalterne
Herrschernatur«.
Wenn Georges Feierlichkeit mehr auffällt,
so liegt es einmal daran daß er sich abhebt von einer besonders feierlosen
Zeit, und sodann, daß er ausschließlicher und unbarmherziger sein
Sprachschöpferamt ausübt als die Dichter früherer Zeiten. Denn
gerade je mehr Pöbel (aller Stände) mitredet
und Sprache mißbraucht, desto strenger muß der Dichter selbst auf
ihren Adel halten. Soviel ist gewiß : niemals solange die Welt besteht
ist das Wort massenhafter, törichter, leichtfertiger gemißbraucht
worden als heute. Pöbel hat es immer gegeben und muß es geben, aber
niemals ist er so zu Stimme gekommen wie heute, und soll Dichtung heute überhaupt
noch einen Sinn haben neben der Litteratur (das wird ja
oft bezweifelt) so muß es der sein: die Bewahrung der in der Sprache
beschlossenen kosmischen Kräfte, des menschlichen Seelenblutes vor
dem seelenlosen Geschwätz, der papiernen Reflexion und der feilen Begehrlichkeit
entgeisteter Mengen und spielerischen Gesindels.S.
64-67 […]
Die Einheit von Tätertum und Traum ist Georges
besonderes Zeichen: Tatkräfte, in Sprache
gedrängt, ja verschlagen, unterscheiden seine Dichtung vom andern deutschen
Schrifttum. Geboren mit dem Willen Welt zu verwandeln,
wie alle Tatmenschen, ergriff er sie mit der ihm
zugewachsenen Gewalt: dem Wort. (Das Wort enthält
den Gedanken, und wer die Gedanken der Menschen über die Dinge verwandelt,
der verwandelt allmählich Dinge und Menschen selbst.
Der Dichter verwirklicht seinen Traum nicht durch Umwälzung der
äußeren, sondern durch Umbildung der inneren Mittel. Unter Traum
verstehe ich dabei nicht das romantische Poetisieren der Welt, die Suche nach
der blauen Blume, sondern die
Kraft sinnliche Gegenwart selbst - ohne Aufputz und Schleier - als Zauber,
als Wunder, als göttlichen Augenblick zu erfahren..
wie es jedem wohl einmal an einem italienischen Herbstabend, bei Alpenglühn
oder in Stunden der ersten Liebe geschehen ist. Diesen gehobenen Zustand durchs
Wort zu verewigen und zu übertragen - das
heißt: Wirklichkeit in ihrem Sein
zu zeigen, frei von Zwecken und Gründen,
jenseits der Kausalität: dies gehört zum Wesen der Dichtung.
Was der Inhalt des Traums, welcher Art die so geschaute Wirklichkeit ist, darauf
kommt zunächst nichts an: den Dichter macht es aus daß er Wirklichkeit
überhaupt so träumen und künden kann. Romantiker geben Erträumtes
für Wirklichkeit.. die klassisch apollinischen Geister
(ihr höchster Typus Shakespeare) stellen
erlebte Welt als Traumwunder dar.
Zu den Verherrlichern des erlebten
Welttraums gehört Stefan George: doch
er vereint mit dieser selbst-
und zweckelosen Traumschau etwas das durch sie von vornherein aus geschlossen
scheint, und allerdings mit romantischer Art nie, mit der apollinischen selten
vereint gewesen ist: einen aktiven menschenverwandelnden
Willen. Der Wille scheint ja ohne Zwecke nicht möglich und der Traum
schließt sie aus. Erst wer diesen Widerspruch löst, begreift Georges
Mitte. Sein Traum und sein Wille entspringen (wie überall
dort wo Traum und Wille in der Geschichte vereint zu treffen sind) demselben
Quell: seinem Eros, dem was er selbst »die weltschaffende
Liebe« nennt. Es ist dieselbe Liebe aus der
Platos Ideen-reich stammt, auch dies der Traum
eines menschenbildenden Willens.
Wie der Traum ein Schauen
ohne selbstischen Zweck ist, so ist die schöpferische Liebe - entzündet
durch ein solches Schauen - ein Wille ohne selbstischen Zweck, ein Wollen-müssen,
ja ein Gewolltwerden : sie strebt nicht wie die Geschlechtsliebe Einzelnes für
sich zu besitzen oder sich Einzelnem hinzugeben, sondern in dem geschauten Einzel-Schönen
das All selbst zu ergreifen und nach seinem Bild zu verwandeln: das heißt,
die vom schöngeschauten Einzelnen ausgehende Bewegung, ausgedrückt
in Farbe, Klang, Wort (oder wie die jeweiligen Kunstmittel
heißen) will der so Träumende dem All mitteilen und seinen
aus dem Traum gebornen Drang in Tat und Staat umsetzen.
Wenn es den meisten Dichtern genügt die schöne Schau ihres Traumes
einfach auszusprechen, so messen andre an ihrer Traumschau die Umwelt und streben
danach sie ihrem inneren Bilde zuzugestalten, den spröden Stoff der Zeit
zu durchglühen mit dem ewigen Feuer dessen Strahlung sie selbst gefühlt
haben. Sie wollen einer blödsichtigeren Welt den Blick geben auf »jenes
Meer, das flutend strömt gesteigerte Gestalten«.
Sie wollen nicht nur schauen, sondern schauen machen, und schauen machen um
eines edleren Tuns und Seins willen. Wer aber, gesegnet mit apollinischer Traumschau,
den Blick in kosmische Wirklichkeit getan hat, der kann nimmer die gemeine Wirklichkeit
der Zwecke und Gründe, seinen kausalen Tag, als maßgebend anerkennen,
dem ist seine zeitliche Umwelt nur Trübung der eigentlichen Welt.. und
füllt ihn noch dazu jener verwandelnde Wille der schöpferischen Liebe,
so wird dieser mit der Zeit ringen, bis eins von beiden überwunden, d.
h. der Wille zerbrochen oder die Zeit durchdrungen ist.
Zu neuer form und farbe wird gedeihn
Der streit von mensch mit mensch und tier und erde.
Doch die schöpferische Liebe ist zugleich das Gesetz für ihren Träger,
sie ist es kraft deren er nicht anders kann, sie gibt ihm die Sicherheit im
Wirrsal der Dinge, Ziele und Ursachen, sie bestätigt ihn:
Sind auch der dinge formen abertausend
Ist dir nur Eine, Meine, sie zu künden.
Diese schöpferische Liebe brennt ihm alle Eitelkeit und Begierde aus, sie
macht ihn ganz zum »Dröhnen der heiligen Stimme,
zum Funken des heiligen Feuers« d. h. zu einer Wirkung der Allkraft
aus der sein Traum und Wille stammt. Sie zwingt ihn aber auch zu richten und
zu sichten, zu formen und zu bändigen, und nötigt das gütigste
Herz zur größten Härte, sie treibt ihn auf die schwere Suche
nach würdigem Stoff woraus er zeugen könne.
Diesen Gott in ihm selbst ruft der Dichter an:
Menschlich glück verschwor ich
um dein lied
Fügte mich der not des wandertumes,
Forschte ob ich dich in ihnen fände.
Tag und nacht hab ich nur dies getan
Seit ich eignen lebens mich entsinne:
Dich gesucht auf weg und steg.
Dieser menschensuchende Eros (und nicht konventikel-frohe
Eitelkeit) treibt den apollinischen Geist
früher oder später zur Gemeindebildung, hält den Willen zum Staat
aus neuen Menschen in ihm wach, macht ihn zum Seelenbildner, ja zum Paidagogen
im engern Sinn. Und dieser Eros zuletzt gibt ihm das untrügliche Gefühl
für die menschtums-bildenden und menschtums-zersetzenden
Kräfte jeder Zeit, für leben-steigernde und leben-schwächende
Spannungen. Wie der apollinische Goethe, so hat auch George
eine pädagogische Provinz abgegrenzt: »Die
Hüter des Vorhofs«.. in dies Gedicht ist alles zusammengedrängt
was ein Erzieher der an die Göttlichkeit des Menschen glaubt als die irdischen
Elemente höherer Menschenbildung erkennt und fordert.
Dieser Eros entspringt allerdings nicht der
pflanzlich wuchernden Natur die alles wahllos wachsen
und schießen läßt, sondern der Natur die sich im Menschen selbst
Auswahl, Maß und Gesetz gegeben hat und für jede ihrer Wucherungen
selbst das Heilmittel im Menschengeist erzeugt. Ist doch der Mensch als der
ewige Erneuerer und Umgestalter der geistlos dumpfen
Natur aus ihr hervorgedrungen. Und spürt sie, die dunkle Mischerin
der Stoffe und Kräfte, die große Nährerin des Lebendigen sich
erschlafft durch ihre eigne Überzüchtung, haben ihre allzu massenhaft
gewordnen Kinder sie ausgesogen und ihre Nährkraft selbst gefährdet,
so hat sie wohl noch das Geheimnis ihrer Genesung verschlossen in einem großen
Herzen das ganz Natur und doch ganz Mensch, ganz Fülle und doch ganz Gesetz,
ganz Blut und doch ganz Geist ist, damit dies, in ihrer Krisis als Held oder
Heiland, als Weiser oder Dichter verkörpert, aus
dem Gefühl ihrer ewigen Gesundheit ihr zeitliches Übel wende.
Und
wenn die große Nährerin im zorne
Nicht mehr sich mischend neigt am untern borne,
In einer weltnacht starr und müde pocht:
So kann nur einer der sie stets befocht
Und zwang und nie verfuhr nach ihrem rechte
Die hand ihr pressen, packen ihre flechte,
Daß sie ihr werk willfährig wieder treibt:
Den leib vergottet und den gott verleibt.
S. 74-78
Aus: Dichter und Helden von Friedrich Gundolf, Heidelberg 1921, Weiss’sche
Universitätsbuchhandlung
Klopstocks
Gottesgedanke
Eingebung! das ist es:
nicht mehr ein vorgeschriebener oder vorgesetzter Zweck, sondern ein unwiderstehlicher
Drang des Sagens und Kündens, den Klopstock
(seiner frommen Erziehung und Stimmung nach) empfand
als ein Geheiß Gottes. Nicht mehr als verständiger
Mensch, der verständigen Mitmenschen Wahrheiten austeilen will, nicht mehr
als geselliger Mensch, der Nutzen oder Vergnügen zu verbreiten habe, fühlte
sich fortan dieser Dichter, sondern als Stimme Gottes.
Aus diesem Erlebnis der Inspiration stammt alles einzelne Neue in Klopstocks
Haltung und Werk.
Zunächst die Weihe:
das Dichten wird ihm ein heiliger Beruf. Wenn etwa die frommen Schweizer Gott
besangen, so war dies ein hoher Gegenstand ihres Denkens, aber sie besangen
ihn als Bürger oder Lehrer für Bürger... und so meist das geistliche
Lied vor Klopstock. Er aber nahm seine Messiade
als unmittelbaren Auftrag der Gottheit, seine Oden
als Klänge des göttlichen Haus... sich
selbst als den Träger einer Sendung und Offenbarung.
Er mußte sich rein erhalten, erhoben bleiben als Gefäß einer
übergesellschaftlichen Weihe in den Eingangsversen
zum Messias, in der »Ode an den Erlöser«
und in den »Stunden der Weihe«, hat
er selbst dieses Amt gefeiert. Damit war Dichtung und Literatur, irdische Zweckrede
und göttliche Drang-
oder Zwangrede geschieden. Die Sprache forderte ihre Würde wieder
als eine Gott-unmittelbare Äußerung
der begnadeten Seele, die ihr Gesetz nicht mehr empfange von Gesellschaft, Staat
oder sonstigen Mittel-anstalten, sondern vom
Herrn alles Wesens. Der Gottheit allein will sie
Ursprung, Form und Pflicht danken. Damit beansprucht die Dichtung eine
ähnliche Autonomie wie Kant sie der Moral sichern wollte. Der Anspruch
war damals neu und hob auch die soziale Stellung des Poeten, der durch Wandel
und Werk ihm Nachdruck und Glauben verschaffen konnte. Mit Klopstock
erscheint zum erstenmal in Deutschland der Dichter als selbständiger
Seher, Sager, Vates. Vor ihm hatte nur der Gottesmann
Luther im protestantischen Deutschland solch einen
Fug, und man muß bis zu Dante zurückgehen, um einen Dichter zu finden,
der sich so ausschließlich als Sänger heiligen Liedes weiß
und will wie Klopstock, Tasso und auch
Milton sind viel mehr fromme Humanisten und Lehrer... mahnende oder schmückende
Mythologen.
Mit dem Genie hat das zunächst nichts zu tun.., ein Poet kann vom Pöbelspaß
herkommen und zum Weltschöpfer werden wie Shakespeare...
oder er kann Gottes Taten bereden und nur privater
Schulmeister bleiben wie Bodmer. Doch die Stunde
ist für die Geistesgeschichte wichtig, da Dichtung, die Schicksalssprache
eines Volkes, einen neuen Sinn bekommt. Dies hat
Klopstock bewirkt, nicht nur für Deutschland.
Corneille, Racine, Molière waren Diener
oder Stammführer einer Gesellschaft. Mit der deutschen Romantik, der Klopstocks
Errungenschaft zugute kommt, verbreitet sich die Idee der Dichterwürde
und -freiheit wieder nach England und Frankreich: die europäischen Flucher
und Mahner Byron und Victor
Hugo mit ihrer unabsehbaren Wirkung folgen eher dem protestantischen
Beter Klopstock als dem Vates der katholischen
Christenheit, Dante: der blieb freilich ein glorreicheres
Vorbild. Doch nach Dante war fast die dichterische Autonomie verschollen...
Klopstock mußte sie erst wieder finden und
füllen. S.59f. […]
Was von Gott aus gesehen Eingebung,
das ist von der Natur aus gedeutet Assoziation. Schlicht
gesagt (doch nicht banal gemeint, die volkstümliche
Wendung veranschaulicht nur den Vorgang, den das wissenschaftliche Fachwort
oft verdunkelt): der inspirierte Dichter schreibt, was ihm ein-fällt,
was ihm kommt. Daß ihm nur Heiliges und Hohes einfällt,
das ist das Zeichen seiner Weihe. Die Auswahl seiner
Worte und Bilder ist in seinem Gemüt schon von vornherein angelegt... Gott
hat es zum Gefäß für seine Gedanken gemacht: so empfand Klopstock
sein Kündertum. Der rationale Poet muß die Dinge für
den Verstand herrichten und ausdeuten. Der von Gott unmittelbar
angehauchte braucht sich vor der Vernunft — vor der
Teufelshure Vernunft, wie Luther sie nennt
— nicht auszuweisen. Was Gott ihm eingibt,
gilt ihm mehr als Vernunft... vermittelnde Begriffe
braucht er nicht, wenn er sich unter Gottes Wind fühlt.
Was in seinen Schwung gerät, steht aus himmlischem
Fug da, Gottes Odem erscheint als Menschenstimme,
Gottes Licht als menschliches Auge.
Daher Klopstocks berühmte »Dunkelheit«.
Sein jugendlicher Einfall-taumel und
Eing-gebungs-rausch erstarrte freilich später zur Redemanier, aus
bewußter Nachahmung der Bibelsprache und des Pindarischen
Mythenstils. Der Dichter, einsam, fern von allen Zuhörern, wird
überflogen, angeflogen von Erinnerungen, Wünschen, Schatten, Gesichten,
die er hereinreißt in den rhythmischen Drang,
kraft dessen er singt: das sind seine Einfälle (Assoziationen).
Nicht aus ihnen kommt das Gedicht, sondern aus dem gottgewollten
Hochgefühl der Andacht, der Sehnsucht, des
Ingrimms, worein Erscheinungen oder Ideen ihn versetzen. Doch das Gefühl
kann sich dann nähren aus allen möglichen Einfällen, Zufällen:
sie sind der Brennstoff für die rhyth¬mische Flamme und werden eines
mit ihr... oder, mit einem andern Gleichnis, die Glockenspeise, die den Guß
und Ton der Glocke mitbestimmt.
Aus der neuen Dichtart und Dichtgesinnung Klopstocks
ergibt sich die Wahl höherer Stoffe, die zu seinem Ruhm gehört. Doch
nur durch seinen Eingebungsstil sind seine Motive so verführerisch geworden,
die Gegenstände und die Zustände seiner Weihe. Den einen Bereich seiner
Poesie füllen die erhabenen Stoffe: Gottheit, der
Heiland, die Erlösung, die Schöpfung, die Unsterblichkeit...
den anderen Bereich die erhabene Aufgabe: die dichterische Sendung und Würde.
Klopstock hat zuerst das Dichtertum selbst wieder in Deutschland besungen:
Geschmacksforderungen waren zwar schon vor ihm gereimt worden, in Nachahmung
der Horazischen Ars poetica und der Episteln des
Boileau, und seit Opitz gab es genug ruhmredige
Anpreisungen des Poetenberufs.
Doch erst Klopstock hat die Gaben, Zeichen und
Zustände der dichterischen Begeisterung selbst verherrlicht, etwa in Oden
wie Stunden der Weihe, Delphi u. a. Von
Gott aus und von seiner Gotteskindschaft
oder Gottesmundschaft aus, von seinem Beruf er
und von seiner Berufung her erst belebte sich ihm die »Welt«,
die Natur und die Menschheit.
Die Werke Gottes und die Beziehungen zu den Menschen
bekamen einen neuen besingenswerten Sinn durch das Gefühl seiner Weihe:
vorher waren es eben Gegenstände allgemeinen Denkens, jetzt Kräfte
des eigenen Gefühls, Offenbarungen oder Gnaden. Unsterblichkeit
und Vergängnis, das sind die beiden Beziehungen, unter denen er
die Welt von Gott aus
erfährt.
Immer wieder erhebt oder erschüttert er sich an diesen beiden Grundtatsachen,
wodurch er sich seiner Kleinheit als irdisches Wesen und seiner Hoheit als Gottes
Geschöpf und als erlöste Seele bewußt wird. Nicht nur, daß
er die Gedanken Tod und Unsterblichkeit selbst immer wieder in Gefühlsmusik
setzt: »Frohsinn«, »Die frühen
Gräber«, »Der Tod«, »Die Trennung«, »Warnung«
— auch seine Landschafts- und seine Freundschaftsgesänge,
seine Feier der Jahreszeiten oder der Geliebten gelten nicht so sehr der Gegenwart
blumiger oder fruchtiger Natur, tätiger oder gesprächiger Menschen
als der überweltlich fernen Gottheit, die
sie geschaffen oder erlöst oder vernichtet hat: alle Erscheinung ist ihm
nur Wahrzeichen der unsichtbaren Tätigkeit Gottes.
Nicht das Lebendige, sondern den Beleber... nicht die Schöpfung,
sondern den Schöpfer... nicht das Blühende
und Welkende — kaum das Blühen und Welken — sondern immer wieder
den unbeschreiblichen Grund aller beschreibbaren Dinge und Vorgänge sucht
und ruft er. Daß er selbst sterben muß, daß alle sterben müssen,
die trauteste Geliebte, die Gefährten, das schöne Mädchen und
der große Mann, der Sünder und der Fromme, das gibt ihm gleichsam
die bunten Erdenfarben, worin sein einfacher Gottesstrahl
sich bricht oder trübt.
Daß die irdischen Zustände in einer höheren Welt verewigt werden
durch Gottes Güte, das ist zugleich die Begrenzung
seiner gestaltlosen Schwünge und die
Beseelung seiner gewichtlosen Erde. Denn nicht aus eigener Fülle
lebte ihm sinnliche Welt, wie den Heiden oder den Pantheisten: er mußte
sie erst von seiner übersinnlichen Gottheit abheben,
um sie überhaupt zu gewahren.
Nicht in ihrem Wesen oder
Da-Sein erfuhr er sie, wie Goethe oder
Hölderlin, sondern durch ihre Beziehungen zu Gott oder zur unsterblichen
Seele — und diese beiden waren ihm nicht durch Schauen gegeben,
sondern durch Gefühl oder Glauben. Man lese seine noch sinnfälligsten
Gedichte... seine Mondlieder, seine Maifeier, seine Eislandschaft: ihren eigentlichen
Ton empfangen sie erst durch die Spannung zwischen ihrem flüchtigen oder
verflüchtigten Nu und der Ewigkeit Gottes,
der sie gibt oder nimmt, zeigt oder löscht. Nicht so sehr das irdische
Vergnügen in Gott lehrt ihn die Erscheinungen
sehen, wie etwa einen deutschen Landschafterpoeten vor ihm, Brockes
oder Haller, als das überirdische
Ungenügen aus Gott, die Rührung über die Vergängnis
der Menschenfreuden und ihre Auf-hebung in dem
gestaltlosen, zeitlosen, raumlosen Gefühl des Schöpfers vermöge
der unsterblichen Seele.
Alles Irdische war also für Klopstock nur
Anlaß, Anstoß, Grenze, die er überschwang.
Bei ihm kann man sich den Sinn des Wortes »Überschwang« recht
klar machen: er haftet nicht, sondern er fliegt, er durchdringt nicht, sondern
umschwebt, er zeigt nicht, sondern er winkt. »Das
Gewölk wallte nur hin«, ist der bezeichnende Vers für
ihn.
Klopstock ist schlechthin
unplastisch, aber musikalisch. Das Verschweben, das ahnen läßt, die
dämmernde Hülle unsichtbaren Seins oder Geschehens, das Hinaufziehende
und unergründlich Dunkle oder
ungreifbar Helle, kurz das Grenzenlose,
Unendliche meinte
und suchte er in der Natur. Nur weil er durch Grenzen erst es vermitteln konnte,
nahm er auch die Grenzen wahr: die Farben und Formen um des Lichtes willen,
weil wir ohne sie nichts vom Licht wüßten, die Zeit als das Maß
für die Ewigkeit,
den Tod als das Tor zur
Unsterblichkeit.
So unterscheidet er sich von den dingfrohen, selbstgenugsamen Sammlern, Beschreibern
und idyllischen Landschaften, Ewald v. Kleist und
Brockes, wie von den ursprünglichen Natur-
und Schicksalssehern, Goethe und Hölderlin,
die im Festen selbst das bewegt Wirkende erfuhren und in der Gestalt selbst
das übergestaltige Leben ohne Flucht nach oben oder nach innen.
Der Gottesgedanke Klopstocks gehörte zwar
noch zur aufgeklärten Humanität, nicht er war neu, sondern sein Gefühl
und seine Sprache. Nicht der eifervolle Jehova,
sondern der Liebesgott, der Erlöser ist die Quelle
seiner Frommheit. So hat er mühelos die gesamten humanitären
Rokoko-Ideen aus ihr abgeleitet, mit ihr vermischt.
Der unendliche Wert der Menschenseele begründet
die allgemeine Menschenliebe und das Freiheitsideal:
beides sind Hauptmotive der Klopstockischen Poesie geworden. Wenn der Einzelmensch
im unmittelbaren Bezug zu Gott steht, der seine Seele der Erlösung gewürdigt,
dann gilt jeder Eingriff in ihr Dasein als Sünde. Brüderlichkeit,
Freiheit, Gleichheit sind protestantische Postulate von der Einzelseele aus.
Der Tyrannenhaß Klopstocks
und seiner wütigen Mit- und Nach-Barden stammt aus derselben Gesinnung
wie seine Gebete und Weihe-Oden.
Er ist hier ein Zeitgenosse. ja ein Bruder Rousseaus und
wie dieser empfindsam und freiheitssüchtig aus protestantischem
Seelenkult. Dagegen war er ein Widersacher der Voltairischen
»Aufklärung«, die von der Renaissance herkam, nicht
von der Reformation... die den Verstand entfesseln wollte, nicht das Gemüt.
Rousseau wollte Freiheit
an sich als absoluten Wert, gleichsam Freiheit des Christenmenschen
ohne Christus, Voltaire
wollte Freiheit als Mittel des erfreulichen Lebens und richtigen Schaffens,
vor allem Denkens. Rousseau ist die Rokoko-Form
des protestantischen Eiferers, ein Nachfahre des
Luther und Calvin, Voltaire
die Rokoko-Form des »Virtuoso« aus
dem Hochrenaissance, ein Nachfahre des Petrarca oder
Ariost.
Klopstock hat in dieser Art Mensch den eigentlichen
Teufel empfunden. An dem Widerwillen gegen die
Voltairische Zweifelei, Genießerei und Spielerei hat sich erst
Klopstocks Deutschtums-Kult wenn nicht entzündet, so doch gefestigt und
formuliert. Sein Patriotismus ist weniger ein Urgefühl
(wie seine Frömmigkeit eins ist) als
eine Abwehr: das Gottesleugnertum, die dreiste
Genußsucht und die verstandes-eitle Diesseitigkeit
sah er in französischer Fassung, und die Vorstellung dieser Greuel
verschmolz ihm mit dem Wälschtum. Verehrungswillig, wie er war, litt er
daran, den Helden der Zeit, Friedrich, als Voltairianer zu sehen. Unmerkbar
ward ihm der Dienst seines Gottes zum Krieg
gegen die Gottesleugner und zur Verteidigung seines deutschen Glaubens
gegen wälschen Leichtsinn oder Flachsinn. Frommheit, Tugend, Biederkeit
setzte er mehr und mehr mit dem Deutschtum gleich, in dessen Sprache
Gott zu feiern er sich begnadet fühlte ... Windigkeit,
Tücke, Unzucht und Geistesdünkel sah er von Franzosen verkörpert,
von eitlen Klüglern und Schmeckern, Schwätzern und Tändlern.
Von Klopstock her datiert das offizielle Schema
des deutschtümlichen Franzosenhasses, das
dann in den Freiheitskriegen mit staatlichen Inhalten und mit lebendiger Wucht
gefüllt werden konnte. Vor Klopstock gab es seit dem Humanismus einen gewissen
literarischen und archäologischen Ahnendünkel auf Ariovist und Arminius,
und viele klagen über die Wälschen ohne wahren Haß, bei knechtischer
Nachahmung ihrer Moden.
Klopstock fühlte sich frei von dieser Sklaverei und haßte nicht von
unten nach oben, sondern rügte oder verachtete von oben nach unten —
der erste Deutsche, der sich ehrlich besser dünkte als die Franzosen und
sein Volk zu diesem neuen Stolz nicht ganz erfolglos mit aufrief. Die wahre
Quelle seines Heimatsinnes war sein deutscher Sprachstolz:
nicht ein Staats- oder Volksgefühl an sich hat ihn zum Patrioten
gemacht, sondern seine Freude an dem Medium, in dem er seine Sendung künden
durfte: die deutsche Sprache. Wo er die deutsche Sprache rühmt, da hat
er Mark und Nerv... wo er vom Staat und Volk redet, bleibt er oft im Stimmungsgewölk
und im Bardenlärm stecken. Sein deutsches
Dichtertum aus Weihe ist auch der allein echte und feste Grund seiner
Vaterlandsliebe. Im übrigen war er allgemeiner Menschenfreund, Völkerverbrüderer.
Wohlfahrts- und Fortschrittsgläubiger, staatsfremd und stammesblind. Seine
Bardiete, seine Hermannsdramen sind verschwommene und empfindsame Altertümelei
in falschem Reckengewand, mit künstlicher Mannheit. Er
hatte ein Gefühl deutscher Sprache, keine Anschauung deutschen Volks, noch
minder einen Willen deutschen Staats.
In Klopstock kreuzen sich überhaupt ursprüngliche Kräfte mit
abgeleiteten Inhalten, aus Widerspruch oder Belesenheit betonten. Durch die
ersten ist er der seelengeschichtliche Neuerer und Gründer, den wir heute
ehren, durch die letzten eine vergängliche Mode und Manier des deutschen
Schrifttums. Sein humanitärer Tyrannenhaß, sein gereckter
Teutonismus und seine verblasene Unsterblichkeitsschwelgerei
gehören nur den wenigen Jahrzehnten an, da sie nachgeheult, nachgeknurrt
oder nachgelallt werden konnten.
Auch in Klopstock war viel beschränktes Kleinbürgertum,
Schulmeisterei und pfaffische Empfindsamkeit, viel von den irdischen
Nöten, aus denen die deutsche Romantik und der deutsche Idealismus transzendentale
Tugenden zu machen meinten oder zu machen wußten. Doch sein dauernder
Grund reichte tiefer hinunter als in diese Schichten deutschen Nachluthertums,
denen er zunächst seinen Massenerfolg dankte,
und in seinen höchsten Augenblicken überflog er sie weit. Sein Bestes
ist die lautere Gefühlsglut der ewigen deutschen
Jugend, der gläubige Ernst, die gediegene Würde und die heilige
Scheu: menschliche Eigenschaften, die bei uns niemals ausgestorben sind und
immer wieder aus platter Roheit, wie aus Öde und Fäule als Stimme
oder Gestalt sich erhoben haben.
Auch Klopstock gehört zu diesen Stimmen. Um
ganz eine überzeitliche
Gestalt zu werden, wie es Goethe und Schiller
geworden sind, wie es Hölderlin und
George werden, fehlte ihm die Weisheit welthaften
Lebens und das große Schicksal seiner Person oder seines Volkes. Er wuchs
anspruchsvoll in lauschiger Enge heran und horchte andächtig auf seine
innere Stimme mit der Selbstgenugsamkeit eines
augenlosen Musikers oder Mystikers ... den großen Friedrich und
die französische Revolution maß er an den geschichtsfremden Werten
seines empfindsamen Gemüts, huldigte ihren Ideen und erschrak vor ihrer
Erscheinung.
Aber seine Stimme, zart und weithallend, voll und hell, dröhnend und schwingend
zugleich, diese Stimme aus ursprünglichem Herzen und aus unentweihtem Himmel
mit ihrer Botschaft von heiligen Schauern, holden Gefühlen und erhabener
Andacht, mit einem neuen Naturhauch und einer neuen Seeleninnigkeit, diese Stimme
Klopstocks war den Besten seiner Zeit fast die eines religiösen Mittlers.
Der Klopstock-Kult war keine Sache des Geschmacks
und der Bildung, wie die Wieland-Bewunderung,
sondern eine Sachedes Glaubens. Man denke an Werthers Empörung über
die Frage, wie ihm Klopstock gefiele! oder das fromme Entzücken der beiden
Liebenden in einem herrlichen Nu der Natur, das sich entlädt mit dem Namen
Klopstock.
Die Wiedergeburt der festlichen Seele feierte man in dem Sänger, der ihrer
wieder deutschen Sprache gegeben, mitten unter Staub und Puder, mitten in armer
Klugheit und massigem oder klapprigem Behagen, nach schwankem oder leerem Spiel.
Die festliche Seele, die geistige Freude, der fromme Aufschwung
und der lautere Rausch ging aus Klopstocks
beginnlichem Wort dann in weitere, tiefere, stärkere Menschen über,
und die vereinzelte steile Flamme wärmte ringsum die frierende Luft. Seitdem
haben wir wieder deutsche Dichtung: echte unmittelbare Sprache unsres Wesens
und Schicksals. Sie muß immer wieder errungen werden, denn es gibt keinen
festen Besitz, am wenigsten unter Deutschen. Doch wer
um den Beginn und die Gründer weiß, dem wachsen Kräfte im Geisterkrieg
zu aus lebendigem Erbe. Solch ein helfender Ahnengeist ist auch Klopstock.
S. 62-68
Aus: Friedrich Gundolf, Dem lebendigen Geist. Aus Reden, Aufsätzen und
Büchern ausgewählt von Dorothea Berger und Marga Frank, Verlag Lambert
Schneider. Heidelberg-Darmstadt 1962