Sterben
Siehe auch Wikipedia
mittelhochdeutsch: sterben
althochdeutsch: sterban
niederländisch: sterven
altenglisch: steorvan
englisch: to starve = vor Hunger und Durst umkommen = verwandt mit:
althochdeutsch: Sterbo = Pest, Tod
altenglisch: steorfa = Pest
altnordisch: stjarfi = Starrkrampf oder stirfin = halstarrig, trotzig
griechisch: stérphos = Haut, Fell, Hülle
lateinisch: torpêre = betäubt, gefühllos, taub sein
altrussisch: stérbnut = fest, hart werden, erstarren, absterben
russisch: térbet = leiden, dulden

Daran führt in unserem Lebenswahn auf dieser irdischen Todesbahn kein Weg vorbei: Spätestens bei unserer Geburt beginnen wir alle während der ausbruchsicheren Gefangenschaft in den Zellen unserer egoisierten Einzelhaft zu sterben, denn nur das Geborene kann sterben und verderben. Das Sterben ist unzerstörbar, solange wir das Verderben im Sterben an und in unseren Nachkommen weiter vererben. Dabei sollten wir nicht so vermessen sein und dabei vergessen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, in denen die Gestorbenen ihr mühsam auf der Erde erworbenen materiellen Güter und Reichtümer mitnehmen können. Alles, was wir mit tödlicher Gewissheit wissen, ist dass unser Körper nach seinem allerletzten Atemzug langsam aber sicher von Würmern zerfressen wird, sofern er nicht einbalsamiert oder verbrannt wird. Ob mit dem letzten Atemhauch auch unsere Seele stirbt oder in eine andere Dimension ausgehaucht und eingetaucht wird: Darüber können wir nur phantasieren und spekulieren. Wenn wir aber daran glauben, kann uns kein Mensch unseren Gauben rauben, weil zu keiner Zeit irgendeine menschliche Person mit absoluter Gewissheit das Gegenteil beweisen geschweigedenn begründen kann.

Immanuel Kant (1724 – 1804)
aus: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht
Das Sterben kann kein Mensch an sich selbst erfahren (denn eine Erfahrung zu machen, dazu gehört Leben), sondern nur an andern wahrnehmen. Ob es schmerzhaft sei, ist aus dem Röcheln, oder den Zuckungen des Sterbenden nicht zu beurteilen; vielmehr scheint es eine bloß mechanische Reaktion der Lebenskraft, und vielleicht eine sanfte Empfindung des allmählichen Freiwerdens von allem Schmerz zu sein. Die natürliche Furcht vor dem Tod ist also nicht ein Grauen vor dem Sterben, sondern wie Montaigne richtig sagt, vor dem Gedanken gestorben (d. i. tot) zu sein ; den also der Kandidat des Todes nach dem Sterben noch zu haben vermeint, indem er das Kadaver, was nicht mehr er selbst ist, doch als sich selbst im düstern Grabe, oder sonst wo denkt. – Die Täuschung ist hier nicht zu heben; denn sie liegt in der Natur des Denkens, als eines Sprechens zu und von sich selbst. Der Gedanke: Ich bin nicht , kann gar nicht existieren; denn bin ich nicht, so kann ich mir auch nicht bewusst werden, dass ich nicht bin. Ich kann wohl sagen, ich bin nicht gesund, u. d. g. Prädikate von mir selbst verneinend denken (wie es bei allen Verben geschieht); aber in der ersten Person sprechend das Subjekt selbst verneinen , wobei alsdann dieses sich selbst vernichtet, ist ein Widerspruch.
§24
Immanuel Kant: Schriften zur Anthrologie . . . Werkausgabe Band XII, suhrkamp taschenbuch stw 193


Michel Montaigne
(1533 - 1592)
Der Tod als Freiheitsbringer
Als man den Philosophen Antisthenes zu den Geheimnissen des Orpheus einweihte, und der Priester zu ihm sagte, dass diejenigen, die sich diesem Dienste widmen, nach ihrem Tode ewige und vollkommene Güter zu hoffen hätten, fragte er denselben: »Warum stirbst du denn also nicht selbst, wenn du dieses glaubst«?

Diogenes antwortete seiner Art nach ungestümer, und nicht so geschickt zu unserer gegenwärtigen Materie, dem Priester, der ihm ebenfalls vorpredigte, dass er zu seinem Orden übertreten sollte, damit er dadurch die Güter der zukünftigen Welt erlangte: »Willst du mich bereden, dass Agesilaus und Epaminondas , die so große Männer, werden dereinst elend, und du armer Schafskopf hingegen, ungeacht du nichts taugliches tust, wirst glücklich sein, weil du ein Priester bist«? Wenn die großen Verheißungen von der ewigen Seligkeit nur eben so viel bei uns gälten, als eine philosophische Betrachtung: so würden wir uns nicht so sehr vor dem Tode entsetzen, als wir wirklich tun.

Wir würden uns bei dem Tode nicht über unsere Auflösung beschweren, sondern uns freuen, dass wir in Freiheit gesetzt werden, und wie eine Schlange die Haut, oder wie ein alter Hirsch die hohen Geweihe, ablegen. ( Lucret. L. III, 62)

Wir würden sagen: »Ich habe Lust abzuscheiden, und bei Jesu Christo zu sein «. Die Stärke des Platonischen Gespräches von der Unsterblichkeit der Seelen trieb einige seiner Zuhörer zum Tode an, damit sie desto geschwinder der Hoffnung, die er ihnen machete, teilhaftig werden möchten. Alles dieses ist ein sehr deutliches Zeichen, dass wir unsere Religion bloß nach unserer Art und mit unsern Händen, und nicht anders annehmen, als die andern Religionen ergriffen werden.

Nach : Montaigne: Schutzschrift für Raimond von Sebonde, S. 14-16. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie von Platon bis Nietzsche
Veröffentlichung auf Philo-Website mit freundlicher Erlaubnis des Verlages der Directmedia Publishing GmbH, Berlin

Schon bei der Geburt beginnt der Tod
Die Natur spricht zu uns: »Wie du in die Welt gekommen bist, so musst du wieder aus ihr fort. Der Übergang vom Tode zum Leben, der dir kein Leiden und keine Schrecken gebracht hat, den brauchst du nur zu wiederholen, als Übergang vom Leben zum Tod. Dein Tod gliedert dich in die Weltordnung ein; es ist ein Stück Leben in dieser Welt . . . Dies euer Leben, dessen ihr euch erfreut, ist in gleiche Teile geteilt, es gehört ebenso dem Tode wie dem Leben. Schon am ersten Tag nach eurer Geburt beginnt die Wanderung auf das Sterben wie auf das Leben zu.« »Schon bei der Geburt beginnt der Tod: und das Ende ist mit dem Anfang unlösbar verbunden.« Jeder gelebte Moment wird dem Gesamtleben gestohlen; von ihm wird er abgezogen. Euer ganzes Leben lang baut ihr am Tode. . Ihr seid schon im Tode, wenn ihr lebt; denn wenn ihr nicht mehr lebt, seid ihr jenseits des Todes, oder, wenn das besser klingt, seid ihr tot jenseits des Lebens; aber während der ganzen Lebenszeit seid ihr schon beim Sterben; und der Tod trifft den Sterbenden viel härter als den Toten; für ihn ist er fühlbarer und wirklicher. S. 60
Aus: Michel de Montaigne: Die Essais, 1. Buch, 19. Kapitel, Ausgewählt. übertagen und eingeleitet von Athur Franz
Reclams Universalbibliothek Nr. 8308 1984 Philipp Reclam jun. GmbH & Co, Stuttgart. Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlags


Es ist ungewiss, wann und wo uns der Tod erwartet
[...] Lasset uns beim Gelage der fröhlichen Feste uns nicht betäuben mit Genuss und an das Ende vom Lied denken! So hielten es die alten Ägypter, die bei ihren Gastmählern und besten Schmäusen zu einer Mahnung für die Gäste ein Totengerippe hereintragen ließen. Es ist ungewiss, wo uns der Tod erwartet, erwarten wir ihn also allenthalben! An den Tod vorausdenken, heißt an die Befreiung vorausdenken. Wer zu sterben gelernt hat, hat verlernt ein Sklave zu sein. Es gibt nichts Schmerzlicheres im Leben für den, der recht verstanden hat, dass der Verlust des Lebens kein Übel ist. [...]. Immer muss man gestiefelt und gespornt für den Abschied sein; und so bereit, dass man es dann nur noch mit sich selbst zu tun hat [...] Zu guter Letzt ist meine Meinung, dass die fürchterlichen Zeremonien, mit denen wir den Tod umgeben, uns noch mehr ängstigen als er selbst. Das Weinen der Mütter, der Gattinnen und Kinder, die Besuche von niedergeschlagenen, erschütterten Personen, die Gegenwart eines Haufens von blassen, tränenübersströmten Bedienten, ein verhängtes Zimmer, brennende Kerzen, die Ärzte und Priester, die um das Bett herumstehen: kurz nichts als Schauerliches und Entsetzliches um uns her. Es ist, wie wenn wir schon eingesargt und im Grabe lägen. Glücklich der Tod, dreimal glücklich, der zu allen diesen Zurüstungen und Anstalten keine Zeit lässt!
S. 125f.
Aus: Michel de Motaigne: Die Essais und das Reisetagebuch. In den Hauptteilen verdeutscht und herausgegeben von Paul Sakmann, Kröners Taschenausgabe Band 101

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

Vom freien Tode

Viele sterben zu spät, und einige sterben zu früh. Noch klingt fremd die Lehre: »stirb zur rechten Zeit«!

Stirb zur rechten Zeit; also lehrt es Zarathustra.

Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit sterben ? Möchte er doch nie geboren sein! – Also rate ich den Überflüssigen.

Aber auch die Überflüssigen tun noch wichtig mit ihrem Sterben , und auch die hohlste Nuss will noch geknackt sein.

Wichtig nehmen alle das Sterben : aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die schönsten Feste weiht.

Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein Gelöbnis wird.
Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und Gelobenden.

Also sollte man sterben lernen
; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher Sterbender nicht der Lebenden Schwüre weihte!

Also zu sterben ist das Beste
; das zweite aber ist: im Kampfe zu sterben und eine große Seele zu verschwenden.

Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender Tod, der heranschleicht wie ein Dieb – und doch als Herr kommt.

Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will .

Und wann werde ich wollen? – Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit für Ziel und Erben.

Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine dürren Kränze mehr im Heiligtum des Lebens aufhängen.

Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren Faden in die Länge und gehen dabei selber immer rückwärts.

Mancher wird auch für seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser Mund hat nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.

Und jeder, der Ruhm haben will, muss sich beizeiten von der Ehre verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu – gehn.

Man muss aufhören, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt: das wissen die, welche lange geliebt werden wollen.

Saure Äpfel gibt es freilich, deren Los will, dass sie bis auf den letzten Tag des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und runzelig.

Andern altert das Herz zuerst und andern der Geist. Und einige sind greis in der Jugend: aber spät jung erhält lang jung .

Manchem missrät das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm ans Herz. So möge er zusehn, dass ihm das Sterben umso mehr gerate.

Mancher wird nie süß, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die ihn an seinem Aste festhält.

Viel zu viele leben und viel zu lange hängen sie an ihren Ästen. Möchte ein Sturm kommen, der all dies Faule und Wurmfressne vom Baume schüttelt!

Möchten Prediger kommen des schnellen Todes! Das wären mir die rechten Stürme und Schüttler an Lebensbäumen! Aber ich höre nur den langsamen Tod predigen und Geduld mit allem »Irdischen«.

Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das zu viel Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!

Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer , den die Prediger des langsamen Todes ehren: und vielen ward es seitdem zum Verhängnis, dass er zu früh starb .

Noch kannte er nur Tränen und die Schwermut des Hebräers , samt dem Hasse der Guten und Gerechten – der Hebräer Jesus: da überfiel ihn die Sehnsucht zum Tode.

Wäre er doch in der Wüste geblieben
und ferne von den Guten und Gerechten! Vielleicht hätte er leben gelernt und die Erde lieben gelernt – und das Lachen dazu!

Glaubt es mir, meine Brüder! Er starb zu früh; er selber hätte seine Lehre widerrufen , wäre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war er zum Widerrufen!

Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jüngling, und unreif hasst er auch Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemüt und Geistesflügel.

Aber im Manne ist mehr Kind als im Jünglinge, und weniger Schwermut: besser versteht er sich auf Tod und Leben.

Frei zum Tode
und frei im Tode, ein heiliger Nein- Sager, wenn es nicht Zeit mehr ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.

Dass euer Sterben keine Lästerung sei auf Mensch und Erde, meine Freunde: das erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.

In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich einem Abendrot um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht geraten.

Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die Erde mehr liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in der Ruhe habe, die mich gebar.

Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr Freunde meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.

Lieber als alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball werfen! Und so verziehe ich noch ein wenig auf Erden: verzeiht es mir!
Also sprach Zarathustra.

Friedrich Nietzsche. Zarathustra I, S.56-59, Kröners Taschenausgabe Band 75

Greis und Tod. -

Abgesehen von den Forderungen, welche die Religion stellt, darf man wohl fragen: warum sollte es für einen altgewordenen Mann, welcher die Abnahme seiner Kräfte spürt, rühmlicher sein, seine langsame Erschöpfung und Auflösung abzuwarten, als sich mit vollem Bewusstsein ein Ziel zu setzen? Die Selbsttötung ist in diesem Falle eine ganz natürliche naheliegende Handlung, welche als ein Sieg der Vernunft billigerweise Ehrfurcht erwecken sollte: und auch erweckt hat, in jenen Zeiten, als die Häupter der griechischen Philosophie und die wackersten römischen Patrioten durch Selbsttötung zu sterben pflegten. Die Sucht dagegen, sich mit ängstlicher Beratung von Ärzten und peinlichster Lebensart von Tag zu Tage fortzufristen, ohne Kraft, dem eigentlichen Lebensziel noch näher zu kommen, ist viel weniger achtbar. – Die Religionen sind reich an Ausflüchten vor der Forderung der Selbsttötung: dadurch schmeicheln sie sich bei denen ein, welche in das Leben verliebt sind .
S.77
Friedrich Nietzsche. Menschliches, Allzumenschliches I, II.Zur Geschichte der moralischen Empfindungen 80, Kröners Taschenausgabe Band 72

Verhinderung des Selbstmords. -
Es gibt ein Recht, wonach wir einem Menschen das Leben nehmen, aber keines, wonach wir ihm das Sterben nehmen: dies ist nur Grausamkeit.
S.80
Friedrich Nietzsche. Menschliches, Allzumenschliches I, II.Zur Geschichte der moralischen Empfindungen 88, Kröners Taschenausgabe Band 72

Wie man stirbt, ist gleichgültig . –

Die ganze Art, wie ein Mensch während seines vollen Lebens, seiner blühenden Kraft an den Tod denkt, ist freilich sehr sprechend und zeugnisgebend für das, was man seinen Charakter nennt; aber die Stunde des Sterbens selber, seine Haltung auf dem Totenbette ist fast gleichgültig dafür. Die Erschöpfung des ablaufenden Daseins, namentlich wenn alte Leute sterben, die unregelmäßige oder unzureichende Ernährung des Gehirns während dieser letzten Zeit, das gelegentlich sehr Gewaltsame des Schmerzes, das Unerprobte und Neue des ganzen Zustandes und gar zu häufig der An- und Rückfall von abergläubischen Eindrücken und Beängstigungen, als ob am Sterben viel gelegen sei und hier Brücken schauerlichster Art überschritten würden, – dies alles erlaubt es nicht, das Sterben als Zeugnis über den Lebenden zu benutzen. Auch ist es nicht wahr, dass der Sterbende im allgemeinen ehrlicher wäre als der Lebende: vielmehr wird fast jeder durch die feierliche Haltung der Umgebenden, die zurückgehaltnen oder fließenden Tränen- und Gefühlsbäche zu einer bald bewussten bald unbewussten Komödie der Eitelkeit verführt. Der Ernst, mit dem jeder Sterbende behandelt wird, ist gewiss gar manchem armen verachteten Teufel der feinste Genuss seines ganzen Lebens und eine Art Schadenersatz und Abschlagzahlung für viele Entbehrungen gewesen.
S.42f
Friedrich Nietzsche. Menschliches, Allzumenschliches II, I. Vermischte Meinungen und Sprüche 88, Kröners Taschenausgabe Band 72

Johann Albrecht Bengel (1687 – 1752)
Über den Tod und den Zustand nach dem Tode
Das menschliche Leben ist ein beständiger Streit mit dem Tod ; es fehlt den Menschen ständig etwas. Es ist daher auch besser, wenn man in gesunden Tagen sich zu Gott schickt; wenn man es bis auf das Totenbett anstehen lässt, kann man nur schwer zum Zeugnis eines freiwilligen Geistes durchkommen. Man muss sich immer in seinem Herzen beschuldigen lassen, wenn du gesund wärest, so würdest du es nicht so machen.

Es gibt einfache Leute, die können ihren wahren Grund, den sie aus Gott in sich haben, nicht ausdrücken, weil sie nicht von Jugend auf dazu angeleitet worden sind. Der Grund zeigt sich oft erst im Sterben ; er bleibt nicht ganz verborgen. Ein Kind Gottes wird nicht leicht unerkannt abscheiden.

Einen Sterbenden , der schon so gar nahe bei der Ewigkeit ist, vergleiche ich mit der Mündung eines Flusses, der in das Meer fließt, wobei man fast nicht mehr unterscheiden kann, welches das Wasser des Flusses oder welches das stehende Wasser des Meeres ist.

Es geschieht manchmal, dass Menschen, auch wenn in natürlicher Weise die Lösung des Bandes nun vor sich zu gehen scheint, nicht sterben können, und zwar nicht aus natürlichen Gründen, sondern weil sie noch in Unversöhnlichkeit beharren. Sobald der Beleidigte ein Wort des Friedens verlauten lässt, erfolgt auch die Lösung des Bandes [zwischen Leib und Seele] . Diese Möglichkeit muss man sich bei Sterbenden fein einfallen lassen.

Wenn sich bei Gelegenheit eines Sterbens die Ewigkeit öffnet, dann werden dessen auch andere, zum Beispiel die Umstehenden, mit Freude, Trost, Schrecken und Angst inne . […]

Aus: Johann Albrecht Bengel: In der Gegenwart Gottes. Bekenntnisse und Zeugnisse S.75-82
Zeugnisse der Schwabenväter, Band VII, Verlag Ernst Franz, Metzingen

Sebastian Brant / Brandt (1457/8 – 1521)
Sich des Tods nicht versehen
All, die wir leben hier auf Erden,
geliebte Freund, betrogen werden,
daß zu betrachten wir nit bereit
den Tod , der unser harrt allzeit.
Wir wissen und ist uns wohl kund,
daß uns gesetzet ist die Stund
und wissen nit, wo, wenn und wie?
Der Tod, der ließ noch keinen hie .
Wir sterben all, fließen von hinnen
wie Wasser hin zur Erde rinnen;
darum sind wir gar große Narren,
daß wir nit denken in viel Jahren,
die uns Gott darum leben läßt,
daß wir uns rüsten auf das best
zum Tod und lernen, daß von hinnen
wir müssen, keiner kann entrinnen.
Getrunken ist der Wein schon drauf,
wir können nit abstehn vom Kauf.
Die erste Stund die letzt auch bracht,
und der den ersten hat gemacht,
der wußt auch, wie der letzt würd sterben .
Aber die Narrheit tut uns färben,
und wir wollen es nicht fassen,
daß uns der Tod nit hier wird lassen
und unser volles Haar nit schonen
noch unsre grünen Kränz und Kronen.
Er heißt wahrlich Hans-acht-sein-nit;
denn welchen er ergreift und schütt‘,
er sei auch stark, schön oder jung,
den lehrt er gar seltsamen Sprung,
den ich billig den Todsprung heiß
S.248f […]
Aus: Sebastian Brant, Das Narrenschiff, Text und Holzschnitte der Erstausgabe 1494, Zusätze der Ausgaben 1495 und 1499
Röderberg-Verlag G.m.b.H. Frankfurt am Main

Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)
Das Leben ist Vorbereitung auf den Tod
(74)
Denn der in uns herrschende Gott verbietet es uns, von hier ohne seinen Befehl wegzugehen; wenn aber der Gott selbst einen triftigen Grund gegeben hat, wie damals dem Sokrates, jetzt dem Cato und häufig vielen anderen, dann wird, bei Gott, der Weise freudig aus dieser Dunkelheit in jenes Licht hinaustreten; er wird aber nicht die Fesseln des Körpers von sich aus brechen — denn das verbieten die Gesetze —‚ sondern er wird gehen
[aus dem Leben scheiden] , weil er von Gott gleichsam wie von einer Behörde oder irgendeiner gesetzlichen Macht abberufen und hinausgeschickt wurde.

(75) Denn das ganze Leben der Philosophen ist, wie derselbe Sokrates sagt, Vorbereitung auf den Tod. Denn was tun wir anderes, wenn wir unsere Seele von der Lust, also vom Körper; wenn wir sie vom Besitz, der der Diener und Gehilfe des Körpers ist, wenn wir sie vom Staat, wenn wir sie von jeglicher Beschäftigung wegrufen, was, sage ich, tun wir anderes, als die Seele zu sich selbst zu rufen, sie zu zwingen, sich allein anzugehören, und sie möglichst weit vom Körper wegzuführen? Die Seele aber vom Körper zu trennen, das eben heißt sterben lernen. Deshalb wollen wir uns darauf vorbereiten, glaube mir, und uns von unseren Körpern lösen, das heißt, wir wollen uns daran gewöhnen zu sterben . Das wird, solange wir uns auf Erden aufhalten, jenem Leben im Himmel ähnlich sein, und wenn wir dann, von den Fesseln hier befreit, dorthin entschweben, wird der Flug der Seelen weniger verzögert werden. Denn diejenigen, die immer in den Fesseln des Körpers gesteckt haben, gehen auch dann langsamer einher, wenn sie gelöst sind, sowie die, die viele Jahre in Eisenketten gelegen haben. Wenn wir dorthin gekommen sind, dann werden wir endlich leben; denn das Leben hier ist in Wahrheit Tod …
S. 103-105
Aus: M. Tullius Cicero: Tusculanae disputationes, Gespräche in Tusculum, Lateinisch/Deutsch Übersetzt und herausgegeben von Ernst Alfred Kirfel, Erstes Buch, 74-75
Reclams Universalbibliothek Nr. 5028 © 1997 Philipp Reclam jun. GmbH & Co, Stuttgart. Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlags

Victor Emil Frankl (1905 – 1997)
Es gibt einen höheren Sinn für unser Leben und Sterben
... Ich sah überzeugte Atheisten sterben , die es zeitlebens glattwegs perhorresziert
[entschieden abgelehnt] hätten, an »ein höheres Wesen« oder dergleichen, an einen in einer dimensionalen Bedeutung höheren Sinn des Lebens zu glauben; aber auf ihren Totenbetten haben sie, was sie in Jahrzehnten niemandem vorzuleben imstande gewesen waren, »in der Stunde ihres Absterbens« dessen Zeugen vorgestorben: eine Geborgenheit, die nicht nur ihrer Weltanschauung Hohn spricht, sondern auch nicht mehr intellektualisiert und rationalisiert werden kann. »De profundis« bricht das auf, ringt sich etwas durch, tritt zutage ein restloses Vertrauen, das nicht weiß, wem es entgegengebracht wird noch worauf es vertraut, und das doch dem Wissen um die infauste [ungünstige] Prognose trotzt. S. 63 [...]

Wenn die Psychotherapie das Phänomen der Gläubigkeit nicht als ein Glauben an Gott, sondern als den umfassenderen Sinnglauben auffasst, dann ist es durchaus legitim, wenn sie sich mit dem Phänomen des Glaubens befasst und beschäftigt. Sie hält es dann eben mit Albert Einstein , für den die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen religiös sein heißt.

Ich möchte nun ergänzen, dass ein analoges Statement auch von Paul Tillich stammt, der uns die folgende Definition anbietet: »Religiös sein heißt, leidenschaftlich die Frage nach dem Sinn unserer Existenz zu stellen«.

Jedenfalls ließe sich sagen, dass die Logotherapie — immerhin primär eine Psychotherapie und als solche der Psychiatrie, der Medizin zugehörig — dazu legitimiert ist, sich nicht nur mit dem Willen zum Sinn zu befassen, sondern auch mit dem Willen zu einem letzten Sinn, einem Über-Sinn , wie ich ihn zu nennen pflege, und der r eligiöse Glaube ist letztlich ein Glauben an den Übersinn — ein Vertrauen auf den Übersinn.

Gewiss, diese unsere Auffassung von Religion hat nur noch herzlich wenig zu tun mit konfessioneller Engstirnigkeit und deren Folge, mit religiöser Kurzsichtigkeit , die in Gott anscheinend ein Wesen sieht, das im Grunde nur auf eines aus ist: dass eine möglichst große Zahl von Menschen an ihn glaubt, und überdies noch genau so, wie eine ganz bestimmte Konfession es vorschreibt.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Gott so kleinlich ist . Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, dass es sinnvoll ist, wenn eine Kirche von mir verlangt, dass ich glaube. Ich kann doch nicht glauben wollen — ebensowenig wie ich lieben wollen, also zur Liebe mich zwingen kann, und ebensowenig wie ich mich zur Hoffnung zwingen kann, nämlich gegen besseres Wissen. Es gibt nun einmal Dinge, die sich nicht wollen lassen — und die sich daher auch nicht auf Verlangen, auf Befehl herstellen lassen. Um ein einfaches Beispiel zu bringen: Ich kann nicht auf Befehl lachen. Wenn jemand will, dass ich lache, dann muss er sich schon bemühen und mir einen Witz erzählen.
S. 64f […]
Aus: Victor E. Frankl: Der unbewußte Gott, Psychotherapie und Religion
Erschienen als dtv-Taschenbuch 35058
© 1974 und 1988 by Kösel-Verlag GmbH & Co., München
Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Kösel-Verlages

Mohandas Karamchand (genannt Mahatma) Gandhi
(1869 – 1948 ermordet)
Für die Religion zu sterben
ist eine gute Sache; für den Fanatismus aber darf man weder sterben noch leben .
Aus: Mahatma Gandhi, Quellen des inneren Friedens, Worte für einen Freund S.62f.
Herder/Spektrum Band 5029 - Lizenzausgabe des Verlages Neue Stadt, München . Zürich . Wien
Originaltitel: Wer den Weg der Wahrheit geht, stolpert nicht
Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Neue Stadt

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831)
Jeder Mensch muss sterben .
Es ist das Los der menschlichen Endlichkeit , zu sterben ; der Tod ist so der höchste Beweis der Menschlichkeit , der absoluten Endlichkeit. Und zwar ist Christus gestorben den gesteigerten Tod des Missetäters; nicht nur den natürlichen Tod, sondern sogar den Tod der Schande und Schmach am Kreuze: die Menschlichkeit ist an ihm bis auf den äußersten Punkt erschienen.

An diesem Tode ist zunächst eine besondere Bestimmung hervorzuheben, nämlich seine polemische Seite nach außen. Es ist darin nicht nur das Dahingeben des natürlichen Willens zur Anschauung gebracht, sondern alle Eigentümlichkeit, alle Interessen und Zwecke, worauf der natürliche Wille sich richten kann, alle Größe und alles Geltende der Welt ist damit ins Grab des Geistes versenkt. Dies ist das revolutionäre Element, durch welches der Welt eine ganz andere Gestalt gegeben ist. Aber im Aufgeben des natürlichen Willens ist zugleich dies Endliche, das Anderssein verklärt. Das Anderssein hat nämlich außer der unmittelbaren Natürlichkeit noch einen weiteren Umfang und weitere Bestimmung. Zum Dasein des Subjekts gehört wesentlich, dass es auch für andere sei; das Subjekt ist nicht nur für sich, sondern ist auch in der Vorstellung der anderen und ist, gilt und ist objektiv, soviel als es sich bei anderen geltend zu machen weiß und gilt. Sein Gelten ist die Vorstellung der anderen und beruht auf der Vergleichung mit dem, was sie achten und was ihnen als das Ansich gilt.

Indem nun der Tod außer dem, dass er der natürliche Tod ist, auch noch der Tod des Missetäters, der entehrendste Tod am Kreuze ist, so ist darin nicht nur das Natürliche, sondern auch die bürgerliche Entehrung
[der Ehre brauben, entehrende Anschuldigung] , die weltliche Schande. Das Kreuz ist verklärt; das in der Vorstellung Niedrigste, das, was der Staat zum Entehrenden bestimmt hat, ist zum Höchsten verkehrt . Der Tod ist natürlich; jeder Mensch muss sterben . Aber indem die Entehrung zur höchsten Ehre gemacht ist, so sind alle Bande [Verbindungen] des menschlichen Zusammenlebens in ihrem Grunde [Grundlage, Basis Fundament] angegriffen, erschüttert und aufgelöst. Wenn das Kreuz zum Panier erhoben ist, und zwar zum Panier, dessen positiver Inhalt zugleich das Reich Gottes ist, so ist die innere Gesinnung in ihrem tiefsten Grunde dem bürgerlichen und Staatsleben entzogen und die substantielle Grundlage desselben hinweggenommen, so dass das ganze Gebäude keine Wirklichkeit mehr, sondern eine leere Erscheinung ist, die bald krachend zusammenstürzen und, dass sie nicht mehr an sich ist, auch im Dasein manifestieren muss.
Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Religion II, (S.294-299) suhrkamptaschenbuch wissenschaft stw 617

Heraklit, griech. Herakleitos (550 - 480 v. Chr.)

Über den Tod
Der Mensch zündet sich selber in der Nacht ein Licht an, wenn er gestorben ist und doch lebt . Im Schlaf berührt er den Toten, wenn sein Augenlicht erloschen ist, im Wachen berührt er den Schlafenden.
(79 fr.26, S.146f)

Die Menschen erwartet nach ihrem Tode , was sie sich nicht träumen lassen oder wähnen .
(80 fr.27, S.147)

Unsterbliche sterblich, Sterbliche unsterblich ; sie leben den Tod jener und sterben das Leben jener.
(21 fr.62, S.133)

Er spricht aber auch von einer Auferstehung dieses sichtbaren Fleisches
[Leib, Körper] , in dem wir geboren sind, und er weiß, dass Gott der Urheber dieser Auferstehung ist, wie seine folgenden Worte zeigen: Wenn er <Gott> dann dort erscheine, dann ständen sie <die Abgeschiedenen> vor ihm auf und wach würden Wächter der Lebenden und der Toten. (81 fr. 63, S.147)
Kröner Stuttgart, Kröners Taschenausgabe Band 119, Die Vorsokratiker herausgegeben von Wilhelm Capelle Die Fragmente und Quellenberichte übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Capelle (S.131 - 156) Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Alfred Kröner Verlags, Stuttgart

Georg Heym
(1887 – 1912)
Ich verfluche dich, Gott.
Ich verfluche dich, Gott; alter Narr in dem Flitterstand.
Blutig Gespenst. Einsamer Nachtwandrer, du.
Du eilst durch die Himmel ohne Rast, ohne Ruh.
Nach neuer Pein stets zermarterst du deinen Verstand.

Und bin ich auch wie ein chinesischer Delinquent
Bis in den Hals vergraben und habe die Hände nicht frei,
Wenn die Leiden wie Ratten mich beißen, du hörst keinen Schrei,
Du sollst keine Träne sehn, die über die Wange mir rennt.

Ich bin doch besser daran, als du, alter Tyrann.
Ich kann sterben . Ich geh in der Schatten Tal
Im Triumph. Ich schlafe bei Lethe. Du, armseliger Mann
Bist ewig. Und ewig währt deine grause Qual
.
S.86
Aus:: Georg Heym, Dichtungen, Auswahl und Nachwort von Walter Schmähling . Reclams Universalbibliothek Nr. 9722, © 1998 Philipp Reclam jun., Stuttgart .
Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages

Hildegard von Bingen
(1098 - 1179)
Ganz und gar Sterben
[…] Aber sterben , ganz und gar , wird der, dem jede Bereitschaft für meine Ermahnung fehlt, der weder durch die Anregung des Heiligen Geistes noch durch die Belehrung [
umfassende Unterrichtung über mögliche Folgen] der Menschen sein Herz zum Guten erwecken will. Darüber wunderst du dich, o Mensch, und willst wissen, warum dies so geschieht. Aber wie du mit sterblichem Blick die Gottheit nicht anzuschauen vermagst, so kannst du auch ihre Geheimnisse nicht mit sterblichem Sinn erfassen, oder nur insoweit, als es dir durch Gottes Zulassung möglich ist.
Aus: Mystische Texte des Mittelalters . Ausgewählt und herausgegeben von Johanna Lanczkowski
Reclams Universalbibliothek Nr. 8456 (S. 51-77) © 1988 Philipp Reclam jun., Stuttgart Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages

Martin Kähler (1835 – 1912)
Vollendung
Je weniger indes die Geschichte je zu einem befriedigenden Abschlusse kommt, je weniger wir die ganze Menschenaufgabe in unserem kurzen Einzeldasein zur Durchführung reifen sehen, desto bestimmter liegt uns die Forderung vor, dass wir jenseits dieser Zeitspanne die Vollendung finden. Jener unruhige Mahner und Forderer in unserem Herzen, das unentrinnbare Gewissen , es ist der unwiderlegliche Prophet einer Ewigkeit, für die wir bestimmt sind. So oft hört man die Rede, es sei in unserem Innern keine Gewissheit über die Fortdauer [das Fortbestehen] nach der Trennung vom Leibe zu gewinnen. Versuchen Sie es nur einmal zu vergessen, was nur äußere Erfahrung uns lehrt, dass wir sterben müssen , und legen Sie sich dann die Frage vor, ob wir in unserem Herzen auch nur eine Ahnung von der Endlichkeit unseres Lebens finden. Im Gegenteil, alles drängt auf unabreissbare sittliche Arbeit; durchaus lebt in uns das Bedürfnis, dass dieselbe zu einer Vollendung gedeihe. Naturbedürfnisse aber trügen nicht, auch nicht im geistigen Leben. Das ist ein Zug unseres Wesens, in dem der Schöpfer die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt hat . Bilden aber diese irdischen Tage in dem das Drama unseres Lebens nur die Exposition, vielleicht die Peripetie
[entscheidender Wendepunkt, Umschwung], und steht die Lösung noch aus, dann sind jene peinigenden Fragen über die Stellung in Gesellschaft und Geschichte zum besten Teile beantwortet . Der Gott, welcher jeden sein sittliches Leben neu beginnen lässt, um es in eine Ewigkeit münden zulassen, hat jedem unvergängliche [unzerstörbaren, in alle Ewigkeit fortbestehenden] , unendlichen Wert gegeben, gerecht und liebevoll uns alle gleichgestellt, um dereinst zu erweisen, dass seine Weisheit auch gewusst hat, die mannigfaltige Führung, die uns so dunkel erscheint, damit in vollen Einklang zu setzen . S.184f. […]
Aus: Martin Kähler, Zeit und Ewigkeit, Der Dogmatischen Zeitfragen III. Band, Leipzig, 1913 . A. Deichert'sche Verlagsbuchhandlung

Franz Kafka (1883 – 1924)
Sterblichkeit
Gott sagte, dass Adam am Tage, da er vom Baume der Erkenntnis essen werde, sterben müsse. Nach Gott sollte die augenblickliche Folge des Essens vom Baume der Erkenntnis der Tod sein, nach der Schlange (wenigstens konnte man sie dahin verstehn) die göttliche Gleichwerdung . Beides war in ähnlicher Weise unrichtig. Die Menschen starben nicht, sondern wurden sterblich , sie wurden nicht Gott gleich, aber erhielten eine unentbehrliche Fähigkeit, es zu werden . Beides war auch in ähnlicher Weise richtig. Nicht der Mensch starb, aber der paradiesische Mensch , sie wurden nicht Gott, aber das göttliche Erkennen.
S.75
Aus: Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß Herausgegeben von Max Brod, Fischer Taschenbuchverlag


Kolumban, der Jüngere
(ca. 542 - 615)
Das tägliche Sterben
Wenige leben so, als stürben sie täglich . . . Und doch muss jeder so leben, dass es ein tägliches Sterben sei, um das Ewige nur, das Himmlische zu denken, wo er ewig und himmlisch sein wird, wenn er`s verdient hat. Denn was vor dieser Welt gewesen, das wird auch nach der Welt sein in Ewigkeit. Es ist, doch erscheint es nicht, und es ist uns so heimlich, dass wir davon den Menschen nicht sagen können. Denn es dringt nicht in das Herz und in die Ohren eines Menschen und wird nicht vernommen von menschlichem Sinn.
Aus: Der mystische Strom. Von Paulus bis Thomas von Aquin. Von Otto Karrer. Verlag Ars sacra Josef Müller, München, S.314ff.

Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781)
Tot sein hat nichts Schreckliches

Tot sein hat nichts Schreckliches; und insofern Sterben nichts als der Schritt
[Gehen, Hinbewegung] zum Totsein ist, kann auch das Sterben nichts Schreckliches haben. Nur so und so sterben , eben itzt, in dieser Verfassung, nach dieses oder jenes Willen, mit Schimpf und Marter sterben kann schrecklich werden und wird schrecklich. Aber ist es sodann das Sterben , ist es der Tod, welcher das Schrecken verursachte? Nichts weniger; der Tod ist von allen diesen Schrecken das erwünschte Ende , und es ist nur der Armut der Sprache zuzurechnen, wenn sie beide diese Zustände, den Zustand, welcher unvermeidlich [unentrinnbar, unter keinen Umständen verhinderbar] in den Tod führet, und den Zustand des Todes selbst mit einem und eben demselben Worte benennet. […]

Der Arten des Sterbens sind unendliche , aber es ist nur ein Tod
. S.48f.
Aus: Gotthold Ephraim Lessing, Wie die Alten den Tod gebildet. Herausgegeben von Ludwig Uhlig
Reclams Universalbibliothek Nr. 8027 © 1984 Philipp Reclam jun., Stuttgart Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages

Franz Marc (1880 - 1916)
Der Geist kann nicht sterben
Wie schön, wie einzig tröstlich zu wissen, dass der Geist nicht sterben kann, unter keinen Qualen , durch keine Verleugnungen, in keinen Wüsten .

Dies zu wissen macht das Fortgehen leicht.

Ich singe mit Mombert: »Nur einen Flügelschlag möcht ich tun, einen einzigen!«
S.160
Aus: Franz Marc, Briefe, Aufzeichnungen, Aphorismen, Herausgegeben von Günther Meißner, 1980 Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar

Meister Eck(e)hart (um 1260 – 1328)
Wäre ich nicht, so wäre Gott nicht.
Darum bitte ich Gott , dass er mich Gottes quitt mache, denn das noch unwesende
[noch nicht wesenhafte] Sein ist noch ohne alle Unterschiedenheit. In der war ich [mein noch nicht als ich bewusstes Wesen war], ehe ich mich selber wollte und mich selbst erkannte als erschaffenen Menschen . Und darum bin ich Ursache meiner selbst, nicht sowohl nach meinem Wesen, das zeitlich ist, als nach meinem Wesen, das ewig ist. Und darum bin ich ungeboren [noch nicht geboren] und nach der Weise meiner Geburt, die ewig ist, vermag ich nimmer zu sterben . Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich ewiglich gewesen und bin und soll ewiglich bleiben [vorhanden sein, existieren] . Was ich bin nach der Zeit , das soll sterben und zunichte werden, denn es gehört dem Tag. Darum muss es mit dem Tag verderben. In meiner ewigen Geburt wurden alle Dinge geboren [sind alle Dinge entstanden] und ich ward Ursache meiner selbst und aller Dinge; und hätte ich es da so gewollt, so wäre ich nicht, noch irgendein Ding. Wäre ich nicht, so wäre Gott nicht . S.37f.
Aus: Meister Eckehart, Vom Wunder der Seele, Eine Auswahl aus den Traktaten und Predigten Neu durchgesehen und herausgegeben von Friedrich Alfred Schmid Noerr
Reclams Universalbibliothek Nr. 7319 © 1951 Philipp Reclam jun., Stuttgart Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages


Raymond A. Moody (1944 - )
Bist du bereit, zu sterben?
Ungeachtet seiner ungewöhnlichen Erscheinungs-Form hat keiner der Beteiligten auch nur den leisesten Zweifel daran geäußert, dass dieses Licht ein lebendes Wesen sei, ein Lichtwesen. Und nicht nur das: es hat personalen Charakter und besitzt unverkennbar persönliches Gepräge. Unbeschreibliche Liebe und Wärme
[Anteilnahme, Güte, Warmherzigkeit, Zuneigung] strömen dem Sterbenden von diesem Wesen her zu. Er fühlt sich davon vollkommen umschlossen und ganz darin aufgenommen, und in der Gegenwart [Anwesenheit] dieses Wesens empfindet er vollkommene Bejahung und Geborgenheit. Er fühlt eine unwiderstehliche, gleichsam magnetische Anziehungskraft von ihm ausgehen. Er wird unausweichlich zu ihm hingezogen. […]

Kurz nach seinem Erscheinen beginnt das Wesen , mit dem Sterbenden Verbindung aufzunehmen .
[…] Fast unverzüglich richtet das Wesen einen bestimmten Gedanken an den Menschen, in dessen Dasein es so unvermittelt eingetreten ist. Die Personen, mit denen ich gesprochen habe, versuchten zumeist, diesen Gedanken als Frage zu formulieren. Dabei sind mir folgende Übersetzungen gegeben worden: «Bist du darauf vorbereitet, zu sterben , «Bist du bereit, zu sterben ?», «Was hast du in deinem Leben getan, das du mir jetzt vorweisen kannst?» und «Was hast du mit deinem Leben angefangen, das bestehen kann?» Auf den ersten Blick scheint es Sinnunterschiede zu geben zwischen den ersten beiden Formulierungen, die auf das «Vorbereitetsein» abheben, und dem zweiten Paar mit seiner Betonung des «Erreichten» . […]
Aus: Dr. med. Raymond Moody, Leben nach dem Tod (S.65ff.)
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hermann Gieselbusch und Lieselotte Mietzner
© Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1977
Originalausgabe: Life After Life: The investigation of a phenomen – survival of bodily death © 1975 by Raymond A. Moody, Jr.
Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Genehmigung der Agence Hoffman für die amerikanischen Rechtinhaber und des Rowohlt Verlages für die deutschen Rechte


Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern
(1871 – 1914)
Tod
Mein Tod ist meine Wahrheit, wie Dein Tod die Deinige. Wenn ich als Individuum sterbe , bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod als solcher ist dein Leben des Ganzen notwendig, und da ich selbst der Teil wie das Ganze bin, ist mein Tod mir selber notwendig. Was aber meine Notwendigkeit ist, ist auch meine Wahrheit; denn Notwendigkeit ist höchste Bejahung und höchste Bejahung Wahrheit.
S.251f.

Ich werde erst sterben, wenn ich erfüllt haben werde, was ich erfüllt haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf und schläft dort ein, wie es gut ist. Was sträubst du dich gegen das, was du dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein Schicksal ist, dass du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die Wirklichkeit dieses Wortes fasste, da wäre unser Herz und Hirn auch schon dahin, wie ein Bologneser Glas, das, getroffen, zu Staub zerspringt. Gott schauen ist Tod, das wussten alle Völker. Gott erraten ist Leben.
S.252

Gott kann allein leben durch seinen immerwährenden Tod. Gott muss fortwährend sterben, um fortwährend leben zu können. Gott stirbt nie um den Preis fortwährenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und überwinden wir es durch das Wort »Ich bin«, das Gott in uns spricht. » Ich sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du, sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du erkannt zu haben meine)
S.272f.

Ich fürchte, — und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich denken gelernt, immer wieder —: nicht, dass wir sterben werden, ist zu fürchten, sondern, dass wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter folgenden Worten Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leibe nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht — mein Freund bin? Nicht, als ob etwas, was meine Seele genannt werden könnte, gewandert wäre, nein, sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer wäre, und wüsste, dass es wäre... Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser und mit allen physischen Prämissen) in die Welt blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewusstsein verliert? Solange ich in meiner Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht nichts als wieder das Eine.
S.278f.

Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: dass den Menschen eines Tages in größerer und größerer Anzahl zum Bewusstsein kommt — nicht nur nominell wie bisher, sondern faktisch —, dass sie in der Unendlichkeit leben.
S.282

Es gibt keinen größeren Stilisator in der Natur als den Tod. Gib das Leben dem Tod in die Hand und du übergibst es seiner Kultur. Selbst mit dem Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod in Händen hat, desto höhere Kunstwerke werden wir.
S.298

Wohin können wir denn sterben, wenn nicht in immer höheres, größeres — Leben hinein!
S.305

Der Gedanke Gottes muss freilich der Tod des Individuums sein. Darum hält er sich auch im Allertiefsten besser als im Vordergrund auf.
S.306
Aus Christian Morgenstern: Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Herausgegeben von Margareta Morgenstern und Michael Bauer
Copyright 1918 by R. Piper Verlag, München


Jean-Jacques Rousseau
(1712 – 1778)
Tod und Unsterblichkeit
Wären wir unsterblich, wären wir höchst elende Geschöpfe. Gewiss, es ist hart, sterben zu müssen, aber die Hoffnung, dass man nicht ewig leben wird und dass ein besseres Leben die Leiden im Diesseits beenden wird, ist tröstlich . Würde man uns die Unsterblichkeit auf Erden anbieten — wer möchte wohl dieses traurige Geschenk annehmen? Welche Hilfe, welche Hoffnung und welcher Trost bliebe uns dann gegen die Härten des Schicksals und die Ungerechtigkeit der Menschen? Der Unwissende, der noch ohne Voraussicht lebt, hat kaum ein Gefühl für den Wert des Lebens und also kaum Angst, es zu verlieren; der wahrhaft aufgeklärte Mensch aber liebt Güter höheren Werts, die er jenem vorzieht. Nur das Halbwissen und die Afterweisheit, die unsere Gedanken bis zum Tode und nicht über ihn hinauslenken, machen aus ihm das Schlimmste aller Übel . Das Unvermeidliche des Todes ist für den Weisen der einzige Grund, die Leiden des Lebens zu ertragen. Wäre man nicht sicher, es einmal zu verlieren, so wäre seine Bewahrung allzu teuer bezah
lt.
Aus: Jean-Jaques Rousseau: Emil oder Über die Erziehung, Herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Matin Rang
Unter Mitarbeit des Herausgebers aus dem Französischen übertragen von Eleonore Sckommodau Reclams Universalbibliothek Nr. 901. © 1963 Philipp Reclam jun., Stuttgart
Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages


Adalbert Stifter (1805 – 1868)
Sterben und Geborenwerden
Wie es sein wird, wenn wir die Grenze dieses Lebens betreten haben, wenn sein letzter Atemzug vorbei ist — wer kann es sagen? Dass alles, was göttlich ist, nicht untergehen kann, ist gewiss: geht doch nicht einmal ein Sandkorn verloren, nicht einmal ein Wassertropfen; wir wissen es und wir sehen es, dass beides nicht Nichts werden könne, sondern dass es nur die Gestalt wechselt, was wir ja auch tun, nur langsamer und nicht so sichtlich, wie es bei einem Wassertropfen der Fall ist, der als Dunst in die flüssige Luft geht. Das Sterben ist wie das Geborenwerden für uns die erste auffällige Veränderung . Bei der Geburt sehen wir plötzlich den neuen Menschen , wir glauben ihn in dem Augenblicke entstanden, weil er für unser Auge da ist; aber der Beginn seiner Entstehung liegt anderswo und ist so unscheinbar und klein, dass ihn kein menschliches Werkzeug der Wissenschaft entdecken kann. Könnte es mit dem Sterben nicht auch so sein? Nur ein Augenblick des Sterbens ist für uns sichtbar , das Aufhören des Atmens. Stirbt der Mensch nicht unausgesetzt jahrelang vor seinem Tode , ja seit seiner Geburt — und lebt er nicht noch nach dem Aufhören des Atmens wer weiß wie lange? Dies gilt sogar von dem allmählichen Übergange des bloßen Stoffes.
Aus: Adalbert Stifter, Bunte Steine

Emanuel von Swedenborg (1688 - 1772)
Sterben = Übergang des Geistes in eine andere Welt
Wenn der Körper seine Verrichtungen in der materiellen Welt, die den Gedanken und Neigungen seines Geistes in der geistigen Welt entsprechen, nicht mehr erfüllen kann, so sagt man, er stirbt, das geschieht, wenn die Atemzüge der Lunge und die Pulsschläge des Herzens versagen. Trotzdem stirbt der Mensch nicht, er wird nur vom Verstandlichen getrennt, das ihm in der Welt zum Gebrauch diente. Ich behaupte, der Mensch selbst lebt weiter, weil er nicht durch den Körper, sondern durch den Geist Mensch ist; es ist der Geist, der in ihm denkt, und Denken und Neigung machen ihn zum Menschen. So kommt es, dass der Mensch im Zustand des Sterbens nur von einer Welt in die andere übergeht, weshalb der Tod in des Wortes innerstem Sinn Auferstehen und Fortleben bedeutet.

Aus: Emanuel Swedenborg, Himmel, Hölle, Geisterwelt. © 1925 by Verlag die Schmiede, Berlin
Auch enthalten in: Das große Buch der Mystiker. Herausgegeben von Wulfing von Rohr und Diane von Weltzien, Goldmann Verlag