August Wilhelm von Schlegel (1767 1845)

Deutscher Philologe, Philosoph und Schriftsteller, der mit seinem Bruder Friedrich von Schlegel (1772 1829) die Grundlagen der romantischen Kunstlehre legte und wie kein anderer zur Akzeptanz der Grundideen der Romantik beigetragen hat. Seine Literaturinterpretation hat großen Einfluss auf die moderne Literaturwissenschaft ausgeübt.


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Ursprüngliche Anlagen im menschlichen Gemüt
Aus: Allgemeine Übersicht des gegenwärtigen Zustandes der deutschen Literatur
Welches sind denn aber jene ursprünglichen und ewigen Anlagen, Richtungen des menschlichen Gemüts? Wissenschaft und Kunst, mit anderen Namen Philosophie und Poesie (denn Poesie ist der Geist aller schönen Kunst, und Philosophie die absolute Wissenschaft, die Wissenschaft der Wissenschaften, ohne die es gar keine gibt, denn auch die Mathematik lernt erst durch Philosophie sich selbst begreifen), dann Religion und Sittlichkeit. Keines dieser Dinge ist von dem anderen abgeleitet oder abhängig, alle sind in gleicher Dignität [Wert, Bedeutung], und zwar so, dass sich je zwei und zwei symmetrisch gegenüberstehn. Dies letzte bestätigt sich auch dadurch, dass sie anfangs ineinander eingewickelt und verweht zum Vorschein kamen. Die ersten Sittengesetze hatten die Form religiöser Gebote, und die innere Weihe der Religion wurde durch die Zeremonien des Gottesdienstes in Pflichthandlungen verwandelt. Mythologie war das verbindende Mittelglied zwischen Philosophie und Poesie und wurde auch von den Griechen als die gemeinschaftliche Wurzel beider betrachtet. Bei einer entschiedeneren Ausbildung sondern sich diese Dinge mehr, und um ihr Wesen gründlich zu erforschen, muss man sie sorgfältig auseinander halten. Zwar ist im menschlichen Geiste nichts isoliert vorhanden, und so ist auch in jedem wieder alles Übrige enthalten: Aber nur indem es sich ganz in seiner Sphäre hält, sich selber treu bleibt, kann es erst es selbst und demnächst alles übrige mit sein. Die Verwirrung der Grenzen hat von jeher großes Unheil angerichtet.

Echte Poesie wird von selbst zugleich philosophisch, moralisch und religiös sein: gleichsam eine sinnbildliche Philosophie, eine losgesprochene freie Sittlichkeit und eine weltlich gewordene Mystik. Fordert man aber voreilig und auf ungebührliche Art von ihr einen baren Ertrag philosophischer Wahrheiten, nebst moralischer Nutzanwendung und religiöser Erbauung: so wird die Bedingung von allem diesem, das wahrhaft Poetische, selbst zerstört. Ebenso ist es mit den übrigen. Ich glaube das Verhältnis dieser vier Richtungen oder Sphären am besten durch ein Gleichnis deutlich machen zu können. Zuerst ist es nicht ohne Bedeutung, dass es viere sind: denn in der höheren philosophischen Arithmetik entsteht die Zwei aus der Spaltung der Einheit in sich und die Vier (die heilige Vierzahl, wie die Pythagoräer sie nannten) nicht aus der Hinzufügung der Zwei zur Zwei, sondern aus ihrer Vervielfältigung mit sich selbst, als das erste Quadrat.

Philosophie, Poesie, Religion
und Sittlichkeit möchte ich die vier Weltgegenden des menschlichen Geistes nennen.

Die Religion ist der Osten, die Region der Erwartung; ewige Morgenröte ist ihr Symbol, indem die Sonne, die von sterblichen Augen nicht ohne Blendung angeschaut werden kann, aus den irdischen Dünsten einen Schleier um sich zieht, der in den schönsten Farben spielt.

Die Sittlichkeit ist der Westen, diejenige Himmelsgegend, welche Bilder der Ruhe und Befriedigung nach wohl vollbrachtem Tagewerk mit sich führt, nach welcher hin die Gestirne ihren Kreislauf vollenden, gerade weil die Erde sich in entgegengesetzter Richtung dreht, so wie aus der Gegenstrebung zwischen Trieb und Gebot, Begierden und Willen die sittlichen Erscheinungen hervorgehn.

Die Wissenschaft ist der Norden, das Bild der Strenge und des Ernstes: Im Norden ist der unbewegliche Polarstern, der die Schifffahrenden leitet; nach Norden hin weist der Magnet, das schönste Symbol von der Unwandelbarkeit und Identität des Selbstbewusstseins, welche das Fundament aller Wissenschaft, aller philosophischen Evidenz ist.

Dem Süden gehören die würzigen, erquickenden Erzeugnisse der schönen Kunst an, die nur durch Wärme und lieblichen Sommer hervorgelockt werden können.

Oder auch Philosophie, Poesie, Religion und Sittlichkeit sind den vier Elementen zu vergleichen.

Die Religion ist das Feuer, welches immer nach dem Himmel strebt und auf der Erde nur dadurch bestehen kann, dass es den irdischen Körper, an welchem es sich befindet, verzehrt, das gewaltigste und in seinem Missbrauch das verderblichste aller Elemente.

Die Sittlichkeit ist das Wasser, welches Pindar das vortrefflichste aller Dinge nennt: ruhig, rein, ungetrübt, ein Bild vollkommener Affektlosigkeit; aus allen Vermischungen selbst wieder hervorgehend, aber das Bindungsmittel der übrigen Substanzen, das allgemein Vermittelnde auf der Erde.

Die Wissenschaft ist die Erde, der festgegründete Boden, der uns trägt und durch ergiebige Früchte nährt.

Die Poesie endlich ist der Luft zu vergleichen, dem Anschein nach ein bloß spielendes und ergötzliches Element, das in gelinden Zephyrn Blumendüfte, die geistigen Ausflüsse zarter Körper herbeiführt, aber im unbewussten Atem zum Leben unentbehrlich ist.

Man könnte das Gleichnis noch spezieller ausführen. So sind die verheerenden Explosionen, welche die Religion von Zeit zu Zeit verursacht, eigentliche Gewitter. Sittliche und religiöse Antriebe sind alsdann in einer Mischung zusammengedrängt, die nicht lange Bestand haben kann: Das poetische Element, die Phantasie, wird dann stürmisch und treibt diese Massen umher, bis das Feuer sich entbindet und in der seiner Richtung gegen den Himmel entgegengesetzten als Zornfeuer auf die Erde herabschießt; sowie dieses ausgewütet, erzeugt sich Wasser und fällt wohltätig befriedigend auf die Erde herab; alsdann ist auch die Luft wieder erfrischt und erheiternd. Man erinnere sich nur der Kreuzzüge, wie sie phantastisch und religiös eifernd geführt wurden, wie sie dann für Europa, Sittlichkeit erzeugend und Poesie entfaltend, wirkten. Doch dies sei genug, um meine Ansicht ins Licht zu setzen.

Wenn nun diese vier Regionen oder Elemente der menschlichen Natur die Heimat und der Urquell aller Ideen sind, welche das Leben ordnen, erheben, verschönern, so behaupte ich, dass der herrschende Charakter unserer Zeit eben in einem allgemeinen Verkennen der Ideen, beinahe in einem Verschwinden derselben von der Erde, wofern dies möglich wäre, besteht. Ich nehme dies Wort aber in seinem höheren eigentlichen Sinne: denn es kann selbst ein Beispiel obiger Behauptung abgeben, selbst die Idee einer Idee war verloren gegangen. Von der ursprünglichen Bedeutung beim Plato, der darunter die Urbilder, Dinge im göttlichen Verstande, in welchem Denken und Anschauen eins ist, versteht, denen allein wahres Sein zukomme und worin Allgemeines und Besonderes nicht, wie in der Erscheinungswelt Begriff und Individuum, getrennt, sondern unzertrennlich verknüpft sei; von dieser hohen Bedeutung göttlicher ewiger Urbilder ist das Wort zu der einer durch sinnliche Eindrücke erregten Vorstellung, einer Sensation, selbst in der Sprache seinwollender Philosophie herabgesunken; Kant hat es zuerst in seine Rechte wieder eingesetzt. Das Wesen und die Wichtigkeit der Ideen kann nur philosophische Betrachtung recht kennen lehren. Ich habe sie wohl sonst in diesen Vorlesungen als »schrankenlose Gedanken« definiert oder als »etwas, worauf der menschliche Geist mit einem unendlichen Bestreben gerichtet ist«, bezeichnet; mein Bruder hat sie im Athenäum treffend so beschrieben: »Ideen sind unendliche, selbständige, immer in sich beweglich, göttliche Gedanken«. Ich möchte sie auch organische Gedanken nennen, nach deren Hinwegnahme nur ein toter Mechanismus zwischen den ihnen untergeordneten Begriffen übrig bleibt. Die neuere Philosophie hat sich Idealismus genannt: Man könnte dies auch so deuten, und gewiss werden die Philosophen, welche wissen, worum ihnen zu tun ist, nichts dagegen haben, der echte Idealismus sei diejenige Philosophie, in welcher die Ideen anerkannt und dargestellt werden.

Unser Zeitalter nun, behauptete ich, verkennt die Ideen: Man hat die vier beschriebenen Sphären nicht nur ihren Grenzen nach auf äußerste verwirrt, sondern auch das Positive in ihnen, das wahrhaft Reelle, ganz weggeleugnet und aus dem entgegengesetzten Negativen abzuleiten versucht. So hat man Kunst und Poesie zu bloßen Verstandesprosa gemacht, indem man Nachahmung der Natur, richtiger der äußeren Welt, zu ihrem letzten Ziel setzte; so hat man die Philosophie auf Erfahrung zurückführen wollen, da doch echte Spekulation es mit einem absoluten Wissen zu tun hat gegen welches sich alle Erfahrung bloß beschränkend, negativ verhält; so hat man die Sittlichkeit aus dem Hange zum Vergnügen dem Eigennutz erklärt und sie damit gänzlich vernichtet; man hat sich nicht geschämt, die monströsesten Systeme ans Licht zu fördern und die Moral in eine bloße Klugheitslehre verwandelt. Der Religion ist es noch am allerschlimmsten ergangen: Man hat sie, weil ihre Anschauungen ihrer Natur nach keine wissenschaftliche Demonstration zulassen, weil sie auch nicht irdisch nutzbar sein will, als ein leeres abgeschmacktes Phantom verworfen; höchstens hat man sich ihrer zur Verstärkung der Motive für die so genannte Sittlichkeit bedienen wollen, gleichsam als einer Klugheitslehre in Bezug auf ein etwaiges künftiges Leben. Man ist dabei nicht nur höchst unphilosophisch, sondern auch unhistorisch zu Werke gegangen, denn das Phänomen der Religion, wie der übrigen ursprünglicher Richtungen des menschlichen Gemüts, liegt doch unleugbar in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechtes da.

Wenn man nun wie z. B. Condorcet in seiner Esquisse, die abergläubischen Vorstellungsarten aus dem Betruge der Priester herleitet, so vergisst man, dass die Anlage zu jenen schon vorhanden sein musste, wenn diese dadurch eine so große Gewalt über die Gemüter erschleichen sollten; man kehrt die wesentliche Ordnung um und erklärt die Religion aus der Irrreligion, eben wie man in der neueren Physik das Organische aus bloß mechanischen Beschaffenheiten der Materie, das Leben aus dem Tode hat erklären wollen. Und darüber hat man sich nicht zu wundern, da es sogar Leugner der Vernunft gegeben hat. Helvetius sagt geradeheraus, die Überlegenheit über die Tiere, was wir Vernunft nennen, möge der Mensch wohl nur seinen Händen zu danken haben. Umgekehrt, weil der Mensch Vernunft hat, hat er auch einen ihr dienstbaren, willkürlich zu gebrauchenden Verstand, und nicht einmal von der Vernunft, sondern von diesem sind die Hände der symbolische Ausdruck, als Werkzeuge, die sich grade wie jener die körperlichen Dinge willkürlich zum Objekt machen, wie der Verstand ergreifen und begreifen. Helvetius hat vergessen zu erklären, warum die Affen, wiewohl mit Händen begabt, doch keine Vernunft haben, und muss dabei den blinden Zufall zu Hilfe rufen. Ich glaube hingegen, sehr gut einzusehen, warum die Affen eben wegen der Hände ohne die rechte Bedeutung derselben ihre komische Rolle im Tierreich spielen müssen und durch scheinbar willkürliche Verrichtungen ohne wahre Willkür Nachäffer des Menschen, d. h. Affen, werden.

Wenn demnach, um aufs allgemeine zurückzukommen, jene ursprünglichen und unendlichen Strebungen dem jetzigen Geschlecht so fremd geworden, dass die Zeitgenossen, welche den Geist des Zeitalters in den ihrigen aufgenommen haben, die Versäumnis derselben eingeständig sind, indem sie sie gar nicht für das Höchste gelten lassen, sondern alle wahre Spekulation für Transzendenz, für Verirrung der Vernunft außerhalb ihrer Grenzen, alle religiöse Mystik für Aberglauben und Schwärmerei, alle genialische Poesie für Exzentrizität der Phantasie erklären und an die Stelle der echten Idee von diesen Dinge ihre nichtigen Begriffe substituieren:

So müssen sie wohl etwas anderes als das Wichtigste und Beste erkoren haben, worauf sich der Ruf von den bewundernswürdigen Fortschritten dieses Zeitalters und die stolze Verachtung aller vorhergehenden gründen. Dies andere kann nun entweder in der Kultur der Gelehrsamkeit und mannigfaltiger Kenntnisse, in den von einigen unter diesem zum Teil abhängigen mechanischen Künsten (denn in den schönen Künsten liegt es einmal nicht, wie wir gesehen haben), oder es kann in den Einrichtungen des Lebens, den politischen, bürgerlichen und häuslichen, oder endlich in Ansichten und Gesinnungen bestehen ...

Alles, dessen sich unser Zeitalter in Ansichten und Gesinnungen berühmt, lässt sich unter den von ihm selbst konstituierten Begriff der Aufklärung zusammenfassen, worauf sich letztlich Toleranz, Denkfreiheit, Publizität, Humanität und was dergleichen mehr ist, reduziert. Diesem müssen wir also noch eine ganz kurze Prüfung widmen.

Bei einer näheren Betrachtung sieht man sogleich, dass zur Aufklärung nicht bloß eine gewisse Denkart über diesen und jenen Gegenstand hinreicht, sondern dass sie Maximen hat und Gesichtspunkte aufstellt, welche sich über alles erstrecken und die sämtlichen Angelegenheiten des Lebens, wie die Verhältnisse der menschlichen Natur, unter sich befassen sollen. Vorurteil, Wahn und Irrtum hierüber unternimmt sie, zu vernichten und richtige Begriffe zu verbreiten. Sie gibt sich also auch mit den geselligen Verhältnissen ab, man hört von aufgeklärten Regierungen sprechen, und die gepriesene aufgeklärte Erziehung ist keine andre, als die eben geschilderte und auf ihren wahren Wert herabgesetzte. Ferner unterwirft sie auch die Wissenschaften ihrer Botmäßigkeit: Es gibt nicht nur eine aufgeklärte Theologie (denn den Aberglauben zu vertilgen ist ihre ganz spezielle Provinz), sondern eine aufgeklärte Ansicht der Geschichte, ferner eine aufgeklärte Physik, welche den Unternehmungen der Alchemie, der Astrologie, überhaupt allen magischen Vorspiegelungen sich widersetzt; ja, so Gott will, auch eine aufgeklärte Mathematik, welche die Leute abhalten soll, sich nicht auf die Quadratur des Zirkels und die Erfindung eines Perpetuum mobile zu legen. Wie sie mittelbar wieder auf Poesie und Kunst und Kritik derselben einfließt, werde ich in der Folge schildern.

Wenn die Aufklärung also wirklich leistet, was sie verspricht, so wäre es unstreitig eine herrliche Bequemlichkeit, etwas zu haben, womit man alle möglichen Dinge beleuchten könnte, und sicher wäre immer das Rechte an ihnen zu sehen. Auch haben sich die Aufklärer nicht übel bedacht, da sie die Benennung ihres Geschäfts vom Lichte entlehnten, dieser fast anbetenswürdigen Seele der Natur, dem schönsten Symbol der göttlichen Allgegenwart und Allwissenheit. Es fragt sich aber, ob es die reine Freude am Licht oder ohne Bild das unbedingte Interesse für Wahrheit ist, was sie zu so eifrigen Predigern der Aufklärung macht, oder ob sie das Licht nur deswegen schätzen, weil man dabei bequemlich sehen und allerlei notwendige Verrichtungen vornehmen kann. Es scheint wohl das letzte, denn unbedingte Liebe zur Wahrheit erzeugt unfehlbar Philosophie: denn wenn man mit gründlichem Ernst die menschlichen Dinge erwägt, so wird man durch die Wahrnehmung von der Unzuverlässigkeit so vieler Annahmen, die im gemeinen Leben als ausgemacht gelten, immer weiter zurück und hinaufwärts zu den letzten Gründen des menschlichen Wissens geführt werden, welches der Anfang der Philosophie ist.

Die Aufklärung will nun zwar eine Art von Popularphilosophie vorstellen, aber keineswegs wissenschaftlich und abstrakt, oder richtiger ausgedrückt (denn das letzte Wort schreibt sich wohl hauptsächlich von der analytischen Philosophie her), spekulativ sein, weil sie darüber die allgemeine Verständlichkeit einbüßen würde, die sie von ihren Lehren verlangt und rühmt. Ferner empfiehlt sie freilich das Forschen und Zweifeln, aber nur bis auf einen gewissen Grad, über welchen hinaus sie es wieder als eine Torheit und Verirrung des Geistes ansieht, welcher zu steuern sie eben eingesetzt worden sei. Endlich geht der uninteressierte Wahrheitsforscher seinen Weg fort, unbekümmert, bei welchen Resultaten er endlich anlangen wird; ihm ist, mit Aufopferung aller persönlichen Neigungen, die Wahrheit immer lieb und recht, wie sie sich ihm auch bei besserer Erkenntnis bestimmen möge. Die Aufklärung bezeugt hingegen eine zärtliche Besorgnis um das, was sie zum Wohl der Menschheit rechnet; sie bestellt gern die Resultate der Untersuchung im voraus, damit ja nichts Zerstörendes und Gefährliches, nichts Allzukühnes oder dem Missbrauch Unterworfenes zum Vorschein komme.

Da sie folglich überall auf halbem Wege stehen bleibt, die Wahrheit an sich aber durchaus nur zu einem unbedingten Streben anregen kann, so muss es wohl etwas anderes sein, was sie von der Wahrheit will, mit einem Worte Brauchbarkeit und Anwendbarkeit. Hier zeigt sich nun schon die ganze verkehrte Denkart, das an sich Gute (wovon das Wahre ein Teil, eine Seite ist) dem Nützlichen unterzuordnen. Nützlich ist dasjenige, was auf Beförderung des körperlichen Wohles abzielt, und diesen Bestrebungen haben wir schon weiter oben ihren Rang angewiesen. Wer nun das Nützliche als das Oberste setzt, der muss einsehen, dass es damit zuletzt auf sinnlichen Genuss hinausläuft, und bei einiger Klarheit und Konsequenz sich zu dem krassesten Epikuräismus, zur Vergötterung des Vergnügens bekennen. Dies wollen die Aufgeklärten aber wieder nicht, sondern sie sind zu der vollendeten Absurdität gelangt, ein Nützliches an sich zu konstituieren, welches nicht das bloß Angenehme sein soll und auch nicht das Gute an sich ist, wofür sie es jedoch ausgeben möchten. Somit haben sie alle Dinge auf den Kopf gestellt, indem sie die Vernunft den Sinnen dienstbar machen, die Sinne hinwiederum sollen nach ihrer Absicht nicht sinnlich, sondern vernünftig sein. Man möchte sagen, solche Leute äßen und tränken nicht aus natürlichem Appetit oder zum Wohlgeschmack, sondern weil sie es für etwas Nützliches halten.

Wie ich nun durch das Bisherige deutlich genug gemacht zu haben glaube, dass es das ökonomische Prinzip ist, welches die Aufklärer leitet, so ist es auch die nur zu irdischen Verrichtungen taugliche Fähigkeit des Geistes, der in lauter Endlichkeiten befangene Verstand, den sie dabei ins Werk gesetzt und sich damit an die höchsten Aufgaben der Vernunft gewagt haben. Ein beschränkter endlicher Zweck lässt sich ganz durchschauen, und so soll ihnen auch das menschliche Dasein und die Welt rein wie ein Rechenexempel aufgehn. Sie verfolgen dabei als Unaufgeklärtheit die ursprüngliche Irrationalität, die ihnen überall im Wege ist, denn sie wissen und ahnen es nicht, dass jede Erscheinung das Quadrat oder der Kubus einer nur durch Annäherung zu findenden, nie rein in Zahlen auszudrückenden Wurzel ist. Bei dieser Unphilosophie liegt eine ungeheure Anmaßung in ihrem Unternehmen. Der Text aller Predigten über die Aufklärung ist in der Tat eine lächerliche Parodie auf die Worte der Schöpfungsgeschichte, welche lautet: Cajus oder Sempronius oder dieses und jenes hohe Landeskollegium oder die Allgemeine Deutsche Bibliothek sprach: Es werde Licht, und es ward Licht; und nach der üblichen Abteilungsart von Predigten wird dann gehandelt, erstlich wie es bisher finster gewesen und zweitens, wie es nunmehr hell werden solle. Ihr wollet erleuchten? Gut, das Licht ist eine Gabe des Himmels: Wo sind die Proben eurer himmlischen Sendung? Das Licht ist vermöge seiner Natur zuvörderst selbst hell und dann erleuchtet es die übrigen Dinge. Ebenso verhält es sich mit dem, was im menschlichen Gemüte einzig den Namen des Lichtes verdienen kann: die Ideen, welche in der inneren Anschauung unmittelbare Überzeugung ihrer Notwendigkeit und ewigen Gültigkeit mit sich führen und demnächst auch die äußerlichen Erscheinungen in ihr wahres Verhältnis untereinander und gegen jene setzen.

Die Menschen, welche solche geistige Intuition mit ungewöhnlicher Energie und Klarheit in sich hatten, sind von Zeit zu Zeit die wahren Erleuchter und Aufklärer der Welt gewesen; aber solch ein inneres Licht verwerft ihr als Schwärmerei und Wahnsinn. Ihr bekennt damit, dass ihr das eurige erst äußerlich an­zünden müsst, und sonach wird es in Kerzen und Lampen bestehen, die wohl bei häuslichen Geschäften dienen mögen, die ihr aber keineswegs unter freien Himmel hinaustragen solltet, wie ihr doch tut. Denn entweder ist es Tag, so verschwindet der Schein eures Lämpchens ganz und gar und wird lächerlich, oder es ist Nacht, so leuchten die Gestirne genugsam, und den Ungewittern und Stürmen, welche diese verdunkeln, werden auch eure schwachen sterblichen Lichterchen nicht widerstehen. Auch unser Gemüt teilt sich wie die äußere Welt zwischen Licht und Dunkel, und der Wechsel von Tag und Nacht ist ein sehr treffendes Bild unseres geistigen Daseins. Der Sonnenschein ist die Vernunft als Sittlichkeit auf das tätige Leben angewandt, wo wir an die Bedingungen der Wirklichkeit gebunden sind. Die Nacht aber umhüllt diese mit einem wohltätigen Schleier und eröffnet uns dagegen durch die Gestirne die Aussicht in die Räume der Möglichkeit; sie ist die Zeit der Träume.

Einige Dichter haben den gestirnten Himmel so vorgestellt, als ob die Sonne nach Endigung ihrer Laufbahn in alle jene unzähligen leuchtenden Funken zerstöbe: Dies ist ein vortreffliches Bild für das Verhältnis der Vernunft und Phantasie: In den verlorensten Ahnungen dieser ist noch Vernunft; beide sind gleich schaffend und allmächtig, und ob sie sich wohl unendlich entgegengesetzt scheinen, indem die Vernunft unbedingt auf Einheit dringt, die Phantasie in grenzenloser Mannigfaltigkeit ihr Spiel treibt, sind sie doch die gemeinschaftliche Grundkraft unseres Wesens. Was schon in den alten Kosmogonien (Weltentstehungslehren) gelehrt ward, dass die Nacht die Mutter aller Dinge sei, dies erneuert sich in dem Leben eines jeden Menschen: Aus dem ursprünglichen Chaos gestaltet sich ihm durch Liebe und Hass, durch Sympathie und Antipathie die Welt. Eben auf dem Dunkel, worein sich die Wurzel unseres Daseins verliert, auf dem unauflöslichen Geheimnis beruht der Zauber des Lebens, dies ist die Seele aller Poesie. Die Aufklärung nun, welche gar keine Ehrerbietung vor dem Dunkel hat, ist folglich die entschiedenste Gegnerin jener und tut ihr allen möglichen Abbruch.

Man beobachte einmal die Art, wie Kinder die Sprache erlernen, wie sie da in guter Zuversicht sich ins Unverständliche hineinbegeben; wenn sie auf Verständlichkeit warten wollten, so würden sie niemals anfangen zu sprechen. Man kann aber bemerken, dass die Worte ganz magisch auf sie wirken, wie Formeln, mit denen man etwas herbei- und wegbannen kann, daher die uneigentlichsten und fremdesten Redensarten, welche sie unmöglich in ihre Bestandteile auflösen können, ihnen unmittelbar einleuchten und beruhigende Kraft mit sich führen. Deswegen kommt auch nichts darauf an, dass sie die Metapher eher erfahren als den eigentlichen Ausdruck, das Zusammengesetzte und Abgeleitete eher als das Einfache und Ursprüngliche, und dabei alles fragmentarisch und chaotisch. Ja, wenn es möglich wäre, ihnen die Sprache durch einen methodischen Unterricht beizubringen, nach den Klassen der Wörter, der Ableitung und Zusammensetzung, ferner nach den Formen der Biegung und den Regeln der Verknüpfung, endlich nach der Übertragung vom Eigentlichen aufs Bildliche, so würde ihnen die Sprache lebenslang nur ein äußerliches Werkzeug bleiben, eine Chiffrensammlung, aus a + b, x und anderen solchen algebraischen Zeichen bestehend. Dass sie uns etwas wahrhaft Innerliches ist, wodurch wir unser Gemüt offenbaren und auch in anderen gleiche Wirkungen hervorzurufen hoffen, verdanken wir bloß jener anfänglichen Einprägung gleichsam durch eine Reihe von Machtsprüchen. Die kindliche Ansicht der Sprache, die sich so ganz an den Laut hängt, ist der poetischen am nächsten, wie schon der Gebrauch des Silbenmaßes in der Poesie beweist.

Die erwachsenen Menschen, selbst die ausgezeichnetsten Geister unter ihnen, sind im Verhältnis zum Universum immer noch solchen Kindern zu vergleichen: Die Natur spricht ihnen als Mutter und Amme ihre ewigen Gesetze in der Bildlichkeit der Erscheinungen vor, die sie dann unvollkommen nachlallen, mit verworrenem Verständnis, aber entschiedenem Gefühl. Wie eine methodische Erlernung die Sprache entzaubern würde, so ein Unterricht über das Leben und die Welt, wie ihn die Aufklärer schon von der Pädagogik an bezwecken, notwendig beides, wenn nicht die mächtige Natur ihre Bemühungen vereitelte. Es ist gar leicht, etwas Vorurteil und Aberglauben zu schelten; mehr aber hat es auf sich solche Meinungen in ihrem Zusammenhange zu begreifen und ihre notwendige Gründung in Anlagen der menschlichen Natur und auf gewissen Stufen der Entwicklung einzusehen. Diese Meinung haben sich oft selbst missverstanden, da sie sich auf angebliche einzelne Erfahrungen beriefen: Allein dem Philosophen kommt es zu, sie besser zu verstehen, ihre wahren Quellen zu finden und die in ihnen zuweilen sehr grob materialisierte Idee zu erkennen.

So liegt den Vorstellungen von Zauberei, sympathetischen Wirkungen und dergleichen allerdings die höhere Ansicht der Natur, die ich in der vorigen Stunde bezeichnete, zum Grunde; und die Behauptung von Anfechtungen böser Geister, von Bündnissen mit ihnen, beziehen sich auf den Kampf des guten und bösen Prinzips, der unleug bar vor uns daliegt, der eine Bedingung der endlichen Existenz zu sein scheint und in der Frage über den Ursprung des Übels, deren Auflösung auf so mannigfaltige Art versucht worden, von je und je anerkannt ist. Nicht einmal die beharrliche Übereinstimmung aller Völker und Zeiten konnte die Aufklärer stutzig machen. Und mit welchen Waffen zogen sie gegen eine so bedeutende merkwürdige Stimme zu Felde? Mit denen der Philosophie etwa? Wie hätten sie gesollt, da ihnen diese selbst etwas Überschwängliches und Verdächtiges war? Nachdem die letzten großen spekulativen Köpfe, ein Descartes, Malebranche, Leibniz und Spinoza vom Schauplatz abgetreten, blieb mit Lockes philosophischem Protestantismus gegen die so genannten angeborenen Ideen, welcher zu zeigen unternahm, wie durch die sinnlichen Eindrücke allmählich alles an die leere Tafel, eigentlich auf das leere Nichts des Geistes eingezeichnet wurde, als Caput mortuum (Totenkopf) der Philosophie bloß die empirische Psychologie über; eine Wissenschaft, die mit Verkennung des Gesetzmäßigen im menschlichen Gemüt, durch Beobachtung, wie es dann und wann, in diesen und jenen Zuständen darin zugeht, seiner Natur auf die Spur zu kommen gedachte.

Mit dieser glaubten sich die Aufgeklärten dann berechtigt, alle Erscheinungen, die über die Grenze der Empfänglichkeit ihres Sinnes hinauslagen, als Krankheitssymptome zu betrachten und freigebig mit den Namen Schwärmerei und Wahnsinn bei der Hand zu sein. Sie verkannten durchaus die Rechte der Phantasie und hätten, wo möglich, die Menschen gern ganz von ihr geheilt. Diese scheint z. B. in Träumen, wo sie von allem Zwange entbunden spielt, manche ihrer Geheimnisse zu verraten. Daher ist der Traum ein sehr poetisches Element, und die Poesie, wohl eingedenk, dass sie selbst nur ein schöner Traum sei, hegt und liebt ihn. Die ältesten Völker haben ihr Gefühl davon sinnlich ausgesprochen, indem sie manche Träume für Vorbedeutungen der Zukunft oder für Unterredungen mit Verstorbenen oder für göttliche Eingebungen hielten. Die Psychologie weiß alles zu erklären, wohlgemerkt, da wir physiologisch gar nicht im reinen sind, was denn der Schlaf eigentlich sei; die Träume entstehen aus den Vorstellungen, die uns gerade am Tage lebhaft beschäftigt haben, nebst körperlichen Anregungen; die Vorstellungen entstehen durch Vibrationen, oder was weiß ich, der Gehirnfibern, auf diese wirkt der Umlauf des Blutes, auf diesen die Verdauung, und so kommt alles aus dem Magen her. Dies ist die prosaische Ansicht der Träume; schon die homerischen Griechen waren so klug, bedeutsame und bloß zufällige zu unterscheiden, diese ließen sie aus der elfenbeinernen, jene aus der hörnernen Pforte fliegen. Wem aber mit Obigem alles erklärt ist, wem nicht in seinem Leben Träume vorgekommen sind, die, aufs wenigste gesagt, von einer höchst wunderbaren bizarren Freitätigkeit der Phantasie zeugen, der wird gewiss nicht von übermäßiger Poesie beschwert.

Aber die Aufklärung hat doch den Menschen durch Befreiung von den Ängstigungen des Aberglaubens eine große Wohltat erzeigt? Ich sehe nicht, dass diese so arg waren, vielmehr finde ich jeder Furcht eine Zuversicht entgegengesetzt, die ihr das Gleichgewicht hielt und von jener erst ihren Wert bekam. Gab es traurige Ahnungen der Zukunft, so gab es auch wieder glückliche Vorbedeutungen; gab es eine schwarze Zauberei, so hatte man dagegen heilsame Beschwörungen; gegen Gespenster halfen Gebete und Sprüche; und kamen Anfechtungen von bösen Geistern, so sandte der Himmel seine Engel zum Beistande. Von der Furcht überhaupt aber (ich meine hier nicht die Furcht vor etwas Bestimmtem, gegen die ein tapferer Mut stählen kann, sondern die phantastische Furcht, das Grauen vor dem Unbekannten) den Menschen zu befreien, wie er denn auch die Gegenstände derselben nennen mag, dies wird der Aufklärung niemals gelingen, denn diese Furcht gehört mit zu den ursprünglichen Bestandteilen unseres Daseins, wie sich leicht nachweisen lässt.

Natürlich hat sich die Aufklärung auch in die Moral gemischt und darin großes Unheil angerichtet. Nach ihrer ökonomischen Richtung gab sie alle Tugenden, die sich nicht der Brauchbarkeit für ir­dische Angelegenheiten fügen wollten, für Überspannung und Schwärmerei aus. Ohne irgendeine Ausnahme für besondere Naturen gelten zu lassen sollten alle gleichermaßen in das Joch gewisser bürgerlicher Pflichten gespannt werden, in das Gewerbs- und Amts- und dann in das Familienleben, und zwar nicht aus Patriotismus und Liebe, sondern um den Acker des Staates wie Zugvieh zu pflügen und die Bevölkerung zu befördern. Da die echte sittliche Schätzung durchaus auf die Reinheit der Motive geht und nicht auf den Erfolg, so fragten sie vielmehr immer: Was kommt dabei heraus? Die Ausübung der Tugenden sollte als nützlich auf alle Weise befördert werden, würde sie auch durch fremde Motive unterstützt, und so erfanden die Aufklärer die saubere Glückseligkeitslehre, nach welcher sie den Menschen einredeten, die Moral heische nichts von ihnen als ihren wahren Vorteil, und durch Erfüllung der Pflichten werde auch ihr irdisches Wohl unfehlbar beraten: eine Erwägung, die, wenn sie ins Spiel kommt, derselben allen Wert nimmt.

Die Ehre, diese uns wenigstens in Überresten angestammte große Idee aus dem Mittelalter, an dessen glänzenden Hervorbringungen im Leben wie in der Poesie sie den entschiedensten Anteil hatte, indem sie die ritterliche Tapferkeit und Liebe bildete, ist von den Aufklärern besonders schnöde, als eine abge­schmackte Chimäre, behandelt worden, natürlich wegen der Unnützlichkeit und weil hier das mit dem eigenen Vorteil auf keine Weise passen will. Die Ehre ist gleichsam eine romantisierte Sittlichkeit; hierin liegt es schon, warum die Alten sie in diesem Sinne nicht kannten, was ich auch daraus einzusehen glaube, dass bei den Alten Religion und Moral mehr getrennt war; da nun das Christentum das gesamte Tun des Menschen in Anspruch nahm, so rettete sich das Gefühl von der Selbständigkeit des sittlichen Strebens da­hin und erfand neben der religiösen Moral eine noch von ihr unabhängige weltliche. Die ritterlichen Grundsätze der Ehre werden also auch so lange nicht wegfallen können, als das Christentum einen so bedeutenden Einfluss auf unsere Sittenlehre hat, als es bis­her ungeachtet seines Verfalls noch immer ausgeübt. Aber so nach den Quellen zu fragen, findet der Aufklärer überflüssig, sondern schreitet mit seinem ökonomischen Verstande gleich zur Verurteilung.

Die aufgeklärte Theologie besteht zuvörderst in der Forderung vollkommener Begreiflichkeit der Religion, also in der Verwerfung aller Geheimnisse und Mysterien; wo sie sich in einer geoffenbarten Religion finden, die man zum Scheine noch will gelten lassen, werden sie wegerklärt. Das Unvernünftige, in dem Bestreben alles auf Verständlichkeit zurückzuführen, tritt hier in vollstem Maße ein, denn der Mensch, der ganz aus Widersprüchen zusammengewebt ist, kann sich nicht mit seiner Betrachtung in das Unsichtbare und Ewige vertiefen, ohne sich in einen Abgrund der Geheimnisse zu stürzen. Ferner wird in dieser Theologie die Phantasie als das Organ der Religion und die Notwendigkeit, dem Unendlichen eine sinnbildliche, so viel möglich individualisierende Darstellung zu geben, verkannt. Da es sich nun in allen Religionen ereignet, dass der innere Gottesdienst über den äußeren Zeremonien, die als Zeichen desselben ursprünglich eingesetzt waren, gänzlich verloren geht, dass die Hülle für das Wesen genommen wird, so hat die Aufklärung in ihrer Polemik hiergegen gewissermaßen recht. Wer heißt sie aber, die Idee, welche einem Gottesdienst zum Grunde liegt, nicht besser fassen als seine grobsinnlichen Bekenner? Um ihren Namen zu verdienen, sollte sie vielmehr das gleichsam versteinerte und entseelte Symbol wieder zu beseelen wissen. Aber sie will eine pur vernünftige Religion, ohne Mythologie, ohne Bilder und Zeichen und ohne Gebräuche.

Man sieht leicht ein, dass dies tödlich für die Poesie ist, welche einzig auf dieser Seite ihre Berührungspunkte mit der Religion hat. So wird auch gegen den Anthropomorphismus geeifert, und die Bibel, die von einem Ende bis zum andern Gott unter menschlichen Bildern darstellt, kommt dabei freilich schlecht weg. Sobald der Mensch sich aber in eine persönliche Beziehung mit der Gottheit setzt, so kann er gar nicht aus dieser Vorstellungsart heraus, und es wird im Hintergrunde seines Gemüts, bewusster­ oder unbewussterweise, eine menschliche Bildung schweben. Was liegt denn auch hierin so Unwürdiges und Verkleinerndes? Allerdings, wenn wir den Körper bloß irdisch betrachten, als ein Werkzeug sinnlicher Bedürfnisse und Genüsse. Mit geistigeren Blicken angesehen ist er eine Allegorie auf das Weltgebäude, ein Spiegel und Abbild des Universums, was die Astrologen so schön durch das magische Wort Mikrokosmus bezeichnet haben; betrachtet man nun die Natur hinwiederum als den Leib Gottes, so bekommt der Anthropomorphismus eine ganz andere Gestalt und eine Bedeutung, die weit über den Horizont der gewöhnlichen Aufklärung hinausgeht. Endlich gehört zur aufgeklärten Theologie, bei einer Religion, die ein historisches Fundament hat wie die christliche, die aufgeklärte Ansicht der Geschichte, d. h. die Annahme, dass ehemalige Geschlechter in nichts von dem unsrigen verschieden gewesen sein können, alles wird also nach dem engen Zirkel heutiger Erfahrungen gemodelt und, wenn es da nicht hineinpasst, verspottet oder wegerklärt. Als den Stifter dieser Ansicht kann man hauptsächlich Voltaire nennen, dem unsere neueren Exegeten mehr folgen, als sie selbst wissen
. S. 140-153
Vorlage: August Wilhelm Schlegel, Schriften. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk.Goldmanns gelbe Taschenbücher Band 905/906, München Wilhelm Goldmann Verlag