Thomas Morus (1478 – 1535 enthauptet)

  Englischer Jurist, Politiker und Humanist, der unter Heinrich VIII. rasch zu politischem Ansehen kam: 1518 Mitglied des Geheimen Rates, 1523 Sprecher des Unterhauses, 1529 Lordkanzler. Als Vertrauter des Königs verteidigte er diesen gegen die Angriffe von Protestanten, führte die Feder in Heinrichs VIII. Schrift »Verteidigung der sieben Sakramente« und verfasste unter dem Pseudonym W. Ross die Antwort auf eine Entgegnung Luthers. Morus lehnte jedoch die staatskirchlichen Pläne des Königs ab, trat 1532 von seinen Ämtern zurück und verweigerte 1535 den Suprematseid. Daraufhin wurde er verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Heiliger (Tag: 22. 6.).
Morus
war ein
bedeutender Humanist, der eng mit John Colet und Erasmus von Rotterdam befreundet war. Erasmus widmete Morus seine Schrift »Lob der Narrheit«. In seinem »Utopia« schildert Morus eine mit ironischen Nuancen getönte, aber durchaus ernstgemeinte Darstellung der idealen, auf Gemeineigentum beruhenden (kommunistischen) Gesellschaft. Unter der Perspektive der wirtschaftlichen Überlegenheit Englands beinhaltet das Werk durchaus auch Reformansätze. Die Nachwelt hat jedoch »Utopia« vor allem als futuristischen Staatsroman betrachtet und danach diese Art der literarischen Gattung als »Utopie« bezeichnet. Im folgenden Textabschnitt schildert Morus seine Religionsvorstellungen unter dem Blickwinkel des Utopiers

Siehe auch Wikipedia, Heiligenlexikon und Kirchenlexikon
 

Von den religiösen Anschauungen der Utopier
Die religiösen Anschauungen sind nicht nur über die ganze Insel hin, sondern auch in den einzelnen Städten verschieden, indem die einen die Sonne, andere den Mond, die einen diesen, die anderen jenen Planeten als Gottheit verehren. Es gibt Gläubige, denen irgendein Mensch, der in der Vorzeit durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, nicht nur als ein Gott, sondern sogar als die höchste Gottheit gilt. Aber der größte und weitaus vernünftigste Teil des Volkes glaubt an nichts von alledem, sondern nur an ein einziges, unbekanntes, ewiges, unendliches, unbegreifliches göttliches Wesen, das die Fassungskraft des menschlichen Geistes übersteigt und durch dieses gesamte Weltall ergossen ist, als wirkende Kraft, nicht als materielle Masse; ihn nennen sie Vater. Ihm allein, sagen sie, dient Ursprung, Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ausgang aller Dinge zum Wohlgefallen, und keinem anderen außer ihm erweisen sie göttliche Ehren.

Freilich darin kommen auch alle anderen mit diesen Gottesverehrern überein trotz aller Glaubensunterschiede, daß sie nämlich ein höchstes Wesen annehmen, dem wir die Schöpfung des Weltalls und die Vorsehung zuschreiben müssen, und diese Gottheit nennen sie alle übereinstimmend in der Landessprache Mythras. Nur darin gehen die Meinungen auseinander, daß er bei jedem wieder anders aufgefaßt wird; dabei ist aber jeder einzelne überzeugt, was er für seine Person für das Höchste hält — es mag sein, was es will —, das sei doch schließlich immer dasselbe Wesen, in dessen alleiniger göttlicher Erhabenheit und Majestät wir den Inbegriff aller Dinge (nach dem übereinstimmenden Urteil aller Völker) zu erblicken haben. Indessen machen sie sich alle nach und nach los von der Mannigfaltigkeit abergläubischer Vorstellungen, und statt dessen verschmelzen ihre Anschauungen zu der geschilderten einen Religion, die alle anderen an Vernünftigkeit — wie mir scheint — übertrifft. Unzweifelhaft wären die anderen Religionsvorstellungen schon längst verwelkt, wenn nicht jedes Unglück, das einem Menschen zufällig widerstößt, während er sich mit dem Plane trägt, die Religion zu wechseln, von ihm aus Furcht als eine Schickung des Himmels ausgedeutet würde, statt als zufälliges Ereignis, gewissermaßen als ob die Gottheit, deren Verehrung der Gläubige aufgeben wollte, den frevelhaften, gegen sie gerichteten Vorsatz rächend strafte.

Doch seit sie durch uns von Christi Namen, Lehre, Wesen und Wundern Kenntnis erhalten hatten und ebenso von der wunderbaren Standhaftigkeit der vielen Märtyrer, deren freiwillig vergossenes Blut so zahlreiche Völker weit und breit zu seiner Nachfolge bekehrt hat, da war es kaum zu glauben, wie willig auch sie dieser Lehre zustimmten, vielleicht weil es ihnen Gott im Verborgenen eingab, vielleicht aber auch deshalb, weil ihnen das Christentum derjenigen heidnischen Lehre sehr nahe zu stehen schien, die bei ihnen selbst am stärksten verbreitet ist. Freilich möchte ich glauben, daß auch der Umstand von erheblichem Gewicht war, daß sie hörten, Christus habe die gemeinschaftliche (kommunistische) Lebensführung seiner Jünger gutgeheißen, und daß diese in den Kreisen der echtesten Christen noch heute üblich sei. Jedenfalls, von welcher Bedeutung das auch gewesen sein mag, nicht wenige traten zu unserer Religion über und wurden mit dem geweihten Wasser getauft.

Aber da unter uns vier Genossen (so viele waren wir nämlich nur noch, denn zwei waren gestorben) leider keiner Priester war, so müssen sie bis heute, obschon im übrigen eingeweiht, doch den Genuß der Sakramente entbehren, die bei uns nur die Priester austeilen dürfen. Doch verstehen sie deren Bedeutung und wünschen sich nichts sehnlicher; ja sie disputieren bereits eifrig miteinander über die Frage, ob ohne Auftrag des christlichen Papstes einer von ihnen gewählt und so den Charakter als Priester erwerben könne. Und es schien in der Tat, als würden sie einen wählen, doch zur Zeit meiner Abreise hatten sie die Wahl noch nicht vollzogen. Auch die anderen, die der christlichen Religion noch nicht zustimmen, halten doch niemanden davor zurück und fechten keinen Übergetretenen an.

Nur einer aus unserer christlichen Gemeinschaft wurde während meiner Anwesenheit verhaftet. Es war ein frisch Getaufter, der gegen unseren Rat öffentlich über die Verehrung Christi mit mehr Eifer als Klugheit predigte; er geriet dabei so ins Feuer, daß er bald unser Glaubensbekenntnis über alle anderen erhob, ja diese obendrein alle zusammen in Grund und Boden verdammte, sie unheilig nannte und ihre Bekenner als ruchlose Gotteslästerer, würdig des höllischen Feuers, begeiferte. Als er lange so weiterpredigte, ließ man ihn verhaften, verklagte ihn und machte ihm den Prozeß, nicht wegen Religionsverletzung, sondern wegen Erregung von Aufruhr im Volke, verurteilte und bestrafte ihn mit Verbannung. Denn das ist eine ihrer ältesten Verfassungsbestimmungen, daß keinem seine Religion Schaden bringen darf.

Schon ganz zu Anfang ihrer Geschichte hatte nämlich Utopus erfahren, daß die Inselbewohner vor seiner Ankunft beständig untereinander über ihre Religionsanschauungen gestritten hatten; es war ihm auch nicht entgangen, daß eine allgemeine Spaltung daraus entstanden war, so daß sie nur noch in einzelnen Religionsparteien für das Vaterland kämpften, und daß ihm diese Verhältnisse Gelegenheit geboten hatten, sie alle miteinander zu besiegen. Sobald er den Sieg erfochten hatte, bestimmte er deshalb: jeder dürfe der Religion anhängen, die ihm beliebe; jedoch noch andere Leute zu seiner Religion zu bekehren dürfe er nur in der Weise versuchen, daß er seine Meinung freundlich und ohne Anmaßung auf Vernunftgründen aufbaue, nicht indem er die anderen Anschauungen mit Heftigkeit herabsetze. Sollte es ihm nicht durch Zureden gelingen, die anderen zu überzeugen, so solle er keinerlei Gewalt anwenden und Schmähungen unterdrücken. Wer in dieser Sache zu gewaltsam vorgeht, wird mit Verbannung oder Sklavendienst bestraft.

Diese Bestimmung hat Utopus getroffen, nicht nur mit Rücksicht auf den Frieden, der, wie er sah, durch beständigen Zank und unversöhnlichen Haß von Grund auf zerstört wird, sondern weil er der Meinung war, daß eine solche Festsetzung auch im Interesse der Religion liege. Er hatte nicht die Vermessenheit, über die Religion irgend etwas endgültig zu bestimmen, da es ihm nicht sicher war, ob Gott vielleicht selber eine mannigfache und vielfältige Art der Verehrung wünsche und daher dem einen diese, dem anderen jene Eingebung schenke. Jedenfalls hielt er es für anmaßend und unsinnig, wenn einer mit Gewalt und Drohungen verlangte, daß seine Ansicht über die Wahrheit auch allen anderen einleuchten müsse.

Wenn aber wirklich ein Glaube die meiste Wahrheit besitzt und alle anderen nichtig sind, so meinte doch Utopus, es sei leicht vorauszusehen, daß die Macht der Wahrheit sich von selber dereinst einmal durchsetzen und offenbar werden müßte, wenn ihre Sache nur mit Vernunft und Mäßigung betrieben würde. Wenn man sich aber mit Waffen und Aufruhr darum stritte, so wären immer die minderwertigsten Menschen am hartnäckigsten, und so würde wegen ihres Streites der kostbare Schatz der heiligen Religion von dem nichtigsten abergläubischen Wahn verschüttet, wie die Saat von Dornen und Unkraut erstickt wird. Daher hat er diese ganze Frage unentschieden gelassen und jedem einzelnen überlassen, welchen Glauben er für richtig halten will; nur das eine hat er feierlich und streng verboten, daß einer so tief unter die Würde der menschlichen Natur sinke, daß er meint, die Seele ginge zugleich mit dem Leibe zugrunde oder die Welt treibe aufs Geratewohl und ohne göttliche Vorsehung ihren Lauf.

Und deshalb glauben die Utopier, daß nach diesem Leben Strafen für unsere Verfehlungen festgesetzt, Belohnungen für unsere Tugenden uns bestimmt sind. Wer das Gegenteil glaubt, den zählen sie nicht einmal unter die Menschen, weil er die erhabene Natur seiner Menschenseele auf die niedere Stufe einer elenden tierischen Körperlichkeit herabsetzt; noch viel weniger denken sie also daran, ihn unter die Bürger zu rechnen: würden ihm doch alle bürgerlichen Einrichtungen und moralischen Grundsätze keinen Pfifferling gelten, wenn ihn nicht die bloße Furcht in Schranken hielte. Oder kann es jemandem zweifelhaft sein, daß er versuchen würde, die Staatsgesetze seines Landes entweder heimlich und mit List zu umgehen oder mit Gewalt umzustoßen, sofern das seinen privaten Wünschen dienlich wäre, da er ja über die Gesetze hinaus nichts fürchtet, über sein körperliches Leben hinaus nichts erhofft?

Deshalb wird einem so Gesinnten keine Ehre zuteil, kein obrigkeitlicher Posten übertragen, er kann kein öffentliches Amt versehen. So gerät er überall als ein von Natur unbrauchbarer und aussichtsloser Mann in Verachtung. Indessen erhält er keine eigentliche Strafe, weil die Utopier überzeugt sind, daß es niemand in der Hand hat, zu glauben, was ihm beliebt; vielmehr zwingen sie ihn weder mit irgendwelchen Drohungen, seine Gesinnung zu verheimlichen, noch lassen sie Verstellung und Lüge zu, die ihnen als nächste Geschwister des Betruges überaus verhaßt sind. Wohl aber hindern sie ihn, seine Meinung öffentlich zu verfechten, und auch das nur vor dem gemeinen Volk. Denn anderswo, vor den Priestern und ernsten, gebildeten Männern in stillem Kreise lassen sie es zu, ja sie ermahnen ihn sogar dazu, weil sie darauf vertrauen, sein Wahnsinn werde endlich doch der Vernunft weichen.

Es gibt auch noch andere, und gar nicht wenige (man läßt sie nämlich gewähren, da ihre Meinung nicht ganz unbegründet ist und sie nicht bösartig sind), die in den entgegengesetzten Fehler verfallen und auch die Tierseelen für ewig halten, freilich an Würde nicht für vergleichbar mit unseren Menschenseelen und auch nicht zu gleicher Glückseligkeit geschaffen. Denn daß den Menschen eine unbegrenzte Seligkeit erwartet, halten sie fast sämtlich für sicher und ausgemacht, und betrüben sich deshalb zwar immer in Krankheitsfällen, aber nie in Todesfällen, es sei denn, daß sie den Sterbenden angstvoll und widerwillig vom Leben sich losreißen sehen. Das halten sie nämlich für ein sehr übles Anzeichen dafür, daß die Seele ohne Hoffnung und mit schlechtem Gewissen, in irgendeiner dunklen Vorahnung drohender Strafe, vor dem Tode zurückschaudert. Überdies meinen sie, Gott werde die Ankunft eines Menschen ganz und gar nicht willkommen sein, der nicht freudig herbeieilt, wenn er gerufen wird, sondern ungern und widerstrebend sich herbeischleppen läßt. Diese Art von Tod hat deshalb für die Zuschauer etwas Grauenhaftes; daher trägt man auch die so Gestorbenen trauernd und schweigend aus der Stadt, betet zu Gott, er möge der abgeschiedenen Seele gnädig sein und ihre Sünden ihr aus Gnaden verzeihen, und begräbt dann den Leichnam unter der Erde.

Dagegen die Toten, die frohgemut und voll guter Hoffnung dahingegangen sind, betrauert niemand, sondern mit Gesang geleitet man sie zur Bestattung, empfiehlt ihre Seelen mit großer Bewegung der Hut Gottes, verbrennt zuletzt ihre Körper ehrfurchtsvoll, doch nicht schmerzlich bewegt, und errichtet ein Denkmal auf der Grabstätte mit den Ehrentiteln des Verstorbenen. Heimgekehrt von der Bestattung, spricht man von seinem Charakter und seinen Taten, und kein Abschnitt seines Lebens wird dabei häufiger und lieber durchgenommen als sein seliger Tod. Diese Ehrung des Gedächtnisses rechtschaffener Menschen halten sie für einen höchst wirksamen Anreiz zur Tugend bei den Lebenden, und zugleich glauben sie den Verstorbenen mit dieser Verehrung eine große Freude zu machen; sie stellen sich nämlich vor, diese wären bei den Gesprächen über sie zugegen, wenn auch unsichtbar für den stumpfen Blick der Sterblichen.

Denn es würde ja schlecht zum Lose der Seligen passen, wenn sie nicht die Freiheit hätten, überall hinzugehen, wohin sie wollen, und andererseits wäre es undankbar von ihnen, wenn sie ganz die Sehnsucht verloren hätten, ihre Freunde wiederzusehen, mit denen sie zu ihren Lebzeiten gegenseitige Liebe und Sympathie verband; sie vermuten vielmehr, daß diese Neigungen ebenso wie alle anderen guten Eigenschaften guter Menschen nach dem Tode eher sich verstärken als vermindern. Demnach glauben sie, daß die Toten unter den Lebenden umherwandeln als Zuschauer und Zuhörer ihrer Worte und Taten. Mit um so größerer Zuversicht greifen sie ihre Aufgaben an, im Vertrauen auf diesen Schutz, und der Glaube an die Gegenwart der Vorfahren schreckt sie zugleich vor heimlicher Schandtat zurück.

Auf Wahrsagerei und die anderen Phantastereien eines nichtigen Aberglaubens, wie sie bei anderen Völkern in hohem Ansehen stehen, geben sie gar nichts und lachen darüber. Die Wunder dagegen, die ohne jede natürliche Veranlassung erfolgen, verehren sie als Taten und Zeugnisse der allgegenwärtigen Gottheit. Solche Wunder sollen dort häufig vorkommen, und zuweilen in wichtigen und zweifelhaften Fragen flehen sie darum in großer Zuversicht durch öffentliches Bittgebet, und zwar mit Erfolg.

Die Betrachtung der Natur und das daraus entspringende Lob des Schöpfers halten sie für eine Gott wohlgefällige Form seiner Verehrung.
Doch gibt es auch solche Gläubige, und gar nicht wenige, die aus religiösen Gründen alle geistige Arbeit vernachlässigen, sich nicht im geringsten um die Erkenntnis des Zusammenhanges der Dinge bemühen und sich überhaupt keinerlei Muße gönnen; nur durch praktische Tätigkeit und Pflichterfüllung gegen die Mitmenschen in guten Werken, behaupten sie, könnten wir der künftigen Seligkeit nach dem Tode näherkommen.

Daher pflegen die einen Kranke, die anderen bessern Wege aus, reinigen Kanäle, stellen Brücken wieder her, stechen Rasen aus, schaufeln Sand und graben Steine aus, zerspalten und zersägen Bäume, karren Holz, Getreide und anderes in die Städte, kurzum, sie benehmen sich wie Diener, ja dienstbarer als die Sklaven, nicht bloß zu gemeinnützigen Zwecken, sondern ebenso gegenüber Privatleuten. Denn was es nur irgendwo an mühsamer, schwieriger und schmutziger Arbeit gibt, von der die meisten Mühe, Ekel oder Verzagtheit zurückschreckt, die nehmen sie freiwillig und heiteren Sinnes gänzlich auf sich. Anderen Leuten verschaffen sie so behagliche Muße, sie selber stecken beständig in Arbeit und Plage. Und doch rechnen sie es niemandem an, schimpfen nicht auf die Lebensweise der anderen und rühmen sich nicht ihrer eigenen. Je mehr diese Leute sich als Sklaven aufführen, desto größere Ehre wird ihnen allgemein erwiesen.

Es gibt jedoch zwei verschiedene Richtungen unter ihnen:

die eine ist die Sekte der Unverheirateten, die völlig auf fleischliche Liebe verzichten, aber auch auf jeden Fleischgenuß, einige sogar auf alle Nahrung, die von Tieren stammt. Sie verwerfen alle Vergnügungen des irdischen Lebens als sündig und trachten nur nach den Freuden des künftigen, in der Hoffnung, sie durch Nachtwachen und Schweiß vergießen demnächst zu erlangen; inzwischen sind sie munter und wohlgemut.

Die andere Richtung ist zwar nicht weniger arbeirseifrig, zieht es aber vor, zu heiraten, da ihnen die Ehe unverächtlich erscheint und weil sie glauben, der Natur ihren Zoll und dem Vaterlande Kinder zu schulden. Sie wenden sich von keinem Vergnügen ab, das sie nicht in der Arbeit aufhält. Das Fleisch von vierfüßigen Tieren schätzen sie vor allem deshalb, weil sie glauben, durch solche Nahrung zu jeder Arbeit besser gestärkt zu werden. Die Anhänger dieser Richtung halten die Utopier für die Klügeren, die anderen jedoch für die Frömmeren. Würden diese ihre Bevorzugung des Zölibats vor der Ehe und der Strapazen vor den Annehmlichkeiten des Lebens auf Vernunftgründe stützen, so würde man sie auslachen; so aber, da sie religiöse Motive angeben, begegnet man ihnen mit Hochachtung und Verehrung. Denn auf nichts achten die Utopier sorgfältiger als darauf, nichts Unbedachtes über irgendeine religiöse Anschauung verlauten zu lassen. Dies also ist das Wesen der Sektierer, die von den Utopiern mit einem eigenen Worte »Buthresken« genannt werden, was in deutscher Übersetzung etwa »Ordensbrüder« heißt.

Ihre Priester sind außerordentlich fromm und deshalb sehr wenig zahlreich. In jeder Stadt haben sie nämlich nicht mehr als dreizehn für die gleiche Zahl von Gotteshäusern, außer in Kriegszeiten. Dann rücken nämlich sieben von ihnen mit der Armee ins Feld und werden inzwischen durch ebenso viele andere ersetzt. Nach der Heimkehr erhält jeder wieder seine alte Stelle; die Überzähligen dienen so lange, bis sie der Reihe nach in die durch Tod freigewordenen Stellen einrücken, als Gehilfen des Oberpriesters. Einer ist nämlich Vorgesetzter der anderen Priester. Sie werden vom Volke gewählt, und zwar nach demselben Verfahren wie die anderen Obrigkeiten, in geheimer Abstimmung, um private Einflüsse auszuschalten. Die Gewählten werden vom Kollegium der Priester geweiht. Diese leiten den Gottesdienst, sorgen für die Pflege des religiösen Lebens und sind eine Art Sittenrichter. Es gilt für eine große Schande, von ihnen wegen ungehörigen Lebenswandels vorgeladen und gerügt zu werden.

Wenn aber auch Ermahnen und Warnen ihres Amtes ist, so bleibt doch die Maßregelung und Bestrafung der Übeltäter dem Fürsten und den übrigen Obrigkeiten vorbehalten, nur daß die Priester solche Menschen, die ihnen als ruchlose Sünder bekannt werden, vom Gottesdienst ausschließen können. Es gibt kaum eine Strafe, die mehr gefürchtet wäre. Denn sie bringt die Sünder in ärgsten Verruf und erfüllt sie mit geheimer religiöser Furcht; und nicht einmal körperlich bleiben sie lange ungefährdet; denn wenn sie nicht schleunigst bei den Priestern Buße tun, werden sie verhaftet und wegen gottloser Gesinnung vom Senate bestraft.
Die Kinder und Jugendlichen werden von den Priestern unterrichtet, und dabei gilt deren Sorge ebensogut der Erziehung zu sittlicher Tüchtigkeit wie der wissenschaftlichen Ausbildung. Denn sie verwenden den höchsten Fleiß darauf, von Anfang an gesunde, moralische und der Erhaltung ihres Staates zuträgliche Anschauungen den noch zarten und lenksamen Kinderherzen einzuflößen. Denn wenn die erst einmal im Kinde festsitzen, begleiten sie den Mann durchs ganze Leben und bringen großen Nutzen, indem sie die Staatsverfassung sichern helfen, die ja nur durch lasterhafte Gesinnungen ins Wanken gebracht wird, wie sie aus ver¬kehrten Anschauungen entspringen.

Die Priester haben die erlesensten Frauen des Volkes zu Gattinnen, soweit sie nicht selbst Frauen sind (denn auch das weibliche Geschlecht ist von diesem Stande nicht ausgeschlossen, freilich wird ziemlich selten eine Frau gewählt, und dann nur eine verwitwete, und zwar eine betagte). Keine Behörde genießt nämlich bei den Utopiern höheres Ansehen, und das geht so weit, daß ein Priester, der sich vergangen hat, keinem öffentlichen Gericht untersteht: nur Gott und sich selber bleibt er überlassen. Denn sie halten es nicht für erlaubt, jemanden mit Menschenhand zu berühren, und wäre es der ärgste Verbrecher, der Gott in so einzigartiger Weise gleichsam als Opfer geweiht ist.

Dieses Herkommen können sie leicht innehalten, weil die Priester so wenig zahlreich und so sorgfältig ausgewählt sind. Kommt es doch nicht leicht vor, daß einer, der als der Beste aus den Guten allein mit Rücksicht auf seine Tüchtigkeit zu so hoher Würde erhoben ist, zu verderbter und lasterhafter Gesinnung entartet.

Sollte es aber immerhin einmal geschehen dank der Wandelbarkeit menschlicher Natur, so ist doch jedenfalls daraus für die Öffentlichkeit kein Schaden von erheblicher Bedeutung zu befürchten, da es sich ja nur um eine geringe Zahl von Priestern handelt, die außer ihrer Ehre keinerlei Machtbefugnis besitzen. Ihre Zahl ist darum so gering und unbedeutend, weil das Ansehen des Standes, dem die Utopier jetzt so große Verehrung entgegenbringen, an Wert sinken würde, wenn man seine Ehre vielen Leuten zukommen lassen wollte, zumal man es für schwierig hält, viele Menschen von so vortrefflicher Gesinnung zu finden, die der Würde dieses Standes gewachsen sind; denn die zu bekleiden erfordert mehr als ein Mittelmaß von Tugenden.

Übrigens ist die Wertschätzung der Priester bei auswärtigen Völkern nicht geringer als bei ihnen selbst, was sich deutlich in einem Herkommen zeigt, das ich auch für den Grund dieser Verehrung halte. Während die Truppen in der Schlacht um die Entscheidung ringen, liegen die Priester abgesondert, aber nicht weit davon auf den Knien in ihren geweihten Gewändern und flehen mit zum Himmel emporgestreckten Händen vor allem um Frieden, sodann um Sieg für ihr Volk, aber um einen Sieg, der für keine Partei allzu blutig ist.

Siegen die Ihrigen, so eilen sie an die Kampffront und gebieten dem Wüten gegen die Geschlagenen Einhalt: wer sie nur sieht und ihnen zuruft, wenn sie kommen, dem ist sein Leben gesichert. Wer ihre wallenden Kleider berührt, schützt auch sonst sein Hab und Gut gegen alle kriegerische Gewalttat. Infolgedessen genießen sie bei allen Völkern ringsum eine solche Verehrung, ja so viel wirklich majestätisches Ansehen, daß sie schon oft von den Feinden nicht weniger Schonung für ihre Landsleute erwirkt haben, als sie umgekehrt den Feinden bei den Utopiern verschafft hatten.

Jedenfalls steht so viel fest: schon manchmal, wenn die Front ihrer Landsleute durchbrochen und die Lage verzweifelt war, die Armee zu fliehen begann und der Feind zum Gemetzel und zur Plünderung hereinbrach, sind die Priester dazwischengetreten mit dem Erfolge, daß das Morden unterbrochen, die Truppen voneinander getrennt und ein Friede unter gerechten Bedingungen zustande gebracht und abgeschlossen wurde. Denn noch niemals hat es ein so wildes, grausames und barbarisches Volk gegeben, daß ihm ihr Leib und Leben nicht als geheiligt und unverletzlich gegolten hätte.

Als Festtage feiern sie den ersten und letzten Tag jedes Monats und ebenso des Jahres, das sie in Monate einteilen, die nach dem Mondumlauf begrenzt sind, während der Kreislauf der Sonne das Jahr umschließt. Alle Anfangstage heißen in ihrer Sprache »Cynemernen«, die Schlußtage »Trapemernen« — Worte, die so klingen, als sollten sie Eröffnungs- und Schlußfeiern bedeuten.

Man sieht dort ungewöhnlich schöne Tempelbauten, die nicht nur durch ihre technische Vollendung, sondern vor allem durch ihre Geräumigkeit auffallen und eine ganz gewaltige Volksmenge fassen können, was ja infolge ihrer geringen Anzahl notwendig ist. Trotzdem sind sie alle halb-dunkel, und zwar soll das nicht auf geringem Verständnis der Baukunst beruhen, sondern auf dem Rat der Priester. Diese sind nämlich der Meinung, übermäßig viel Licht zerstreue die Gedanken, sparsames und gleichsam unsicheres Licht diene zur Sammlung des Gemütes und zur Verstärkung der Andacht. Da die Religion ja dortzulande zwar nicht bei allen dieselbe ist, aber doch in allen, freilich verschiedenen und vielfachen Formen auf die Verehrung der göttlichen Natur als das einheitliche Ziel trotz Verschiedenheit der Wege hinausläuft, so sieht und hört man in den Tempeln auch nichts, das nicht für alle Religionsformen gemeinhin passend erschiene. Was etwa der einzelnen Kultusgemeinschaft eigentümlich ist, das besorgt jeder einzelne innerhalb der vier Wände seines Hauses. Den öffentlichen Kult dagegen verrichten sie in einer Form, die keiner Religion in ihren Besonderheiten zu nahetritt.

So erblickt man denn kein Götterbild im Tempel, damit es jedem unbenommen bleibt, in welcher Gestalt er sich Gott in der glühendsten Verehrung vorstellen will. Sie rufen Gott unter keinem Sondernamen an, sondern nur als Mythras, also mit dem Ausdruck, der für sie alle das all-eine Wesen der göttlichen Majestät bezeichnet, mag man dieses nun so oder so auffassen. Es werden auch keine Gebete abgefaßt, die nicht jeder einzelne ohne Verletzung seiner Sonderreligion aussprechen könnte.

Im Tempel also kommen sie an den Endfesttagen abends noch nüchtern zusammen, um Gott für das glücklich vollbrachte Jahr oder den Monat, dessen letzter Tag dieser Feiertag ist, Dank zu sagen. Am nächsten Tage, der ja ein Anfangsfesttag ist, strömt das Volk morgens in den Tempeln zusammen, um für das kommende Jahr oder für den Monat, den sie mit dieser Feier eröffnen, Glück und Heil zu erbitten. Aber an den Endfesten, ehe sie zum Tempel gehen, fallen zu Hause die Ehefrauen ihren Männern, die Kinder ihren Eltern zu Füßen und beichten ihnen, was sie gesündigt haben, sei es durch eine Tatsünde oder durch fahrlässige Pflichterfüllung, und bitten um Verzeihung für ihren Fehler.

So wird jedes Wölkchen häuslichen Zwistes, das etwa am Himmel aufgestiegen war, durch solche Abbitte verscheucht, so daß die Utopier mit reinem und frohgestimmtem Herzen dem Gottesdienst beiwohnen können. Sie haben nämlich eine Scheu, mit verstörtem Gemüt dabei zu sein; und wenn sie sich bewußt sind, Haß oder Zorn gegen jemanden zu hegen, gehen sie deshalb nicht zum Gottesdienst, ehe sie sich nicht versöhnt und von den Leidenschaften gereinigt haben, aus Furcht vor schneller und schwerer Strafe.

Wenn sie eintreten, begeben sich die Männer auf die rechte Seite des Gotteshauses, die Frauen auf die linke. Dann setzen sie sich so, daß die männlichen Mitglieder jedes Hauses vor dem Familienvater sitzen, die Familienmutter aber die Reihe der weiblichen Familienglieder schließt. So wird vorgesorgt, daß alle Bewegungen aller Jüngeren außerhalb des Hauses von denen überwacht werden, unter deren Autorität und Zucht sie auch zu Hause stehen. Ja, sie sehen auch noch mit Eifer darauf, daß immer die Jüngeren in verteilter Anordnung mit den Älteren zusammengesetzt werden, damit nicht die Kinder, sich selbst überlassen, mit kindischen Albernheiten diese Zeit hinbringen, die doch gerade am meisten dazu dienen sollte, ihnen fromme Furcht vor den Himmlischen einzuprägen, die der stärkste, ja fast der einzige Ansporn zur Tugend ist.

Beim Opfer schlachten sie kein Tier, wähnen auch nicht, an Blut und Mord werde der gütige Gott Gefallen finden, der doch den beseelten Geschöpfen das Leben deshalb geschenkt hat, damit sie leben sollen. Sie zünden Weihrauch an und entfalten noch andere Wohlgerüche; dazu stecken sie zahlreiche Wachskerzen auf, nicht als ob ihnen unbekannt wäre, daß alle diese Äußerlichkeiten mit dem Wesen Gottes nichts zu tun haben, ebensowenig wie ja sogar die Gebete der Menschen vor ihm nichts gelten, aber ihnen gefällt diese unblutige Art der Gottesverehrung, und überdies fühlen sich die Menschen durch die Düfte, Lichter und sonstigen Feierlichkeiten auf irgendeine unsagbare Weise innerlich aufgerichtet und befähigt, sich mit größerer Spannung zur Verehrung Gottes zu erheben. Das Volk trägt im Tempel weiße Kleider.

Der Priester ist mit buntfarbigen Gewändern von technisch und künstlerisch wunderbar vollendetet Arbeit, doch nicht gerade aus kostbarem Stoff bekleidet. Sie sind nämlich weder mit Gold durchwirkt noch mit seltenen Steinen besetzt, sondern aus den Federn verschiedenartiger Vögel so sinnreich und kunstvoll hergestellt, daß der kostbarste Stoff den Wert dieser Arbeit nicht aufwiegen würde. Überdies sollen in diesen Schwungfedern und Flaumfedern und deren bestimmter Anordnung, wie man sie auf dem Priestergewand unterscheidet, gewisse geheime Mysterien versteckt sein, deren Auslegung bekannt ist und durch die Priester sorgsam überliefert wird: sie läuft auf eine Erinnerung der Menschen an die ihnen von Gott erwiesenen Wohltaten hinaus, ferner an die Pietät, die sie Gott dafür schulden, und auch an ihre gegenseitigen Pflichten untereinander.

Sobald der Priester in diesem Ornat, aus dem allerheiligsten Innenraum heraustretend, sich zeigt, werfen sich alle sofort voll Verehrung zu Boden, unter so allgemeiner tiefer Stille, daß schon der äußere Eindruck dieses Vorganges einen gewissen Schauer einflößt, als ob irgendeine Gottheit zugegen wäre. Sie bleiben eine Weile am Boden liegen und erheben sich erst auf ein vom Priester gegebenes Zeichen. Dann singen sie Gottes Lob, wozu zwischendurch Musikinstrumente ertönen, die großenteils eine andere Gestalt haben als die in unserem Weltteil bekannten.

Wenngleich die meisten von ihnen die bei uns üblichen weitaus an Klangschönheit übertreffen, so sind doch auch manche mit den unseren nicht einmal zu vergleichen. In einem Punkte aber sind sie uns unzweifelhaft weit voraus: darin, daß alle ihre Musik, ob sie auf Instrumenten gespielt oder von der menschlichen Stimme gesungen wird, die natürlichen Gemütsbewegungen deutlich nachahmt und ausdrückt, die Klänge dem Inhalt des Musikstückes anpaßt, mag es sich nun um das Gebet eines Flehenden handeln oder um fröhliche, sanfte, stürmische, traurige, zornige Rede: die Form der Melodie gibt jede Bedeutung des Textes so lebendig wieder, daß sie die Herzen der Zuhörer wunderbar ergreift, erschüttert und entflammt.

Zuletzt sprechen Volk und Priester zusammen feierliche Gebete in liturgischer Form, die so abgefaßt sind, daß jeder einzelne auf sich beziehen kann, was alle zusammen hersa¬gen. In diesen Gebeten ruft sich ein jeder Gott als den Urheber der Schöpfung und Regierung und aller anderen Güter der Welt ins Gedächtnis und sagt für zahllose empfangene Wohltaten Dank, vor allem aber dafür, daß er durch Gottes Güte im glücklichsten aller Staaten zur Welt gekommen ist und Anteil an der Religion haben darf, die, wie er hoffen darf, die meiste Wahrheit besitzt. Sollte er sich darin irren oder sollte es in beider Hinsicht etwas Besseres geben, das auch Gott besser gefällt, so bitte er, seine Güte möge es ihn erkennen lassen. Denn er sei bereit, Gott zu folgen, wohin er auch von ihm geführt werde.

Sollte aber diese Staatsform die beste und seine Religion die richtigste sein, dann möge Gott ihm Beständigkeit darin verleihen und auch alle anderen Menschen zu derselben Lebensweise und Gottesanschauung bekehren, falls es nicht sein unerforschlicher Wille sei, sich an dieser Mannigfaltigkeit der Religionen zu erfreuen. Endlich betet der Andächtige, Gott möge ihn nach einem leichten Tod in sein Reich aufnehmen; wie bald oder wie spät, das wage er freilich nicht vorauszubestimmen; immerhin, soweit es ohne Verletzung der göttlichen Majestät geschehen könne, würde es ihm viel mehr am Herzen liegen, selbst den schwersten Tod zu erleiden, um bald zu Gott zu kommen, als durch ein noch so glückliches Leben länger von ihm ferngehalten zu werden. Nach diesem Gebete werfen sie sich abermals zu Boden, erheben sich bald darauf wieder und gehen zum Mittagessen. Den Rest des Tages verbringen sie mit Spielen und militärischen Übungen
. S.127-142
Aus: Thomas Morus, Utopia. Übersetzt von Gerhard Ritter. Nachwort von Eberhard Jäckel. Reclams Universalbibliothek Nr. 513, © 1964, 1983 Philipp Reclam jun., Stuttgart.
Veröffentlichung auf Philos-Website mit freundlicher Erlaubnis des Reclam Verlages