Paula Modersohn-Becker (1876 1907)

Deutsche Malerin, die Schülerin von Fritz Mackensen in Worpswede war, wo sie seit 1898 lebte. 1901 heiratete sie Otto Modersohn. Paula war mit Rainer Maria Rilke befreundet und erkannte während ihrer Studienaufenthalte in Paris die Bedeutung der nachimpressionistische Malerei (Paul Cézanne, Paul Gauguin, Vincent van Gogh). Sie verarbeitete die Eindrücke dieser Maler, indem sie Akte, Stilleben, Figurenbilder, Landschaften und Bildnisse in dezenten Expressivität mit flächig aufgebauter Farbgebung schuf . Die folgenden Bemerkungen stammen aus ihren »Briefen und Aufzeichnungen«:

Siehe auch Wikipedia

An Otto Modersohn
Paris, 65, Rue Madame
den 11, März 1905


Was ist der Mensch doch für ein seltsames Wesen
Mein geliebter Mann,

ich habe heute viel an Dich gedacht und alle diese Tage. Fühlst Du es wohl? Es ist mir so merkwürdig, dass wir beiden, die doch eigentlich eins sind, jetzt so ein verschiedenes Leben leben. Du ernst und niedergedrückt neben Deinem lieben, kummervollen Vater und ich in dieser großen Stadt trotzdem voller Hoffnungen. Ich bin in letzter Woche wieder so ganz in den Bann von Paris gekommen. Dieses millionenfache, millionenmannigfaltige Leben hier, die Fremdartigkeit der Sprache und der Leute, himter deren Sinn als Fremder nie recht kommt, wirkt faszinierend. Heute, zur Stunde als ihr Deine liebe Mutter der Erde übergabt, war ich auf dem Montmatre bei der noch immer nicht fertigen Sacré Coeur, unter mir Paris. Der Eindruck ist auf mich jedes Mal wieder erschütternd, dies Häusermeer mit seinem Gebrause, seinem vielfachen Streben und Jagen. Was ist der Mensch doch für ein seltsames Wesen. Was treibt ihn zu diesen tausendfachen Handlungen. Wie merkwürdig diese Stimme, die in uns wohnt und uns regiert und führt. Wie seltsam dieser Hunger, den unsere Seele verspürt, und der nie zu stillen ist. S. 260 []
Paula Modersohn-Becker: Briefe und Aufzeichnungen, 1982 Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar


An die Mutter
Worpswede, den 8. April 1907


Blutsbande
Meine Mutter,
Dir ist nun Dein letzter Bruder gestorben. Ich musste daran denken, wie vor ungefähr zwanzig Jahren Onkel Günther starb. Es muss sehr schwer gewesen sein, als er seine Augen schloß und alle Bande und Erinnerungen, die Euch zusammenknüpften, doppelt stark sprachen.

Das Blut ist wohl das stärkste Band. Es schlägt Brücken über die weitesten Abgründe. Wie verschieden Du und Dein Bruder auch voneinander waren. Ihr hattet dasselbe Blut und das machte, dass ihr Euch nahe waret. Man muss den Schöpfer preisen, der diese gleichen Säfte geschaffen hat.
S. 304
Paula Modersohn-Becker: Briefe und Aufzeichnungen, 1982 Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar