Jean Paul alias Johann Paul Friedrich Richter (1763 – 1825)

  Deutscher Schriftsteller; der aus einer ländlichen Predigerfamilie stammte und sein 1781 begonnenes theologisches Studium in Leipzig nach drei Jahren aus Geldmangel abbrechen musste. Danach war er Hauslehrer (1786), Leiter einer Privatschule (1790—94); in Weimar (1796; 1798—1800) schloß er Freundschaft mit Johann Gottfried. Herder. 1800—01 lebte er in Berlin, wo er 1811 Karoline Mayer heiratete. Seine ersten literarischen Arbeiten waren satirische Schriften (»Grönländische Prozesse«, 1783; »Auswahl aus des Teufels Papieren«, 1789). Mit dem »Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal, (gedruckt 1793) wandte er sich einer neuen Erzählweise zu. Die an Laurence Sterne und Henry Fielding anknüpfenden, mit der »Unsichtbaren Loge« (1793) und dem »Hesperus« (1795) beginnenden großen Erzählwerke erhoben den Roman in Deutschland zur führenden Gattung und machten ihn zum beliebtesten Dichter der Zeit. Höhepunkt seiner Kunst sind die Romane »Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs« (1796/97, in dem die »Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei« enthalten ist).
Seine dichterische Weltauffassung ist ebenso geprägt von dem durch Jean.-Jaques Rousseau geweckten schwärmerischen Gefühl wie von seinen Jugenderfahrungen der herrschenden sozialen Verhältnisse und von der Enttäuschung über den Verlauf der zunächst freudig begrüßten Französischen Revolution. In seinen Werken gestaltet er den Widerstreit zwischen Idealität und Banalität, Ewigkeit und Vergänglichkeit. Eine Lösung bringt der Humor, der die Gebrechen der Welt ohne Bitterkeit annimmt. Das Gewicht der Darstellung liegt auf den seelischen Vorgängen: die Figuren seiner Dichtung sind vielfältig: »hohe Menschen«, zerrissene tragische Gestalten (Roquairol im »Titan«), Sonderlinge. Er hält sich in den zumeist fragmentarischen Romanen an kein bestimmtes Baugesetz; Abschweifungen, Reflexionen, Kommentare durchbrechen ständig den Fortgang der Handlung; Gegenständliches wird Chiffre für Seelisches.
In der »Vorschule der Ästhetik« behandelte Jean Paul u. a. Wesen und Form des Humors: in seiner Erziehungslehre »Levanas« (1807) und in seinen »Politischen Fastenpredigten« (1817) zog er pädagogische und politisch-soziale Folgerungen; dabei fußte er weitgehend auf Rousseau, Johann Bernhard Basedow und Pestalozzi; in seinen politischen Schriften stritt er für Freiheit und Gerechtigkeit und machte sich zum Anwalt der Unterdrückten.
Die außerordentliche Wirkung, die ihn zum Lieblingsdichter vor allem der gebildeten Frauenwelt machte, verlor sich bereits in seinen letzten Lebensjahren. Erst durch
Stefan George und die neuere Forschung wurde ein neues, wesentlich vertieftes Jean-Paul-Bild gewonnen.

Siehe auch Wikipedia und Kirchenlexikon

Inhaltsverzeichnis
Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei
Der Schleier der Ewigkeit
Religiöse Metaphysik
Geburt des Ich
Verfall der Religion

Das sardonische Lachen des inneren Höllenhundes des Feldpredigers Schmelzle vor dem Altar

Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei
Wenn einmal mein Herz so unglücklich und ausgestorben wäre, dass ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstört waren: so würd‘ ich mich mit diesem Aufsatz erschüttern und — er würde mich heilen und mir meine Gefühle wiedergeben.

Vorbericht
Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer Kühnheit. Die Menschen leugnen mit ebensowenig Gefühl das göttliche Dasein, als die meisten es annehmen. Sogar in unsere wahren Systeme sammeln wir immer nur Wörter, Spielmarken und Medaillen ein, wie geizige Münzkabinetter; — und erst spät setzen wir die Worte in Gefühle um, die Münzen in Genüsse. Man kann zwanzig Jahre lang die Unsterblichkeit der Seele glauben — erst im einundzwanzigsten, in einer großen Minute erstaunt man über den reichen Inhalt dieses Glaubens, über die Wärme dieser Naphtaquelle.

Ebenso erschrak ich über den giftigen Dampf, der dem Herzen dessen, der zum erstenmal in das atheistische Lehrgebäude tritt, erstickend entgegenzieht. Ich will mit geringem Schmerzen die Unsterblichkeit als die Gottheit leugnen; dort verlier‘ ich nichts als eine mit Nebeln bedeckte Welt, hier verlier‘ ich die gegenwärtige, nämlich die Sonne derselben; das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus zersprengt und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punkte von Ichs, welche blinken, rinnen, irren, zusammen und auseinander fliehen, ohne Einheit und Bestand. Niemand ist im All so sehr allein als ein Gottesleugner — er trauert mit einem verwaiseten Herzen, das den größten Vater verloren, neben dem unermesslichen Leichnam der Natur, den kein Weltgeist regt und zusammenhält, und der im Grabe wächset; und er trauert so lange, bis er sich selber abbröckelt von der Leiche. Die ganze Welt ruhet vor ihm wie die große, halb im Sande liegende ägyptische Sphinx aus Stein, und das All ist die kalte eiserne Maske der gestaltlosen Ewigkeit.

Auch hab‘ ich die Absicht, mit meiner Dichtung einige lesende oder gelesene Magister in Furcht zu setzen, da wahrlich diese Leute jetzo, seitdem sie als Baugefangene beim Wasserbau und der Grubenzimmerung der kritischen Philosophie in Tagelohn genommen worden, das Dasein Gottes so kaltblütig und kaltherzig erwägen, als ob vom Dasein des Kraken und Einhorns die Rede wäre.

Für andere, die nicht so weit sind wie ein lesender Magistrand, merk‘ ich noch an, daß mit dem Glauben an den Atheismus sich ohne Widerspruch der Glaube an Unsterblichkeit verknüpfen lasse; denn dieselbe Notwendigkeit, die in diesem Leben meinen lichten Tautropfen von Ich in einen Blumenkelch unter eine Sonne warf, kann es ja im zweiten wiederholen; — ja, noch leichter kann sie mich zum zweiten Male verkörpern als zum ersten Male.

Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die elf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachtbimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer, schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer hereinzog. Ober mir hört‘ ich den fernen Fall der Lawinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer fiel das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gifthecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alle Jahrhunderte aufgedrückt waren. — Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in der Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien, und das sein eigener Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: ,,Christus, ist kein Gott?“ Er antwortete: ,,Es ist keiner.“ Der Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern
zertrennt. Christus fuhr fort:Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, so weit das Sein seine Schatten wirft und schauete in den Abgrund und rief: ,,Vater, wo bist du ?,, Aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Westen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren, bodenlosen Augenhöhle an, und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. Schreiet fort, Misstöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!“

Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt, und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: ,Jesus, haben wir keinen Vater?“ — Und er antwortete mit strömenden Tränen: ,,Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.“
Da kreischten die Misstöne heftiger — die zitternden Tempelmauern rückten auseinander — und der Tempel und die Kinder sanken unter — und die ganze Erde und die Sonne sanken nach — und das ganze Weltbäude sank mit seiner Unermesslichkeit vor uns vorbei — und oben am Gipfel der unermesslichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen durchbrochene Weltgebäude herab, gleichsam in das um die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.

Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet, so hob er groß wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermesslichkeit und sagte: »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? — Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? — Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alls! Ich bin nur neben mir. — O Vater, o Vater! Wo ist deine unendliche Brust, dass ich an ihr ruhe? — Ach, wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?

Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder sein Echo — ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. — Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen — Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. - Erkennst du deine Erde?«

Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: »Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich, da hatt‘ ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermeßlichen Himmel und drückte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: ,Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und heb‘ ihn an dein Herz‘... Ach, ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt eure Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: ,Auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle‘ . . . Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern, so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht — und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! — Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an, sonst hast du Ihn auf ewig verloren.«

Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte, sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte — und die Ringe fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt — dann wand sie sich tausendfach um die Natur — und quetschte die Welten aneinander — und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesackerkirche zusammen — und alles wurde eng, düster, bang — und ein unermesslich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern ... als ich erwachte.


Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte — und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen, purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe, vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.
Aus: Jean Paul, Siebenkäs, Blumen-, Frucht und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs
Nachzulesen in: Bezzenberger Hrg., Visionen der Christenheit, S.9-16, Omega Verlag oder
Insel Taschenbuch 980, Jean Paul: Siebenkäs, S.274-280

Der Schleier der Ewigkeit

Du stehst vor dem großen Schleier, den die Ewigkeit trägt, und es ist ein Trauerschleier - oder ein Isisschleier - oder der Schleier eines Mörders - oder einer Schönheit - oder eines strahlenden Mosis-Angesichts - oder der Schleier einer Leiche? - Ich antworte: Du wirst ihn einst aufheben: welchen dein Herz verdient, den hast du aufgehoben. S.54

Der Mensch sieht nur das Spinnrad des Schicksals, aber nicht die Spindel; daher sagt er: seht ihr nicht den ewigen leeren Kreislauf der Welt?
S.54


Die Arme des Menschen strecken sich nach der Unendlichkeit aus: alle unsere Begierden sind nur Abteilungen Eines großen unendlichen Wunsches. Es ist sonderbar, dass man von der Phantasie, deren Flügel einen unendlichen Raum und eine unendliche Zeit bedecken wollen, weil sie über jede endliche reichen, und von der Vernunft, die keine endliche Kausalreihe denken kann, nicht weiter fortgeschlossen hat auf den Willen. Alle unsere Affekten führen ein unvertilgbares Gefühl ihrer Ewigkeit und Überschwenglichkeit bei sich - jede Liebe und jeder Hass, jeder Schmerz und jede Freude fühlen sich ewig und unendlich. So gibt es auch eine Furcht vor etwas Unendlichem, wovon die Gespensterfurcht eine Äußerung ist. S.65f.

Mich ergriffe nicht das Vergehen und Sterben; nicht die Kürze der Lebensdauer durch alles Lebendige hindurch könnte mich betrüben: wäre nur an der Dauer selber etwas; aber wenn nun diese Dauer selber nichts Festeres, Gediegneres hat als die dünnen durchsichtigen Augenblicke, aus denen sie zusammenfließt?-

Es gibt keine Geschwindigkeit irgend einer Uhr, die dem Fliegen der Zeit nachflöge und die mit ihr mitflöge. Denn wie schnell und unsichtbar der Zeiger umrennte: so durchlief er doch seinen Raum und zerteilte ihn in die kleinsten, obwohl unsichtbarsten Räume
.
S.68

Der hintergangene, bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschleier lebende Mensch glaubt, es gebe kein Übel weiter als das, was er zu besiegen hat; und vergisset, daß nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe. Daher geht - wie vor schnellen Schiffen ein Hügel aus Wasser vorschwimmt und eine nachgleitende Wellengrube hinter ihm zuschlägt - immer vor uns her ein Berg, den wir zu übersteigen hoffen, und hinter uns nach eine Tiefe, aus der wir zu kommen glauben.
S.69

Je älter die Erde wird, desto leichter kann sie als Alte prophezeien, und wird prophezeien. Aus der Vorwelt spricht ein Geist, eine alte Sprache zu uns, die wir nicht verstehen würden, wenn sie uns nicht angeboren wäre. Es ist der Geist der Ewigkeit, der jeden Geist der Zeit richtet und überschauet. Und was sagt er über die jetzige? Sehr harte Worte. — Er sagt, dass die Zeit jetzo leichter ein großes Volk, als einen großen Mann aufstellt, weil die Kultur und die Gewalt die Menschen wie Dunsttropfen ungeheurer Dampfmaschinen eines Geistes zusammenfügt, so dass sogar der Krieg jetzo nur ein Kriegspiel bloß zwischen zwei Lebendigen ist. Etwas, sagt er, müsse in unserer Zeit untergegangen sein, weil sogar das gewaltige Erdbeben der Revolution, vor welchem Jahrhunderte lang — wie bei physischen Erbeben — unendlich viel Gewürm aus der Erde kroch und sie bedeckte, nichts Großes hervorbrachte und nachließ, als am gedachten Gewürme schöne Flügel. Der Geist der Ewigkeit, der das Herz und die Welt richtet, spricht strenge aus, welcher Geist den jetzigen Begeisterten der Sinne und den Feueranbetern der Leidenschaft fehle, der heilige des Überirdischen. Die Ruinen seines Tempels senken sich immer tiefer in die jetzige Erde. Beten, glaubt man, ziehe die Irrlichter des Wahns an sich. Der Sinn und Glaube für das Außerweltliche, der sonst unter den schmutzigsten Zeiten seine Wurzeln forttrieb, gewinnt in reiner Luft keine Früchte. Wenn sonst Religion im Kriege war, so ist jetzo nicht einmal in der Religion mehr Krieg — — aus der Welt wurde uns ein Weltgebäude, aus dem Äther ein Gas, aus Gott eine Kraft, aus der zweiten Welt ein Sarg.

Endlich hält noch der Geist der Ewigkeit uns unsere Schamlosigkeit vor, womit wir die leidenschaftliche Brunst des Zorn-, des Liebe- und des Gierfeuers, deren sich alle Religionen und die alten Völker und die großen Menschen enthielten oder schämten, als ein Ehrenfeuerwerk in unserem Dunkel spielen lassen; und sagt, dass wir, nur in Hass und Hunger noch lebendig, wie andere zerfallende Leichen, eben nur die Zähne unverweslich behalten, die Werkzeuge beides, der Rache und des Genusses. Leidenschaftlichkeit gehört eben recht zum Siechtum der Zeit, nirgend wohnt so viel Aufbrausung, Nachlass, Weichheit gegen sich und unerbittliche Selbstsucht gegen andere, als auf dem Krankenbette. — Auf diesem aber liegt dieses Jahrhundert.

So spricht der strenge Geist in uns, der ewige; aber er mildert, wenn wir ihn aushören.

Jede hohe Klage und Träne über irgend eine Zeit sagt, wie eine Quelle auf einem Berge, einen höhern Berg oder Gipfel an. Nur Völker, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert sumpfig fortbestehen, klagen nicht über sich, sondern über andere, und bleiben eingesunken; und die geistigen Fallsüchtigen der französischen Philosophie haben, wie körperliche, kein Bewusstsein ihres Übels, sondern nur Stolz auf Kraft. Die geistige Trauer ist, wie nach den Griechen die Nacht, eine Göttermutter, wenn die leibliche ein dunkler Nebel ist, der Gift und Leichen birgt.
S.102ff.
Kröner Stuttgart, Kröners Taschenausgabe Band 153, Jean Paul, Weltgedanken und Gedankenwelt Aus seinem Werk ausgewählt und aufgebaut von Richard Benz
©1938 by Alfred Kröner Verlag in Stuttgart


Religiöse Metaphysik

Alles Heilige ist früher als das Unheilige; Schuld setzt Unschuld voraus, nicht umgekehrt; es werden Engel, aber nicht gefallne, geschaffen. Daher kommt eigentlich der Mensch nicht zum Höchsten hinauf, sondern immer von da herab und erst dann zurück empor; und nie kann ein Kind für zu unschuldig und gut gehalten werden. So nun erscheint eben darum den Völkern und Einzelwesen der Unendliche früher als das Endliche, ja als das Unendliche, so wie die Allmacht der jungen Natur früher die festen Sonnen gebar, als die Erden, die um sie laufen.

Schliefe nicht eine ganze religiöse Metaphysik träumend schon im Kinde: wie wären ihm denn überhaupt die inneren Anschauungen von Unendlichkeit, von Gott, Ewigkeit, Heiligkeit usw. zu geben, da wir sie durch keine äußern vermitteln können und nichts zu jenen haben als das leere Wort, das aber nur erwecken, nicht erschaffen kann?

Wie Sterbende und Ohnmächtige innere Musik hören, welche kein Außen gibt: so sind Ideen solche innere Töne. Überhaupt sogar die Fragen, d. h. die Gegenstände der eigentlichen Metaphysik sind in Kindern wie in ungelehrten Ständen, nur unter andern Wortleitern, lebendiger und gewöhnlicher, als man voraussetzt; und das vierjährige Kind fragt schon nach dem, was hinter den Brettern der umschlossnen Welt liegt, und nach dem Entstehen Gottes. Die Religion ist jetzo keine Nationalgöttin mehr, sondern eine Hausgöttin. Unsere kleine Zeit ist ein Vergrößerungsglas, durch welches, wie bekannt, das Erhabne als flach und platt erscheint. Da wir nun alle unsere Kinder in eine städtische Nachzeit hinausschicken, wo die geborstenen Kirchenglocken nur noch dumpf den Volk-Markt zur Kirchenstille rufen: so müssen wir ihnen eifriger als sonst ein Herz mit einem Bethause mitzugeben suchen, und gefaltete Hände und die Demut vor der unsichtbaren Welt, wenn wir eine Religion glauben, und sie unterscheiden von der Sittlichkeit. Die Geschichte der Völker entscheidet für diese Absonderung. Es gab viele Religionen, aber es gibt nur ein Sittengesetz: in jenen wird immer ein Gott ein Mensch, und also mannigfaltig umhüllt, in diesem ein Mensch zum Gott, und entkleidet. Das Mittelalter hatte neben dem moralischen Kirchhof voll Leichen und Unkraut, voll Grausamkeit nach Wollust, doch Kirche und Turm für den Religionsinn. Umgekehrt sind in unserm Zeitalter die heiligen Haine der Religion gelichtet und abgetrieben, die Landstrassen der Sittlichkeit aber gerader und sicherer geführt. — Wie man in den Städten, wo man nicht breit bauen kann, hoch bauet: so bauen wir umgekehrt in die Breite, statt in die Höhe; weiter über die Erde, als in den Äther. Was ist nun Religion? — Sprecht die Antwort betend aus: der Glaube an Gott; denn sie ist nicht nur der Sinn für das Überirdische und das Heilige, und der Glaube ans Unsichtbare, sondern die Ahnung dessen, ohne welchen kein Reich des Unfasslichen und Überirdischen, kurz kein zweites All nur denkbar wäre. Tilgt Gott aus der Brust, so ist alles, was über und hinter der Erde liegt, nur eine wiederholende Vergrößerung derselben: das Überirdische wäre nur eine höhere Zahlenstufe des Mechanismus, und folglich ein Irdisches.Wenn die Frage geschieht, was meinst du mit dem Laute Gott: so lass‘ ich einen alten Deutschen
, Sebastian Frank, antworten: »Gott ist ein unaussprechlicher Seufzer, im Grunde der Seelen gelegen.« Wer etwas Höheres im Wesen, nicht bloß im Grade sucht, als das Leben geben oder nehmen kann, der hat alle Religion; glaub‘ er dabei immerhin nur ans Unendliche, nicht an den Unendlichen, nur an die Ewigkeit ohne Ewigen, gleichsam, als Widerspiel anderer Maler, die Sonne zu keinem Menschenantlitz ausmalend, sondern dieses zu jener abrundend. Denn wer allen Leben für heilig und wundersam hält, es wohne bis ins Tier und in die Blume hinab; wer, wie Spinoza, durch sein edles Gemüt weniger auf der Stufe und Höhe, als auf Flügeln schwebt und bleibt, von wo aus das All rings umher — das stehende und das geschichtlich bewegliche — sich in Ein ungeheures Licht und Leben und Wesen verwandelt, so dass er sich selber in das große Licht aufgelöset fühlt und nun nichts sein will, als ein Strahl im unermesslichen Glanze: der hat und gibt folglich Religion, da das Höchste stets den Höchsten, wenn auch formlos, spiegelt und zeigt hinter dem Auge. S.85ff.
Kröner Stuttgart, Kröners Taschenausgabe Band 153, Jean Paul, Weltgedanken und Gedankenwelt Aus seinem Werk ausgewählt und aufgebaut von Richard Benz
©1938 by Alfred Kröner Verlag in Stuttgart


Geburt des Ich
Der innere Mensch wird, wie der Neger, weiß geboren, und vom Leben zum Schwarzen gefärbt. Wenn in den alten Jahren die größten Beispiele moralischer Momente vor uns vorübergehen, ohne unser Leben mehr aus seiner Bahn zu rücken, als ein vorbeifliegender Bartstern die Erde: so wirft im tiefen Stande der Kindheit der erste innerliche oder äußerliche Gegenstand der Liebe, der Ungerechtigkeit usw. Schatten oder Licht unabsehlich in die Jahre hinein; und wie nach den älteren Theologen nur die erste Sünde Adams, nicht seine andern Sünden auf uns forterbten, da wir mit einem Falle schon jeden andern Fall nachtaten: so bewegt der erste Fall und der erste Flug das ganze lange Leben. Denn in dieser Frühe tut der Unendliche das zweite Wunder: Beleben war das erste. Es wird nämlich von der menschlichen Natur der Gottmensch empfangen; so nenne man kühn jenes Selberbewußtsein, wodurch zuerst ein Ich erscheint, ein Gewissen und ein Gott — und unselig ist die Stunde, wo diese Menschwerdung seine unbefleckte Empfängnis findet, sondern wo in derselben Geburtminute der Heiland und sein Judas zusammentreffen
. S.89
Kröner Stuttgart, Kröners Taschenausgabe Band 153, Jean Paul, Weltgedanken und Gedankenwelt Aus seinem Werk ausgewählt und aufgebaut von Richard Benz
©1938 by Alfred Kröner Verlag in Stuttgart


Verfall der Religion

Eine Religion nach der andern lischt aus, aber der religiöse Sinn, der sie alle erschuf, kann der Menschheit nie getötet werden; folglich wird er sein künftiges Leben nur in mehr geläuterten Formen beweisen und führen. Wenn Tyrtäus sagt: Gott sei den Menschen anfangs in ihrer Gestalt erschienen, dann als Stimme, später nur im Traume und durch Erleuchtung: so nimmt dies eine schöne Deutung für unsere Zeit und die späten Zeiten an, wenn man unter Traum Poesie, und unter Erleuchtung Philosophie versteht. So lange das Wort Gott in einer Sprache noch dauert und tönt: so richtet es das Menschenauge nach oben auf. Es ist mit dem Überirdischen, wie mit der Sonne, welche in einer Verfinsterung, sobald auch nur der kleinste Rand von ihr noch unbedeckt leuchten kann, stets den Tag forterhält, und sich selber gerundet in der dunklen Kammer abmalt.


Unsere jetzige Zeit ist zwar eine kritisierende und kritische; — schwebend zwischen dem Wunsche und dem Unvermögen zu glauben — ein Chaos wider einander arbeitender Zeiten: - aber auch eine chaotische Welt muß Einen Punkt und Umlauf um den Punkt und Äther dazu haben; es gibt keine reine bloße Unordnung und Streitigkeit, sondern jede setzt ihr Gegenteil voraus, um nur anzufangen.

Die jetzigen Religionkriege auf dem Papier und im Kopfe — verschieden von den vorigen, welche Gewitter voll Glut, Sturm, Verheerung und Befruchtung waren — sind mehr den Nordscheinen (Gewitter höherer, kälterer Himmelgegenden) ähnlich, voll lärmender Lichter ohne Schläge, voll Gestaltungen und voll Frost, ohne Regen und in der Nacht. Bildet denn nämlich nicht das kecke Selberbewußtsein das Sein dieser Zeit — den ursprünglichen Menschen- und Geistescharakter nur weiter und kühner fort und aus? Und könnte der Menschencharakter, das geistige Wachen je zu wach werden? — Bloß nicht genug wach wird es jetzo; denn da zur Besonnenheit ein Gegenstand derselben gehört, wie zur Unbesonnenheit dessen Entbehrung: so sind die gemeinen Herzen der Zeit viel zu verarmt, um der Besinnung ein reiches Feld zu geben.

Aber eine seltsame immer wiederkommende Erscheinung ist‘s, daß jede Zeit einen neuen Lichtanbruch für Schadenfeuer der Sittlichkeit gehalten, indes jede selber um eine Lichtstufe sich über die vorige, dem Herzen unbeschadet, erhoben findet. Sollte vielleicht, da das Licht schneller geht als die Wärme, und die Umarbeitung des Kopfes schneller als die des Herzens, der Lichteinbruch immer durch seine Plötzlichkeit dem unvorbereiteten Herzen feindlich erscheinen? –

S.105f.
Kröner Stuttgart, Kröners Taschenausgabe Band 153, Jean Paul, Weltgedanken und Gedankenwelt Aus seinem Werk ausgewählt und aufgebaut von Richard Benz
©1938 by Alfred Kröner Verlag in Stuttgart

Das sardonische Lachen des inneren Höllenhundes des Feldpredigers Schmelzle vor dem Altar
Es war bei meiner Ordination zum Feldprediger, als ich zum heiligen Abendmahle ging am ersten Ostertag. Während ich nun so dastand, weich bewegt vor dem Altargeländer mit der ganzen Männer-Gemeinde ja, ich vielleicht stärker gerührt als einer darunter, weil ich als ein in den Krieg Ziehender mich ja halb als einen Sterbenden betrachten durfte, der nun wie ein zu Henkender die letzte Seelen-Mahlzeit empfängt , so warf in mir mitten in die Rührung von Orgel und Sang etwas sei es nun der erste Osterfeiertag gewesen, der mich auf das sogenannte alte christliche Ostergelächter brachte, oder der bloße Abstich teuflischer Lagen gegen die gerührtesten kurz etwas in mir (weswegen ich seitdem jeden Einfältigern in Schutz nehme, der sonst dergleichen dem Teufel anschrieb!) dies Etwas warf die Frage in mir auf: »Gäb' es denn etwas Höllischeres, als wenn du mitten im Empfange des Heiligen Abendmahls verrucht und spöttisch zu lachen anfingest?« Sogleich rang ich mich mit diesem Höllenhund von Einfall herum versäumte die stärksten Rührungen, um nur den Hund im Gesichte zu behalten und abzutreiben kam aber, von ihm abgemattet und begleitet, vor dem Altars-Schemel mit der jammervollen Gewißheit an, daß ich nun in kurzem ohne weiteres zu lachen anfangen würde, ich möchte innen weinen und stöhnen, wie ich wollte. Als daher ich und ein sehr würdiger alter Bürgermeister uns miteinander vor dem langen Geistlichen verbeugten und letzterer mir (vielleicht kam er mir auf dem niedrigen Kniepolster zu lang vor) die Oblate in den klemmen Mund steckte: so spürt' ich schon, daß an den Mundwinkeln alle Lachmuskeln sardonisch zu ziehen anfingen, die auch nicht lange an der unschuldigen Gesichtshaut arbeiteten, als schon ein wirkliches Lächeln darauf erschien und als wir uns gar zum zweiten Male verneigten, so grinst' ich wie ein Affe. Mein Nebenmann, der Bürgermeister, redete ganz mit Recht, als wir hinter den Altar um gingen, mich leise an: »Um Gottes Willen, sind Sie ein ordinierter Prediger oder ein Pritschenmeister? Lacht denn der lebendige Gott-Seibeiuns aus Ihnen?« »Ach Gott! wer denn sonst?« sagt' ich; erst nachher bracht' ich meine Andacht ernsthafter zu Ende.
Aus: Jean Paul, Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz, Sämtliche Werke Band 6