Johann Peter Hebel (1760 – 1826)

  Deutscher Dichter; der als Sohn armer Dienstleute das zwielichtige Licht dieser Welt erblickte. Seit 1791 war er als Lehrer am Gymnasium in Karlsruhe tätig (1808—14 Direktor). 1819 wurde er zum Prälat (der badischen Landeskirche) berufen. Aus dem Heimweh nach dem ländlichen Südbaden entstanden die mundartlichen »Alemannischen Gedichte« (1903) mit ihrer Bildkraft und ihren heiter-ernsten Szenen und Betrachtungen. Die Kurzerzählungen, die als »Kalendergeschichten« im »Rheinländischen Hausfreund« erschienen, den Hebel 1808-15 und später herausgab, erwarben sich durch Schlichtheit und Gemütstiefe, Humor und treffsichere Sprachkraft große Volkstümlichkeit. Eine Reihe seiner bekanntesten Beiträge fasste er im »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« (1811) zusammen. Weniger bekannt sind seine theologischen Schriften, aus denen wir nachstehend einige überlegenswerte Gedanken vorstellen..

Siehe auch Wikipedia , Heiliigenlexikon und Kirchenlexikon

Inhaltsverzeichnis

Hang zur AbgöttereiEin Vermutungsgrund für die Immaterialität der SeeleHaben wir schon einmal gelebt? (Ein Entwurf)

Glaube und Vergeltung
Auferstehung


Hang zur Abgötterei
Hang zur Abgötterei ist in einem gewissen Sinn der Menschheit, so wie sie im ganzen vor dem Blick des Beobachters sich darstellt, nach dem Maße, Verhältnis und der Richtung ihrer geistigen Kräfte natürlich, unwiderstehlich, durch keine Dämme einzuschränken, durch keine Gewalt auszulöschen. Ich will sagen, es ist dem Gros der Menschheit nicht möglich, sich einen reinen, würdigen Begriff der Gottheit, ein reines geistiges, umfassendes Bild seiner Vollkommenheiten zu denken. Es wird selbst dem Weisen schwer, es zu abstrahieren, von sinnlichem Zusatz rein und immer festzuhalten. Gelänge es auch jenem, und ist es diesem gelungen, so ist es erst kein Gott nach seinen Bedürfnissen. Nur ein Gott für seinen Verstand, wenn er einen Gegenstand sucht, an dem er seine Denkkraft zur höchsten möglichen angestrengten Höhe hinaufheben kann, aber kein Gott für das Herz, kein Gott für das Leben; ein Gott, bei dessen Gedanken selbst die feinere, edlere Sinnlichkeit, die doch immer beschäftigt sein will und mit ins Interesse des Verstandes gezogen sein muss, wenn etwas für den Menschen Interesse haben soll, so gar nichts zu sagen und zu tun hat. Kein Wunder also, dass sie sich etwas zu tun macht und ihre Ranken schießen und an dem intellektuellen Begriff sich anschmiegen und anklammern oder auch, wenn er sie nicht fassen und festhalten kann, abwärts an der Erde hinkriechen lässt.

Alle Nationen, die sich selbst überlassen blieben, haben daher auf dem einen oder andern Weg sich in gröbere oder feinere Abgötterei oder wenigstens Gottesbildnerei ver­loren. Entweder haben sie die Gottheit unwürdig zur Menschlichkeit hinabgezogen oder irdische, sinnliche Gegenstände auf den Thron der Gottheit erhöht. Glücklich genug, wenn die Bildung des Gottes- oder Götterglaubens nicht dem Zufall oder der rohen Sinnlichkeit des großen Haufens überlassen blieb, sondern da oder dort von einem Weisen und Guten der Nation für den Genius und die Fassungskraft seiner Mitbürger besorgt und festgesetzt war.

Selbst eine Nation, bei der Glaube und Verehrung eines Gottes ohne Bild Staatsgrundgesetz war, die jüdische, eine Nation, bei der dieser Gottesglaube so genau und innig in die Geschichte, politische Verfassung und häusliche Lebensart verwebt war, bei der die mutvollsten, feurigsten und aufgeklärtesten Lehrer des wahren Gottesglaubens auf­traten, bei der für die Sinnlichkeit durch den prachtvollsten, mannigfaltigsten Zeremoniendienst schien gesorgt zu sein, bei der die Vorsehung fast durch unmittelbare Anstalten und Einwirkungen den Glauben an die Grundwahrheit aller Religionskenntnisse zu bewahren schien: selbst die jüdische Nation schwankte alle Augenblicke über die schmale, schwer zu haltende Linie hinaus, goss güldene Kälber, buhlte fremden Göttern nach und opferte auf den Höhen. Selbst diese Nation, als sie von dem Taumel der unvernünftigen Gottesversinnlichung geheilt und ernüchtert schien, scheiterte noch mit ihrer Vernunft an dem rein mosaischen Gottesbegriff und sah sich entweder auf die dürre Sandbank pharisäischer Orthodoxie, Kasuistik und Ziererei oder an die harte Klippe des saduzäischen Unglaubens verschlagen.

War eine schönere, würdigere und wohltätigere Auskunft möglich als die, welche die Gottheit traf, als sie den erhabensten und reinsten Begriff ihres Wesens und ihrer Vollkommenheiten durch einen guten Menschen lehrte und das Geistige und Unbegreifliche und Unsichtbare in dem guten Menschen selber verkörperte? Konnte sie dem schwachen Menschenherzen, das nun einmal Bild statt Begriffes und einen menschlichen Gott haben musste, ein edleres Bild und einen göttlichem Menschen oder einen menschlichern Gott zur Liebe, Verehrung und zum Vertrauen aufstellen als den, welchen sie aufgestellt hat —
Jesum? Und wenn auch der kirchliche Begriff zu weit geht, ist er nicht der unschädlichste und noch immer der würdigste, die Lücke, die Gott dem schwachen Menschenherzen und der lebhaften Sinnlichkeit selber öffnete, weil sie doch irgendwo einen freien Spielraum haben musste? War es nicht Weisheit, dass er ihr diese Lücke öffnete, damit sie nicht an einem gefährlichen Ort die Schranken der Wahrheit durchbräche?
(S.501-503)
Aus: Johann Peter Hebels Werke Band I, Lebensbild . Alemannische Gedichte . Hochdeutsche und lateinische Gedichte . Rätsel . Vermischte Prosa . Theologische Schriften . Predigten . Herausgegeben von Wilhelm Altegg Atlantis Verlag

Glaube und Vergeltung
Es ist mir nicht genug, zu vermuten, dass Gott in einem andern Leben überhaupt das Gute belohnen und das Böse ahnden werde. Er wird wohl den Guten, d. h. den, der mehr Gutes als Böses getan hat, die Folgen seiner bösen Handlungen gleichwohl auch fühlen lassen, so wie dem Bösen aus den Folgen seiner guten Handlungen Tropfen der Linderung in den bittern Kelch sich mischen werden. Also keine absolute Seligkeit und keine ganz trostlose Hölle, so wie auf der Erde keine absolute Tugend und kein absolutes Laster.

Aber wenn ich fragen soll: Was wird sein? so muss ich die Frage, was sein werde, und nicht, was mir das liebste wäre, beantworten; sonst bin ich dem Toren gleich, der sich einbildet, er müsse diesmal im Lotto gewinnen, weil er des Gewinstes so gar bedürftig ist, und könnte leicht dem noch größeren Toren gleich werden, der auf den zukünftigen Gewinn hin schon rechnet und zehrt.

Der Glaube an einen büßenden Erlöser, er sei gegründet oder nicht, ist allemal tröstlich im Leben und am Rande des Grabes für den, der glauben kann.

Der nicht an ihn glauben mag oder kann, muss dieses Trostes entbehren; über den Rand aber des Grabs hinaus kann es wohl wenig schaden, nicht geglaubt zu haben, was man nicht glauben konnte. Denn wäre dieser Glaube eitel, so wäre es offenbar besser, nicht zu glauben an das und nicht zu hoffen auf das, was nicht ist. Wäre aber wirklich ein büßender Erlöser da, — nun dann — ich traue Gott schon ohne Erlöser zu, und es ist mir begreiflich, dass er mich um meiner menschlichen Fehler willen aus Liebe nicht ganz und nicht ewig unglücklich machen werde. Hat er aber wirklich seinen eingebornen Sohn auch noch zum Sühneopfer dahingegeben, so muss er mich noch mehr lieben, als ich ihm zutraue, mehr, als alle Vernunft begreifen kann, so kann er vermöge seiner größeren unbegreiflichen Liebe nicht tun, was er schon nach seiner geringeren begreiflichen Liebe nicht hätte tun können, so kann er keinem kapriziösen Wohltäter gleichen, der alle seine Wohltaten an wunderliche Bedingungen knüpft. Und das täte er doch, wenn er den, welcher das, was die protestantische oder katholische Kirche sagt
(weil er nicht prüfen kann oder mag), geradezu glaubt, selig machte, und den, der gern glauben möchte und gewiss glauben würde, wenn er könnte, verdammen wollte.

Was ist auch Glaube an sich? Wer nicht glaubt, um zu handeln, der erfüllt, um die wichtigste Wohltat zu erlangen, die einfältigste Bedingung. Wer glaubt und darum gut handelt, weil er glaubt, — den Glücklichen macht sein Glaube selig. Wer aber ohne den Glauben gut handelt, auch dessen wird sich Gott erbarmen, oder es komme keiner und überrede mich, Gott habe die Menschen so lieb, dass er auch seinen Sohn für sie dahingegeben habe
. (S.503-505.)
Aus: Johann Peter Hebels Werke Band I, Lebensbild . Alemannische Gedichte . Hochdeutsche und lateinische Gedichte . Rätsel . Vermischte Prosa . Theologische Schriften . Predigten . Herausgegeben von Wilhelm Altegg, Atlantis Verlag

Ein Vermutungsgrund für die Immaterialität der Seele
Die Physiker haben erwiesen, dass der Körper des Menschen sich unaufhörlich wandele und in wenig Jahren allen Teilen nach ein ganz veränderter und neuer Körper sei. Also nach zehn Jahren auch andere Nerven, den Bestandteilen nach, und anderer Nervensaft natürlich, und doch noch immer die alte Seele; — die Seele muss also nicht aus Materie bestehen.

Mein Körper hat sich nämlich nun schon wenigstens zum dritten Mal ganz geändert, und ich habe nichts davon gemerkt, habe immer das nämliche Bewusstsein gehabt, fühle dass ich noch immer das nämliche Individuum bin. Was ist‘s für ein Teil meines Wesens in mir, der dieses fühlt und erkennt? Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseins in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der nämliche bin? Muss es nicht selbst etwas Umwandelbares und somit etwas Immaterielles sein?

Dass die vernarbte Wunde an dem Arm, den ich jetzt habe, noch sticht, wie sie an dem stach, an welchem sie geschlagen und geheilt ward, ist noch begreiflich. Die Narbe selbst belehrt mich, dass hier die Teile auf eine fehlerhafte, unnatürliche Art zusammengesetzt sind und dass hier die organische Wirkung der Natur so lange nicht zurücktreten könne, solange sich die Narbe nicht verliert. Also auch die neuen Teile setzen sich allemal wieder fehlerhaft an, und so lange muss ich immer neuen Schmerz empfinden. Nicht die Wunde, die ich vor zwanzig Jahren empfangen habe, auch nicht die Narbe, die sich damals überzog, sticht mich jetzt mehr, sondern die, welche ich jetzt habe, aus dem nämlichen Grund, warum mich jene schmerzte. Das wäre also begreiflich.

Dass ich aber eine Rede, ein Gedicht, eine Musik, die ich mit meinem jetzigen Ohr höre, wieder als die nämliche erkennen kann, die ich vor fünfzig Jahren schon auswendig gelernt oder auch nur mit besonderem Anteil und Wohlgefallen gehört hatte; ja, dass diese Finger eine Musik noch auf dem Klavier zu spielen wissen, an die ich vielleicht in so viel Jahren nicht gedacht habe, das ist unbegreiflich, wenn nicht etwas in mir wäre, das seit jener Zeit keinen Wechsel seiner Teile erlitten hat und also immateriell ist
.
(S.505f.)
Aus: Johann Peter Hebels Werke Band I, Lebensbild . Alemannische Gedichte . Hochdeutsche und lateinische Gedichte . Rätsel . Vermischte Prosa . Theologische Schriften . Predigten . Herausgegeben von Wilhelm Altegg, Atlantis Verlag

Auferstehung
Sei der Glaube, dass wir in der Auferstehung den nämlichen Körper wiederbekommen sollen, der uns jetzt kleidet, in der Bibel gegründet oder nicht, so deucht mir doch wenigstens eine physische Wahrheit, die am öftesten als Einwendung gegen ihn gebraucht wird, gerade für ihn zu sein, wenigstens ihm einen recht erträglichen Sinn zu geben. «Nie», sagt man, «ist ja der Körper der nämliche; unaufhörlich gehen ihm alte Teile ab und setzen sich neue an die Stelle derselben an. Höchstens nach zehn Jahren ist von allen Teilen, die ich jetzt zu meinem Körper rechne, keiner mehr mein. Was abgeht, fällt der Natur heim und wird in ihrem Schoß zu neuen Formen verarbeitet, so wie zuletzt der ganze Körper der Natur heimfällt und in seine Teile aufgelöst wird, die in einer neuen Zusammensetzung wieder Teile eines andern Körpers werden. Wollte jeder in der Auferstehung wieder Anspruch machen nur auf das, was zu einer gewissen Zeit zu seinem Körper gehörte, so würde der Streit der sieben Brüder, die ein Weib hatten, nichts sein gegen den unauflöslichen Prozess derer, die alle jene Teile mit gleichem Recht als die ihrigen ansprechen würden. Wollte gar jeder wieder in seinem Körper vereinigen, was jemals sein Körper war, — welch ein Widerspruch, welch ein Monstrum müsste der neue Engelskörper sein!»

Alles wahr, antworte ich. Und doch, wenn schon unser Körper unaufhörlich sich wandelt, spricht jeder, ohne sich durch die Behauptung der Physiker irremachen zu lassen, und der Physiker selbst von seinem Körper, den er noch im sechzigsten Jahre hat, als von dem nämlichen, den er jederzeit hatte. «Vor zwanzig Jahren», sagt er, «hab‘ ich dieses Bein gebrochen; dieses Muttermal hab‘ ich mit auf die Welt gebracht.» Wäre dieses auch nur simpler Sprachgebrauch, und die Schrift redete irgendwo von Auferstehung des nämlichen Körpers oder begünstigte wenigstens die Redensart, so wäre sie schon dadurch vor dem Vorwurf einer behaupteten oder begünstigten Ungereimtheit gesichert, da sie sich vernünftigerweise nach dem Sprachgebrauch richten musste und in der Lehre von der Auferstehung so wenig auf die Gesetze der stets umschaffenden Natur als in den Stellen, wo von Bewegung himmlischer Körper die Rede ist, auf das Kopernikanische System Rücksicht nehmen konnte. Sie sagte dem Sprachgebrauch nach nur so viel: Du wirst in der Auferstehung den nämlichen Körper wiederbekommen, den du jetzt hast, wie du jetzt den nämlichen Arm hast, den du vor zwanzig Jahren entzweibrachst. Doch es ist auch nicht einmal bloß unschicklich gewählter Sprachgebrauch, den Körper, wenn er auch nicht mehr aus den nämlichen Teilen besteht, doch noch den nämlichen zu nennen. Die Finger, die du jetzt hast, spielen denn doch noch mit der nämlichen Geläufigkeit die Arie, die sie vor zehn Jahren auf dem Klavier spielten; die Nase hat noch dieselbe Beugung, denselben Höcker; die vernarbte Wunde sticht noch, wie sie vor zehn Jahren stach. Kurz: Lage, Verbindung, Mischung der Bestandteile des Körpers, Gestalt, Fertigkeit und Eigenschaften desselben leiden unter dem steten Wechsellauf der Teile so wenig, dass sie eine gewisse Identität des Körpers als solches darstellen. So werden wir auch einst den nämlichen Körper wiederempfangen, das hieße, eine Hülle, die aus ähnlichen Bestandteilen nach dem Plan und Gesetz gebildet ist, wenn auch gleich nicht die nämlichen Erdteilchen, die die Natur diesen Sommer in der Organisation einer Bohne vereinigte und die heute, als ich sie aß, in einen pars mei animalisiert wurde, wieder an dem nämlichen Ort werden zu finden sein, wo die Natur sie jetzt zur Erhaltung des Körpers anbringt.

Aber — sag‘ ich auch wieder—, und dieser Einwurf deucht mir von ganz anderem Gehalt zu sein: der künftige Körper soll verklärt sein, und lässt er sich so verklären, dass er nicht auch an Gestalt, an Lage, Verbindung und Mischung der Bestandteile, an Fertigkeiten und Eigenschaften ein anderer werde? Freilich, wenn wir unter Verklärung nur eine schönere, blendende Farbe verstehen wollen, so wird es Gott ein leichtes sein, so viele, bis jetzt noch gebundene Lichtmaterie aus den Körpern zu entwickeln, als zur Hervorbringung eines solchen Phänomens nötig sein wird.

Aber traun, die Verklärung ist etwas anderes. Jedes Geschöpf der Erde hat, wie es der Weisheit des Schöpfers angemessen ist, gerade die Einrichtung seiner Maschine erhalten, die zu dem Endzwecke, warum es lebt, erforderlich war. Die Eiche, bestimmt, jahrhundertelang eine Welt von Geschöpfen zu beherbergen und zu nähren und im großen Umfange des Stammes und der Aste dem Sturme zu trotzen, schlägt ihre Wurzeln so stark und so tief und so ausgebreitet, dass sie auch einen solchen Baum zu nähren und festzuhalten imstande sind. Die Anziehungsgefäße des Nussbaums, der uns mit öligen Früchten versehen soll, sind so beschaffen, dass sie die Teile der allgemeinen Masse nicht anziehen können, welche in den Kirschbaum übergehen, dessen wässrige Frucht nur kühlen und erquicken soll. Der Fisch, zum Bewohner des Wasser bestimmt, hat seine Flossen wie der Vogel seine Fittiche, das Eichhorn seine Krallen. So hat auch der Körper des Menschen jetzt gerade die Einrichtung, die zu seinem Zweck erforderlich ist, die er haben muss, damit die Seele in ihm die Fertigkeiten erwerbe, die sie, solange sie ihn bewohnt, ihrer Bestimmung nach erwerben soll. Da es uns z. B. jetzt so wenig etwas angeht, was für Würmer in den Eingeweiden der Infusionstierchen sich nähren, als was für Geschöpfe die Berge des Mondes abweiden, so ist auch unser natürliches Sehorgan weder Mikroskop noch Tubus genug, um eines oder das andere zu bemerken. Es reicht gerade auf den Grad von Nähe und Ferne und sieht gerade unter dem Winkel, der zu unserer Bestimmung hier erforderlich ist. Sowenig wir aber in der Zukunft ohne Bestimmung und Geschäft vegetieren werden, so wenig wird unser Geschäft und unsere Lage dort wieder die nämliche sein, die sie hier war; sonst hätte uns der Schöpfer ohne weitere Umstände hier lassen können. Aber wird dann auch der Körper, der uns kleiden soll, noch der nämliche sein können?

Sei dort unser Geschäft, welches es will, — wenn wir in einen neuen Körper gekleidet werden, so wird er für dasselbe eingerichtet und modifiziert sein. In dem nämlichen Verhältnis, wie dort die Gegenstände, an denen wir höhere Vernunft und Tugend üben sollen, anders und geistiger sein werden, in dem nämlichen wird auch der Körper anders und vollkommener, d. h. er wird verklärt, aber eben darum nicht der nämliche sein.

Es war also der Mühe wert nachzusehen, ob uns denn die Bibel zur Wiederbesitznehmung des alten Körpers Hoffnung mache; und siehe, da sagt uns wenigstens Paulus: Es wird gesäet ein natürlicher Leib, und wird auferstehen ein geistlicher Leib.
(S.506-509)
Aus: Johann Peter Hebels Werke Band I, Lebensbild . Alemannische Gedichte . Hochdeutsche und lateinische Gedichte . Rätsel . Vermischte Prosa . Theologische Schriften . Predigten . Herausgegeben von Wilhelm Altegg; Atlantis Verlag


Haben wir schon einmal gelebt? (Ein Entwurf)

Das Leben ist so süß, und doch so beschränkt. Wir hoffen ein zweites. Haben wir vielleicht auch schon ein früheres gelebt?

1 Gründe für die Verneinung

1) Wir haben gar keine Ursache es anzunehmen.

Keine Erinnerungen,

Zeugnisse oder Erscheinungen, die so rätselhaft wären, dass sie einzig dadurch erklärbar würden.

2) Wir haben sogar Ursache, es zu bezweifeln.

Man betrachte das neugeborene Kind und seinen Zustand, sein spät eintretendes Bewusstsein. Wie neu ihm alles! Wie mühsam das Lernen! Wie viele Fragen!

Vermutungsgründe für die Bejahung

1) Es ist doch möglich. Hier oder anderswo.
— Müssen wir für alles Erfahrung haben? — Wir hätten aus einer süßen Schale der Lethe getrunken, und es wartete auf uns eine süßere der Mneme.

Wie vieles vergessen wir aus diesem Leben!

2) Es ließen sich sogar sehr vernünftige Zwecke dabei denken:

a) Wir waren in einem unvollkommenen Zustand. Sukzessives Steigen; — die Leiter ist groß.

b) Oder in einem ähnlichen, — vielleicht höhern. — Viel­seitigkeit der Erfahrungen; Weisheit ist die Frucht der Erfahrungen; aber wie wenig bietet ein Leben!

3) Und hätten wir denn so gar keine Erinnerungen oder Erscheinungen? Wir bemerken doch:

a) Leichte Entwickelungen, gewisse Anlagen: Kunstsinn, Musik, Mechanik. Wie, wenn wir diese Fertigkeiten schon einmal besessen hätten?

b) Gedächtnis für manches.

Wie, wenn es Erinnerung wäre? Was ist schwerer zu erlernen als eine Sprache? Und das Kind lernt sie!

c) Vorherrschende Neigungen von Kindheit an. Haben wir sie vielleicht mitgebracht?

d) Unerklärbare Sympathie. Vorliebe für die Geschichte einzelner Zeitalter, Männer, Gegenden.

Sind wir vielleicht einmal da gewesen und mit jenen in Verbindung gestanden?

e) Leichtigkeit des Sterbens und schwärmerisches Seh­nen des Jünglings nach dem Tode.

Ist es ein Heimweh, das in dem Busen des Mannes die Zeit geheilt hat?

Es ist wahr, dies alles lässt sich auch sonst anders erklären. Körperliche Beschaffenheiten; — Blutmischungen; — Gehirnbau; — Erziehungen; — erste dunkle Eindrücke.

— Der Mensch ist sich in so vieler Hinsicht ein Geheimnis. Aber

4. der Gedanke ist doch so anziehend, so einladend zu süßen Phantasien.

Zum Beispiel: Ich lebte schon zur Zeit der Mammute, der Patriarchen, war arkadischer Hirte, griechischer Abenteurer, Genosse der Hermannsschlacht, half Jerusalem erobern.

Ich habe mit meinen Freunden schon ein Leben und seine Freuden und Leiden geteilt.

Oder: ich bin ein angesessener Bürger des Sirius auf Reisen, dort wohl bekannt und sehnlich erwartet.

Wenn ich dereinst den goldenen Becher der Mneme getrunken habe, wenn ich sie vollendet habe, so viele Wanderungen, wenn ich mein Ich gerettet habe aus so vielen Gestalten und Verhältnissen, mit ihren Freuden und Leiden vertraut, gereinigt in beiden, — welche Erinnerungen, — welche Genüsse, — welcher Gewinn! (S.509-511)
Aus: Johann Peter Hebels Werke Band I, Lebensbild . Alemannische Gedichte . Hochdeutsche und lateinische Gedichte . Rätsel . Vermischte Prosa . Theologische Schriften . Predigten . Herausgegeben von Wilhelm Altegg, Atlantis Verlag