Christian August Crusius (1715 – 1775)

Deutscher Philosoph und Theologe, der in Leipzig Philosophie und Theologie studierte und anschließend auch dort lehrte. Crusius entwickelte sich zu einem einflussreichen Gegner der von Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff vertretenen Philosophie, wobei er insbesondere die »Lehre der »prästabilierten Harmonie« bekämpfte. Crusius übte einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Frühwerke Kants aus. Er befürwortete die Einheit der positiven Offenbarung und der Vernunft , lehnte den ontologischen Gottesbeweis ab und setzte sich für eine realistische, prophetische Schrifttheologie ein, die an Johann Albrecht Bengel und Johannes Coccejus anknüpfte.

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Tugend und Glückseligkeit
Was Klugheit und Tugend ist, in gleichen, was moralisch heißt. Unter der Klugheit verstehen wir die Geschicklichkeit, zu seinen Endzwecken gute Mittel zu erwählen und anzuwenden. Die Tugend aber ist die Übereinstimmung des moralischen Zustandes eines Geistes mit dem göttlichen Gesetze. Daher nennet man auch einen jedweden einzelnen Teil desselben eine Tugend. ...

Moralisch aber nenne ich alles dasjenige, was seine Wirkung vermittelst eines freien Willens hervorbringet. Z[um] E[xempel] eine Rede ist ein moralisches Mittel, einen zu bewegen. Wenn ich dahero sage, die Tugend sei eine Übereinstimmung des moralischen Zustandes eines Geistes mit dem göttlichen Gesetze; so meine ich, es soll alles, was nur irgend auf eine Art von unserm freien Willen abhanget, und entweder davon unmittelbar gewirket wird, oder eine Folge seiner Taten ist, oder demselben hätte unterworfen werden können, mit dem göttlichen Gesetze übereinstimmen.

Ob die Belohnungen und Strafen den Gesetzen die Verbindlichkeit gehen.
Man hüte sich ferner vor dem Irrtume, als ob die göttlichen Strafen und Belohnungen deswegen nötig wären, damit das Gesetz dadurch eine Verbindlichkeit bekomme, indem eben die Furcht der erstem und Hoffnung der letztem die Menschen zum Gehorsam antreiben, und der Endzweck des Gehorsams sein müßte. Denn dadurch würde alle wahre gesetzliche Verbindlichkeit und auch aller wahrer Gehorsam aufgehoben. ...

Die Hoffnung der Belohnungen und Furcht der Strafen sollen zwar als antreibende Ursachen mit dem Gehorsam zugleich verknüpft werden
; sie sollen die Unschlachtigen zum Gehorsam vorbereiten; sie sollen durchgehends die Idee von der Gewißheit und Unverbrüchlichkeit der Gesetze lebhaft machen und erhalten; sie sollen auch dadurch den Gehorsam vermögender machen, sich durch keine Reizung zum Bösen verführen zulassen. Aber der Endzweck des Gehorsams und das Wesen der gesetzlichen Verbindlichkeit können und sollen sie nicht sein. Wem dieses vielleicht eine unnütze Subtilität zu sein scheinet, der erinnere sich, daß wir widrigenfalls das Formale der Tugend verlieren werden.

Dasjenige Tun oder Lassen aber, welches an sich betrachtet der göttlichen oder menschlichen Vollkommenheit gemäß ist, und von dem Gehorsam unterschieden wird, machet das Materiale der Tugend aus.

Alle Menschen erkennen gewisse Dinge vor recht oder unrecht, billig oder unbillig, unter welchen Worten nichts anders als eine dunkele Vorstellung eines allgemeinen Gesetzes verborgen liegt. ...

Wenn nun aber ein Trieb in uns ist, ein göttliches Gesetz zu erkennen, und demselben gemäß zu handeln; so muß es auch eine angeborne Idee von dem natürlichen Gesetze in uns geben, welche das Muster ist, nach welcher der Gewissenstrieb die menschlichen Taten eingerichtet wissen will.

Welches das höchste natürliche Grundgesetz ist … Tue aus Gehorsam gegen den Befehl deines Schöpfers, als deines natürlichen und notwendigen Oberherrn, alles dasjenige, was der Vollkommenheit Gottes, und ferner was der wesentlichen Vollkommenheit deiner eigenen Natur und aller andern Geschöpfe, endlich auch was den Verhältnissen der Dinge gegeneinander, welche er gemacht hat, gemäß ist, und unterlasse das Gegenteil.

Der Trieb nach Glückseligkeit. Wenn unsere Begierden erfüllet werden, so entstehet Vergnügen. Wir begehren daher dasselbe, weil wir die Erfüllung derselben verlangen.

Werden hingegen unsere Begierden nicht erfüllet, so entstehet Schmerz, welchen wir deswegen verabscheuen.

Es entstehet demnach aus allen Begierden zusammengenommen ein Verlangen, dieselben allerseits mit Vergnügen erfüllet zu sehen, und von allem Schmerze befreiet zu sein, welches der Trieb nach Glückseligkeit genennet wird. Weil wir nun auch eine Begierde zu leben, ingleichen eine Begierde nach vollkommener Sicherheit der gewünschten Objekte haben, deren Erfüllung der Glückseligkeitstrieb mithin auch verlanget: so ist derselbe, in seinem ganzen Umfange betrachtet, ein Trieb nach einem unaufhörlichen Leben, darinnen alle unsere Wünsche mit Vergnügen beständig erfüllet werden, und darinnen wir nicht nur von allem Schmerz befreiet sind, sondern in welchem auch kein Unglück weiter möglich ist. Man siehet hieraus, daß der Trieb nach Glückseligkeit in der Tat auf ein unendliches Objekt, nämlich auf ein solches gehet, dessen er unendlich fortgenießen will.

Da nun die Erlangung desselben durch nichts anders als durch den Willen und die Macht unseres Schöpfers möglich ist; so ist offenbar, daß der Trieb nach Glückseligkeit allezeit verirret sei, wenn der Mensch in anderer Ordnung nach seiner Glückseligkeit strebet, als in derjenigen, da er sich seinem Schöpfer in allen Stücken gefällig zu machen sucht, und der Gnade desselben versichert ist, daher auch der Trieb nach Glückseligkeit dem Menschen, sobald er nur die Sache recht überleget, allezeit auf GOtt zu führen pfleget
. S.70-73
Aus: Die Philosophie der deutschen Aufklärung, Texte und Darstellung von Raffaele Ciafardone,
Deutsche Bearbeitung von Norbert Hinke und Rainer Specht Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8667, © 1990 Philipp Reclam jun., Stuttgart