Birgitta von Schweden (1303 – 1373)
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Schwedische
Mystikerin und Ordensstifterin, die als eine der großen Mystikerinnen des Mittelalters gilt. Dem von Birgitta um 1346 gegründeten Birgittenorden schenkte der schwedische König Magnus Eriksson das Königsgut Vadstena. Birgitta setzte sich in Rom für die Rückkehr der Päpste aus Avignon. Bereits mit sieben Jahren hatte Birgitta Visionen des gekreuzigten
Christus und teuflischer Ungeheuer, die sie mit dem Kruzifix bannte. Ihre über 600 Offenbarungen sind vermutlich von ihren Beichtvätern Petrus Olavi von Alvastra und Matthias von Linköping unmittelbar ins Lateinische übersetzt worden. Die Offenbarungen reichen von groß angelegten Visionen bis zu politischen Streitschriften und Strafpredigten gegen berühmte Zeitgenossen. 1391 wurde Birgitta heilig gesprochen.
Als Schutzheilige hat sie für Schweden ungefähr dieselbe Bedeutung, wie Jeanne d'Arc für Frankreich. 1998 wurde sie von Papst Johannes
Paul II. auch zur Schutzheiligen für ganz Europa deklariert. (Gedenktag:
23. 7.). Siehe auch Wikipedia, Heiligenlexikon und Kirchenlexikon |
Inhaltsverzeichnis
Der eigene Wille ist Richter, Die Sohnsfrau, Die Weisheit der Welt,
Der
eigene Wille ist Richter
Es wurden von der Braut gesehen zwei Teufel, im göttlichen Gerichte stehend,
einander gleich an allen Gliedern. Ihre Münder waren offen wie der Wölfe,
die Augen flammend wie ein von innen erleuchtetes Glas, die Ohren hängend
wie der Hunde, der Bauch geschwollen und allzuweit vorgestreckt, die Hände
wie eines Greifen, die Beine ohne Gelenke, die Füße waren wie verstümmelt
und wie bis zur Mitte abgehauen.
Da sprach der eine von ihnen zum Richter: »Richter,
richte die mir ähnliche Seele dieses Ritters mir zum Gemahl zu meiner Vereinigung.«
Der Richter antwortete: »Sage, welche Gerechtigkeit
und welchen Beweisgrund hast du gegen sie?«
Der Teufel antwortete: »Fürs erste frage ich
dich, weil du gerecht bist, ob man nicht, wo ein Tier einem andern ähnlich
befunden wird, zu sagen pflegt, dieses Tier sei vom Löwen- oder vom Wolfsgeschlecht
oder dergleichen. Nun frage ich dich, von welchem Geschlecht ist diese Seele,
oder wem gleicht sie, den Engeln oder den Teufeln?«
Der Richter sprach: »Sie gleicht nicht den Engeln,
sondern dir und deinesgleichen, wie genugsam offenbar ist.«
Da sprach der Teufel wie spottend: »Als diese Seele
von der Glut der Salbung, das ist deiner Liebe, geschaffen wurde, glich sie
dir. Jetzt aber hat sie deine Süßigkeit verschmäht und ist nach
dreifachem Rechte mein geworden. Zum ersten, weil
sie mir gleich ist in der Bestimmung.
Zum zweiten, weil wir einen gleichen
Geschmack haben. Zum dritten, weil wir einen
gleichen Willen haben.«
Der Richter antwortete: »Wie wohl ich alles weiß,
so sage doch wegen dieser meiner Braut, die gegenwärtig ist, in welcher
Weise ist dir diese Seele in der Bestimmung gleich?«
Und der Teufel sprach: »Wie wir gleichgestaltete
Glieder haben, so haben wir auch gleichgestaltete Taten. Denn wir haben offene
Augen, aber wir sehen nichts. Denn ich will nichts sehen, was dir und deiner
Liebe eignet, und so hat auch sie, als sie es konnte, nicht sehen wollen, was
dir und dem Heil der Seele eignet, sondern sie achtete nur ergötzlicher
und weltlicher Dinge. Auch haben wir Ohren, aber wir hören nicht zu unserem
Nutzen, so hat auch sie nichts hören wollen, was deiner Ehre eignet, und
gleicherweise ist mir all das Deine bitter; darum wird die Stimme deiner Süßigkeit
und Vortrefflichkeit niemals in unsre Ohren zu unsrem Trost und Frommen eingehen.
Wir haben offene Münder; denn wie sie ihren Mund offen hatte für alle
Köstlichkeiten der Welt, für dich und deine Ehrung geschlossen, so
habe auch ich meinen Mund offen zu deiner Beleidigung und Betrübung, und
niemals würde ich ihn hemmen, dir Übles zu tun, wenn es möglich
wäre, dich zu zerstören oder aus der Herrlichkeit zu wandeln. Ihre
Hände sind wie eines Greifen, denn was sie von den zeitlichen Dingen erlangen
konnten, das hat sie bis zum Tode festgehalten, und länger hätte sie
es gehalten, wenn du ihr erlaubt hättest weiter zu leben. So halte auch
ich alle, die in die Hände meiner Gewalt kommen, so mächtig, daß
ich sie nie entließe, wenn sie nicht durch deine Gerechtigkeit mir Unwilligem
entführt wurden. Ihr Bauch ist geschwollen, weil ihre Gier sich ohne Maß
erstreckte, denn sie füllte sich und wurde nicht satt, und so groß
war ihre Gier, daß, hätte sie allein die ganze Welt erlangen können,
sie gern sich angestrengt hätte und hätte noch überdies in den
Himmeln regieren mögen. Eine gleiche Gier habe auch ich. Denn wenn ich
allen Seelen im Himmel und auf Erden und im Fegefeuer gewinnen könnte,
ich würde sie gerne erraffen. Und wäre eine einzige Seele geblieben,
ob meiner Gier entließe ich sie nicht frei von der Pein. Ihre Brust ist
ganz kalt wie auch die meine; denn sie hatte keinerlei Liebe zu dir und deine
Ermahnungen haben ihr nicht geschmeckt; so bin auch ich von keiner Liebe gegen
dich berührt, vielmehr vom Hasse, den ich wider dich hege, und gern ließe
ich mich immerdar mit dem bittersten Tode verderben und immerdar in der gleichen
Marter erneuern, damit du getötet würdest, wenn es möglich wäre,
dich zu töten. Unser beider Beine sind ohne Gelenke, weil unser Wille einer
ist. Denn vom Anbeginn meiner Schöpfung bewegte sich
mein Wille wider dich, und niemals wollte ich wie du. So war auch ihr
Wille immer deinen Geboten entgegen. Unsere Füße sind wie verstümmelt,
denn wie man mit den Füßen zum Nutzen des Körpers schreitet,
so schreitet man mit der Inbrunst und gutem Werke zu Gott. Und wie diese Seele
niemals mit der Inbrunst oder mit gutem Werke zu dir schreiten wollte, so auch
ich nicht. Also sind wir einander in der Bestimmung der Glieder in allem gleich.
Wir haben auch den gleichen Geschmack, denn wiewohl wir wissen, daß du
das höchste Gut bist, schmecken wir nicht, wie süß und gut du
bist. Da wir demnach in allen Dingen gleich sind, so richte uns zur Vereinigung...
Ist es nicht geschrieben in deinem Gesetze: wo ein Wille und eine eheliche Übereinstimmung
ist, da kann eine rechtliche Vereinigung geschehen? So ist es zwischen uns,
denn ihr Wille ist der meine, und mein Wille ist der ihre. Warum also werden
wir der Vereinigung beraubt?«
Der Richter sprach: »Die Seele eröffne ihren
Willen und was sie von der Vereinigung mit dir meint.«
Die Seele antwortete dem Richter: »Lieber will ich
in der Höllenpein sein, als in die Freude des Himmels kommen, auf daß
du Gott keine Tröstung von mir habest, denn so sehr bist du mir verhaßt,
daß ich mich um meine Qual wenig bekümmere, wenn du nur nicht getröstet
wirst.«
Da sprach der Teufel zum Richter: »Einen solchen
Willen habe auch ich. Denn lieber wollte ich in Ewigkeit gemartert sein, denn
in die Herrlichkeit kommen, daß du davon Tröstung hättest.«
Da sprach der Richter zur Seele: »Dein Wille ist
dein Richter, und nach ihm wirst du das Urteil empfangen.«
Die
Sohnsfrau
In der Nacht der Geburt des Herrn kam der Braut Christi ein so wunderbarer und
großer Aufschwung des Herzens, daß sie sich vor Freude nicht fassen
konnte. Und in dem gleichen Augenblick verspürte sie im Herzen eine fühlbare
und erstaunliche Bewegung, wie wenn in ihrem Herzen ein lebendiges Kind sich
hin und her rollte. Als diese Bewegung andauerte, wies sie es ihrem geistlichen
Vater und einigen geistlichen Freunden, ob es nicht etwa ein Trug wäre.
Die prüften es durch Anblick und Berührung und bewunderten die Wahrheit.
Danach erschien ihr am gleichen Tage im Hochamt die Mutter Gottes und sprach
zur Braut: »Tochter, du verwunderst dich über
die Bewegung, die du in deinem Herzen spürst. Wisse, daß es kein
Trug ist, sondern eine Darzeigung des Gleichnisses meiner Süßigkeit
und der Barmherzigkeit, die mir geschah. Denn wie du nicht weißt, in welcher
Weise dir unversehens der Aufschwung des Herzens und die Bewegung kam, so war
das Kommen meines Sohnes in mich wunderbar und eilend. Denn als ich dem Engel
zugestimmt hatte, der mir die Empfängnis des Sohnes Gottes verkündete,
spürte ich sogleich in mir ein Erstaunliches und Lebendiges. Und als es
aus mir geboren wurde, ist es mit unsäglichem Jubel und ungemeiner Eile
aus meinem geschlossenen jungfräulichen Schoße gegangen. Darum, Tochter,
fürchte keinen Trug, sondern freue dich, denn diese Bewegung, die du spürst,
ist das Zeichen, daß mein Sohn in dein Herz gekommen
ist. Und wie mein Sohn dir den Namen seiner neuen Braut gegeben hat, so heiße
ich dich nunmehr Sohnsfrau. Denn wie Vater und
Mutter alternd der Sohnsfrau die Last aufladen und sie unterweisen, was im Hause
zu tun sei, so wollen Gott und ich, in den Herzen der Menschen alt geworden
und von ihrem Liebesmangel erkaltet, unseren Freunden und der Welt durch dich
unsern Willen anzeigen. Diese Bewegung deines Herzens aber wird bei dir bleiben
und wird sich mehren nach deines Herzens Fähigkeit«. S.186ff.
Aus: Sloterdijk (Hrsg.): Mystische Zeugnisse aller Zeiten und Völker gesammelt
von Martin Buber, Diederichs DG 100
Die
Weisheit der Welt
Die Weisheit dieser Welt ist dem leeren Strohe gleich; denn wie Stroh nur ein
Futter für unvernünftige Tiere ist; so findet sich in der Welt kein
Nutzen und keine Nahrung für die Seele, sondern nur ein wenig rauschender
Ruhm und vergebliche Arbeit. Wenn der weltlich gesinnte Mensch stirbt, so wird
seine ganze Weisheit zu Nichts. S.133
Aus: Geistliche Lotterie oder auserlesene Sammlung heilsamer Gedanken und wichtiger
Grundsätze der christlichen Frömmigkeit von verschiedenen Geisteslehrern,
besonders vom heiligen Franz von Sales, Stadtamhof 1840, Druck und Verlag von
Joseph Mayr