Rudolf Georg Binding (1867 - 1938)

Deutscher Erzähler und Lyriker, der Rechtswissenschaften und Medizin in Tübingen, Heidelberg und Berlin studierte. Binding verfasste formstrenge Novellen und Gedichte mit konservativem Inhalt und teilweise recht ausgeprägter nationaler Tendenz, was dazu führte, dass sein Name in die Liste der 88 Schriftsteller aufgenommen wurde, die Adolf Hitler gegenüber das »Gelöbnis treuester Gefolgschaft« geleistet hatten. So degradierte sich der Rittmeister aus dem I.Weltkrieg blauäugig zum windigen Propagandamittel und naivgläubigen Aushängeschild der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik und dem daraus hervorgehenden III:Reich. Sein schriftstellerisches Werk wurde u. a. beeinflusst von Gabriele d'Annunzio, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer.

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Geist des Menschen
Du bist der Herr, mein Geist
und keine Herrlichkeit
ist ohne dich. Vor dir allein
sind Sterne golden, ist die Liebe süß.
Vor dir nur lacht das Licht.
Es grünt der Baum. Dir spricht das All,
dir raunt das Meer und rauscht der Wasserfall.
Es jubeln Farben, Töne sind dein Thron
und Flügel tragen himmlisch dich davon.
Dir stehn die Toten auf aus Erd und Schrein
und wenn du willst lustwandelt das Gestein.

Vor dir erbebt der Raum. Es bebt die Zeit.
Denn du bist ausgespannt in die Unendlichkeit
und wirst nicht Anfang wirst nicht Ende schauen
weil Anfang nicht noch Ende vor dir ist.
Im Grenzenlosen nur bist du gefangen
und blickst vergangene Jahrtausend ab
wie eine Straße welche du gegangen.
Du greifst ins Ewige wie zu einem Stab
und läßt den Kleinmut der die Hände faltet
am Wege sitzen todesüberwaltet
und überspringst das Grab.

Und Tod und Leben weisest du die Grenze
und kennst Unsterblichkeit und Nievergehen.
Du heißest Götter sterben, Götter auferstehen
aus den Gewölben deiner tiefen Schächte
und lässest sie ob deinen Fluren regnen
und setzest sie in die Gewitter ein,
dir segnend und gewaltig zu begegnen.

Doch rings in Sonnenlicht und Nachtbehüten
läßt du Geheimnisse entgegenstehn.
Du trittst sie an mit Kindesübermüten
und reißest sie wie Blumen von den Auen
frohlockend, wissend nur: du darfst dir trauen,
und schlürfest siegend ihren Odem ein.

Denn wo sie drohen, dich zu überwinden,
wirst du im Rausch der Kraft dich stärker finden.
Es springen Tore. Fast schon schal entsinken
die Becher die du gestern durftest trinken.
Du bist noch jung. Noch wächst die Kraft. Die Gänge
des Labyrinths halten dich nicht. Irrgang und Enge
tragen empor. Entschleiert drängen sich
Welten zu deinen Knien, deinen Händen
Du aber wendest dich, dich zu vollenden,
hin in die Tiefe deiner Ewigkeit.
Was ist Eroberung noch? Unheilig wird die Beute
der tausend Tausendjahr. Es glüht das Heute.
Erschaffe, heilige - Schöpfer - deine Zeit.